Innovate - don't imitate!

Innovationen sind enger mit gesellschaftlichen Entwicklungen und Bedingungen verknüpft, als viele denken.

Ein Essay von Klaus Burmeister und Andreas Neef

Politik heute, das heißt Stau, Blockade, Stillstand. Um auf dem Weg in die Zukunft wieder an Fahrt zu gewinnen, bleibt uns nichts anderes übrig, als radikal auf Innovationen zu setzen.

Die Bundesrepublik Deutschland steht, so scheint es, kurz vor dem Absturz in die zweite Liga. Fast unisono wird dem politischen System Handlungsunfähigkeit attestiert. Immer und immer wieder kommt es zu Reformblockaden und -staus. Die Liste der Verfehlungen und des Scheiterns ist schier endlos: Massenarbeitslosigkeit, PISA-Schock, Rentenkrise, Einwanderungsgesetz, Subventionsabbau, Staatsverschuldung, Städte- und Gemeindefinanzierung, Gesundheitsreform, Bürokratieabbau.

Gestaltungsvakuum.


Auf allen zentralen politischen Handlungsfeldern wie Arbeit, Bildung, Forschung, Renten, Gesundheit und Soziales zeigen sich eklatant die Grenzen bisheriger Problembewältigung. Die Zeit für kleine Korrekturen am ansonsten intakten Gefüge scheint vorbei zu sein. Das "Modell Deutschland" ist ins Stocken geraten. Selbst auf dem sicher geglaubten Terrain der sozialen Marktwirtschaft, der Sozialpartnerschaft und des Interessenausgleichs zwischen den zentralen Akteuren verliert der gesellschaftliche Grundkonsens seine erprobte Bindungskraft. Die Gesellschaft scheint zwischen den Interessen starker Akteursgruppen zerrieben zu werden. Grundlegende Strukturreformen und ein neuer Gesellschaftsvertrag, seit langem in den politischen Arenen gefordert, scheinen gerade jetzt eine reale Chance auf Durchsetzbarkeit zu haben.
Die Zeit scheint reif. Nur für was? Bei aller Übereinstimmung in der Diagnose des Versagens von Politik, fehlt es auf der anderen Seite an einer starken politischen Leitidee, einem klaren Orientierungsfaden, an einer Vision für eine zeitgemäße Politik und Gesellschaft im 21. Jahrhundert. Es herrscht offensichtlich so etwas wie ein Gestaltungsvakuum. Solche Zeiten des Übergangs kennen den immer wiederkehrenden Ruf nach einfachen Lösungen und dem starken Mann. Andererseits eröffnen sie ein Zeitfenster für radikale, also grundlegende Erneuerungsprozesse. Beiden Varianten haftet der Makel an, dass die Komplexität der Herausforderungen simplen Lösungen noch widersteht, der starke Mann durch die politische Verfassung gebändigt wird und keine politischen Akteure existieren, die für eine radikale Umgestaltung und Erneuerung stehen.
Auf der anderen Seite erleben wir die vitale Gestaltungskraft der Innovation: Die Gesellschaft orientiert ihre Evolution an der Dynamik des wissenschaftlich-technischen Fortschritts und einer auf das Engste damit verflochtenen Weltwirtschaft. Das Internet hat neue Realitäten geschaffen, ohne dass es Ausdruck eines geplanten Aktes gewesen wäre. Trotzdem transformiert es ökonomische Transaktionsprozesse und das soziokulturelle Gefüge heftig und nachhaltig. Damit geraten die tradierten gesellschaftlichen Institutionen unter erheblichen Anpassungsdruck. Technologieentwicklungen bestimmen die Agenda politischer Diskurse - von der Frage des geistigen Eigentums bis hin zur Debatte über die genetische Veränderung des Lebendigen - und fordern politische Regulierungen und Handlungen.

Innovation neu begreifen.


Es gab schon immer die Notwendigkeit, sich auf gesellschaftlicher Ebene über den richtigen Umgang mit dem Neuen auseinander zu setzen. Innovationen erwecken den Anschein von Wertfreiheit oder klingen zumindest positiv, scheinen grundsätzlich gestaltungsoffen zu sein. Doch erfolgreiche Innovationen benötigen einen gesamtgesellschaftlichen Widerhall, eine Kultur der Veränderung und eine Permanenz des Wandels, die bislang keine politisch-rechtliche und soziale Entsprechung gefunden hat. Innovationen - zumal solche großer Reichweite, die den Aufbau umfassender Infrastrukturen erfordern, wie zum Beispiel das Internet oder der sich abzeichnende Übergang in die Wasserstoffwirtschaft - benötigen für ihren Erfolg unterstützende soziale, politisch-rechtliche und kulturelle Umfeldbedingungen. Vorbereitet auf einen solchen umfassenden Gestaltungsansatz ist das politisch-administrative System ebenso wenig wie die Unternehmen. Die Handlungsweisen der Akteure sind zu kurzfristig ausgelegt, sie schwanken zwischen dem Denken in Legislaturperioden oder in Bilanzjahren, sie reagieren, statt zu agieren. Dies reicht allerdings nicht aus, um sich entfaltende Gestaltungsspielräume zu erkennen und aktiv zu nutzen.

Innovationen und Unternehmen.


Innovationen und Strategien zu ihrer Umsetzung werden in den Unternehmen erdacht, doch es sind nach wie vor maßgeblich Ingenieursphantasien, die unsere Zukunft aus der Perspektive des technisch Machbaren entlang von Roadmaps beschreiben. Die Erkenntnis, dass technologische Durchbrüche soziale und organisatorische Ergänzung benötigen, dass sie, wollen sie erfolgreich sein, eingebettet werden müssen in gesellschaftliche Kontexte, setzt sich erst zaghaft durch. Trotz gut 30-jähriger Erfahrungen mit Einführungsstrategien in einem veränderten und sensibilisierten Umfeld dominiert eine technisch getriebene Sichtweise in den Köpfen der Entwickler und Strategen. Der Kunde wird gebetsmühlenartig immer wieder im zeitlichen Wellenverlauf ins Zentrum gerückt oder auf das Podest erhoben. Kundenorientierung gilt als eine der Quellen für mehr Geschäft und mehr Umsatz. Schaut man genauer hin, tun sich die Unternehmen und ihre Entwickler jedoch traditionell schwer mit dem imaginären Kunden. Es scheint fast so, als herrschte trotz elaborierter Wissensmanagementsysteme eine schier unglaubliche Wissensvernichtung in den Unternehmen. So fängt man beim Nachdenken über Kundenorientierung zur Gestaltung neuer Technologien regelmäßig fast bei null an, als hätte es nie öffentlich geführte Diskurse und Erfahrungen um die ISDN-Einführung, die Risikodiskussionen nach den Chemieunfällen wie bei Sandoz oder die Genfood-Debatte gegeben. Als hätte es keine Auseinandersetzungen um die Einführung von Großtechnologien, keine Implementierung, wenn auch spät, von Technikfolgenforschung und keine verbraucherkritische Reaktionen auf schädliche Stoffe in Waren gegeben.
Innovationen werden in der Industrie aber wieder verzweifelt gesucht. Sie waren zu jeder Zeit wichtig als Garanten der permanenten Erneuerung von Wertschöpfungsketten. Doch der Industrie fehlt heute eine dem Internet vergleichbare Leitinnovation, um die herum neue Produkte und Dienstleistungswelten geschaffen werden können. Die TIMES-Industrien (Telekommunikation, Informationstechnologien, Multimedia, Entertainment und Security) sind deshalb nicht ohne Not dabei, den Kunden neu für sich zu entdecken. Sie beginnen zu erkennen, dass ihr technisch perfektes Universum, wie es in den Leitvisionen des Evernet oder der Ambient Intelligence zum Ausdruck kommt, ohne eine Einbindung von Kundenbedürfnissen und Nutzerinteressen sowie einen damit tief greifenden sozialen und kulturellen Wandel im Ansatz stecken bleiben wird. So ist es nicht verwunderlich, dass die Unternehmen der TIMES-Branchen verstärkt nach Wegen und Tools suchen, um etwa zukünftige Kundenbedürfnisse und neue gesellschaftliche Bedarfsfelder in Planungs- und Entwicklungsprozesse zu integrieren. Darüber hinaus beginnt auch die Automobilbranche Fragen nach den Wünschen der zukünftigen Kunden zu stellen. Unternehmensstrategen werden so unfreiwillig zu Sozialarchitekten.

Innovation braucht Kontexte.


Innovationen entziehen sich immer deutlicher dem Korsett einer technisch verkürzten Sichtweise und einem eng verstandenen unternehmerischen Kontext. Innovationen benötigen Gesellschaft und Gesellschaft benötigt Innovationen. Flackert noch ein ermatteter Reformbegriff durch die politischen Kommentare, so sucht und sehnt sich die saturierte deutsche Gesellschaft nach einem grundlegenden Befreiungsschlag, dem schon so oft geforderten Ruck, oder präziser formuliert, nach einer planmäßigen und zielgerichteten Erneuerung der bestehenden sozialen Systeme. Also weg vom puren Umgestalten ( reformare) hin zum aktiven Neugestalten ( novare). Die Reformdebatte kann sich zu einer Innovationsdebatte wenden.
Das Gelingen oder Managen von Innovationen ist längst zu einem Gestaltungsmerkmal von hoch entwickelten Ökonomien geworden. Eine institutionelle Entsprechung oder Würdigung hat dieser Sachverhalt kaum erfahren. Innovationen, diese Einsicht setzt sich vermehrt in den Köpfen der handelnden Akteure durch, benötigen nicht nur ein ausgeklügeltes Innovationssystem, eine hervorragend ausgebaute wissenschaftlich-technische Infrastruktur. Sie erfordern daneben ein feines und sensibles Mikroklima, eine entfaltungsoffene Kultur, ein Set anpassungsfähiger politisch-administrativer Rahmenbedingungen und veränderungswillige und -fähige Denk-, aber vor allem auch Handlungsstrukturen. Die provokative Schumpeter'sche Formel von der schöpferischen Zerstörung bringt es auf den Punkt. Es geht um permanente Veränderungen, kontinuierliche Anpassungsprozesse, um den ständigen Abschied von lieb gewordenen Erfolgen und Gewissheiten. Das Leitbild der mobilen Gesellschaft schimmert hier durch. Es geht um geistige, physische, strukturelle Mobilität als Basismodus moderner Gesellschaften. Zugespitzt kann man sagen: Die Logik der Innovation kann zum Strukturprinzip unseres sozialen Gefüges und Innovationskompetenz (Kreativität) zum soziokulturellen Leitbild generieren. Die "Creative Class" (Richard Florida) wird zum Leistungsträger des Zeitalters von Wissen und Innovation.

Eine Frage der Kultur.


Werden in Zukunft nur innovative Gesellschaften überleben? Diese pointierte Fragestellung erscheint durchaus Berechtigung für sich beanspruchen zu können. Die Fähigkeit hoch entwickelter Industriegesellschaften, auf veränderte technische, soziale und kulturelle Herausforderungen angemessen und rechtzeitig zu reagieren, wird zu einer zentralen Frage der politischen und wirtschaftlichen Überlebensfähigkeit. Damit soll nicht eine bedingungs- und kritiklose Anpassungsleistung zum politischen Programm erhoben werden. Aber ein politisch-administratives System, das sich an dem Leitbild einer innovativen Gesellschaft orientiert, könnte das konstatierte Gestaltungsvakuum positiv füllen. Damit einhergehen würde keine wertfreie Gleichschaltung gesellschaftlicher Entwicklungspotenziale. Die Gesellschaft würde nicht aus ihrer Verantwortung entlassen, sich über die Auswahl förderungswürdiger Innovationen zu verständigen. Aber es ist notwendig, auf allen gesellschaftlichen Ebenen so etwas wie eine Kultur der Veränderung zu etablieren. Dazu würden geschützte und offene Räume zur Entfaltung von Kreativität gebraucht. Aber auch innovative Orte des Lernens und die Förderung kreativer Milieus. Dazu gehört eine noch zu entwickelnde Kultur des Scheiterns, damit die Gesellschaft und Unternehmen in der Lage sind, aus Misserfolgen zu lernen und fehlerfreundliche Strukturen zu etablieren. Weiterhin der gezielte Einsatz von Ressourcen, ein reibungsloser Transfer aus der Welt der Ideen in die reale Welt, eine kontinuierliche und flexible Anpassungs- und Veränderungsleistung der politisch-administrativen, ökonomischen, sozialen und kulturellen Organisationsformen und eine zielgerichtete Neujustierung überholter Interessenpolitik.
Es geht also darum, Innovationen in die Gesellschaft zu übersetzen, sie von ihrem noch stark technikbehafteten Kontext zu befreien und als zentrale Triebkraft, Seismograph und Sensor für anstehende gesamtgesellschaftliche Veränderungsprozesse zu nutzen. So gesehen würde ihr Leitbildcharakter notwendige Wandlungsprozesse verdeutlichen und das Gelingen bzw. Misslingen von Veränderungen als gesamtgesellschaftliche Aufgabe aufzeigen.
Wenn diese pointierte Zuspitzung richtig ist, dann stellen sich eine ganze Reihe grundlegender Fragen: Wie muss ein neuer erweiterter, aus seinem technischen Korsett befreiter Innovationsbegriff beschaffen sein, der den Notwendigkeiten der Ökonomie und dem Veränderungsbedarf der Gesellschaft gleichermaßen Rechnung trägt? Welche Innovationen will die Gesellschaft? Wer entscheidet darüber und wie? Müssen die klassischen Steuerungsmedien, wie Recht, Macht und Geld um die Kategorien Kommunikation, Wissen und Zukunftsfähigkeit ergänzt werden? In welchem Verhältnis stehen Kontinuität und Wandel? Was kann innovative Gesellschaften auf Dauer zusammenhalten? Was kann sie auseinander reißen? Gibt es eine ernst zu nehmende Alternative zu einer solchen umfassenden Innovationsorientierung? Wer sind die Gewinner bzw. die Verlierer einer solchen Ausrichtung?

Die Handlungsfelder liegen offen.


Zu einer innovationsfähigen Gesellschaft gibt es keine sinnvolle Alternative. Der Versuch, die Notwendigkeiten, Chancen und Anforderungen einer solchen Gesellschaft kurz zu skizzieren zeigt, dass Deutschland ebenso wie anderen Industrienationen einerseits noch meilenweit davon entfernt ist, aber andererseits längst auf dem Weg dorthin. Das Plädoyer für die Entfaltung einer zu entwickelnden Kultur des Wandels und der Veränderung zielt darauf, den Stellenwert von Innovationen anzuerkennen.
Innovationen sind ein Synonym für eine Gesellschaft im Wandel. Wir sollten uns verabschieden vom permanenten Gerede über Strukturkrisen, als wären sie die Ausnahmen, denn sie sind die Regel. Wir sollten durch eine klare Ausrichtung an Veränderungsprozessen frühzeitig Handlungsbedarf identifizieren und gesellschaftliche Strukturen fit machen für die Zukunft. Die Menschen spüren bereits jetzt, was Krisen bedeuten. Das Versprechen einer Innovationskultur lautet: Wir, die Gesellschaft, nutzen aktiv vorhandene Gestaltungsspielräume und lassen uns bewusst auf Pfade in die Zukunft ein. Innovationen erfordern ein neues Zusammenspiel zwischen Erfindung und Anwendung, zwischen technischer Lösung und sozialer Aneignung, zwischen Unternehmen und Gesellschaft. Der aktuelle politische Handlungsdruck eröffnet Gestaltungsspielräume. Bislang fehlen noch die Einsicht und die Akteure für eine an langfristigen Innovationserfordernissen ausgerichtete Kultur der Veränderung. Die Handlungsfelder und -chancen liegen dagegen weit ausgebreitet vor uns.

Klaus Burmeister, Politologe, und Andreas Neef, Informationswissenschaftler, sind Geschäftsführer von Z_ punkt GmbH Büro für Zukunftsgestaltung, Essen, Berlin und Karlsruhe. Beide beschäftigen sich seit Jahren intensiv mit Innovationen in und für Unternehmen und Gesellschaft.

Dieser Beitrag ist soeben erschienen in Politische Ökologie - Nr. 84, Innovationen - Neugier und Nachhaltigkeit.
http://www.oekom.de/verlag/german/periodika/poe/index.htm

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