Social Business 2009

Vor dem Vision Summit: ein Rückblick auf ein Jahr im Social Business. Folge 2: Getting Things Done Sustainably
Text: Annegret Nill

Das Soziale neu begreifen. Nicht als Schwamm, der Spenden und Transferleistungen aufsaugt, sondern als Aktionsfeld unternehmerischer Verantwortung: Das ist der Kern von Social Business. Das Ziel: Soziale Projekte tragen sich selbst. In Deutschland differenziert sich dieses Feld mehr und mehr aus. Annegret Nill hat für changeX die Diskussionen ein Jahr lang begleitet. Hier ihr Report.

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Juli 2009. Im selfHUB treffen sich Theoretiker und Akteure der Bewegung bei der Tagung „Social Entrepreneurship: Status Quo 2009. (Selbst-)Bild, Wirkung und Zukunftsverantwortung“. Veranstaltet wird sie von der noch recht neuen sozial-ökologischen Forschungsgruppe GETIDOS – das steht für „Getting Things Done Sustainably“ – der Universität Greifswald und des Instituts für Ökologische Wirtschaftsförderung. Die Idee: Wissenschaft und Praxis zu vernetzen und aufeinander abzustimmen, damit die Forschung am Thema im Austausch mit aktiven Social Entrepreneurs stattfindet und auf deren Wünsche und Wissensbedarf eingeht. Die Form: Am ersten Tag liefern Vorträge und Diskussionsrunden Input und es wird weitergedacht. Der zweite Tag ist dazu da, gemeinsam an Themen zu arbeiten, die die Teilnehmer selbst eingebracht haben.


Ausprobieren, und glauben, dass man die Welt verbessern kann.


Social Entrepreneur Sina Schahram-Nia legt die Arme auf den Schoß und beugt sich nach vorne. Bisher hat er den Wissenschaftlern von der Uni zugehört, die bei der Diskussionsrunde zum Thema „Typen“ über ihre Studien sprachen. Beispielsweise Markus Strauch, der die Ergebnisse seiner biografischen Forschungen vorgestellt hat. Strauch hat Social Entrepreneurs sich selbst und ihr Leben erzählen lassen. Und gibt es die typische Biografie? Nein, meint Strauch, ihre Lebensumstände seien sehr unterschiedlich. Eines aber teilen sie: eine persönliche Geschichte, in der das Thema Hybridität oder Dualität früh eine Rolle spielte – beispielsweise, weil die Eltern oder Geschwister sehr unterschiedlich waren. Der Suche nach dem Eigenen folge schließlich eine Phase, in der sich die Dualitäten langsam schließen, die Social Entrepreneurs „ihr Ding“ fänden.
Oder Thomas Martin Fojcik und Giordano Koch, die in ihrer Studie 87 Definitionen von „Social Entrepreneur“ analysiert haben. Ihr Ergebnis: Die Merkmale der Definitionen unterscheiden sich stark, sind aber alle „in Form von Ober- beziehungsweise Unterkategorien dem Kontinuum aus ‚Business Entrepreneurs‘ und sozial orientierten Einrichtungen zurechenbar“. Sie kritisieren, dass der Begriff nicht trennscharf genug ist: „Wir sehen die Gefahr, dass es Social Entrepreneurs angelastet wird, wenn Organisationen oder Akteure, die unter diesem Label laufen, Misserfolge erzielen.“
Aber ist das eine reale Gefahr? Ist Erfolg denn ein Definitionsmerkmal des Social Entrepreneur? Oder ist es nicht einfach normal, dass Social Entrepreneurs auch scheitern können, wie eine Teilnehmerin in der Diskussion anmerkt. Und: Entsteht das falsche Bild nicht eher, wenn man nur über erfolgreiche Akteure berichtet, fragt sie. Das sehen auch andere Teilnehmer so. Ist die Definition für die aktiven Entrepreneure denn überhaupt wichtig, fragt einer.


Wie schaffen wir ein Netzwerk für Social Entrepreneurs?


Das ist die Situation, als sich Social Entrepreneur Schahram-Nia nach vorne beugt – und meint, er pfeife auf Definitionen. Für ihn kommt es darauf an, zu handeln: auszuprobieren, experimentierfreudig zu sein und zu glauben, dass man die Welt verbessern kann. „Ich bin nicht an dem interessiert, was ich kann“, sagt er. Sondern an den Widerständen und den Herausforderungen: an dem, was andere aussichtslos finden. Mit Carbonnix hat Schahram-Nia eine Plattform gegründet, über die man Kohlendioxidzertifikate aufkaufen und so die Menge an erlaubtem Schadstoffausstoß reduzieren kann. Wie die meisten Social Entrepreneurs hier verdient er sein Auskommen nicht mit seiner Initiative. Sondern mit einem „Day Job“. Viele der Aktiven hier sind auch auf die eine oder andere Weise mit der Hochschule verbandelt. Thomas Leppert von Heldenrat beispielsweise promoviert zum Thema „Social Entrepreneurs. Erfolgsfaktoren in Deutschland“.
Heiß diskutiert wird beim Panel zum Thema „Impact“. Hier geht es um die Entwicklung eines „Reporting Standard für Social Entrepreneurs“ – ein Vorhaben, das Ashoka mithilfe von McKinsey bereits angepackt hat. Ein Reporting Standard kann für die Entrepreneure selbst wichtig sein. Denn er hilft ihnen herauszufinden, wie ihre Initiativen wirken. Besonders wichtig sind solche Standards aber, um Erfolge nach außen vermitteln zu können – besonders wenn es darum geht, Investoren zu finden oder zu halten. Aber ist ein Reporting Standard und die Quantifizierung von Erfolgen dabei wirklich das einzig Wichtige – oder sind „Geschichten“ ebenso wichtig und wirkungsvoll, wenn es darum geht, Gelder einzuwerben? Diese These vertreten Heather Cameron und Jasper Nicolaisen von der Freien Universität Berlin. Wer über die Methode der Erfolgsmessung bestimmt, übt auch Macht aus, geben sie zu bedenken. Und bestimmt so mit, in welche Projekte die Gelder fließen. Werden Projekte, deren Erfolge nicht so leicht in objektiven Zahlen ausgedrückt werden können, dadurch benachteiligt?
Richtig in Stimmung kommen die Teilnehmer der Tagung bei den informellen Treffen zwischen den Panels und in den Workshops am zweiten Tag. Die tannengrünen Stühle sind zu einem Dreiviertel-Oval gestellt; etwa 50 bis 60 Leute sitzen hier. Auf dem Boden in der Mitte liegt braunes Paketpapier, darauf gelbe Papierbögen und schwarze Stifte. Ein paar Teilnehmer beugen sich über das Papier am Boden und schreiben das Thema auf, über das sie in den kommenden Stunden gerne diskutieren wollen. Sie holen sich kleine Zettel mit einer Anfangszeit und einem Symbol vom Flipchart und hängen den Themenvorschlag an einen der drei Pinnwände aus paketbrauner Pappe. Über clevere Finanzierungskonzepte will einer sprechen und eine andere über Bildungsmaterialien zu Social Entrepreneurship. Schahram-Nia fragt: „Wie schaffen wir ein Netzwerk für Social Entrepreneurs?“ Die Pinnwände füllen sich, dann heißt es: Los geht’s. Während die Teilnehmer im mittleren Raum bei Kaffee und Keksen miteinander ins Gespräch kommen, werden die anderen Räume schnell umgebaut: Mit Pinnwänden werden mehrere Nischen abgetrennt, in denen sich die Themengrüppchen treffen können. Wer mag, kann auch von Gruppe zu Gruppe wechseln. Oder bei Kaffee ungestört netzwerken.

Folge 3 erscheint morgen. Das PDF erscheint mit Folge 4.


changeX 05.11.2009. Alle Rechte vorbehalten, all rights reserved.

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Annegret Nill
Nill

Annegret Nill arbeitet als freie Journalistin, Autorin und Moderatorin in Berlin. Sie schreibt als freie Autorin für changeX.

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