Geschafft!

Deutschland und Europa 2020 - Ein Zukunfts-Szenario.

Von Klaus Burmeister, Andreas Neef, Beate Schulz-Montag und Karlheinz Steinmüller

Willkommen in der Zukunft! Europa ist spezialisiert auf das Geschäft mit regional passfähigen Lösungen, hat die Wasserstoff-Wirtschaft eingeführt und profitiert von seiner kulturellen Vielfalt. Der Staat hat sich auf seine Kernaufgabe zurückgezogen und gewährleistet die Freiheit seiner Bürger, statt sich regulierend in ihr Privatleben einzumischen. Und die Unternehmen sind nach der Glaubwürdigkeitskrise in die Verantwortungs-Offensive gegangen.

Die Forscher von Z_punkt haben eine Reihe von Szenarien für unsere Gesellschaft im Jahr 2020 entwickelt. Die Themen: Globalisierung mit menschlichem Antlitz, Futurizing Society, Werte-Kompetenzen, Schwarm-Gesellschaft, Klarheit vor Überfluss und unüberwindliche Ungleichheiten. Die "Schwarm-Gesellschaft" ist bereits im Partnerforum erschienen - nun hier die restlichen Szenarien.

Wunder dürfen wir keine erwarten, und doch haben es Gesellschaft und Staat bis 2020 geschafft, sich zu erneuern. Das im Folgenden geschilderte Basis-Szenario geht von Veränderungen durch existierende Trends und prinzipiell durchsetzbare Reformen aus, nicht von schockartigen externen Ereignissen oder einem plötzlichen Sinneswandel der Menschen. Es will eine bodenständige Vision, eine wünschenswerte Perspektive auf realistischen Beinen sein und ist insofern ein Chancen-Szenario. Als Grundbedingungen des Wandels setzt es allerdings eine hohe gesellschaftliche und individuelle Lernfähigkeit voraus sowie die Bereitschaft von uns allen, Verantwortung zu übernehmen und sich auf Veränderungsprozesse einzulassen, die auch scheitern können.

Globalisierung mit menschlichem Antlitz.


Im Jahr 2020 ist die Welt noch globalisierter als um die Jahrtausendwende. Und es erweist sich als Glück, dass die protektionistischen Tendenzen vom Anfang des Jahrtausends abgewehrt werden konnten. Die noch tiefere Einbindung Deutschlands in Weltwirtschaft und Weltgesellschaft lässt sich weniger an Exportanteilen oder Finanzströmen messen als am menschlichen Austausch: Deutsche Senior-Experten arbeiten in der Provinz Szechuan, dreisprachige virtuelle Universitäten haben ihren Sitz in Berlin, Nassau/Bahamas und Kislowodsk, und Touristen-Unternehmer aus Pakistan sind für drei Monate oder ein Jahr in deutschen Autohäusern tätig.
Europa hat insgesamt eine neue Rolle in der globalen Arbeitsteilung gefunden: "Regional passfähige Lösungen" lautet das Zauberwort. Europa exportiert individuell zugeschnittene Energietechnik nach Afrika und auf chinesische Verhältnisse eingerichtete digitale Fabriken in das Reich der Mitte.
Die Mega-Cities in Asien und Südamerika nutzen regional angepasste Infrastruktur-Dienstleistungen aus Europa, und regionalisierte europäische Medienprodukte haben sogar den Eintritt in den nordamerikanischen Markt geschafft. Die kulturelle Vielfalt Europas, früher oft als Bremse für die Integration des alten Kontinents angesehen, ist in der Wissens- und Dienstleistungswirtschaft des 21. Jahrhunderts seine wichtigste Ressource.

Wasserstoff und Innovation.


Die Vision war alt, oftmals besprochen und verworfen, aber sie kehrte regelmäßig zurück auf die politische Agenda: der Einstieg in die Wasserstoffwirtschaft. Die Energieunternehmen dachten zwar langfristiger, investierten auch frühzeitig gezielt in erneuerbare Energien, aber sie scheuten letztlich davor zurück, im Alleingang eine flächendeckende Infrastruktur aufzubauen. In der Automobilindustrie hatte man den Eindruck, dass alle Großen der Branche in den Startlöchern standen. Jeder hatte seine spezifische Brennstoffzelle bis zur Serienreife entwickelt und wartete ab, was wohl der Konkurrent machen würde. Branchenübergreifende Lösungen wurden nicht ernsthaft diskutiert, stattdessen verwies man auf den Staat, der ein klares Signal für den Einstieg in die Wasserstoffwirtschaft vermissen ließ. Der Staat wiederum sah sich nicht imstande, mit einem Förderprogramm und begleitenden steuerlichen Vergünstigungen eine gewünschte Entwicklung in Gang zu setzen. Nachdem 2008 tatsächlich eine radikale Steuerreform erfolgte, galten Subventionen gleich welcher Art als verpönt und nicht sachdienlich.
Die Förderer alternativer Energien waren uneins. Bedeutete doch ein großtechnischer Einstieg in die Wasserstoffwirtschaft auch erhebliche Eingriffe in bisher unberührte Regionen. Die Crux lag in der energie-intensiven Gewinnung des Wasserstoffs sowie dessen Transport; ökologisch vertretbar war allein eine solartechnische Energieerzeugung. Der nahe liegende Vorschlag, hierzu gigantische Solarkraftwerke in der Sahara aufzubauen und den gewonnenen Wasserstoff über große Pipelines nach Europa und Asien zu transportieren, behagte etlichen Umweltschützern nicht. Die Autofahrer wiederum verhielten sich abwartend. Schon wieder eine neue Investition, außerdem verlangen die Brennstoffzellen eine angemessene Fahrweise: Der Bleifuß würde der Vergangenheit angehören. Zu Beginn der zweiten Dekade konnte man mit Recht von einer gesamtgesellschaftlichen Blockade sprechen.
Wieder einmal kam die Wende von außen und war schmerzlich. Die Abhängigkeit von den sinkenden Erdölreserven zeigte sich überdeutlich während der fortdauernden Krise im Nahen Osten, dem lang erwarteten Umsturz des saudi-arabischen Königshauses Fahd durch islamische Fundamentalisten und dem endgültigen Kollaps der Opec. Die Energiepreise gerieten außer Kontrolle und versetzten der labilen Weltkonjunktur einen entscheidenden Hieb.
Erstaunlich für viele Beobachter war, wie es der Europäischen Union gelang, ihre Handlungsfähigkeit zu erhalten und einen Vorschlag von Eurosolar und Greenpeace aufzugreifen. Den beiden Organisationen war es kurzfristig gelungen, eine schlagkräftige Allianz aus Royal Dutch/Shell, Exxon, DaimlerChrysler, Renault und Toyota zu schmieden, die jetzt bereit waren, in einer europäischen Initiative den Aufbau einer Wasserstoff-Infrastruktur bis 2020 vorzunehmen. Neben der aktuellen Energiekrise war es vor allem die Angst vor dem Konkurrenten und die begründete Hoffnung auf einen weltweiten Export dieser Infrastruktur, die den Ausschlag gab. Nach dem das Europäische Parlament das transeuropäische Großprojekt gebilligt hatte, bekundeten auch die Asean-Staaten ihr Interesse, und sogar die USA signalisierte ihre Bereitschaft an einer Beteiligung.
Der Druck von außen bewirkte noch mehr. Es gab plötzlich wieder eine breite Diskussion über Großprojekte und Visionen, über die Notwendigkeit, Basisinnovationen voranzutreiben, wollte man noch in der ersten Liga der Hightech-Länder mitspielen. Eingedenk der Erfahrungen mit staatlichen Förderprogrammen, wie in den Technologiefeldern Atom, Informationstechnologie sowie der Bio- und Gentechnik, war es allen Beteiligten klar: Wir benötigen einen erweiterten Innovationsbegriff. Innovationen dürfen nicht verkürzt nur technisch gedacht werden. Sie sind, wollen sie nachhaltig erfolgreich sein, als eine gesamtgesellschaftliche Einrichtung zu verstehen, die gleichzeitig immer die sozialen, organisatorischen und kulturellen Dimensionen mit bedenkt.
Der Begriff der Innovationskultur erfährt neue Beachtung. Wie muss eine Gesellschaft beschaffen sein, die Gründergeist, kreative Gestaltungsräume und die dazugehörige Kultur des Scheiterns freisetzt? Wie kommt Bewegung, wie kommt Dynamik zustande? Alles wird in Frage gestellt. Ohne den Druck der Verhältnisse wäre es auch nicht denkbar, dass vom 1. Mai 2020 an Innovationsförderung keine staatliche, sondern eine gesellschaftliche Aufgabe ist. Praktisch heißt das, dass Unternehmen, Verbände, NGOs, der Staat und die Bürger gemeinsam Innovationsvorhaben auswählen und umsetzen, ihre Finanzierung regeln und alle begleitenden Maßnahmen und Folgen eigenverantwortlich regeln. Damit wurde die zivilgesellschaftliche Initiative zur Erweiterung der repräsentativen Demokratie um konsultative Elemente in den Rang eines Gesetzes erhoben. Der Präzedenzfall ist der Einstieg in die Wasserstoffwirtschaft.

Futurizing Society.


Voraussetzung für die Erneuerung war Entgrenzung - auch Prometheus musste vom Fels veralteter und zu komplexer Regelungen loskommen. Wurde um die Jahrhundertwende noch von den Menschen gefordert, sich agiler in den starren Strukturen des Arbeits- oder auch des Bildungssystems zu bewegen, so kamen die aus dem Industriezeitalter ererbten Institutionen nun selbst auf den Prüfstand.
Im Rückblick erscheint es einfach: Die Finanzkrisen der ersten Dekade wurden zum Motor von Veränderung und Erneuerung. Wo immer der Staat sich mangels Geld zurückzog, forderten die Bürger die entstehenden Freiräume für sich ein, sei es im Bildungswesen, sei es mit neuen Formen der Selbstständigkeit, sei es in der Kommune. Und wer nicht mehr zahlt, soll sich auch beim Regulieren zurückhalten, war das Credo.
Futurizing Society wurde spätestens mit der gleichnamigen Europäischen Deklaration von 2008 zum Schlagwort für die Veränderungen. Futurizing bedeutete, die Systeme selbst zu öffnen und einst undurchlässige Grenzen zu schleifen, etwa jene von Arbeitsleben und Rente, Ehrenamt und bezahlter Tätigkeit, zwischen öffentlichen und privatwirtschaftlichen Aufgaben. Dabei ging es aber nicht nur um eine Vereinfachung und Verschlankung des Staates (Lean Governance) und die Effizienzsteigerung der Verwaltung und der Justiz, sondern um eine erhöhte Lernfähigkeit der Gesellschaft insgesamt und um die Bereitschaft der Bürger, selbst mehr Verantwortung zu übernehmen. Vor 2008 wurde das so genannte Lissabon-Ziel der EU, Europa zur innovativsten und dynamischsten Region der Welt zu machen, bestenfalls mitleidig belächelt. Nach 2008 war die Dynamik unverkennbar.

Rightsizing.


Der Staat hat sich auf seine Kernaufgabe zurückgezogen: die Gewährleistung der Freiheit seiner Bürger. Er fungiert als Garant einer stabilen Rechtsordnung, kümmert sich um die Sicherheit, koordiniert die Infrastruktur und sorgt bis zu einem gewissen Grad für den Ausgleich von sozialer Ungleichheit. Statt wie früher den lebensweltlichen Nahbereich seiner Bürger zu reglementieren, beschränkt er sich jetzt auf eine Rolle als Moderator und Aktivator bürgerschaftlichen Engagements und unternehmerischen Handelns.
Allerdings bedurfte es dafür erst kleinerer Anstöße seitens seiner Kundschaft: Nachdem die Verwaltungsreformen der neunziger und der ersten Dekade des 21. Jahrhunderts mit ihren Versprechungen, die administrativen Apparate zu verschlanken und die Service-Qualität für den Bürger zu erhöhen, gescheitert waren, hatten immer größere Teile der Bevölkerung ihrem Staat die Gefolgschaft verweigert. Die Bürger, denen in immer neuen Reform-Agenda-Wellen mehr und mehr Flexibilität und Verzicht abverlangt worden waren, bliesen zum Gegenangriff. Erst führte ein Volksbegehren im Jahr 2008 zur Abschaffung des Berufsbeamtentums, von der lediglich einige hoheitliche Aufgabenbereiche in Justiz und Polizei ausgenommen wurden. Das alte Steuersystem, das mit mehr als 70.000 Vorschriften einen traurigen Rekord hielt, wurde durch ein einfaches Dreistufen-Modell ersetzt. Die daraus resultierenden Einschnitte - etwa ein völliger Subventionsabbau - wurden von den Wählern klaglos akzeptiert, weil sie erstmals wirkliche Gegenleistungen erhielten: einen effektiven Bürgerservice ohne Willkür und Wartezeiten, höhere Nettoeinkommen und das Bewusstsein, dass ihr Beitrag zum Gemeinwohl nicht im Labyrinth aufgeblasener und ineffektiver Strukturen versandet.
Heute können Bürger Einfluss auf die Gesellschaft nehmen, ohne sich erst der Kärrnerarbeit eines Parteiaufstiegs aussetzen zu müssen. Statt auf die Zuweisung oder den Entzug von Strukturhilfen von oben zu warten, sind inzwischen überall im Land kommunale Initiativen für Smart Shrinking am Werk: Entleerte Dörfer, verlassene Trabantenstädte und Industrieanlagen werden renaturiert. Die noch bewohnten Restinseln inmitten der nun wirklich blühenden Landschaften werden in Public-Private-Partnerships umgebaut: verdichtet im Kern, aber mit großzügigeren Grundrissen und viel innerstädtischem Grün.
Kulturschaffende und experimentierfreudige junge Leute werden durch Steuerfreiheit und kostenlose Grundstücke angelockt. Netzgebundene Infrastrukturen für Verkehr, Energie- und Wasserversorgung werden durch dezentrale und kostengünstigere Lösungen ersetzt: Bustaxen statt Schienenfahrzeuge, Blockheiztechnik statt Großkraftwerke. Steuererklärungen und Meldewesen per eMail sparen zu groß gewordene Rathäuser ein, Nachbarschaftsnetzwerke entlasten die behördliche Sozialarbeit. Als Anreiz dienen größere Freiräume und weniger Anonymität.

Werte-Kompetenz.


Die Erneuerung des alten Kontinents fängt in den Köpfen an. Zwar setzt sich der fest verankerte Individualisierungs-Trend fort - etwas zu erleben und zu genießen bleibt ein zentraler Wunsch - aber die Inhalte haben sich verschoben. Vor allem Wissen und Bildung haben einen hohen gesellschaftlichen Stellenwert erhalten.
Trendforscher sprechen von einer zweiten Stufe des Wertewandels: individuell und hedonistisch - aber wohl informiert und mit Verantwortungs- und Pflichtgefühl für sich selbst und für andere. Junge Menschen bauen gezielt ihre Kompetenz-Portfolios auf und aus, eine Vorbereitung auf eine Patchwork-Biografie mit wechselnden Phasen von Tätigkeiten in unterschiedlichen Berufen, Lern-Sabbaticals, Kindererziehung und Ehrenamt. Und die rüstigen Senioren eifern ihren Enkeln nach, drücken noch einmal die Schul- oder Hochschulbank und wollen das Gelernte dann auch ausprobieren, als Senior-Experte im In- oder Ausland, in einem Fremdhilfe-Netzwerk oder als Freiberufler. Wer rastet, der rostet, und nur wer nichts lernt, der verliert. Arbeit erfährt eine neue Bewertung - weg von der Fixierung auf die Sicherung des Lebensunterhalts hin zu einer Quelle von Lebenssinn und persönlichem Wachstum.

Moralische Wirtschaft.


Mit dem Rückzug des Staates gewinnen die Unternehmen einen umfassenden Einfluss auf die Entwicklung der Gesellschaft. Sie produzieren Arbeit, Kultur, soziale Sicherheit, Bildung, Sport und Öffentlichkeit. Aus der Glaubwürdigkeitskrise ist eine Verantwortungs-Offensive hervorgegangen, die über Sponsoring-Kampagnen weit hinausführt. Wertorientierung, Fürsorglichkeit gegenüber den Mitarbeitern und soziale Verantwortung - alte unternehmerische Tugenden - werden wieder zum Element der globalen Geschäftspolitik. Ganz im Sinne der Wirtschaft geht es dabei um eine De-Polarisierung des gesellschaftlichen Umfeldes. Das menschliche Maß soll auch im globalen Wettbewerb wieder zur Leitlinie des Geschäftemachens werden. Die so genannten NGOs, die Nicht-Regierungs-Organisationen wie etwa Greenpeace haben an moralischem Prestige verloren, weil viele ihrer Positionen für die Wirtschaft selbstverständlich geworden sind.
Was für die einen eine hinterlistige Strategie des entfesselten Kapitalismus bleibt, sehen die anderen als einen echten Beitrag zu einer besseren Globalisierung. In jedem Fall zwingt die wachsende Aufmerksamkeit für die moralischen Aspekte des Wirtschaftens und die mittlerweile ausgeprägte Sensibilität für inhaltsleere Parolen der Unternehmen zu einem bisher ungekannten Maß an Transparenz und offensiver Kommunikationspolitik. Aus dem Innovations-Wettbewerb ist eine Art Moral-Schlacht geworden, die allerdings teilweise groteske Züge annimmt. Man übertrifft sich mit Darstellungen von firmeneigenen Bildungsagenturen in Darmstadt oder São Paulo, berichtet ausgiebig über die fairen Kooperationen mit den ecuadorianischen Kaffeebauern oder verweist auf das kommunale Engagement an den unterschiedlichen Unternehmensstandorten.
Die alte Welt hat ihr Wertesystem wieder belebt und aufgemöbelt. Die hiesigen Unternehmen positionieren sich offensiv als Saubermänner der Weltmärkte. Wo aber das Gute wirkt, ist das Böse nicht fern: Es bilden sich unterschwellig neue Feindbilder. Und so lautet die heimliche Botschaft: Kauft nicht beim Chinesen!

Klarheit vor Überfluss.


Auch der Konsum, Anfang des Jahrtausends noch von zahlreichen Krisenerscheinungen wie allgemeine Kaufunlust, weitgehend gesättigten Märkten und Rabatt-Orgien gekennzeichnet, hat einen deutlichen Bedeutungswandel erfahren. Auch das Wirrwarr aus Happy Digits, verschiedensten Basis- bis Premium-Stufen, unübersichtlichen Paket-Geschäften, immer neuen Handy-Features ist inzwischen wieder im Orkus gescheiterter Marketing-Ideen verschwunden.Vor dem Hintergrund gesunkener öffentlicher und beitragsfinanzierter Leistungen steht Konsum zwar immer stärker in Konkurrenz zu privaten Ausgaben für Gesundheit und Bildung, doch im Unterschied zu früher wird darüber nicht mehr lamentiert. Vielmehr konzentrieren sich immer mehr Menschen auf die wirklich wichtigen Dinge und Werte: Klarheit, reeller Nutzen und individuelle Zeitsouveränität.
Die Wirtschaft hat - unabhängig von aller Marktforschung - dabei viel gelernt. Produkt-Individualisierung und die Einbindung des Käufers in den Produktionsprozess (Personal Fabbing) haben sich in vielen Bereichen durchgesetzt. Aber die Hersteller wissen, dass sie damit nur dann erfolgreich sein können, wenn sie den Verbraucher nicht mit übermäßiger Komplexität behelligen. Langlebige Waren mit ansprechender Produktgeschichte und zeitlosem Design finden ebenso Absatz wie immaterielle Nutzen-statt-Kaufen-Services. Am erfolgreichsten sind Produkte und Dienstleistungen, die sich klar am Konsumentennutzen orientieren und ein Maximum an angenehm und sinnvoll verbrachter Lebenszeit garantieren.

Kaufst du noch, oder lebst du schon?


Die bald 20 Jahre alte, leicht abgewandelte Ikea-Losung bringt die allgemeine Stimmung auf den Punkt. Manch einer der heutigen Rentner erinnert sich schmunzelnd an Erich Fromms "Haben oder Sein", eine der Bibeln des Psycholinken der späten siebziger Jahre. Wir betreten ein gewöhnliches Mode-Kaufhaus. Wir sehen eine junge Frau, die zielstrebig das Eingangsportal passiert und ganz offensichtlich in Eile ist. Routiniert nimmt sie im Vorbeigehen eines der bereitliegenden Handgeräte, das sie auffordert, ihm ihre Wünsche mitzuteilen und ihre persönliche Chip-Karte mit ihren Maßen und Stilvorlieben einzuführen. Ohne Umschweife weist ihr ein beweglicher Pfeil im Display den Weg zu dem Kleiderständer mit den pinkfarbenen T-Shirts in Größe 38, wo bereits ein Funk-Etikett mit einem Blinkzeichen auf sich aufmerksam macht. Gezahlt wird beim Durchschreiten der elektronischen Schranke, die automatisch alle mit Funk-Chips ausgestatteten Artikel in der Einkaufstüte erfasst und den Betrag vom freigegebenen Kreditkartenkonto der Käuferin einzieht. All das ist in fünf Minuten erledigt. Da bleibt noch Zeit für einen Drink im "Ambiente" um die Ecke.
Das "Ambiente" ist ein überdachter Marktplatz für Kommunikation, Kultur und Kommerz, ein halb öffentliches Wohnzimmer, ein modernes Erlebnis-Shopping-Center mit Themeninseln, in denen gekauft, geruht, gegessen und geredet werden kann. Die junge Frau lässt sich in einem der ausgestellten Designer-Sessel der leicht nach Moschus duftenden India Lounge nieder, blättert in ein paar Reiseprospekten über Bombay und bestellt sich erst mal einen Yogi-Tee.
Der Käufer schwankt im Jahr 2020 zwischen zwei Extremen: Bequemlichkeit und Erlebnis. Zielgerichtet, bequem und zeiteffizient sollen unsere Grundbedürfnisse befriedigt werden. Vorbei die Zeiten ritualisierter Masseneinkäufe. Eine grelle und unübersichtliche Angebotsvielfalt wird mittlerweile als Zumutung erlebt. Zeit gilt als die wertvollste Ressource und zugleich härteste Währung in einer Gesellschaft, die schon alles hat. Die Zeit, die der Einzelne auf diesem Planeten hat, möchte jeder so angenehm und interessant wie möglich verbringen. Statt Firlefanz kaufen wir, was wir wirklich brauchen: kulturelle Anregung, Bildung, Entspannung und Gesundheit.

Made by You!


Der Durchbruch kam im Kinderzimmer. Als ein bekannter dänischer Spielwarenkonzern seinen ersten "3D-Creator" für die Heimfabrikation von personalisierten Spielsachen in die Regale brachte, wurde der radikale Wandel für jedermann greifbar. Mit diesem Wundergerät können sich die Kids Action-Figuren oder ganze Bausätze aus dem Netz herunterladen und binnen Minuten als dreidimensionale Gegenstände "ausdrucken". Der zehnjährige Tim hat sich gerade heute einen supercoolen Hyperjet ausgedacht. Er baut das Ding virtuell auf dem 3D-Display zusammen, das Online-System berechnet die dazu notwendigen Bauelemente, die dann nach kurzer Zeit aus Hightech-Pulver synthetisiert aus dem 3D-Creator purzeln - elektronische Funktionseinheiten eingeschlossen. Der Preis wird von Tims Toy-Abo abgebucht - ein Weihnachtsgeschenk seiner Oma.
Bereits seit einigen Jahren werden die Kunden immer stärker in den Produktplanungs- und Entstehungsprozess einbezogen: Kundenbindung ist Produktbindung. Menschen binden sich nicht an Marken, sondern schätzen Dinge, die einen konkreten Wert für sie darstellen und deren individuelle Aneignung auch tatsächlich möglich ist. Die Kunden werden nun schrittweise selbst zum aktiven Element in der Wertschöpfungskette gemacht, indem sie zunehmend in die Rolle des Schöpfers ihrer individuellen Produktwelt hineinwachsen. Der Weg zur dezentralisierten Produktion bis zur Personal Fabrication (Fabbing) ist vor diesem Hintergrund konsequent und dennoch in seinen Konsequenzen überraschend. Statt neuer Fabriken im Ausland entstehen dank innovativer Produktionstechniken wie dem Realtime-Manufacturing vermehrt unabhängige Mini-Fabriken im städtischen Kontext. Häufig werden die leer stehenden Einzelhandelsflächen in Zentrumslagen genutzt.
Fabbing-Center werden die neuen Tempel der Produkt-Entstehung und -Inszenierung genannt, in denen die Vorstellungs- und Bedürfniswelten der Kunden vor ihren Augen - und auf Wunsch mit ihrem aktiven Zutun - in Unikate umgesetzt werden. Vom Ersatzteil bis zum Maßschuh, vom Hightech-Möbel im Selbst-Design bis hin zum Leichtbau-Citycar mit regionaler Note reicht heute die Palette der realisierten Fabbing-Services. Die Kunden, so scheint es, haben sehr rasch verstanden. Das Fabbing-Fieber steigt, ein vollkommen neues Spiel hat begonnen.

Unüberwindliche Ungleichheiten.


Trotz aller positiven Entwicklungen bleiben Widersprüche und gravierende strukturelle Unterschiede bestehen, nicht nur weltweit zwischen den dynamischen Regionen und den immer noch armen Entwicklungsländern. Auch in Europa ist die Kluft zwischen den weitgehend entsiedelten Landschaften im Osten und im Süden und den Boom-Regionen entlang der Küsten, um die großen Agglomerationen und im europäischen Kernland von London über Amsterdam und die Rhein-Schiene bis nach Mailand unübersehbar.
Zudem stehen den Gewinnern der Wissensgesellschaft die Verlierer gegenüber: Menschen, die die Veränderungen nicht mitmachen können oder wollen. Und trotz anhaltenden moderaten Wachstums reicht die europäische Wirtschaftskraft nicht für den Ausgleich der Unterschiede. Außerdem sinkt trotz Zuwanderung um 2020 die europäische Bevölkerungszahl. Aber immerhin - und erstmals für eine eigentlich nur in der Expansion funktionierende Marktwirtschaft - ist es Deutschland und Europa gelungen, den Kurs eines Smart Shrinking einzuschlagen, einer intelligenten Erneuerung trotz alternder und schrumpfender Bevölkerung.

Neue deutsche Welle: Anpacken wird Kult.


Am Ende hat die Love Parade nur noch ein paar hundert Alt-Raver auf die Straßen der Hauptstadt gelockt. Love ohne Ziel, Feiern ohne Folgen, Selbstinszenierung als Hobby - das mobilisiert heute keine Massen mehr. Für die neue Generation bedeutet Spaßgesellschaft, etwas konkret zu bewirken, in der Gruppe, in der Stadt, im Unternehmen, für das ganze Land. Selbst organisiert, ideologiefrei, pragmatisch und aktiv sind die Jungs und Mädels. Sie verbessern, was sie stört, ohne auf Erlaubnis zu warten. Das selbstmitleidige Dauerlamentieren der (Eltern-)Generation Golf kommt ihnen schon lange zu den Ohren raus. Und die immer noch umherspukenden Sozialträumereien der 68er-Opas sind ihnen erst recht fremd.
Es geht heute kaum mehr um Solidarität, sondern um die Herstellung von individuellem Sinn mittels kollektiver Aktion. Es geht auch nicht mehr um Karriere, sondern um die Erweiterung von persönlichen Handlungsräumen. Und es geht schon gar nicht um kühne Visionen, sondern um das unmittelbare Spüren und Manipulieren der Wirklichkeit. So kann es schon passieren, dass sich plötzlich einige hundert Leute in der Cottbuser Innenstadt versammeln und mal eben einen öffentlichen Platz neu gestalten. Erst schaffen, dann diskutieren. Cool ist, wer im Land etwas bewegt, für sich und für andere.
Diese neue deutsche Welle sieht den Staat nicht mehr als Versicherungsunternehmen. Sie verlangt von ihm ein professionelles Management öffentlicher Aufgaben, setzt aber sonst vor allem auf sich selbst. Und diese Welle schwappt zwangsläufig auch in die Unternehmen hinein, bringt die Führungselite unter Druck.
Tatsächlich scheint sich im Land ein Kulturwandel anzubahnen. Experimente werden aufmerksam begleitet. Scheitern gehört zum Geschäft. Echte Wirtschaftswunder werden erst mal keine erwartet, aber die Dynamik von unten ist deutlich spürbar. Die Führungselite ist verunsichert und neigt reflexartig zum Bremsen, um dann schließlich doch mitzusurfen. Die Stimmung ist gut, auch wenn die Leute unterbewusst spüren, dass sie gar keine Alternative zum Anpacken haben.

Klaus Burmeister, Andreas Neef, Beate Schulz-Montag und Karlheinz Steinmüller sind Zukunftsforscher und Gesellschafter der Z-punkt GmbH The Foresight Company.

www.z-punkt.de

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Klaus Burmeister
Burmeister

Klaus Burmeister ist Gründer und Managing Partner von Z_punkt The Foresight Company.

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Andreas Neef
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Andreas Neef ist Managing Partner von Z_punkt.

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Beate Schulz-Montag

Autor

Karlheinz Steinmüller

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