Arbeit ist überall
Jobnomaden erobern die freie Wildbahn des Erwerbslebens - ein Essay von Gundula Englisch.
Folge 5 der changeX-Serie über die neue Arbeitswelt.
Zehn Jahre ist es her, dass zwei Technikvisionäre erstmals von einem neuen Typus des Arbeitens sprachen: dem digitalen Nomadentum. Aber erst heute ist die Zeit reif dafür. Die digitale Mobilmachung verwischt die Grenzen der Erwerbsarbeit und eröffnet nie gekannte Spielräume. Und eine junge Generation nutzt diese ganz selbstverständlich. Für sie gilt: Arbeit ist nicht das, wo man hingeht, sondern das, was man tut. Egal wo. Nomadische Arbeit befreit vom Korsett der linearen Lebensplanung. Und eröffnet ein Leben voller Risiko und Veränderung. / 19.11.07
Illustration von Limo LechnerUnter dem Titel "Extreme Telecommuting" berichtete CNN Money vor einigen Wochen über einen Briten, der seit zwei Jahren um die Welt zieht und überall dort sein Büro aufschlägt, wo es ihm gefällt - und wo er Strom und Satellitensignale anzapfen kann. Anthony Page bezeichnet sich selbst als Digital-Nomaden, der dank mobiler Technologien seiner Reiselust frönen kann, ohne sich eine berufliche Auszeit zu nehmen. Der Softwareentwickler kehrte London den Rücken, nachdem sein Job an eine indische Firma outgesourct worden war. Warum nicht reisen und trotzdem arbeiten?, sagte sich Page und lebt seitdem ein rein virtuelles Erwerbsleben. Neben einigen Entwicklungsaufträgen, die er online akquiriert und abwickelt, bezieht er regelmäßige Einkünfte von den auf seinen Websites geschalteten Anzeigen. Üppig sind die Einnahmen zwar nicht, aber der 35-Jährige hat trotzdem keine finanziellen Sorgen, schließlich sind die Lebenshaltungskosten in den Ländern, die er bereist, viel geringer als in seiner britischen Heimat. "Vor zehn Jahren wäre das, was ich mache, undenkbar gewesen", sagt Page, "aber heute gibt es praktisch keine Grenzen mehr."
Ein kurzer Rückblick: Damals, 1997, erkundeten Tsugio Makimoto und David Manners in ihrem Buch Digital Nomad die Potenziale des modernen Nomadentums. Der Siegeszug des Mobiltelefons, so die Autoren, sei nur der Anfang einer technischen Revolution, die den Menschen von den Fesseln des Standorts befreien und ihm erlauben würde, mit dem Büro in der Westentasche auf globale Wanderschaft zu gehen. "Das 21. Jahrhundert", so die beiden Technikvisionäre, "wird ein Zeitalter, in dem sich die Menschen aus ihrem 10.000 Jahre alten Dilemma lösen und sich frei zwischen Sesshaftigkeit und Nomadentum entscheiden können."
In den darauffolgenden Jahren sollte sich - zumindest auf technischer Ebene - bestätigen, was Makimoto und Manners vorausgesagt hatten. Handy und Computer schrumpften in Größe und Preis auf Mitnahmeformat, die Kommunikationskosten bewegten sich dank Flatrate und Skype gegen null, und bald gab es einen Großteil der Software als Open-Source-Angebot umsonst. Parallel dazu wurde die elektronische Infrastruktur immer leistungsfähiger, grenzenloser und vielfältiger. Nach der ersten großen Dotcom-Welle, die Firmen wie eBay, Google oder Amazon hervorgebracht hat, sind die Eintrittsbarrieren ins globale Netz so niedrig wie nie zuvor. Durch Web-2.0-Technologien wie Wikis oder Weblogs ist es mittlerweile kinderleicht und kostenlos, online zusammenzuarbeiten oder eigene Inhalte, Produkte und Services ins Netz zu stellen. Nach kaum einem Jahrzehnt digitaler Mobilmachung hat sich die technische Infrastruktur so entwickelt, wie es die Vordenker antizipiert haben: Jedermann kann mitmachen, jederzeit und von jedem Ort.

Massenhafter Aufbruch in Richtung Mobilität.


Allerdings sind globale Wanderer wie Anthony Page bis heute noch exotische Ausnahmen - auch wenn bislang niemand gezählt hat, wie groß der Clan der Digital-Nomaden heute wirklich ist. Sollte das Nomadentum für die meisten Menschen doch keine erstrebenswerte Option sein? Die Antwort lautet ja und nein zugleich. Was nicht eingetroffen ist, sind die ideologischen Cyber-Utopien der Techno-Anarchisten, die den virtuellen Nomaden als Bezwinger des Kapitalismus verklärten. Und ebenso wenig eingetroffen sind die Befürchtungen der Apokalyptiker, eine kleine Elite bindungs- und skrupelloser High Potentials auf der Suche nach Absahnmöglichkeiten würde das Erdenrund durchstreifen, während der mittelmäßige Rest der Welt an den Standort gefesselt, in Armut und Abhängigkeit vor sich hindümpelt.
Was aber tatsächlich geschehen ist, gleicht sehr wohl einem massenhaften Aufbruch in Richtung Mobilität. Auch wenn die meisten Menschen physisch immer noch sesshaft sind, so hat sich doch eine mentale und soziale Kultur der Beweglichkeit etabliert, die bislang fest verankerte Strukturen heftig durcheinanderwirbelt. Auf dem Nährboden der schwerelosen und grenzenlosen Technologie ist eine neue Idee von Arbeit und Leben gewachsen, die von ihrem Wesen her nomadisch ist: Sie ignoriert die starren Begrenzungen des industriellen Denkens und Handelns, befreit sich von den engen Rastern des herkömmlichen Erwerbslebens und verzichtet auf die brüchigen Sicherheiten des Normalarbeitsbürgers. Am deutlichsten verkörpert sich diese neue Arbeitskultur in jener Generation, die im anbrechenden Digitalzeitalter aufgewachsen ist und die der amerikanische Internetvordenker Don Tapscott als Net Generation bezeichnet. Im Gegensatz zu ihren Eltern, die als passive Medienkonsumenten groß geworden sind, verstehen sich diese 20- bis 30-Jährigen als aktive Mediengestalter. Das Web ist für sie ein natürlicher Ort der Kommunikation und Interaktion, des Erforschens und des Bewertens, der Zusammenarbeit und der Selbstpräsentation. Entsprechend ihrer digitalen Sozialisation gründet die Net Generation auch ihren Begriff von Arbeit auf Werte wie Freiheit, Offenheit, Beweglichkeit, Gemeinschaft, Spiel und Authentizität. Diese Altersgruppe, so Tapscott, will im Job vor allem neue Dinge lernen, Spaß haben und etwas Bedeutsames tun, Verdienst kommt erst an vierter Stelle. Loyal sind die Net Gens gegenüber ihren Arbeitsinhalten und Teamkollegen, nicht aber gegenüber ihren Arbeitgebern. Die dauerhafte Sesshaftigkeit in einer Firma ist für sie offenbar nicht mehr erstrebenswert - im Durchschnitt hat ein 27-jähriger Amerikaner bereits dreimal den Job gewechselt. Statt geduldig auf ihre Beförderung zu warten, nehmen diese jungen Leute ihre Laufbahn selbst in die Hand. Treibende Kräfte dabei sind die persönliche Weiterentwicklung, die Entdeckung und Ausbildung von unterschiedlichen Talenten und das Knüpfen vielfältiger Beziehungsnetze. Diese nomadischen Laufbahnen unterscheiden sich fundamental von den "Kaminkarrieren" der Vergangenheit. Während die sesshafte Arbeitskultur Aufstieg als Besetzen von immer höheren Posten definiert, erläuft sich der Jobnomade immer neue Horizonte querfeldein und sieht sich dabei weniger als einsamer Kämpfer um die raren Spitzenplätze, sondern vielmehr als Teilhaber eines grenzenlosen Territoriums von Möglichkeiten.

Jeder Dritte findet seinen Job furchtbar.


Nomadische Arbeitskultur ist aber keineswegs nur ein Phänomen der Net Generation. Inzwischen haben sich quer durch alle Alters-, Einkommens- und Bildungsschichten Bewegungen formiert, die mobilmachen gegen den überkommenen Arbeitsbegriff, gegen die betonierten Strukturen der Arbeitswelt, gegen die starren Werte der Arbeitsgesellschaft und gegen die fest gefügten Machtverhältnisse der alten Ökonomie, die für die Mehrzahl der Menschen nur eine passive Statistenrolle vorgesehen haben. Dass der typische Arbeitsplatz des Industriezeitalters - das reguläre, abhängige und vollzeitige Anstellungsverhältnis - im Schwinden begriffen ist, hat eben nicht nur damit zu tun, dass Firmen Stellen abbauen oder verlagern. Sondern auch damit, dass diese Stellen für immer weniger Menschen begehrenswert sind. "Jeder Dritte findet seinen Job furchtbar", lautete das Ergebnis einer aktuellen Umfrage des DGB, als Hauptgründe für die Unzufriedenheit wurden fehlende Einfluss-, Qualifizierungs- und Entwicklungsmöglichkeiten genannt. Andere Studien kommen zu ähnlichen Ergebnissen, etwa die europaweite Befragung einer Internet-Jobbörse, die feststellt, dass sich jeder Zweite beruflich neu orientieren will - "je eher, desto besser". Und auch der Gallup Engagement Index ergibt alle Jahre wieder das gleiche Bild: Über 80 Prozent der Arbeitnehmer haben null Bock auf ihren Job, "weil die Förderung der individuellen Entwicklung zu kurz komme, es an Anerkennung und Lob für gute Arbeit mangele, sie eine Tätigkeit ausübten, die ihnen nicht wirklich liege, sich niemand im Unternehmen für sie als Mensch interessiere und ihre Meinung kaum Gewicht habe".
Die Botschaft könnte klarer nicht sein: Arbeit bedeutet für die meisten Menschen heute weitaus mehr als Broterwerb - wer seine Arbeitskraft einbringt, verlangt im Gegenzug nicht nur Geld, sondern Sinn, Respekt, Vertrauen, Herausforderung, Mitsprache und Entfaltungsfreiräume. Dass es an diesen immateriellen Vergütungen hinter den Bürofassaden gewaltig mangelt, liegt offenbar daran, dass die Führungsriege nicht von ihrem hoffnungslos verstaubten Arbeitnehmerbild lassen kann, das Menschen zu Rädchen im Getriebe degradiert, die nur dann korrekt laufen, wenn sie permanent kontrolliert, bevormundet und unter Druck gesetzt werden. "Deutsche Unternehmen sind nach wie vor sehr hierarchisch strukturiert, überbürokratisiert und die Arbeit ist überreguliert", meinen auch die Forscher von Gallup. Umso perfider, dass ausgerechnet diese sklerotischen und betonierten Unternehmen ihren Mitarbeitern genau das abfordern, was sie selbst so schmerzlich missen lassen: Beweglichkeit, Veränderungswillen und Lernbereitschaft. Kein Wunder also, dass immer mehr Menschen die unternehmerische Verantwortung für ihre Arbeitskraft in die eigenen Hände nehmen und die Flucht aus dem trostlosen Hamsterrad der Festanstellung antreten - viele bislang nur in Gedanken, aber immer mehr auch in der Tat.

Biotop mit unzähligen Nischen.


Während die freie Wildbahn des Erwerbslebens immer mehr Zulauf findet, wird nach wie vor heftig darüber lamentiert, dass das abhängige, reguläre Anstellungsverhältnis auf der Liste der aussterbenden Arten steht. Und es wird viel zu selten gefragt, ob dieses Fossil aus der fernen Epoche des Industriezeitalters überhaupt noch erhaltenswert ist. Es wird auch nahezu ungefragt hingenommen, dass das längst brüchige Modell der Vollzeit-Erwerbsarbeit nach wie vor das Fundament unseres Sozial- und Besteuerungssystems, unserer ökonomischen Gesamtrechnung und unserer Bildungspolitik ist. Dabei hat Arbeit heute kaum mehr mit messbaren und kontrollierbaren Leistungen zu tun, sie entzieht sich zunehmend der Regulierung und Verwaltung, und sie ist längst nicht mehr das Synonym für lebenslange materielle Absicherung. Dennoch zeigen die Machtzentralen wenig Bereitschaft, ihre sesshafte Beziehung zur Arbeit grundsätzlich zu überdenken: Immer noch wird selbstverständlich davon ausgegangen, dass Arbeit festgehalten, dirigiert und kontrolliert werden muss. Immer noch herrscht die Überzeugung, dass Arbeit ohne Zwang und Abhängigkeiten nicht freizusetzen ist und dass sie nur geleistet wird, wenn im Gegenzug materielle Sicherheit versprochen wird. Immer noch vereinnahmen Apparate wie Staat, Verbände, Organisationen alles, was mit Arbeit zu tun hat - unter der selbstherrlichen Prämisse, dass es ohne sie keine Arbeit gäbe.
Die Realität des digitalen Zeitalters sieht anders aus: Niemals waren die Möglichkeiten für jeden Einzelnen, sich seine Arbeit selbst zu schaffen und zu vermarkten, so groß wie heute. Und auch die Bereitschaft dazu ist größer denn je. Weil immer mehr Menschen die Schnauze voll von Dienst nach Vorschrift haben. Weil sie erkennen, dass der Arbeitsmarkt keine mechanistische Verteilerstation mehr ist, sondern ein lebendiges Biotop mit unzähligen Nischen, die es zu entdecken gibt. Weil sie verstanden haben, dass sie selbst die Eigentümer des wichtigsten Produktionskapitals sind: ihres Wissens, ihrer Talente, ihrer Ideen und ihrer Netzwerke. Und weil ihnen die neue, bewegliche Idee von Arbeit viel besser passt als das starre Korsett des sesshaften Arbeitsbegriffs.

Probieren, scheitern, wieder anfangen.


Nomadische Arbeit verwischt die scharfen Grenzen der Erwerbsarbeit und umfasst die ganze Fülle produktiver Tätigkeiten. Sie mischt aus Gestaltungslust, Unternehmergeist, Lernen, Selbstentfaltung und Existenzsicherung ein individuelles Geschäftsmodell, das je nach Bedarf neu zusammengesetzt wird. Probieren, scheitern, wieder anfangen - die neue Arbeitskultur setzt auf Improvisation und Spontaneität und befreit vom Zwang der linearen Lebensplanung. Nomadische Arbeit ist auch nicht das, wo man hingeht, sondern das, was man ist. Und das, was man tut - aus sich selbst heraus. Diese Tätigkeit setzt sich von allein frei, sie braucht weder Zuckerbrot noch Peitsche. Und meistens macht sie sogar richtig Spaß. Nomadische Arbeit ist authentisch, sie verschmilzt die Antagonisten des Industriezeitalters, Leben und Arbeiten, zu einer untrennbaren Einheit. Und sie ersetzt das ultimative Entweder-oder durch ein offenes Sowohl-als-auch. Der nomadischen Idee von Arbeit ist Gleichzeitigkeit vertrauter als Ausschluss, Beweglichkeit vertrauter als Stabilität, Vielfalt vertrauter als Uniformität. Damit erweist sie sich als adäquate Lebensausstattung für eine Zeit der permanenten Veränderungen, der ständigen Ungewissheiten und der unendlichen Wahlmöglichkeiten.
Wohl wahr, dass die nomadische Arbeitskultur unbequemer, riskanter und abenteuerlicher ist als die sesshafte. Dafür birgt sie aber die immense Chance, jeden, der willens ist, aktiv und nach eigenen Spielregeln am Marktgeschehen teilhaben zu lassen. Von dort ist es dann nicht mehr weit zu der längst anstehenden Transformation der Arbeitswelt: weg von der quantitativen, normativen und formalen Logik des Industriezeitalters und hin zu einer lockeren, individuellen, fantasievollen Tätigkeitslandschaft, in der die Menschen wieder Hauptakteure sind. Die Anziehungskraft dieser nomadischen Arbeitswelt ist stark, ihre technische Infrastruktur steht bereit und ihre Fundamente können Zukunft tragen.

Gundula Englisch, Journalistin und Filmemacherin, arbeitet als freie Redakteurin für changeX.

Mit einer Illustration von Limo Lechner.

© changeX [29.11.2007] Alle Rechte vorbehalten, all rights reserved.

changeX 29.11.2007. Alle Rechte vorbehalten, all rights reserved.

Ausgewählte Beiträge zum Thema

Sukzessive in Richtung Leidenschaft

Beruf: Gelegenheitsarbeiterin - eine Reportage von Gundula Englisch. Folge 4 der changeX-Serie über die neue Arbeitswelt. zum Report

Urlaub? Nein danke!

Jeder Mensch sollte das tun können, was er wirklich will - ein Gespräch mit Frithjof Bergmann. Folge 3 der changeX-Serie über die neue Arbeitswelt. zum Interview

Sie nennen es Arbeit

Arbeiten in der digitalen Boheme - eine Reportage von Anja Dilk. Folge 2 der changeX-Serie über die neue Arbeitswelt. zum Report

Deine, meine, unsere Arbeit

Die neue Arbeitswelt kennt keine Grenzen - ein Essay von Winfried Kretschmer. Folge 1 der changeX-Serie über die neue Arbeitswelt. zum Essay

Autorin

Gundula Englisch
Englisch

Gundula Englisch, Journalistin, Autorin und Filmemacherin, arbeitet als freie Autorin und Redakteurin für changeX.

weitere Artikel der Autorin

nach oben