Wer A. sagt

Gitte Härter über ihr neues Buch 30 Minuten Arschlöcher zähmen
Interview: Winfried Kretschmer

Nun hat es das Arschloch auch im Plural auf einen Buchtitel geschafft. In bester Absicht: Ein 30-Minuten-Ratgeber erklärt, wie man mit Menschen umgeht, die einen dazu bringen, selbst auszurasten.

gittehaerter2_sw_275.jpg

Gitte Härter textet für ihre Kunden und führt Buch- und Schreibcoachings durch (www.schreibnudel.de). Sie ist Autorin zahlreicher Bücher rund um Business, Selbstmanagement und Kommunikation.
 

Frau Härter, Arschlöcher - ist das nicht etwas grob? 

(Lacht) Ja, ich bin schon von einigen Leuten deswegen abgewatscht worden, weil sie es zu krass finden. Im gleichen Atemzug sagen viele jedoch: "… auch wenn ich das auch hin und wieder denke." Genau darum geht es mir: Fast jeder Mensch gerät bei manchen Leuten und Verhaltensweisen so richtig aus der Fassung. Da knallen wir den Telefonhörer auf und sagen: "Arsch!", werden im Auto geschnitten, und es rutscht uns ein Kraftausdruck raus - oder eine gute Freundin ist mit jemandem verbandelt, der uns dermaßen auf den Zeiger geht, dass wir es nicht ertragen können.
Diese Kaliber, die es schaffen, uns aus der Fassung zu bringen, das sind nicht einfach "schwierige Gespräche" oder "unangenehme Zeitgenossen", das sind die Verhaltensweisen, die uns aus irgendeinem Grund extrem treffen. So sehr treffen, dass wir nicht mehr konstruktiv sind, sondern dass wir den anderen laut oder in Gedanken mit einem Kraftausdruck belegen.
 

Ein respektvoller Umgang mit Arschlöchern? Schließt sich das nicht aus, Arschloch und Respekt? 

Das sind zwei Paar Stiefel: Das eine ist unsere innere Reaktion. Das andere ist, wie wir damit umgehen. Ich beispielsweise habe den Anspruch an mich, respektvoll mit anderen umzugehen. Das heißt aber nicht, dass ich von mir verlange, immer und überall dem Dalai Lama gleich gütig und ausgeglichen zu sein. Ich bewundere es, wenn es jemandem gelingt, nie in Gedanken oder Taten respektlos zu sein. Aber ehrlich gesagt: Ich treffe mein ganzes Leben lang nur Leute, die ganz menschlich reagieren. Und menschlich sein heißt für mich eben auch, hin und wieder von Emotionen übermannt zu sein und impulsiv zu denken oder zu handeln. Wenn beides zusammentrifft - eben weil man mit Arschlochverhalten konfrontiert ist -, dann handeln wir gefühlsgesteuert, und dann bleibt oft der Respekt auf der Strecke - der Respekt vor anderen und der vor uns selbst.
Genau da setzt mein Buch an. Denn ich sage explizit: "Wenn Sie ein Buch à la ‚Wie es in den Wald hineinruft‘ erwarten, werden Sie enttäuscht." Der respektvolle Umgang kann da beginnen, wo ich merke: Holla, da geht mir jemand mit seinem Verhalten extrem an die Nieren, und zwar so extrem, dass ich gerade nicht mehr ich selbst bin. An dieser Stelle steuern zu können, anstatt impulsiv zu handeln, das schafft die Chance für einen bedachten - und respektvollen - Umgang.
 

Also: Arschlöcher - wer genau ist das?  

Das ist für jeden etwas anderes. Für das Buch habe ich zehn Verhaltensweisen zusammengefasst, die die meisten Menschen besonders schlimm finden: Wenn das Vertrauen missbraucht wird, wenn der andere nicht verlässlich ist, Egoismus, Unehrlichkeit, Ignoranz, Ungerechtigkeit, verletzt werden, Respektlosigkeit, zweierlei Maß und andere üben Macht über mich aus.
Das sind jetzt natürlich nur Oberbegriffe. Machen wir es etwas plastischer: Sagen wir, Sie haben ein Date, und im Restaurant behandelt Ihr Gegenüber die Bedienung wie den letzten Dreck, dann finden das manche nicht schlimm; andere finden es nicht so den Bringer, aber sagen sich: "Ich finde das unmöglich, aber ich verhalte mich besser, und die Servicekraft kann das schon unterscheiden"; für andere wiederum ist es ein indiskutables No-Go.
Ich beispielsweise finde es total arschlochmäßig, wenn jemand andere klein macht, um sich selbst größer zu fühlen. Aber wenn jemand sich mir gegenüber so verhält, ist es für mich nicht gravierend, denn ich lasse mich nicht klein machen. Ich kann mich behaupten. Darum nervt mich das vielleicht, ich rege mich eine Runde drüber auf oder streite mit dem anderen, aber als "Arschloch" betitle ich so jemanden nicht, weil ich damit prinzipiell klarkomme.
Und dann kommt natürlich noch die Tagesform dazu: Ein Verhalten, das uns heute zum Ausflippen bringt, hätte uns gestern nur ein Schulterzucken entlockt. So gut wie jeder verhält sich auch mal "arschlochmäßig", weil er unbedacht handelt oder seine schlechte Laune an jemandem auslässt.
 

Nun kann es ja sein, dass der andere das genauso sieht. Wie prüft man, ob man selber das Arschloch ist? 

Klar kann das sein! Ich gehe grundsätzlich davon aus, dass die meisten Menschen keine bösen Teufel sind, sondern dass es meistens gute Gründe für blödes Verhalten gibt, zum Beispiel dass man unausgeglichen, überfordert oder frustriert ist. Gedankenlosigkeit, Verunsicherung, andere Werte, Persönlichkeiten oder Temperamente spielen eine Rolle. Oder man fühlt sich in die Ecke getrieben und schlägt zurück. Auch die schon erwähnte Tagesform ist maßgeblich: Manchmal ist einem eine Laus über die Leber gelaufen oder es geht einem nicht gut.
Viele Arschlochsituationen laufen also unter "shit happens". Das passiert schon mal. Das heißt nicht, dass man deswegen einen Freischein bekommt, mit anderen beliebig umzugehen. Es heißt aber auch, dass man ehrlich zu sich selbst sein sollte: Ja, wir verhalten uns alle nicht immer supertollkonstruktivrespektvoll - manchmal bekommt es ein Hotline-Mitarbeiter ab, mal die Kollegin, und oft genug leider auch die Menschen, die uns besonders nahestehen - weil die uns ja verstehen "müssen".
Wie man das überprüft, ist natürlich so eine Sache: Zum einen denke ich, dass viele Leute sehr wohl merken, wenn sie sich unfair oder grob verhalten. Das heißt, dass "offensives Arschlochverhalten", wo man anderen richtig an den Karren fährt oder unter die Gürtellinie trifft, einem meistens klar ist - spätestens, wenn man sich laut etwas Verletzendes sagen hört oder merkt, dass man eigentlich "so" nicht ist.
Das andere deutliche Zeichen ist natürlich die Reaktion des Gegenübers: Wenn jemand verletzt reagiert, zusammenzuckt oder ebenfalls ausflippt. Hat man es mit einem starken Gegenüber zu tun, sagt einem das oft deutlich, dass ein Verhalten nicht in Ordnung ist.
Schwierig wird es, wenn der andere sich nichts anmerken lässt: Wenn jemand auf Kosten des übergewichtigen Kollegen dauernd Witze macht und alle lachen - und der Kollege leider auch, weil er sich keine Blöße geben will, obwohl er zutiefst getroffen wird. Oder wenn die Akademikerin ihren Handwerkerfreund immer wieder vor anderen korrigiert oder ihm "Nachhilfe" gibt und sich nichts dabei denkt, alle Anwesenden jedoch finden: "Hui, die führt ihn ganz schön vor!"
 

Sie schreiben, man habe es zu 100 Prozent selbst in der Hand, was man tut und wie man es tut. Ist das wirklich so - gerade wenn man bedenkt, dass es hier um sehr belastete und hochemotionale Situationen geht?  

Ja, das Prinzip stimmt: Ich kann eine andere Person nicht kontrollieren. Zum Glück. Denn dann könnten das andere mit uns auch tun.
Das, was ich aber zu 100 Prozent in der Hand habe, bin ich selbst: Ich kann Einfluss auf meine Einstellung, meine Gedanken und mein Verhalten nehmen. Das ist nicht zu verwechseln damit, dass man es immer tut und dass man in jeder Situation dazu in der Lage ist. Aber genau darum geht es doch: zu erkennen, dass ich prinzipiell nur auf mich selbst kompletten Einfluss habe. Und zu lernen, wie ich mit mir selbst auf für mich richtige Weise mit dem Verhalten eines anderen umgehen kann.
Das ist ja nicht nur beim Thema Arschlochverhalten so, sondern es gilt im ganzen Leben. In jeder Beziehung, in der wir sind - ob im Beruf oder im Privatleben -, gilt dieses Prinzip: Ich kann durch mein Verhalten zu mir stehen, für mich eintreten, die Atmosphäre beeinflussen und idealerweise Beziehungen verbessern (oder auch verschlechtern). Gerade wenn es um ungute Situationen geht - wie zum Beispiel bei Konflikten -, dann nützt es nichts, zu denken: "Der andere soll oder sollte nicht!", oder: "Hoffentlich löst sich alles von selbst in Wohlgefallen auf!" Vielversprechender ist es, zu sehen: "Okay, was kann ich jetzt tun, um mit dieser Person/Situation besser klarzukommen?" Das kann heißen, dass ich lerne; dass es mich nicht mehr stört; dass ich Abstand bekomme oder eben dass ich von mir aus zu einer Lösung beitrage. Das muss man erst mal erkennen. Und das heißt es natürlich aufzubauen und zu üben. Wo man ansetzt und wie lange es dauert, hängt davon ab, was man schon zur Verfügung hat.
Natürlich sind Beziehungen und Kommunikation ein besonders schwieriges Feld - und zwar egal, worum es geht. Nehmen wir ein harmloses Thema: das Verhandeln. Wenn Sie eine selbstbewusste Person haben, die schon gute Grundlagen hat in der Kommunikation, dann können sie der einen Verhandlungsratgeber geben, und sie geht in die nächste Verhandlung und setzt das Gelesene mal eben um. Haben Sie hingegen eine sehr unsichere Person, die sich leicht unterbuttern lässt, dann kann sie den gleichen Ratgeber lesen, alles kapieren und für sinnvoll erachten, aber sie traut sich trotzdem nicht, es bei der nächsten Verhandlung anzuwenden.
Darum heißt es wiederum, bei sich anzufangen: Im Umgang mit Arschlochverhalten zum Beispiel zu ergründen, warum einen eine bestimmte Sorte Mensch oder eine bestimmte Verhaltensweise so sehr trifft. Zu erkennen, wie man sich bisher verhält - fühle ich mich klein, habe ich schlaflose Nächte, flippe ich aus wie nichts, bin ich nachtragend und will Rache …? Und dann nach und nach bessere Verhaltensweisen - innerlich und nach außen - zu üben. Eben nicht erst im Ernstfall, sondern mein Fundament dafür aufzubauen.
 

Wie geht man mit solchen Menschen um? Was empfehlen Sie? 

Zum einen, wie eben schon betont: Unbedingt bei sich selbst anfangen. Also grundsätzlich mal ausloten, was für einen selbst Arschlochverhalten ist, wie das bisherige Verhaltensrepertoire so aussieht und warum. Denn nur dann kann man im Ernstfall auch an der Impulskontrolle arbeiten. Und die ist wichtig, um sich eben nicht total von den Gefühlen beherrschen zu lassen. Dann wird es nämlich meistens nichts mit einem souveränen Verhalten.
Zum anderen hilft dieses Ausloten dabei, zu erkennen, was wirklich drastisches Verhalten ist, dem ich Einhalt gebieten möchte, und was Dinge sind, denen ich einfach aus dem Weg gehen kann. Denn nicht jedes Arschlochverhalten ist gleich wichtig. Wenn Sie mit jemandem auf dem Parkplatz zusammenrasseln, den Sie nie mehr im Leben treffen, hat das eine andere Bedeutung, als wenn es um Ihren Bürokollegen oder die Schwägerin geht.
Entsprechend gibt es zwei grundsätzliche Verhaltensweisen. Erstens ignorieren: Damit meine ich nicht, so zu tun, als ob es einen nicht stört, denn es nagt dann doch an einem. Sondern ich meine das bewusste Überhören oder das Entziehen aus der Situation.
Zweitens ansprechen: Bin ich in der Lage dazu, beziehungsweise geht es um eine Person, mit der ich öfter zusammentreffe, ist es wichtig, sich abzugrenzen. Manchmal bedeutet das ein klärendes Gespräch, aber es kann auch einfach ein drastisches Abblocken sein: Bis hier und nicht weiter.
All das geht ineinander über und ist natürlich zu komplex, um es in einem Interview mal eben erschöpfend auszuführen.
 

Psychologen und Verhaltensökonomen sagen, dass es nicht leicht ist, die Fallen zu erkennen, in die man tappt - und noch schwerer, dieses Verhalten zu ändern. Sie meinen, es geht? 

Wenn das nicht gehen würde, könnten wir alles, was unter "Selbstmanagement" und "Persönlichkeitsentwicklung" läuft, in die Tonne treten. Das wäre ja eine traurige Aussicht, wenn man so pauschal davon ausgehen würde, dass man sein Verhalten nicht erkennen und verändern könnte.
Aber natürlich ist es nicht leicht, gerade bei solchen Kalibern. Übrigens ist das mit ein Grund, warum ich im Titel kein Blatt vor den Mund nehme. Denn in der Regel haben wir meistens keine große Bereitschaft, uns auch noch konstruktiv mit "Arschlöchern" zu befassen, immerhin sind es ja die anderen, die sich in unseren Augen blöd verhalten! Gerade da ist es aus meiner Sicht jedoch besonders wichtig für uns, unsere eigene Handlungsfähigkeit aufrechtzuerhalten - anstatt einzuknicken oder zurückzuschlagen.
Ich meine aber natürlich auch, dass man hier an die Wurzel gehen und ergründen sollte: Warum bringt mich dieses Verhalten so aus der Fassung? Warum ist das aus meiner Sicht "ein Arsch"? Denn das sagt ja in erster Linie was über uns aus. Jemand, der sich total dämlich verhält, könnte einem ja auch egal sein. Wenn das aber so gar nicht der Fall ist, dann steckt dahinter ein gravierender Grund. Da sind wir dann wieder bei der Psychologie.
 


changeX 01.11.2012. Alle Rechte vorbehalten, all rights reserved.

gabal

GABAL Verlag

Weitere Artikel dieses Partners

Zzzzzzzzzzz

Ein Hoch auf den Kurzschlaf - fünfeinhalb Fragen an Stefanie Demmler zum Kurzinterview

Öfter mal die Perspektive wechseln

Fünfeinhalb Fragen an Frauke Ion zum Interview

Von der Generation Y lernen

Fünfeinhalb Fragen an Martina Mangelsdorf zum Interview

Zum Buch

: 30 Minuten Arschlöcher zähmen. GABAL Verlag, Offenbach 2012, 96 Seiten, 8.90 Euro, ISBN 978-3-86936-447-6

30 Minuten Arschlöcher zähmen

Buch bestellen bei
Amazon
jpc
Managementbuch
Osiander

Autor

Winfried Kretschmer
Kretschmer

Winfried Kretschmer ist Chefredakteur und Geschäftsführer von changeX.

nach oben