Einmal Giersch, hin und zurück
Die offene Gesellschaft und ihre Wirtschaft - das neue Buch von Herbert Giersch.
Von Winfried Kretschmer
Er hat eine ganze Generation von Wirtschafts- und Finanzpolitikern beraten oder mit ihnen gestritten - der kämpferische Ökonom Herbert Giersch gilt als der große Wirtschaftsweise der Republik. Seine neu aufgelegten Aufsätze und Kommentare aus fünf Jahrzehnten verfolgen die wirtschaftliche Entwicklung des Landes und legen bloß, woran es krankt: Selbstbedienungsmentalität und Besitzstandswahrung sind schuld an der Arbeitslosigkeit.
Als im Jahr 1945 Karl Raimund Poppers Werk Die offene Gesellschaft und ihre Feinde erschien, war dies eine radikale Abrechnung mit dem Totalitarismus und ein glühendes Bekenntnis zu einer freiheitlichen, offenen Gesellschaft. Wenn heute ein Buch unter dem paraphrasierten Titel Die offene Gesellschaft und ihre Wirtschaft erscheint, dann kann das nur bedeuten: Die Feinde sind zurückgedrängt, sie haben längst nicht mehr die Bedeutung wie in der düsteren Mitte des vergangenen Jahrhunderts. Und damit rückt in den Blickpunkt, was eine offene Gesellschaft ganz wesentlich ausmacht: die Wirtschaft. Ihre Bedeutung ist in den zurückliegenden Jahrzehnten gewaltig gewachsen. Sie ist nicht mehr nur Sektor der Gesellschaft, sondern durchdringt sie. Wirtschaft ist nicht mehr nur Thema, sondern Denkweise.

Wegbereiter der Ökonomisierung des Denkens.


Diese "Ökonomisierung des Denkens" ist vielfach beklagt worden - einer, der sie entscheidend mit vorangebracht hat, ist Herbert Giersch, der, so der Murmann Verlag, "große Wirtschaftsweise der Bundesrepublik Deutschland". Er hat die ökonomische Entwicklung des Landes von den Wirtschaftswunderjahren bis in die Zeit der Globalisierung begleitet und mitgestaltet. Herbert Giersch war 20 Jahre Präsident des Instituts für Weltwirtschaft in Kiel, Mitglied des Sachverständigenrates zur Beurteilung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, und er hat von Ludwig Erhard, Karl Schiller, Franz Josef Strauß bis Helmut Schmidt eine ganze Generation von Wirtschafts- und Finanzpolitikern beraten - oder mit ihnen gestritten.
Er gilt überdies als Erfinder der "konzertierten Aktion" sowie der "Standortdebatte" und hat schon früh die großen Themen des ökonomischen Diskurses vorausgesehen. Neben seinen wissenschaftlichen Publikationen war Giersch stets bemüht, als Publizist einem breiteren Publikum ökonomische Sachverhalte begreifbar zu machen; so schrieb er als Kolumnist für die Wirtschaftswoche. Sein neues Buch vereint Aufsätze und Kommentare aus fünf Jahrzehnten und gibt damit einen Überblick über die wirtschaftliche Geschichte dieses Landes - verständlich, pointiert und elegant geschrieben.

Selbstbedienung im Wirtschaftswunderland.


Früh hat Giersch auch auf die Probleme hingewiesen, die dem Hochlohnland Bundesrepublik durch die wachsende Konkurrenz aufstrebender Schwellenländer drohen. "Wenn wir dem Wettbewerbsdruck aus den Aufholländern nicht - mit technologischen Durchbrüchen - davoneilen, trifft die Arbeitnehmer hierzulande eine notwendige Konsequenz: Einfache Arbeit, die nicht in hochwertige Produkte eingeht, erleidet einen Wertverlust." In der Perspektive relativer Preise ist die Konsequenz Automatisierung, Produktionsverlagerung ins Ausland - und als Resultat aus beidem: Arbeitslosigkeit.
So wird auch klar, wo die Feinde der offenen Gesellschaft sitzen: Es sind die Verteidiger "sozialistischer Mentalität in der sozialen Demokratie", allen voran die Gewerkschaften, deren historisches Vermächtnis der kämpferische Ökonom eisklar herausarbeitet: Selbstbedienung im Wirtschaftswunderland. Die Konsequenz: "So gesehen zahlen die Arbeitslosen als Außenseiter heute den Preis dafür, dass die Beschäftigten als 'Insider' sich einen Reallohn erkämpft und gesichert haben, der zu hoch ist, um mit Vollbeschäftigung vereinbar zu sein." Das kann man als Kommentar zur aktuellen Mindestlohn-Debatte lesen - geschrieben wurde es 1994.

Markt als Entdeckungsverfahren.


Die komparativen Lohnkosten sind das Standardargument von Herbert Giersch, das auch im Mittelpunkt seines aktuellen Aufsatzes zur Krise des Landes steht. Noch einmal geißelt er die Mentalität der Besitzstandswahrer, die glauben, "als Inhaber eines Rechts auf ein auskömmliches Einkommen" an der Wirtschaftsgesellschaft teilzunehmen, und hoffen, dass "die persönlichen Kosten des Strukturwandels, der lästigen Flexibilität von anderen getragen werden". Sein Vorschlag zur Lösung der Krise speist sich indes aus altem Denken: dem Rückgriff auf den alten, rheinischen Korporatismus: eine zwischen den Tarifpartnern vereinbarte Tariflohnpause, die gelten solle, bis die Arbeitslosigkeit auf drei oder vier Millionen zurückgegangen ist. Das ist gut gemeint, nur was sagen Herr Bsirske und Herr Peters dazu?
Schade, dass Giersch nicht den anderen großen Pfad in seinem Denken beschritten hat: den Pfad, der ins Unbekannte führt, und der in der Tradition Schumpeters steht. Markt ist ein Entdeckungsverfahren: Es geht um das "Aufdecken von Marktchancen". Innovation schafft Wachstum. In diesem Sinne hat Herbert Giersch schon 1983 die unternehmerische Innovationsleistung in den Mittelpunkt der Ökonomie gerückt und das letzte Viertel des Jahrhunderts "das Zeitalter Joseph A. Schumpeters" genannt - später aber die Geltung dieser These auf die USA eingeschränkt. Hat der alte Ökonom, wenn er auf Korporatismus statt auf Innovation setzt, Deutschland ökonomisch vielleicht schon abgeschrieben? Der letzte Satz seines Buches jedenfalls verrät erlahmende Geduld mit diesem Land: "Warum eigentlich zögern wir?"

Herbert Giersch:
Die offene Gesellschaft und ihre Wirtschaft.
Aufsätze und Kommentare aus fünf Jahrzehnten,

Murmann Verlag, Hamburg 2006,
381 Seiten, 34 Euro,
ISBN 3-938017-32-5
www.murmann-verlag.de

Winfried Kretschmer, Journalist und Autor, arbeitet als freier Mitarbeiter für changeX.

© changeX [25.04.2006] Alle Rechte vorbehalten, all rights reserved.


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: Die offene Gesellschaft und ihre Wirtschaft. Aufsätze und Kommentare aus fünf Jahrzehnten. Murmann Verlag, Hamburg 2006, 381 Seiten, ISBN 3-938017-32-5

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Winfried Kretschmer
Kretschmer

Winfried Kretschmer ist Chefredakteur und Geschäftsführer von changeX.

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