There's No Business Like So-Business
Wird Social Entrepreneurship zu einer sozialen Bewegung für eine bessere Welt? Ein Bericht vom Vision Summit in Berlin.
Von Winfried Kretschmer und Annegret Nill
Sie wollen nicht warten. Sie wollen nicht zusehen. Sie packen an, wo Not herrscht und soziale Missstände den Menschen das Leben schwer machen. Mit neuen Ideen und unkonventionellen Methoden überwinden Social Entrepreneurs die Trennung zwischen Ökonomie und Sozialem. Kämpfen mit unternehmerischen Mitteln gegen die Probleme der Welt. Wird daraus eine neue soziale Bewegung? Ein neuer Anlauf, eine bessere Welt zu schaffen? Das war das große Thema auf dem Vision Summit am Wochenende in Berlin. / 06.11.08
Vision Summit LogoSocial Business? In erster Linie war es Neugier, die Frank Fischer am ersten Novemberwochenende zum Vision Summit nach Berlin reisen ließ. Bis dem Leiter und Geschäftsführer der evangelischen Jugend im Kirchenkreis Hagen klar wurde: Social Business, das machen wir ja selbst! Eigentlich arbeitet seine Organisation als örtlicher Sozialträger und übernimmt soziale Aufgaben, zum Beispiel die Ganztagsbetreuung von Hauptschülern. Dafür erhält sie Mittel aus den sozialstaatlichen Fördertöpfen. Bis Fischer mit der Qualität des von einer Fremdfirma vorgewärmt angelieferten Mittagessens nicht mehr zufrieden war und beschloss, die Essenszubereitung selbst zu organisieren. Die evangelische Jugend schaffte die technischen Gerätschaften an, organisierte Personal und wärmte das Essen nun in den Schulen selbst. Den dabei erwirtschafteten Gewinn reinvestiert sie in die soziale Arbeit, zum Beispiel für kostenlose Mittagessen für Kinder aus armen Verhältnissen. In Berlin stellt Frank Fischer nun fest: Das ist Social Business. Soziale Probleme lösen mit unternehmerischen Mitteln.
Social Business und Social Entrepreneurship: Das sind die Begriffe, um die sich der Vision Summit 2008 dreht. Doch was genau bedeuten sie? Viele Kongressteilnehmer wussten das selbst nicht so genau. So war der Kongress auch Selbstentdeckung und Begriffsarbeit "in progress", ein Anlass zur Selbstvergewisserung und Standortbestimmung. Zwei Tage, vollgepackt mit Vorträgen, Workshops und Diskussionsrunden. Zwei Tage mit einer schwirrenden Vielfalt von Ideen, Projekten, Unternehmen, Initiativen, die alle für eine große Grenzüberschreitung stehen: die Überwindung der Trennlinie zwischen Ökonomie und Sozialem. Kurz gesagt: Der klassische sozial orientierte Unternehmer, der Gewinnmaximierung nicht als alleinigen Lebenszweck sieht, sondern zugleich das soziale Kapital mehrt, indem er in Beziehungen investiert oder Geld für soziale Zwecke abgibt - er hat Gesellschaft bekommen: Da sind soziale Entrepreneure, die nicht mehr warten wollen, bis jemand sich zuständigkeitshalber eines sozialen Problems annimmt, sondern mit kreativen und unkonventionellen Ideen selbst anpacken. Und da sind soziale Unternehmen, die mit ihren Produkten ganz konkret an der Lösung sozialer Missstände arbeiten. Damit ist das Feld freilich nicht übersichtlicher geworden. Systematisierung steht an.

Etwas Neues in die Welt bringen.


Vision Summit Muhammad YunusGanz zu Beginn, zur Eröffnung des Kongresses, stellt Günter Faltin, Professor für Entrepreneurship an der Freien Universität Berlin, einige Definitionen in den Raum: Entrepreneurship bedeutet, mit unternehmerischen Mitteln etwas Neues in die Welt bringen. Vom klassischen Unternehmer unterscheidet sich der Entrepreneur also durch die Innovation. Unternehmertum meint bei Faltin schlicht: Mit einem Unternehmen Überschüsse erwirtschaften. Zum Social Business wird ein Unternehmen dann, wenn die erwirtschafteten Überschüsse an soziale Projekte gehen - oder wenn das Unternehmen selbst einen sozialen Zweck hat und das erwirtschaftete Geld in die eigenen sozialen Aktivitäten zurückfließt.
Beispielsweise Grameen Danone: Das von Muhammad Yunus und Danone-Chef Franck Riboud gegründete Joint Venture stellt einen mit Vitaminen und Mineralstoffen angereicherten Joghurt her, der die Kinder in den Dörfern von Bangladesch vor Mangelernährung bewahren soll. Überschüsse werden dazu verwendet, den Joghurt so billig zu machen, dass ihn sich auch die Ärmsten leisten können. Das Unternehmen Grameen ist ein Beispiel für eine Wachstumsstrategie im Social Business: Es wurde von Yunus nicht nur zu einer globalen Marke ausgebaut, sondern expandiert zudem fortlaufend in neue Geschäftsfelder. Angefangen hat Grameen als Bank der Armen. Die Vermittlung von Mikrokrediten an sie ist heute noch das Kerngeschäft. 1996 folgte unter dem Label Grameen Phone die Expansion in die Mobilfunksparte. Das Konzept: Frauen in entlegenen Dörfern gründen mit ihrem mikrokreditfinanzierten Mobiltelefon Ein-Frau-Telefonagenturen. Die neuesten Geschäftsfelder: Ernährung und medizinische Diagnostik - Grameen will ein neuartiges Ferndiagnosesystem entwickeln.
Vision Summit PodiumGrameen ist das Urmodell, die Blaupause der von Yunus begründeten Idee des Social Business: "Ein Sozialunternehmen ist ein Unternehmen, das keine Dividenden ausschüttet. Es verdient mit dem Verkauf seiner Produkte oder Dienstleistungen genug Geld, um seine Kosten zu decken. Das in das Unternehmen investierte Kapital kann im Lauf der Zeit an die Eigentümer zurückgezahlt werden, aber sie erhalten keine Gewinnausschüttung in Form einer Dividende. Alle Betriebsüberschüsse verbleiben im Unternehmen, um seine Expansion zu finanzieren, neue Produkte oder Dienstleistungen zu entwickeln und weiteren gesellschaftlichen Nutzen zu erzielen." (*) Überhaupt Yunus. Er ist der Übervater, der Ideengeber, der überall und ständig präsent ist. Auch als er noch gar nicht anwesend ist, sondern im Flugzeug Richtung Berlin sitzt, ist er der Star der Konferenz. Sein Charisma soll den Funken überspringen lassen. Soll eine neue soziale Bewegung initiieren, die zu einer gesellschaftsverändernden Kraft wird.

Sich ins Social Business vortasten.


Vision Summit Podium 2So faszinierend die Idee anmutet, ist sie noch alles andere als klar. Wenn man genau hinschaut, sieht man: Auch in den Köpfen der Veranstalter scheinen die Bereiche noch ineinanderzufließen. Erkennbar wird das an den Personen, die sich den klatschenden Zuschauern als "Social Entrepreneurs" vorstellen. Da ist Johanna Richter, eine junge engagierte Universitätsabsolventin, die mithilfe von Spendengeldern ein Kindergartenprojekt in Togo aufbaut. Spendengelder? Ein Kindergartenprojekt? Ja, richtig. Fragt sich nur: Wo ist das Neue an diesem Ansatz? Was macht Richter zu einem Social Entrepreneur - in Abgrenzung zu anderen "Social Activists", zu anderen privaten Entwicklungshilfeprojekten?
Da ist Murat Vural. Der türkischstämmige Diplomingenieur hat den Verein IBFS e. V. - Interkultureller Bildungs- und Förderverein für Schüler und Studenten - gegründet. Er vermittelt zwischen Schule, Eltern und Schülern und begleitet Kinder mit Migrationshintergrund über Jahre hinweg mit Hausaufgabenhilfe, Nachhilfe, Sprachförderung und Jugendarbeit. Ein lobenswertes Projekt. Aber was unterscheidet es von den Projekten anderer sozialer Vereine? Natürlich haben beide, Richter wie Vural, nicht nur eine Idee gehabt, sondern auch den Mut und den Drive zur Umsetzung. Wenn man das Neue, das sie in die Welt gebracht hat, in den Mittelpunkt stellt, kann man zumindest Richter wohl als Social Entrepreneur bezeichnen, meint Faltin. Bei Vural bleiben ihm Zweifel. Ashoka dagegen, eine Organisation zur Unterstützung von Social Entrepreneurship, hat gerade Vural zu einem ihrer Förder-Entrepreneure erkoren.
Einer, der mit Sicherheit als sozialer Unternehmer bezeichnet werden kann, ist der Psychotherapeut Friedrich Kiesinger. Bei ihm ist es ein Zwitterdasein: Einerseits leitet er die gewerbliche Pegasus GmbH Gesellschaft für soziale/gesundheitliche Innovation, ein normaler Marktakteur im gesundheitlichen Bereich, der sich bei Ausschreibungen gegen andere Marktakteure durchsetzen muss. Dieses Social Business hat sich aber aus der Lebenshilfeeinrichtung Albatros e. V. entwickelt, die von Staatsgeldern lebt und in diesem Sinne also unter die Kategorie Social Services fallen würde. Heute existiert beides Seite an Seite. Kiesinger steht also mit dem einen, älteren Bein noch in der "alten" Welt der sozialen Organisationsweise, während er sich mit dem anderen Bein in eine neue Struktur vorgetastet hat: Social Business.

Eine Frage der Haltung.


Doch ist die Frage: Unternehmensgründung ja oder nein, wirklich das Entscheidende? Einige betonen etwas anderes: die eigene Haltung nämlich. Oder, wie Murat Vural sagt: "Bevor wir die Welt ändern, müssen wir uns selbst ändern." Damit ist genau der Perspektivwechsel gemeint, der als Begriff immer wieder durch die Säle des Henry-Ford-Baus der Freien Universität Berlin schwirrt, in denen der Vision Summit stattfindet. Es geht darum, sich selbst als Akteur zu entdecken - statt auf Hilfe von außen zu warten. Oder den Job vom Staat. Es geht darum, sich als möglichen Entrepreneur zu begreifen, als jemand, der etwas unternehmen kann. Der nicht wegschaut, wenn es um Not und soziale Missstände geht. Es geht darum, richtig hinzusehen und zuzuhören - und im Austausch, im Gespräch neue Ideen zu entwickeln. Es geht darum, das "Charity-Modell" zu überwinden, das Menschen zum Objekt von Hilfeleistungen macht - und so ihre Eigeninitiative lähmt. Es geht darum, die anderen als Subjekte zu entdecken, die in eigener Sache aktiv werden können. Kurz: Es geht um Empowerment. Oder, mit Muhammad Yunus: Es geht darum, die Armen selbst zu Unternehmern zu machen. Wie das mit Mikrokrediten so beispielhaft gelingt.
Yunus' Mikrokreditmodell beruht auf diesem Perspektivwechsel. Auch die Ärmsten der Armen sind nicht auf Almosen angewiesen. Sie können sich selbst helfen, wenn man ihnen die Chance gibt: in diesem Fall das Startkapital, um ihr eigenes Geschäft zu begründen. Dafür reicht oft schon eine Handvoll Dollar: ein Mikrokredit, den sie einsetzen, um damit wieder Geld zu verdienen - und den Kredit samt Zinsen zurückzuzahlen. So wird es der Grameen Bank möglich, das Geld einer weiteren Kreditnehmerin zur Verfügung zu stellen, die damit wiederum selbst zur Unternehmerin wird. Vurals Verein praktiziert auf Beziehungsebene einen ähnlichen Ansatz: Da helfen ältere Schüler oder Abiturienten, die selbst Hilfe erfahren hatten, jüngeren Schülern. Studierende und Universitäten helfen wiederum den Abiturienten - die ja die nächsten Studierenden sind. Und Firmen helfen den Studenten, die ihre nächsten Beschäftigten sein können. Jeder tritt also in eine Kette ein, in der er zunächst Hilfe bekommt - dann aber im nächsten Schritt selbst zum Akteur wird und anderen hilft.

Aufbruchstimmung.


Vision Summit 2008Es herrscht Aufbruchstimmung auf den Fluren und in den Sälen; Tausende Gespräche werden geführt, die Menschen vernetzen sich. Im Foyer präsentieren sich zahlreiche Social Entrepreneurs, und auch im Publikum tummeln sich etliche sozial Bewegte. Wie Frank Fischer, der Evangele aus Hagen. Aktive aus dem Ausland sind da, wie Jasson Kalugendo, der mit seinem Projekt Empowerment Enterprises of Africa in Tansania ein Modell für die Transformation Afrikas begründen will. Es tut sich eine Menge. Wie viele Ideen in allen möglichen Stadien tatsächlich schon da sind, zeigt sich in Günter Faltins Workshop Idea refinement, in dem es um die Konkretisierung vorhandener Ideen geht. Der Strom der Menschen, die aufstehen, um ihre Idee vorzustellen, reißt gar nicht mehr ab. Über 50 Teilnehmer werden am Ende ihre Idee präsentiert haben. Manche davon sind noch sehr unkonkret, manche kommen etwas weltfremd daher, manche haben das Potenzial zur Verwirklichung. Da will einer Wertschätzung in Führungspositionen der Wirtschaftsunternehmen tragen. Da möchte ein anderer einen Thinktank für Herzensbildung ins Leben rufen. Ein dritter will Unternehmensideen ohne Gründerpersönlichkeit zusammenbringen mit Gründern, denen die Idee fehlt. Einer plant, unternehmerische Insolvenzen juristisch und psychologisch durch die schwierige Phase zu begleiten. Wieder ein anderer möchte eine Stiftung Informationstest gründen, die als Dienstleistung Informationen auf ihre Stichhaltigkeit prüft. Beispielhaft diskutiert wird die Idee, Bibliotheken wiederzubeleben und Pensionäre dafür zu gewinnen, Kindern dort Märchen zu erzählen - ein guter Vorschlag, so die Meinung, aber es fehlt das Geschäftsmodell. Konkreter ist da schon der Vorschlag, einen Non-Profit-Inkubator, eine Entwicklungsberatung für Entrepreneure aufzusetzen. Aus dem Publikum kommt die Bitte, die Ideen zu vernetzen. Dafür wird schnell ein Schwarzes Brett im Foyer bereitgestellt. Derweil stellt Faltin Techniken vor, die den Weg von der Idee zum tragfähigen Konzept unterstützen sollen. Sein heißer Tipp: "Überlegen Sie sich, wie Sie aus der Arbeit eine Party machen." Nicht zuletzt gehe es darum, die "Sichtachse" zu erweitern und sich für neue Perspektiven zu öffnen. Wer profitiert von der Idee, an welche bestehenden Organisationen kann man andocken, wen zum strategischen Partner machen? Wie sieht die Zukunft in diesem Bereich aus? Der FU-Professor ist überzeugt: Man darf die Ökonomie nicht länger den Ökonomen überlassen. Er meint: Mit Köpfchen kann heute jeder Unternehmer werden. Dazu braucht man gar nicht so sehr Geld. Dazu braucht man vor allem Ideen, Partner und das Wissen, wo und wie man an das nötige Know-how kommt. So werde eine neue Ökonomie möglich: effizient, aber nicht auf Profitmaximierung ausgerichtet.

Wachsen in Richtung Menschlichkeit.


Doch wie findet man seine Idee? Dieser Frage widmet sich ein Workshop, den Hans Reitz, CEO der Agentur circ und seit Kurzem Kreativberater von Muhammad Yunus, anbietet. Und da ist es wieder, das Self-Empowerment des Individuums als verantwortliches Gemeinschaftswesen. Als jemand, der nicht wegsieht, wenn Not herrscht oder Ungerechtigkeit. "Was konkret ist der größte soziale Missstand, die größte Ungerechtigkeit im nächsten Umkreis? Wo ist Not?", fragt Reitz ins Auditorium. Das gelte es zu identifizieren. Und zu analysieren - als Business. Wie die Sache mit den Schuhen, von der der Kreativmann erzählt: Viele Menschen in armen Ländern können die Unterstützung des Staates gar nicht in Anspruch nehmen, ganz einfach, weil sie barfuß die Schwelle der Amtsstube nicht überschreiten dürfen. Deshalb arbeitet Reitz an einem Schuh, der weniger als einen Dollar je Paar kosten - und den Menschen ihre Würde wiedergeben soll. Darum geht es ganz entscheidend: die Würde des Menschen, aus eigener Kraft handeln zu können. Ein Amt zu betreten. Vom Bettler zum Haus-zu-Haus-Verkäufer zu werden. Mit ein paar Dollar und einer gebrauchten Nähmaschine vielleicht ein eigenes Mikrogeschäft zu eröffnen. Anerkannt zu sein, weil man etwas bietet, was den anderen in ihrem Alltag hilft. Damit man sich nicht bettelnd erniedrigen muss, um zu überleben. Wie das den Menschen ihre Würde zurückgibt, hat der Fotograf Roger Richter in seinen Lichtbildern von Mikropreneuren in Bangladesch eingefangen: den unauslöschlichen Stolz, ein Mensch zu sein. Als großes Symbol hängen seine Bilder am zweiten Kongresstag im Rund über dem Forum in Henry-Ford-Bau.
Dieser zweite Tag, es ist der Tag von Muhammad Yunus, dem Friedensnobelpreisträger. Er prägt ihn, bescheiden, aber doch mit einer unausweichlichen Präsenz. Die Menschen hängen an seinen Lippen. Er reißt das mit annähernd 800 Menschen voll besetzte Audimax zu minutenlangem, stehendem Applaus hin. Denn Yunus hat eine Vision, er hat eine Antwort auf den kalten Kapitalismus unserer Tage, eine Antwort auf das Ende des alten ökonomischen Paradigmas, auf den Tod des Homo oeconomicus. Yunus' Antwort ist einfach, verständlich, eingängig: "Der Mensch ist ein mehrdimensionales Wesen", sagt er. Ist nicht der eindimensionale Charakter, als den ihn die ökonomische Lehre entworfen hat. Neben seinen selbstsüchtigen Teil tritt sein selbstloses Wesen. Das Eigeninteresse ist nur ein Teil des Ich, die Selbstlosigkeit der andere. Das ist die einfache Wahrheit, der Paradigmenwechsel, den er bietet - der längst nicht nur auf die Ökonomie beschränkt bleibt, auch wenn ihre Krise, die Monstrosität ihres Konstrukts, den Zusammenbruch des alten Paradigmas ausgelöst hat. Überall entdecken Menschen und Organisationen heute den vergessenen, den vernachlässigten, den verschütteten Zug menschlichen Wesens. Diese Entdeckung einer neuen Perspektive, das gemeinsame Erleben einer neuen Gemeinsamkeit ist es wohl, das die Stimmung des Vision Summit prägt. Man spürt sich als Teil eines größeren Ganzen, als Weltbürger, dessen Verantwortung auch die ganze Welt umgreift. Eine Welt, in der die Dinge zusammenhängen, aufeinander bezogen sind, statt mit kühlem Verstand voneinander geschieden zu werden. Oder wie Hans Reitz es formuliert: Eine Welt, in der "der eine Teil leidet, damit der andere seinen Weg findet: wachsen in Richtung Menschlichkeit."

Auf dem Weg zur sozialen Bewegung?


Vision Summit 2008 PublikumWird es gelingen, diesen Schwung, diese Aufbruchstimmung zu bewahren und weiterzutragen? Peter Spiegel, der Leiter des Genisis-Instituts, meint Ja. Seine Vision: Social Entrepreneurship zu einer neuen sozialen Bewegung zur formen, die ähnlich wie die Antiatomkraft- und die Ökologiebewegung des späten letzten Jahrhunderts zur gesellschaftsverändernden Kraft wird. "Das ist heute die Chance", sagt Günter Faltin, "Entrepreneurship ist ein Mittel, eine bessere Welt zu schaffen." Diese Chance will man nicht verstreichen lassen.
Noch aber steckt alles in den Kinderschuhen. Claudia Langer von Utopia, einem Internetportal für strategischen Konsum und nachhaltigen Lebensstil, sieht sich und ihre Kompagnons als Vorreiter in unbekanntes Territorium. Es sei noch schwer, sagt sie, sich in Deutschland zu etablieren. Denn, und da ist sie wieder, die Begriffsgeschichte: "Die Kategorie Social Business gibt es hier noch gar nicht." Geldgeber zu finden sei daher ein Problem. An dem Geldproblem knapsen viele Social Entrepreneurs herum. 50 Prozent der Zeit vieler von ihnen ginge momentan für Fundraising drauf - das sei viel zu viel, schildert Mirjam Schöning von der Schwab Foundation for Social Entrepreneurship das Problem. Deshalb ein heißes Thema auf dem Gipfel: "social venture capital funds". Die Grundfrage: Wie verbindet man Finanzanlage und soziales Engagement, wie bringt man Investoren und Sozialunternehmen zusammen? Celso Grecco hat genau dies geschafft: in São Paulo hat er eine Sozialbörse etabliert. In Deutschland gibt es das noch nicht. Aber es gibt die ersten Social Investment Funds. Und es gibt mit betterplace.org eine Internetplattform, auf der jeder Social Entrepreneur sein Projekt vorstellen und Geldgeber für sich anwerben kann. Als Nächstes will betterplace auch Mikrokredite auf seine Plattform aufnehmen und erste Schritte in Richtung Sozialbörse tun. Mikrokredite auch in Deutschland zum Thema zu machen hat sich auch die Initiative zur Gründung eines Berliner Ablegers der Grameen Bank auf die Fahnen geschrieben. Auch Beratung für Social Entrepreneurs ist im Entstehen. Die Agentur stratum zum Beispiel oder Thomas Leppert von dem Unternehmen socialstartup. Sein Anliegen: "Wir wollen das, was wir in der Wirtschaft gelernt haben, nun für soziale Zwecke nutzbar machen."
Das alles sind Ansätze, die sich verdichten, vernetzen. Nicht zuletzt legen die Organisatoren des Kongresses so richtig los. Im August erst haben sie das Genisis-Institut aus der Taufe gehoben, zwischenzeitlich den Kongress organisiert und wollen nun mit Nachdruck weitermachen. In Berlin entsteht in einer Kooperation mit der Freien Universität das weltweit erste Grameen Creative Lab, das im Gründerzentrum von Professor Faltin angesiedelt sein wird. Und die Termine für die nächsten Kongresse stehen bereits: 2009 kurz vor den Feierlichkeiten zum 20. Jahrestag des Mauerfalls, gedacht als symbolträchtiges Beispiel dafür, was soziale Bewegungen erreichen können. Und 2010 soll dann im Rahmen der Fußball-WM in Südafrika, exakt zwischen Halbfinale und Finale, der Ein-Dollar-Schuh vorgestellt werden.
Hier ist eben alles in Bewegung. Aber die "Guidance", die klare Leitlinie auf dem Weg zum Social Business, die ein Mann aus dem Publikum sich wünscht, gibt es am Ende nicht. Aber braucht es die überhaupt? Vielleicht ist es gar nicht sinnvoll, Social Entrepreneurship in ein allzu enges begriffliches Korsett zwingen zu wollen. Vielleicht macht gerade die Vielfalt Sinn. Eben hierin lag die Stärke der neuen sozialen Bewegungen des späten 20. Jahrhunderts: Dass sie einem breiten Spektrum von Menschen mit unterschiedlicher weltanschaulicher Orientierung und differierenden Vorstellungen über den richtigen Weg zum Ziel das Mitmachen ermöglicht haben.

Winfried Kretschmer ist leitender Redakteur und Geschäftsführer bei changeX. Annegret Nill ist Journalistin in Berlin und schreibt als freie Autorin für changeX.

Fotos: Roger Richter photography, Mainz-Kastel.

www.visionsummit.net
www.genisis-institute.org

(*) Muhammad Yunus: Die Armut besiegen. Das Programm des Friedensnobelpreisträgers.
Carl Hanser Verlag, München 2008, Seite XIV f.

© changeX [06.11.2008] Alle Rechte vorbehalten, all rights reserved.







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Annegret Nill arbeitet als freie Journalistin, Autorin und Moderatorin in Berlin. Sie schreibt als freie Autorin für changeX.

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