Schule geht auch anders
Wie wir lernen wollen. Schule kann man ändern - das neue Buch von Axel Beyer.
Von Anja Dilk
Abseits der bildungspolitischen Debatten rührt sich was. Gefördert vom Club of Rome strickt ein Netzwerk von Exzellenz-Schulen an neuen Konzepten für das Lernen von morgen. Sie experimentieren, erproben, tauschen Erfahrungen aus. Im Mittelpunkt steht das einzelne Kind mit seinen individuellen Begabungen, seiner Lernbereitschaft und Neugier. Das Ziel: Der Schulentwicklung neuen Schwung geben. / 13.12.06
Zum Beispiel Komplexunterricht. Thema: "Das 18. Jahrhundert - das Jahrhundert der Aufklärung und seine Bedeutung für die Gegenwart". Das geht so: Eine Woche lang gibt es vormittags Vorlesungen, nachmittags Seminare zur Vertiefung. Was tat sich während der Aufklärung in Geografie und Astronomie, in Philosophie und Religion, Mathematik, Biologie, Musik, Architektur und Kunst? Drei Tage brüten die Schüler anschließend alleine über einer Komplexaufgabe. "Wie entwickelte sich die Vorstellung vom Aufbau der Materie und wie hing sie mit der gesellschaftlichen Entwicklung zusammen?" Sie recherchieren im Internet, arbeiten sich durch Bibliotheken und Museen. Das Ergebnis präsentieren sie vor der gesamten Klassenstufe und den Lehrern. Jedes Mitglied der Arbeitsgruppe muss einen Teil des Vortrags halten, nach 25 Minuten ist die Redezeit vorbei. Drei Lehrer bewerten den Vortrag, die Schüler ihrerseits bewerten zwei Wochen nach Abschluss des Projekts den Komplexunterricht. Schule einmal anders.

Der Schulentwicklung neuen Schwung geben.


Neue Unterrichtstypen wie der Komplexunterricht am Käthe-Kollwitz-Gymnasium in Halberstadt haben es in deutschen Schulen oft nicht leicht. Zwar gibt es Hunderte von Lehranstalten, die sich nach dem PISA-Schock auf den Weg gemacht haben, Neues auszuprobieren. Doch allzu oft bleiben die Versuche im Experimentierstadium stecken, auf Projektwochen begrenzt, scheitern an den Vorgaben der Schuldaministration wie 45-Minuten-Takt oder Fächergliederung. Mit einem neuen Netzwerk von Exzellenz-Schulen, die sich kontinuierlich über ihre Erfahrungen austauschen, will der Club of Rome der Schulentwicklung in Deutschland neuen Schwung geben. Ausgangspunkt ist die Überzeugung: "Das deutsche Schulsystem wird den Anforderungen einer modernen Gesellschaft nicht mehr gerecht. Der Konkurrenzdruck im Bildungswesen ist groß geworden. Das liegt nicht daran, dass der Bildungsstand bei uns absolut gesunken ist, sondern daran, dass andere Länder schon vor Jahren ... ihre Bildungsoffensive gestartet haben." Die Macher des Club of Rome wollen dem Umdenken auch hierzulande einen Kick geben. Denn längst ist Bildung vom festen Kulturgut zum dynamischen Prozess geworden. Ziel ist daher die Modernisierung der Schulen, indem "das einzelne Kind in den Mittelpunkt des gesamten schulischen Geschehens" steht, mit seinen individuellen Begabungen, seiner Lernbereitschaft und Neugier, die in der Schule gefördert und aufrechterhalten werden sollen.
Der Club of Rome hat ein umfassendes Konzept mit Bausteinen einer anderen Schule aufgestellt. Zum Beispiel: offener Unterricht statt 45-Minuten-Takt, flexible Lerngruppen statt Klassenprinzip, Moderator statt Lehrmeister, Lernvereinbarungen statt Notenschlachten, professionelles Lehrercoaching statt müder Fortbildungsseminare, individueller Unterricht statt Gruppenlernen, Lernen in Zusammenhängen statt Fakten pauken, eine Schule mit viel Musik und Sport und Kunst als wichtige Lernfelder. 150 Schulen haben sich bundesweit für das Programm beworben, 23 sind an dem Projekt beteiligt. Start war Sommer 2005.

Taten statt Worte.


Wer sich mit Bildungspolitik befasst, wird an vielen Ecken dieses Buches müde mit den Schultern zucken. Das Kind in den Mittelpunkt stellen? Welche Schule will das nicht. Handlungsorientiertes Lernen? Welche Pädagogik hätte danach in den vergangenen Jahren nicht gerufen. Standortbindung der Lehranstalten? Nicht erst mit der Diskussion um mehr Schulautonomie Mitte der 90er Jahre sind die Schlagworte in die Debatte gekommen. Würde Axel Beyer dabei stehen bleiben, würde man sein Buch ermattet als eine weitere von vielen "Wir-müssen-Schule-anders-machen-und-wiederholen-dabei-die-ewig-gleichen-Forderungen"-Blasen zurück ins Regal stellen.
Das Schöne ist: Dem Buch liegen Taten zugrunde. Schulen arbeiten bereits im Netzwerk. Sie dürfen etwas anders machen, erproben, experimentieren, systematisieren. Wer durch den Praxisteil stöbert, bleibt immer mal wieder gerne an konkreten Beispielen hängen. Komplexunterricht. Wirtschaftsnähe. Neuer Schreibunterricht. Noch sind alles einzelne Experimente, wie in vielen anderen Schulen auch. Aber vielleicht kann mit dem starken Partner Club of Rome und dem Anspruch, endlich einen systematischen Austausch zwischen den (Netzwerk-)Schulen in die Praxis umzusetzen, im bildungsföderalen Deutschland daraus mehr werden als ein Sammelsurium von Experimenten.

Axel Beyer:
Wie wir lernen wollen.
Schule kann man ändern. Das Netzwerk der Club of Rome-Schulen,

Murmann Verlag, Hamburg 2006,
163 Seiten, 12.50 Euro,
ISBN 3-938017-73-2
www.murmann-verlag.de

Anja Dilk ist Redakteurin bei changeX.

© changeX Partnerforum [13.12.2006] Alle Rechte vorbehalten, all rights reserved.


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Zum Buch

: Wie wir lernen wollen. . Schule kann man ändern. Das Netzwerk der Club of Rome-Schulen. . Murmann Verlag, Hamburg 1900, 163 Seiten, ISBN 3-938017-73-2

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Anja Dilk ist Berliner Korrespondentin, Autorin und Redakteurin bei changeX.

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