Passt, sitzt und hält!
Welche Selbstständigkeit ist am besten für mich geeignet? - Ein Gespräch mit Sylvia Englert.
Von Lena Felixberger
Deutschland ist das Land mit der geringsten Selbstständigenquote in Europa. Kein Wunder, sagt Buchautorin und changeX-Redakteurin Sylvia Englert. Denn es gibt zu wenige Angebote, wie man konkret herausfinden kann, was man in Eigenregie unternehmen möchte. Wichtig sind deshalb drei Dinge: erstens, wie man sein Angestelltendenken verlernt, zweitens, wie man seine Existenzängste zähmt, und drittens, wie man kundenorientiert denken lernt.
Sylvia EnglertWelche Selbstständigkeit passt zu mir? ist ein Existenzgründerbuch ohne Details zu Finanzierung, Businessplan oder Rechtsform - welchen Nutzen bietet das Buch für den Leser?
Die wichtigste Hürde ist, dass man herausfindet, was man eigentlich machen möchte. Dass die staatlichen Förderungen erst einsetzen, wenn man die Idee schon hat, ist eher problematisch. Man wird von den zuständigen Stellen vorher alleine gelassen, denn wo bekommt man eine gute Idee her?
Die meisten Existenzgründer haben also gar keine richtige Idee, bevor sie formal anfangen?
Sie haben meistens schon irgendeine Idee, aber ob die auch etwas taugt, ist die andere Frage. Vor allem, ob sie Spaß macht, zu den eigenen Vorkenntnissen passt und auch zu realisieren ist.
Sie schreiben, dass jeder Mensch irgendetwas besser kann als andere. Wie kann man herausfinden, was sein Talent ist?
Das Problem ist, dass einem meistens keiner dabei hilft. Es ist deshalb ein erster, guter Anhaltspunkt, sich zu fragen: Was mache ich gerne? Was macht mir wenig Mühe? Wo war ich in der Vergangenheit erfolgreich? Man kann dann noch Freunde und Bekannte zu Rate ziehen und sie bitten, bei der Beantwortung zentraler Fragen zu helfen.
Heutzutage ist es wichtig, eine Nische für sich zu finden. Wie findet man seine Nische und sein besonderes Alleinstellungsmerkmal?
Die beste Möglichkeit ist, sich erst zu überlegen, was man machen möchte, und dann fünf Möglichkeiten, wie man damit Geld verdienen könnte. Viele denken, sie könnten mit ihrem Traum kein Geld verdienen. Falsch, wenn man ein bisschen über den Tellerrand blickt - oder in dem Fall über die eigene Branche - und recherchiert, eröffnen sich ganz neue Möglichkeiten.
Die aber offenbar nicht viele wahrnehmen. Denn immer noch ist Deutschland das Land mit der geringsten Selbstständigenquote in Europa. Woran liegt das?
An der vollkommenen Überbürokratisierung in unserem Land. Ein Unternehmen zu gründen ist fast ein Albtraum! Man hat zu viele Termine bei Behörden und ist, je nach Rechtsform, ein paar Monate beschäftigt - in anderen Ländern geht das binnen zwei Tagen. Dadurch sind die Kosten auch viel geringer. Ein weiterer wichtiger Punkt ist der eigene soziale Stellenwert. Während man bei uns schnell als Versager gilt, ist es zum Beispiel in den USA keine Ausnahme, des Öfteren mit der Selbstständigkeit zu scheitern und dann auch wieder mit etwas Neuem weiterzumachen.
Schuld, sagen Sie, sei auch das Angestelltendenken hierzulande. Es hält uns ziemlich in Schach. Sie beschreiben in Ihrem Buch, wie man es verlernen kann ...
Ich selbst musste mich auch nach meiner ersten Stelle davon befreien. Nach einer Weile legt man dann den mitgebrachten Sicherheitswunsch ab und lernt innerhalb von wenigen Monaten, viel kundenorientierter zu arbeiten. Plötzlich ist man für alles selbst verantwortlich und kann die Schuld auf niemand anderen als auf sich selbst schieben. Das ist durchaus eine sehr positive Erfahrung. Wer ernsthaft selbstständig ist, kapiert das Wesentliche sehr schnell.
Jeder kennt Arbeitslose in seinem Bekanntenkreis. Sie sicher auch. Wie ist es um deren Motivation bestellt?
Sehr unterschiedlich. Ich kenne einige, für die Selbstständigkeit nicht in Frage kommt, obwohl sie es mit Sicherheit gut meistern würden. Sie hoffen und warten lieber auf eine Neuanstellung - meistens über Jahre vergebens. Ein positives Beispiel hingegen ist ein Bekannter, der mit über 50 neu angefangen und sich im Bekanntenkreis schlau gemacht hat, was zu ihm passen könnte. Heute ist er ein erfolgreicher Literatur-Agent.
Wie hat er herausgefunden, was zu ihm passt?
Im Gespräch mit Menschen. Das war sehr ausschlaggebend. Er selbst kommt aus der Buchbranche, hatte bereits viele Kontakte und ist zudem ein wunderbarer Netzwerker. Mittlerweile macht er ganze Buchkonzeptionen für Verlage und ist da schnell hineingerutscht.
Was halten Sie von Ich-AGs?
Eigentlich nicht viel. Denn der Betrag, den man da bekommt, reicht gerade für die Versicherungskosten. Ich empfehle stattdessen, das Überbrückungsgeld zu nehmen. Man bekommt es ein halbes Jahr lang von der Bundesagentur für Arbeit, etwa in der Höhe seines letzten Gehalts. Deshalb sollte man nicht vorher auf Teilzeit umstellen, sonst lässt man sich einiges an finanzieller Hilfe entgehen. Es ist eine Förderung, die nicht zurückgezahlt werden muss und ist auf alle Fälle eine tolle Starthilfe.
Welche typischen Startschwierigkeiten gibt es und wie kann man ihnen begegnen?
Einerseits die große Schwierigkeit, dass man seine Finanzierung sichern muss. Meine These jedoch ist, wenn man eine richtig gute Idee hat und Tat- und Überzeugungskraft mitbringt, dann kommt auch irgendwie das Geld dazu. Eventuell ein Darlehen aus dem eigenen Familienkreis, weil man die überzeugt hat. Zum anderen muss man sich unbedingt viel kaufmännische, fachspezifische und soziale Kompetenzen aneignen.
Sie selbst haben eine Selbstständigkeit mit einer Anstellung kombiniert. Welche Selbstständigkeit passt für Sie persönlich?
Meine Kernkompetenz ist der Umgang mit Texten, also schreiben, lesen, redigieren und dann auch recherchieren. Mit diesem Wissen würden mir spontan mindestens 20 Tätigkeiten einfallen, die ich damit ausüben könnte. Zum Beispiel: Lektor, Werbetexter, Redakteur bei Funk und Fernsehen, Buchautor und viele andere.
Sehen Sie eine Verbesserung der Selbstständigenkultur in den kommenden Jahren in Deutschland?
Noch nicht. Die Zahl der Existenzgründungen steigt zwar, aber bei den meisten eher unfreiwillig, eben durch vorausgegangene Erwerbslosigkeit. Zum Glück ist die Quote derer, die scheitern, verhältnismäßig gering. Viele Ich-AGs haben überlebt. Vielleicht sehen wir Auswirkungen in der nächsten Generation, bei den Kindern der Existenzgründer, die damit aufgewachsen sind. Wir sollten unsere Kinder deshalb ermutigen und zur Eigeninitiative erziehen. Nur bei einer kritischen Masse, wie etwa in der New Economy, erzielen wir im Land eine kollektive Aufbruchsstimmung. Wäre schön, wenn sich so etwas wiederholen könnte.
Sylvia Englert:
Welche Selbstständigkeit passt zu mir?
Existenzgründung maßgeschneidert,

Carl Hanser Verlag, München/Wien 2005,
200 Seiten, 19.90 Euro,
ISBN 3-446-40021-4
www.hanser.de
Lena Felixberger arbeitet derzeit als Praktikantin bei changeX.
© changeX Partnerforum [25.10.2005] Alle Rechte vorbehalten, all rights reserved.


changeX 25.10.2005. Alle Rechte vorbehalten, all rights reserved.

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Zum Buch

: Welche Selbstständigkeit passt zu mir? . Existenzgründung maßgeschneidert. . Carl Hanser Verlag, München 1900, 200 Seiten, ISBN 3-446-40021-4

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