Neue Spieler, neues Spiel
Die westlichen Industrieunternehmen müssen sich den Herausforderern aus den Schwellenländern stellen - ein Gespräch mit Joachim Dorfs als Text und Video.
Von Gundula Englisch
Junge Unternehmen aus den Schwellenländern entwickeln sich zu ernsthaften Herausforderern für westliche Konzerne. Selbst zu Großunternehmen herangewachsen, bieten sie zunehmend den industriellen Schwergewichten aus dem Westen Paroli. Mit den neuen Spielern ändert sich das Spiel. Was tun? Hier kooperieren, dort konkurrieren, empfiehlt ein Buchautor. Coopetition ist die beste Strategie auf dem globalen Spielfeld. / 11.12.07
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Joachim Dorfs ist Stellvertretender Chefredakteur des Handelsblatts.
Joachim DorfsHerr Dorfs, Sie haben als stellvertretender Chefredakteur des Handelsblatts gemeinsam mit Ihren Kollegen aus dem Ausland ein Buch über die Herausforderer aus den Schwellenländern geschrieben. Was macht diese Unternehmen so erfolgreich?
Diese Unternehmen sind deshalb so erfolgreich, weil sie eine Mischung von unterschiedlichen Faktoren verkörpern, die sie derzeit zu ernst zu nehmenden Herausforderern für die westlichen Konzerne macht. Das sind zum einen die stark wachsenden Heimatmärkte dieser Länder, also Indien, China, Brasilien, aber auch Ägypten beispielsweise. Das Zweite ist ein außergewöhnlicher unternehmerischer Mut, die Bereitschaft, wirklich viel einzusetzen - auch im ganzen Unternehmen auf eine Idee zu setzen. Das Dritte ist die Globalisierung insgesamt, das heißt also letztlich die universelle Verfügbarkeit von Wissen, von Kapital, von Gütern, von Ideen. Eine sehr gute Ausbildung kommt hinzu. Und all dieses zusammen, dieses Amalgam aus ganz unterschiedlichen Faktoren, sorgt dafür, dass diese Unternehmen inzwischen über relativ viele Jahre extrem stark gewachsen sind. Einige von ihnen - und das sind die, die wir in unserem Buch dargestellt haben - haben inzwischen eine Größe erreicht, die sie eben zu ernsthaften Herausforderern für westliche Konzerne macht.
So richtig bekannt sind diese neuen Champions der Weltwirtschaft ja nicht. Sie schreiben aber, dass wir sie kennenlernen werden. Das klingt ein klein bisschen wie eine Drohung.
Ich denke schon, dass sich westliche Unternehmen darauf einstellen müssen. Für westliche Verbraucher kann das erst einmal durchaus ein Vorteil sein, denn diese Unternehmen bieten viele gute Produkte an, die günstiger sind. Das hält die Inflationsrate gering, da freut sich jeder drüber. Für die Unternehmen aber ist es tatsächlich eine Herausforderung, wie man so sagt. Es muss nicht unbedingt eine Drohung sein, aber der Wettbewerb wird stärker. Und zwar nicht nur in den Heimatländern dieser Herausforderer, sondern auch in den Industrieländern, und, das ist vielleicht am spannendsten, auch in den anderen Schwellenländern. Diese Unternehmen kennen natürlich den Marktmechanismus von Schwellenländern, sie wissen, welche Produkte da gefragt sind. Der indische Unternehmer Tata ist beispielsweise gerade dabei, ein Auto zu entwickeln, dass 2.000 Euro kosten soll; das plant er erst einmal für den indischen Markt. Aber Sie können sich vorstellen, mit welchen Marktchancen Tata auch in anderen Schwellenländern - ganz gleich ob Ecuador oder Usbekistan - rechnen kann, wenn er ein Auto zu einem solch niedrigen Preis anbietet. Und überall dort tritt Tata natürlich auch in Konkurrenz zu deutschen Herstellern, die wesentlich teurer sind. Insofern verschenken westliche Konzerne, wenn sie sich nicht auch in den unteren Marktsegmenten tummeln, natürlich ein riesiges Marktpotenzial.
Fehlt denn den alten Platzhirschen der Weltwirtschaft die Fähigkeit, Ideen in Geld umzuwandeln?
Nein, so pauschal kann man das sicher nicht sagen. Westliche Konzerne sind sehr erfolgreich, auch in den Schwellenländern. Aber in den Konzernen aus den Schwellenländern erwächst ihnen jetzt eine neue Konkurrenz - diese Unternehmen haben inzwischen eine Größe erreicht, mit der sie auch für die westlichen Konkurrenten tatsächlich zu einer Herausforderung werden. Der Unterschied ist, dass sie bis jetzt vor allem in ihren Heimatländern erfolgreich waren. Der nächste Schritt, den wir jetzt gerade erleben, zeigt sich auch durch milliardenschwere Übernahmen - so hat der indischstämmige Konzern Mittal den großen europäischen Stahlhersteller Arcelor für einen hohen zweistelligen Milliardenbetrag gekauft. Das heißt, wir erleben, dass diese Unternehmen jetzt auch in die Industrieländer kommen und dort agieren. Das ist das Neue.
Wie können sich die etablierten Unternehmen auf die Wettbewerber aus den Schwellenländern einstellen?
Man kann sagen: If you can't beat them, join them. Es wird sicher umfangreiche Kooperationen geben, möglicherweise auch Übernahmen solcher Unternehmen - wobei das nicht so einfach ist, weil es vielfach familienbeherrschte Unternehmen sind, die sich gar nicht kaufen lassen. Das Zweite, das man sich überlegen muss, ist: Baue ich eine entsprechende Produktionsbasis in den Heimatländern auf, kooperiere ich in manchen Bereichen mit diesen Unternehmen und konkurriere in anderen? Es treten jetzt neue Spieler auf den Plan. Doch für die Westkonzerne ist so etwas ja nicht grundsätzlich neu. Es sind immer neue Konkurrenten aufgetreten. Insofern werden sie sich auch damit zu arrangieren wissen.
Zum Schluss noch Ihre Prognose. Wie werden denn die Gewichte in der Weltwirtschaft in - sagen wir mal - zehn Jahren verteilt sein?
Wenn man einfach extrapoliert, ist es relativ einfach zu prognostizieren, dass China im nächsten Jahr Deutschland als weltgrößten Exporteur abgelöst haben wird. Indien wächst mit Raten von etwa zehn Prozent, China und die anderen Schwellenländer auch. Es gibt im Moment keinen Grund, davon auszugehen, dass sich das kurzfristig ändert. Ob es so sein wird, dass China in Zukunft tatsächlich die weltgrößte Wirtschaftsmacht überhaupt sein wird, noch vor den USA, und ob Indien die Nummer zwei oder drei sein wird, das kann keiner sagen. Es gibt so viele Faktoren: Im Fall China weiß man nicht, ob es nicht doch noch irgendwann einen großen Knall gibt. Indien tut sich derzeit relativ schwer mit politischen Reformen, auch wenn das Land wächst. Also: Seriöse Voraussagen gibt es nicht. Es gibt aber eine große Plausibilität, dass diese Nationen, besonders China und Indien, ihren Aufstieg weiter fortsetzen. Ob sie irgendwann Deutschland und womöglich sogar die USA verdrängen, muss man erst noch sehen. Ich meine, Indien hat derzeit etwa die Wirtschaftskraft von Mexiko, bei einer Bevölkerung von 1,1 Milliarden Menschen. Das Wachstum ist sehr schnell, aber es muss noch über eine verhältnismäßig lange Zeit so weitergehen, damit sie wirklich in solche Dimensionen vorstoßen, in denen jetzt die Deutschen sind.
Gundula Englisch, Journalistin, Autorin und Filmemacherin, arbeitet als freie Redakteurin für changeX.
� Foto: Judith Wagner
Joachim Dorfs (Hg.):
Die Herausforderer,
25 neue Weltkonzerne, mit denen wir rechnen müssen.

Carl Hanser Verlag, München 2007,
244 Seiten, 19.90 Euro.
ISBN 978-3-446-41218-7
www.hanser.de

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: Die Herausforderer. . 25 neue Weltkonzerne, mit denen wir rechnen müssen. . Carl Hanser Verlag, München 1900, 244 Seiten, ISBN 978-3-446-41218-7

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Gundula Englisch, Journalistin, Autorin und Filmemacherin, arbeitet als freie Autorin und Redakteurin für changeX.

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