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Leben in Gleitzeit

Wir erleben einen grundlegenden Wandel des Modells, mit Zeit umzugehen – ein Interview mit dem Zeitforscher Karlheinz Geißler.
Text: Winfried Kretschmer

Die Uhr hat ausgedient. Heute ist das Mobiltelefon das zentrale Instrument zur Zeitkoordination. Es steht für einen Wandel des Beschleunigungsmodells: Zeitverdichtung statt Steigerung der Schnelligkeit. Das verlangt Zeitsouveränität – es auch mal genug sein lassen.

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Karlheinz A. Geißler ist der bekannteste Zeitforscher in Deutschland. Er war bis zu seiner Emeritierung Universitätsprofessor für Wirtschaftspädagogik an der Universität der Bundeswehr in München und ist Autor zahlreicher Bücher zum Thema Zeit.

Herr Geißler, wir erleben einen grundlegenden Wandel im Umgang mit Zeit. Wie äußert sich das?
Der äußert sich darin, dass die Uhr mehr und mehr ihr Monopol als zentrales Instrument der Zeitkoordination verliert. Sie wird neuerdings, und das täglich häufiger, vom Handy abgelöst. Wir verabreden und organisieren uns heute öfters mit dem Mobiltelefon als mit der Uhr. Das hat Gründe. Wir haben nämlich Ende des vergangenen Jahrhunderts unsere langjährige Beschleunigungsstrategie gewechselt. Wir beschleunigen nicht länger durch eine weitere Steigerung der Schnelligkeit, wir beschleunigen neuerdings in allererster Linie durch immer mehr Zeitverdichtung.
Wachstum, speziell ökonomisches Wachstum, braucht Beschleunigung, doch Lichtgeschwindigkeit, mit der wir eine der wichtigsten Wirtschaftsgüter, die Informationen nämlich, transportieren, ist nicht steigerbar. Die Schnelligkeit hat in der Lichtgeschwindigkeit ihre Grenze erreicht. Da der Kapitalismus aber auf Steigerung – sprich Wachstum –angewiesen ist, braucht er ein neues Beschleunigungsmuster, und das ist die Zeitverdichtung. Für die Zeitverdichtung ist das Handy das besser geeignete Zeitkoordinationsinstrument. Die Steigerung der Schnelligkeit ist mit der Uhr feststellbar, das Wachstum der Zeitverdichtung jedoch nicht. Die Uhr hat deshalb ihre Schuldigkeit getan, die Uhr kann gehn!

Das bedeutet einen anderen Umgang mit Zeit?
Die Uhr hat die Menschen pünktlich gemacht, das Handy verringert den Zwang zur Pünktlichkeit wieder und ersetzt ihn durch die Notwendigkeit, immer und überall am Punkt zu sein. Das ist etwas anderes als Pünktlichkeit: Am Punkt zu sein heißt, immer am richtigen Platz zu sein: möglichst dort, wo etwas los ist, wo es mehr Geld zu verdienen gibt, wo jene Personen, die Informationen und die Gelegenheiten sind, mit denen man zu tun haben will. Mit dem Handy ist das erheblich kurzfristiger organisierbar und schneller umorganisierbar. Wir sind immer seltener pünktlich, wir sind mal zu früh, dann wieder zu spät, weil wir versuchen, immer am Punkt zu sein. Das Leben ist zum Gleitzeitleben geworden.

Blicken wir doch zurück zu der Umstellung im Entstehen der Industriegesellschaft. Wie ist denn überhaupt die Pünktlichkeit in die Welt gekommen?
Die Menschen mussten sich synchronisieren, weil der Handel und später dann auch die Industriearbeit zunehmend großflächiger koordiniert wurden. Früher war alles lokal begrenzt, produziert und gehandelt wurde nicht auf einen Massenmarkt hin, sondern auf Nachfrage von Personen, die man kannte. Im Gegensatz zum Handwerk muss die Arbeit an Maschinen an deren Takt ausgerichtet werden und die Menschen müssen sich diesem Takt anpassen, wie Chaplin der Geschwindigkeit des Fließbandes in Moderne Zeiten. Dazu brauchte man Uhren und den Glockenschlag und Fabriksirenen. Die Anpassung an diese vertakteten Zeiten wurde den Menschen dann in der Schule, die ja auch fabrikmäßig organisiert ist, beigebracht.

Historisch das erste Mal entstand das Bedürfnis, die Zeit kontrollieren zu wollen, aber doch nicht in der Wirtschaft, sondern bei den Mönchen des ausgehenden Mittelalters?
Ja, die Mönche hatten sehr präzise ihre Gebetszeiten einzuhalten, auch nachts. Ganz früher benutzten sie Wasseruhren, dann Kerzenuhren, um rechtzeitig zum Gebet aufzuwachen. Doch Wasseruhren sind, zumindest in unseren Breiten, im Winter eingefroren, Kerzenuhren waren gefährlich, weil sie so manches Kloster in Flammen aufgehen ließen. Deshalb hat man lange an Zeitmessinstrumenten gefeilt, die unabhängig von Naturvorgängen funktionierten. Bis schließlich in einem norditalienischen Kloster, in der Nähe von Mailand, Ende des 13. Jahrhunderts ein Mönch die mechanische Uhr erfand. Ironischerweise weiß man weder genau wo noch genau wann.
Die weltliche Herrschaft hat dann sehr schnell begriffen, dass die Uhr auch außerhalb der Klostermauern gute Dienste leistet. Zuerst habe die Stadtherren in den zu Beginn des 14./15. Jahrhunderts stark expandierenden oberitalienischen Handelsstädten wie Florenz, Venedig, Genua, Mailand von ihr Gebrauch gemacht und mit ihr Ordnung geschaffen. Die Stadttore beispielsweise wurden von nun an zu festgelegten Uhrzeiten, und nicht mehr wenn es hell oder dunkel wurde, geöffnet beziehungsweise geschlossen.

Man hat die Menschen an einen abstrakten Takt gewöhnt?
Mit Zeit wird die Welt geordnet und mit ihr wird Herrschaft ausgeübt. Die Uhr ist ein Ordnungsinstrument. Sie übt über ihre spezielle, vertaktete Zeit Herrschaft über die Menschen und ihr Handeln aus. Umberto Eco wurde deutlich: Die Uhr legt die Menschen an die Kette. Mit dem Takt der Uhr und mit der leeren, abstrakten Uhrzeit hat man die Menschen diszipliniert und sie zu pünktlichen und ordentlichen Menschen gemacht.

Und die Wirtschaft hat sich dieses Instruments bemächtigt in dem Maße, wie die Produktion nach einer Koordination und Synchronisierung verlangte?
Die Wirtschaft hat die Uhr in erster Linie zum Messen von Beschleunigung eingesetzt und mit der gemessenen Zeit dann Druck im Hinblick auf mehr Tempo gemacht. Je stärker die Konkurrenz auf dem Markt wuchs, umso wichtiger wurde es, mit einem Zeitvorsprung schneller auf dem Markt präsent zu sein als die Konkurrenz. Je genauer die Uhren gingen und die Menschen wie die Uhr funktionierten, umso besser und kostengünstiger konnte die Produktion in der Massenfertigung koordiniert werden. Und genau dafür braucht man Uhren.

Doch heute stößt Beschleunigung an ihre physikalische Grenze?
Weil die Schnelligkeit nicht über die Lichtgeschwindigkeit hinaus steigerbar ist. Informationen sind heute die wichtigsten Wirtschaftsgüter. Informationen aber lassen sich nicht schneller übertragen als mit Lichtgeschwindigkeit.

Kritiker zweifeln an, dass überhaupt eine Beschleunigung stattgefunden habe. Ist die Beschleunigung empirisch nachweisbar?
Die Beschleunigung muss stattgefunden haben, denn wir tun, erleben, ertragen heute mehr in der gleichen Zeit als alle vor uns lebenden Generationen. Wenn man mehr in der gleichen Zeit tut, dann nennen wir das Wachstum, und Wachstum, zumindest ökonomisches, lässt sich nur durch Beschleunigung erzielen. Wir haben heute mehr Güter, mehr Geld – wenn auch nicht alle Menschen – als früher. Und dies war nur durch Beschleunigung erreichbar. Wir arbeiten heute mehr und schneller in weniger Arbeitszeit als früher. Wir leben auch schneller, essen schneller, reden schneller und lieben auch schneller.

Viele Menschen haben das Gefühl, dass die Zeit im Zustand der Beschleunigung zerrinne. Woher rührt dieser Eindruck?
Der Mensch hat keinen Zeitsinn, sondern erlebt mittels anderer Sinne das, was wir „Zeit“ nennen. Das Gefühl, dass die Zeit zerrinnt, ist der subjektive Reflex dessen, dass wir mehr in der gleichen Zeit als früher tun und durch dieses Mehrtun auch mehr Möglichkeiten haben. Dieses Mehr an Möglichkeiten provoziert wiederum den Eindruck, dass man vieles nicht tut, auf vieles verzichten muss. Das wiederum führt zu dem Empfinden, die Zeit zerrinne. Je mehr man tut, umso mehr tut man zugleich nicht. Diese Gefühle des Verlustes und des Verzichtes machen die Zeit noch enger, als sie sowieso schon erscheint. Und so kommt es zu dem Zustand, dass man sich wie in einem Hamsterrad vorkommt, das kein Entkommen zulässt, und jede Fluchtbewegung mit einem noch höheren Umdrehungstempo bestraft.

Was empfiehlt da der Kritiker des Zeitmanagements? Wie geht man mit solchen Situationen um?
Man muss verzichten lernen und sich Kriterien fürs „Genug“ erarbeiten. Die Uhr kennt kein Genug. Geld kennt ebenfalls kein Genug. Der Mensch muss die Kriterien dafür selber finden, indem er entscheidet, was er will und was er nicht will – und auf was er verzichtet. Wenn man aber nur quantitative, materielle Kriterien hat, wird man nie zufrieden, denn der Mensch lebt bekanntermaßen nicht vom Brot allein.
Die Uhr, mit der wir unser Leben organisiert haben, darf daher nicht die zentrale Größe sein, an der wir das Leben ausrichten. Das Prinzip „Zeit ist Geld,“ nach dem die Wirtschaft funktioniert, kann nicht das Prinzip sein, an dem man das gesamte Leben orientiert. Es trotzdem zu tun, wäre so unvernünftig wie die Weigerung, sich nie und nimmer an der Uhr auszurichten. Leben braucht Qualitätszeiten, und nur begrenzt Zeiten, die in Geld verrechenbar sind.

Könnte man das Zeitsouveränität nennen?
Zeitsouveränität heißt verzichten können. Zur Souveränität gehört der Verzicht – und besonders dort, wo durch den Verzicht etwas gewonnen werden kann: Ich gewinne, wenn ich auf Geldverdienen verzichte: Zeit für die Familie, für Kinder, fürs Essen, für Naturerfahrungen und so weiter. Sinnlicher leben ist ein Gewinn, den ich durch Verzicht an Geschwindigkeit, an Stress erreichen kann. Dafür aber braucht es ein Gefühl, wann und zu welcher Gelegenheit man verzichtet. Aber auch die Entwicklung eines solchen Gefühls braucht wiederum Zeit.

Was ist das, was wir gerade erleben: ein epochaler Umbruch oder eher eine strukturelle Veränderung der Zeitkoordination unserer Gesellschaft?
Wir erleben einen gravierenden Wechsel des Modells, mit Zeit umzugehen, aber es ist kein Wechsel des Grundprinzips. Denn belohnt wird weiterhin die Steigerung von Schnelligkeit. Wir berechnen immer noch Zeit in Geld. Seitdem es die mechanische Uhr gibt, also seit 600 Jahren, praktizieren wir dieses Prinzip und wir praktizieren es auch mit dem neuen Beschleunigungsmodell. Es wird weiter auf Beschleunigung gesetzt, aber, wie bereits geschildert, das Modell ändert sich, nicht jedoch die Tatsache, dass wir immer mehr Gas geben.
Bei dem Zeitmuster der Vergleichzeitigung werden die Pünktlichen, die sich stur nach der Uhr richten, Nachteile haben, während die Flexiblen im Vorteil sein werden. Früher hatten die Menschen, die flexibel waren, Nachteile, beispielsweise wenn sie den fixen Arbeitsbeginn verschlafen hatten. Heutzutage, bei Gleitzeit, ist das kein Problem mehr. Früher hat man verschlafen und wurde bestraft, weil man zu spät kam, heute hat man die Möglichkeit, zu arbeiten, wenn man arbeitsfähig ist, also ausgeschlafen hat. Das erwarten die Unternehmer inzwischen auch. Sie wollen die Arbeitskraft dann abschöpfen, wenn sie am besten, am intensivsten ist. Und Arbeitnehmer wollen auch nicht unbedingt zu jenen Zeiten arbeiten, in denen sie dies nur mit halber Kraft tun können. Doch diese Form der situativen Lebensgestaltung muss erst gelernt werden. Viele Menschen haben damit noch Schwierigkeiten.

Damit verändert sich auch das System der Entlohnung: Es wird umgestellt von Zeit- auf Ergebnisorientierung?
Ja, es wird immer weniger nach Zeit – Anwesenheit – bezahlt, sondern nach Erfolg. Mit dem Modell der Vergleichzeitigung wird das Modell des Zeitlohns durch das Modell des Erfolgslohns, des Ergebnislohns ersetzt. Dabei werden fixe Endtermine gesetzt, und die Arbeitszeit bis dorthin können die Arbeitnehmer weitestgehend selbst bestimmen.

Auf Phasen hoher Arbeitsintensität folgen Phasen geringerer Intensität. Bedeutet das tendenziell eine Rückkehr zur vorindustriellen Form des Zeitumgangs, wo sich immer schon Arbeitszeiten unterschiedlicher Intensität und Pausen miteinander abgewechselt haben?
Oberflächlich gibt es Parallelen zur Zeitkoordination der Heimarbeit in früheren Zeiten, die aber viel weniger verdichtet war und viel mehr Pausen hatte. Deshalb kann man nicht sagen, wir kehrten zurück zu früheren Verhältnissen. Wir nehmen vielmehr Formen des Umgangs mit Zeit auf, die in früheren gesellschaftlichen Situationen schon in ähnlicher Form, unter ganz anderen Umständen jedoch, bereits vorhanden waren. Der Mensch wird nicht pünktlich geboren, er wird pünktlich gemacht. Ganz früher waren die Menschen auch nicht pünktlich. Dann wurden sie, mit dem Beginn der Industrialisierung, pünktlich gemacht, und jetzt brauchen sie’s nicht mehr sein. Aber frühere Verhältnisse kehren deshalb lange nicht ein.

Man nimmt Muster auf, aber auf einer höheren Verdichtungsebene, auf einer höheren Taktung?
Genau. So funktioniert Fortschritt. Der Fortschritt bringt nie wirklich nur Neues. Er nimmt immer Dinge auf, die früher schon einmal da waren. Und auf einer neuen Ebene werden sie dann neu akzentuiert und bekommen neuen Schwung, weil sie in dem aktuellen Zusammenhang etwas Neues darstellen. Das ist gerade nicht die Wiederholung des Alten, des bereits Bekannten.

Steigen damit auch die Möglichkeiten des Individuums, seinen eigenen Rhythmus zu leben? Wächst die Selbstbestimmung im Umgang mit Zeit?
Zweifelsohne. Das ist gewissermaßen der Deal: Der Arbeitgeber verlangt mehr Arbeit durch Zeitverdichtung; er möchte, dass der Arbeitnehmer seine Arbeitsfähigkeit möglichst voll ausschöpft. Die Gegenleistung besteht darin, dass dieser über seine Zeit mehr bestimmen kann: Er kann sich Auszeiten nehmen, kann Pausen machen, kann auf Zeit aus seinem Job aussteigen und vieles andere mehr. Gestiegen ist also nicht nur die Verdichtung, zugenommen haben auch die Möglichkeiten, aus dem größer gewordenen Zeitdruck auszusteigen. Wäre das nicht so, würde es nicht so funktionieren, wie es funktioniert. Niemand würde bei der Erhöhung des Zeitdrucks mitmachen, wenn er nicht auch etwas dafür bekommen würde.

Das setzt die Fähigkeit und Bereitschaft voraus, unterschiedliche Tempi gehen zu können: Einmal richtig ranklotzen und sich dann wieder zurücknehmen und regenerieren. Sie betonen die Notwendigkeit der Pause?
Ein Grundeinkommen könnte dazu beitragen, solche Pausen abzusichern. Fühlt man sich beispielsweise ausgelaugt, könnte man eine längere Pause machen, ohne sogleich mit Verarmungsängsten kämpfen zu müssen. Auch könnte man sich dadurch leichter beruflich neu orientieren. Es stellt sich die Frage, ob man solche Auszeiten nicht gesellschaftlich und politisch durch einen Rechtsanspruch absichern sollte.

Wohin entwickelt sich der Umgang mit Zeit? Wie sieht die Zukunft aus?
Dieser Wandel des Zeitmodells hat erst vor 40, 50 Jahren begonnen und wird sich noch eine Weile weiterentwickeln. Die Steigerung der Schnelligkeit hat 170 Jahre gebraucht – von der Eisenbahn und vom Dampfschiff bis zur Lichtgeschwindigkeit. Das sind 170 Jahre Beschleunigungsgeschichte, Beschleunigung über Schnelligkeit. Jetzt hat unsere Gesellschaft angefangen, multitaskingfähig zu werden, doch ist da noch nicht einmal die erste Generation richtig reingewachsen. Junge Menschen, die mit dem Multitasking im Kinderzimmer groß geworden sind, sind gerade mal mit dem Studium fertig geworden.
Von daher ist da noch viel Spielraum vorhanden, um auszutesten, wie der Körper, wie die Psyche, wie die Gesellschaft auf dieses neue vergleichzeitigte Zeitmodell reagiert. Bei diesem Großexperiment wird ausgetestet, was möglich ist und was nicht. Wenn zum Beispiel die Arbeitsfähigkeit derart darunter leidet, dass nur noch 25- bis 40-Jährige im Arbeitsleben gebraucht werden, und die Leute danach nicht mehr produktiv einsetzbar sind, dann wird es kritisch, weil die Kosten, zumindest die gesellschaftlichen, zu groß werden. Das ist eine Gewinn-und-Verlust-Rechnung – aber zunächst wird es erst mal so weitergehen.

Was könnte möglich sein?
Wenn zum Beispiel die Wochenstruktur durch mehr Sonntagsarbeit aufgebrochen wird, dann geraten die Familien stark unter Druck. Die Frage ist dann, ob sich neue Möglichkeiten des Zusammenlebens, etwa in flexibleren Formen von Wohngemeinschaften, herausbilden, wie das früher in Großfamilien der Fall war. Die Kleinfamilie ist auch erst vor 300, 400 Jahren entstanden und wird auch wieder untergehen. Die Frage stellt sich: Wachsen da soziale Lebensformen nach, mit denen die jeweils aktuellen Problemlagen bewältigt werden können? Da glaube ich an die Dialektik des Fortschritts, die sich darin zeigt, dass Probleme immer auch Lösungen provozieren.

Gibt es Grenzen in der Belastbarkeit der Menschen?
Die gibt es zweifelsohne. Es gibt wissenschaftliche Studien, die die Grenzen der Vergleichzeitigung deutlich machen, andere, die darin viele noch unausgeschöpfte Vorteile sehen. Das Gehirn kennt, was seine Funktionsweise angeht, keine Gleichzeitigkeit. Es arbeitet die Eindrücke hintereinander ab, nicht gleichzeitig. Das aber in so geringen Abständen, dass das bei vielen Tätigkeiten nicht problematisch ist. Aber auch die Funktionen des Gehirns lassen sich in gewissen Spielräumen trainieren. Vieles muss und wird auch gar nicht gründlich gemacht, man bleibt an der Oberfläche und entlastet das Gehirn damit. Das Leben muss und wird sich gewissermaßen in die neuen Anforderungen und Möglichkeiten einjustieren und herausfinden, wo diese von Vorteil und wo diese von Nachteil sind. So ist der Fortschritt immer schon fortgeschritten, und so wird er es auch weiterhin tun. Aber es wird nicht ohne neue Problematiken gehen ...

... wie die Hurry Sickness …
... die Neurasthenie, das Drama zu Anfang des 20. Jahrhunderts. Man muss sich nur mal die Horror-Prophezeiungen über den Untergang der Menschheit vergegenwärtigen, die die Erfindung der Eisenbahn ausgelöst hat ...

... 30 Stundenkilometer galten als absoluter Geschwindigkeitsgrenzwert des Menschen ...
... ein sehr lehrreiches Beispiel dafür, wie sich unsere Wahrnehmung an die Verhältnisse anpasst. Den ersten Eisenbahnreisenden ist es regelmäßig schlecht geworden, und zwar deshalb, weil sie – wie von der Postkutsche gewohnt – bei der Fahrt direkt neben die Schienen schauten. Dann wird einem natürlich schlecht, auch heute noch – nur lassen sich die Fenster nicht mehr öffnen, unter anderem deshalb. Man muss, je schneller man sich bewegt, einen jeweils anderen Blick entwickeln, man muss weiter, mehr zum Horizont blicken, dann ist die Geschwindigkeit kein Problem. Genau das tun die Menschen heute. Der Mensch hat sich mit seiner Wahrnehmung angepasst. Und das wird er auch bei der weiter wachsenden Zeitverdichtung durch Vergleichzeitigung tun.

Das neue Buch von Karlheinz Geißler Lob der Pause. Warum unproduktive Zeiten ein Gewinn sind erscheint Anfang März im oekom verlag.


Zitate


"Wir beschleunigen nicht länger durch eine weitere Steigerung der Schnelligkeit, wir beschleunigen neuerdings in allererster Linie durch immer mehr Zeitverdichtung.“ Interview Karlheinz A. Geißler: "Leben in Gleitzeit"

"Die Uhr hat deshalb ihre Schuldigkeit getan, die Uhr kann gehn!“ Interview Karlheinz A. Geißler: "Leben in Gleitzeit"

"Das Leben ist zum Gleitzeitleben geworden.“ Interview Karlheinz A. Geißler: "Leben in Gleitzeit"

"Je mehr man tut, um so mehr tut man zugleich nicht.“ Interview Karlheinz A. Geißler: "Leben in Gleitzeit"

"Zeitsouveränität heißt verzichten können.“ Interview Karlheinz A. Geißler: "Leben in Gleitzeit"

"Wir erleben einen gravierenden Wechsel des Modells, mit Zeit umzugehen.“ Interview Karlheinz A. Geißler: "Leben in Gleitzeit"

"Der Mensch wird nicht pünktlich geboren, er wird pünktlich gemacht.“ Interview Karlheinz A. Geißler: "Leben in Gleitzeit"

 

changeX 08.02.2010. Alle Rechte vorbehalten, all rights reserved.

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: Lob der Pause. Warum unproduktive Zeiten ein Gewinn sind. oekom verlag, München 2010, 96 Seiten, ISBN 978-3-86581-200-1

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Autor

Winfried Kretschmer
Kretschmer

Winfried Kretschmer ist Autor, Redakteur & Macher bei changeX.

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