Denn wer hat, dem wird gegeben

Das Verarmungsrisiko wächst, aber nicht in allen Schichten - ein Interview mit dem Sozialforscher Martin Ehlert
Interview: Winfried Kretschmer

Das ist eine frohe Botschaft für alle Gutsituierten: Ihre Angst vor dem sozialen Abstieg ist unbegründet. Denn Menschen mit wenig Einkommen steigen häufiger ab. Eine Demokratisierung von Risiken gibt es bei Armut nicht. Hier ist es wie immer schon: Ein Risiko zieht das nächste nach sich. Und am Anfang der Kette steht meist die Armut an Bildung. Hier hilft nur eine Sozialpolitik für die Menschen - die ihnen hilft zu lernen, sich weiterzubilden, ihre Stärken zu entwickeln.

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Menschen mit wenig Einkommen steigen häufiger ab. Das ist das Ergebnis einer Studie, die die Berliner Sozialforscher Martin Ehlert und Jan Paul Heisig kürzlich publizierten. Wir haben nachgefragt.
Martin Ehlert ist wissenschaftlicher Mitarbeiter der Abteilung Ungleichheit und soziale Integration am Wissenschaftszentrum Berlin.
 

Herr Ehlert, die Kluft zwischen Arm und Reich in Deutschland wächst. Und in den Mittelschichten macht sich die Angst vor dem Abrutschen in die Armut breit. Ist diese Angst berechtigt? 

Mit unserer Studie wollten wir herausfinden, was es mit diesen Ängsten auf sich hat. Das Ergebnis zeigt: Das Verarmungsrisiko wächst, aber nicht in allen Schichten. Die sozialen Abstiege nehmen in Schichten zu, die mit ihrem Einkommen ohnehin schon näher an der Armutsgrenze sind. In Schichten mit mittleren und höheren Einkommen ist eine Zunahme von Verarmung hingegen nicht zu beobachten.
 

Wie sehen die empirischen Befunde konkret aus? 

In den 1980er- und 1990er-Jahren lag die Verarmungsquote bei Personen mit niedrigem Einkommen bei zehn Prozent; das heißt, zehn Prozent der Leute, die in einem Jahr ein niedriges Einkommen oberhalb der Armutsgrenze bezogen, sind im nächsten Jahr arm geworden. Seither hat sich die Verarmungsquote der niedrigen Einkommensbezieher um immerhin fünf Prozentpunkte vergrößert. In den mittleren und oberen Einkommensschichten ist die Verarmungsquote hingegen gleich geblieben. Aus der Mittelschicht verarmen durchschnittlich nur ungefähr zwei Prozent; wer ein höheres Einkommen hat, ist so gut wie nie betroffen.
 

Das Armutsrisiko ist also in der Gesellschaft sehr ungleich verteilt? 

Genau. Leute, die ohnehin schon über geringere Einkommen verfügen, haben höhere Risiken zu tragen als andere Personen in der Gesellschaft.
 

Nun könnte man ja sagen: "Ist ja klar!" Denn Angehörige der unteren sozialen Schichten sind sehr viel näher an der Armutsgrenze dran; da reichen schon geringe Einkommensschwankungen aus, um unter die Schwelle zu rutschen. Kann dies das Ergebnis verfälschen? 

Natürlich können in den niedrigen Einkommensschichten schon kleinere Einkommensveränderungen das Absinken unter die Armutsschwelle auslösen. Deswegen berücksichtigen wir nur Leute, die einen signifikanten Verlust ihres Einkommens von mindestens zehn Prozent erlebt haben. Das kann solche zufälligen Schwankungen ausgleichen.
 

Es gibt diese oft als zynisch missverstandene Rede von der "gefühlten Armut". Ist die Angst der Mittelschichten vor dem Abgleiten in die Armut ein Fall von gefühlter Armut? 

Es ist ein interessantes Phänomen, dass Angst vor Armut und sozialem Abstieg auch in den Mittelschichten steigt, obwohl dies objektiv nicht begründet ist. Das zeigen unsere, aber auch andere Forschungsergebnisse. Trotzdem muss man diese Angst ernst nehmen. Nicht leicht zu beantworten ist, wo sie herkommt. Es könnte sein, dass diese Ängste der Menschen nicht von ihrer eigenen Situation herrühren, sondern von dem, was sie in der Gesellschaft beobachten. Sie sehen die sozialen Abstiege in der Unterschicht und fürchten, dass es ihnen ähnlich ergehen könnte, obwohl sie vielleicht gar nicht betroffen sind. Aber wir müssen noch weiterforschen, um das herauszufinden.
 

Man könnte auch annehmen, dass in der Gesellschaft ein falsches Bild von der Verteilung gesellschaftlicher Risiken vorhanden ist. Damit wären wir bei der Bedeutung Ihrer Ergebnisse für die Einschätzung gesellschaftlicher Entwicklung. Was bedeutet Ihr Ergebnis für die Interpretation von Risiken in der Gesellschaft? 

Grundsätzlich kann man zwei unterschiedliche Theorien darüber haben, wie Risiken in der Gesellschaft verteilt sind. Die eine Theorie besagt, dass Risiken immer weiter in die Gesellschaft hineindiffundieren. In diesem Sinne sprach Ulrich Beck von einer Demokratisierung von Risiken. Das bedeutet, dass sich in unserer modernen Gesellschaft alte soziale Strukturen auflösen, indem Risiken plötzlich nicht mehr nur bestimmte Bevölkerungsgruppen, sondern alle Schichten betreffen.
Die gegenteilige Annahme dazu ist die der Risikokumulation. In der Soziologie spricht man auch von dem Matthäus-Effekt: "Wer hat, dem wird gegeben" - und wer nichts hat, der bekommt auch nichts, vielleicht wird ihm sogar von dem genommen, was er hat. Die Annahme ist, dass bestimmte Risiken bestimmte neue Risiken nach sich ziehen: Menschen, die einmal von einem Risiko betroffen sind, haben später auch eine höhere Chance, wieder dieses Risiko zu erleiden. Somit kumulieren sich über den Lebensverlauf bestimmte Gefahrenlagen, und immer wieder kommen neue Probleme hinzu: neue Arbeitslosigkeit, weitere gesundheitliche Probleme oder Ähnliches.
Unsere Ergebnisse sprechen dafür, dass diese zweite Interpretation zutreffen könnte. Eine Demokratisierung von Risiken würde ja bedeuten, dass auch in den Mittelschichten das Armutsrisiko ansteigen sollte. Das tut es aber offensichtlich nicht. Sondern es steigt eben bei jenen an, die ohnehin schon weniger gut gestellt sind.
 

Wo sehen Sie denn die Ursachen dieser Verschärfung der sozialen Lage der Unterschichten? 

Ein Punkt sind die Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt. Mein Kollege Jan Paul Heisig, mit dem zusammen ich diese kleine Studie gemacht habe, konnte zeigen, dass Arbeitslosigkeit zunehmend Niedriggebildete trifft. Auf dem Arbeitsmarkt treten also bei den sowieso schon weniger privilegierten Personen Risiken immer häufiger auf.
Hinzu kommt die wachsende Lohnspreizung: Es gibt einen wachsenden Bereich von Jobs, die sehr niedrig bezahlt sind, und sogar, wenn man einigen Studien glauben darf, über die Zeit immer niedriger bezahlt werden, mit der Folge, dass die Reallöhne im unteren Bereich sogar gefallen sind.
Zusammengenommen heißt das: Anscheinend gibt es auf dem Arbeitsmarkt für Niedriggebildete immer schlechtere Chancen, in gut bezahlte Jobs zu kommen, immer höhere Arbeitslosenrisiken und immer schlechtere Chancen, nach der Arbeitslosigkeit wieder einen Job zu finden. Wir erleben eine Polarisierung der Gesellschaft anhand der Bildungsachse.
 

Was bedeutet Ihre Analyse für die Bekämpfung sozialer Benachteiligung? Muss man den Blick wenden und weniger auf die Mittelschicht schauen, sondern mehr auf den unteren Rand der Gesellschaft? 

Das ist eine Konsequenz. Natürlich hat Sozialpolitik immer auch die unteren Schichten im Blick; natürlich soll man auch Ängste der Mittelschicht ernst nehmen. Aber viele, viele Studien zeigen, dass vor allem eben die Niedriggebildeten, die Leute mit niedrigem Einkommen immer stärker Risikolagen ausgesetzt sind und das Leben für diese Gruppe ungemütlicher geworden ist. Das sollte stärker in den Blickpunkt geraten.
 

Was kann man tun? 

Ich denke, dass man auf der einen Seite bei den Personen selbst ansetzen muss, aber auch an den Arbeitsmarktstrukturen. Das Erste bedeutet Bildung. Es geht darum, diese Menschen besser vorzubereiten, besser zu bilden und weiterzubilden. Bildungsarmut entsteht sehr häufig schon am Anfang des Lebens. Lebenslanges Lernen muss daher sehr früh anfangen. Doch Weiterbildung ist gerade in den unteren Schichten sehr, sehr selten. Hier gilt es anzusetzen.
Das andere ist, den Arbeitsmarkt so zu regeln, dass Löhne, von denen man nicht leben kann, einfach nicht vorkommen - zum Beispiel, indem man sehr niedrige Löhne durch einen Mindestlohn auffängt.
 

Das betrifft ja auch die mentale Verfassung einer Gesellschaft. Wenn schon die Mittelschichten in der Angst vor dem Abrutschen in die Armut gefangen sind, wie wollte man es den Unterschichten verdenken, wenn sie in der Perspektivlosigkeit versinken? Wie kann man eine solche mentale Verhärtung durchbrechen? 

Ich denke, durch ein positives Herangehen: Durch eine Sozialpolitik, die sich als Hilfe versteht und nicht bloß darauf abzielt, die Leute möglichst schnell wieder in den Arbeitsmarkt zurückzubringen. Durch eine Sozialpolitik, die den Menschen hilft, ihre eigenen Stärken zu erkennen, die hilft, eine passende Weiterbildung zu finden, die mit ihnen individuell arbeitet, um ihnen die Chance zu eröffnen, sich selbst weiterzuentwickeln. Ich glaube, man muss Leuten Mut machen - nicht Angst davor, dass sie ihre soziale Unterstützung verlieren, wenn sie nicht diesen einen Job annehmen.
 


Zitate


"Das Verarmungsrisiko wächst, aber nicht in allen Schichten." Martin Ehlert: Denn wer hat, dem wird gegeben

"Wir erleben eine Polarisierung der Gesellschaft entlang der Bildungsachse." Martin Ehlert: Denn wer hat, dem wird gegeben

 

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Winfried Kretschmer
Kretschmer

Winfried Kretschmer ist Chefredakteur und Geschäftsführer von changeX.

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