Mehr Selbst, weniger Ich
Persönlichkeit führt. Sich selbst und Mitarbeiter wirkungsvoll coachen - das neue Buch von Dietmar Hansch.
Von Florian Michl
Der Vogel fliegt. Der Fisch schwimmt. Und der Mensch? Er denkt. Leider allzu oft, sagt ein Psychotherapeut: Statt komplexe Situationen aus dem Bauch heraus zu meistern. Statt sich dem Sein zu stellen, wie es ist, ohne es zu bewerten. Darin besteht die Kunst der Lebensführung. Und wer die beherrscht, der coacht auch seine Mitarbeiter richtig. / 28.10.08
Dietmar Hansch CoverLebst du schon oder denkst du noch? Für den Psychotherapeuten Dietmar Hansch ist das gelingende Leben ein Spiel zwischen Bewusstem und Unbewusstem, zwischen reflexivem Ich und Ich-Vergessenheit. Was er damit meint, erklärt am besten die Geschichte eines Tausendfüßlers, der plötzlich seine Gestalt in einer Glasscherbe wahrnimmt und denkt: "Wie kann man denn mit so vielen Beinen laufen, ohne sich heillos zu verheddern? Und mit welchem Bein muss ich eigentlich beginnen, wenn ich wieder loslaufen möchte?" Der Tausendfüßler denkt nach, kommt aber zu keiner Lösung - und verharrt bewegungsunfähig vor seinem Spiegelbild.
Diese durch Stress ausgelöste Problematik erklärt Hansch so: "Das Ich bringt den Gesamtprozess unter seine bewusste Kontrolle: Hyperreflexion (Überkontrolle, übermäßige Selbstbespiegelung) und Hyperintention (verkrampftes Erzwingenwollen) sind die Folgen." Damit wird das Verhalten stockend und die Leistung sinkt. Weg ist die Unbefangenheit und Eleganz, mit der sich der Tausendfüßler eben noch durch den Wald geschlängelt hatte - wie im Flow: leicht und wie von selbst, in einem Zustand "in dem wir uns als Ganzheit erfahren" und dessen Folge Glück und Lebenszufriedenheit sind. Das ist Thema des Buches: mehr Selbst und weniger Ich. Mehr "Bewusstsein, das einfach nur da ist und das sich entfaltende Sein annimmt, wie es ist". Und weniger "wertendes und intendierendes Bewusstsein".

Genau auf dem Punkt.


Mit viel Fachwissen erklärt der Psychotherapeut und Coach, wie das gelingen kann. Dabei kombiniert er relevante Erkenntnisse unterschiedlicher Disziplinen zu einem kohärenten Modell. Von zentraler Bedeutung ist dabei der Zustand des Flow, den bekanntlich der Psychologe Mihaly Csikszentmihalyi erstmals beschrieben hat. In ihm sieht Hansch die Quelle größten Glücks. Denn im Gegensatz zu äußerem Lohn, wie einem neuen Sportwagen oder einer neuen Rangposition, kann innerer Lohn - wie Flow - nahezu unbegrenzt erzeugt werden: Dieser erwächst aus innerer Ordnung und Harmonie.
Drei Möglichkeiten hätten wir demnach: Wir steigern die psychische Ordnung, "indem wir uns auf Wahrnehmungen konzentrieren, die im Allgemeinen einen hohen Grad von Ordnung aufweisen". Wie dem Rhythmus des eigenen Atems oder dem geordneten Ablauf einfacher Tätigkeiten: gehen, bügeln oder beten zum Beispiel. Zweitens entsteht innere Ordnung - in einem ganzheitlichen Sinn -, "wenn wir das Gefühl haben, unser Reden und vor allem unser Handeln stimmt mit unseren Werten und Prinzipien überein. Wir sind mit uns im Reinen." Der dritte und ergiebigste Weg führt über Flow-Aktivitäten, sagt Hansch: Indem wir möglichst komplexe Tätigkeiten, die uns an die Obergrenze unseres Könnens führen, richtig und gelingend ausführen. Sei es beim Tanzen, dem Klavierspielen oder beim Leiten einer Konferenz. Immer geht es um das Gefühl: "Jetzt läuft es optimal, jetzt erreiche ich mit minimalem Krafteinsatz einen maximalen Effekt."
Dieser stellt sich nicht nur bei koordinativ anspruchsvollen Sportarten ein. Die Anlässe reichen von der Wahrnehmung, zum Beispiel bei der Produktion und Rezeption von Musik, über das Denken, etwa beim Schachspiel und beim Lesen von Lyrik, bis zu den eigenen Werten und Prinzipien. Immer gibt es ein Optimum: "Bei Tönen, Farben und Formen gibt es einen Punkt der stimmigsten Komposition. Theoretische Konzepte gewinnen Stufen der höchsten Prägnanz und Symmetrie. Argumentations- und Sprachfiguren sind irgendwann genau auf dem Punkt." Ist dieser Punkt einmal erreicht, dann erweitern Sie den Tätigkeitsbereich, empfiehlt der Psychotherapeut: "Beziehen Sie neues Material ein und versuchen Sie, auch für diese höhere Komplexitätsstufe wieder die Optimalpunkte zu gewinnen."

Zerlegen und zusammensetzen.


Aber Vorsicht: "Auch geistige Nahrung führt nur dann zu Wachstum, wenn sie auch verdaut wird. Und Verdauen heißt: zerlegen und in einer dem Selbst entsprechenden Weise wieder zusammenzusetzen." Fragen Sie sich also immer: Wie passt das, was ich hier lese, zu meinem bisherigen Wissen? Liegt der Autor falsch oder muss ich meine eigenen Konzepte verändern? In der Folge bilden sich eigene Überzeugungen und Standpunkte aus: ureigene Sichtweisen. Das ist Persönlichkeit. Dazu noch ein Tipp von Hansch: Schriftlichkeit zwingt zu mehr Präzision und Systematik im Denken. Und hilft, den Verständnishintergrund des eigenen Tuns zu erweitern.
Das lässt sich deutlich an des Autors eigenem Buch erkennen: Dort findet der Leser klar ausformulierte Gedanken, ein gelungenes Maß an Fachinformationen und Tipps für den Alltag. Man merkt: Hier geht einer in seinem Tun und Schreiben auf. Das ist auch für den Leser ein Gewinn.

Florian Michl ist freier Mitarbeiter bei changeX.

Dietmar Hansch:
Persönlichkeit führt.
Sich selbst und Mitarbeiter wirkungsvoll coachen.

Gabal Verlag, Offenbach 2008,
264 Seiten, 24.90 Euro.
ISBN 978-3-89749-846-4
www.gabal-verlag.de

© changeX Partnerforum [28.10.2008] Alle Rechte vorbehalten, all rights reserved.


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: Persönlichkeit führt. . Sich selbst und Mitarbeiter wirkungsvoll coachen. . Gabal Verlag, Offenbach 2008, 264 Seiten, ISBN 978-3-89749-846-4

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Florian Michl
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Florian Michl schreibt als freier Autor für changeX.

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