Social Business 2009

Vor dem Vision Summit: ein Rückblick auf ein Jahr im Social Business. Folge 3: Grameen Social Business
Text: Annegret Nill

Das Soziale neu begreifen. Nicht als Schwamm, der Spenden und Transferleistungen aufsaugt, sondern als Aktionsfeld unternehmerischer Verantwortung: Das ist der Kern von Social Business. Das Ziel: Soziale Projekte tragen sich selbst. In Deutschland differenziert sich dieses Feld mehr und mehr aus. Annegret Nill hat für changeX die Diskussionen ein Jahr lang begleitet. Hier ihr Report.

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Mai 2009. Netzwerken kann man auch im Mai bei der Session des Grameen Creative Lab im Weiterbildungszentrum der Freien Universität Berlin. Ziel der Sessions, die alle ein bis zwei Monate an unterschiedlichen Orten stattfinden, ist es, das Denken von Grameen sowie soziales Unternehmertum insgesamt als Konzept und als Möglichkeit, die Armut zu bekämpfen, bekannter zu machen, erzählt Saskia Bruysten, Direktorin des Grameen Creative Lab. Außerdem sollen sie die vielen Fragen konzentriert beantworten, mit denen Interessierte sich an das Lab wenden. Daher gibt es Sessions für „Anfänger“ und Sessions für „Fortgeschrittene“.


Grameen Social Business.


Die Berliner Session ist für Anfänger gedacht, aber auch Fortgeschrittene sind dabei. Das Publikum ist ein wenig anders als im selfHUB. Einige Teilnehmer stehen schon seit Längerem mit Hans Reitz in Kontakt, der mit seiner Agentur circ die Grameen-Idee von Muhammad Yunus in Deutschland verbreitet und das Creative Lab leitet. Sie arbeiten bei Unternehmen wie Hess Natur, Instituten wie Genisis, Business Schools wie der European School of Management and Technology GmbH (ESMT), sind Autoren oder selbst Entrepreneure. Ein paar Studierende sind auch dabei. Die meisten der Teilnehmer stehen aber fest im Berufsleben und bringen ihr Wissen mit. Hier dreht sich alles darum, den Geist von Grameen zu verbreiten. Das neue Social-Business-Denken spür- und begreifbar zu machen, indem man an konkreten Projekten arbeitet.
Zunächst aber werden Fragen auf Zettel geschrieben und gesammelt. Ein Teilnehmer zieht einen Zettel aus dem Kasten und liest vor, was da steht. Schon die erste Frage trifft direkt ins Mark des sozialen Unternehmertums, um das es hier geht. Denn Reitz lässt keinen Zweifel daran: Für Grameen ist ein sozialer Entrepreneur nur jemand, der darauf zielt, ein Unternehmen zu gründen. Ein Unternehmen, dessen alleiniger Zweck darin besteht, ein gesellschaftliches Problem zu lösen – und das sich dabei selbst finanziert. Das also keine Staatsgelder in Anspruch nimmt. Sich nicht dauerhaft von der Gunst privater Geldgeber abhängig macht, wie Stiftungen.
Grameen Social Business bedeutet einerseits, dass sich die Kosten aus den Erlösen des Unternehmens heraus refinanzieren. Es bedeutet andererseits, dass jeglicher Gewinn wieder ins Unternehmen, in den sozialen Zweck gesteckt wird – Dividenden für Investoren gibt es also nicht. Auch hier kommt die Frage auf: Wie misst man denn eigentlich die soziale Rendite eines solchen Unternehmens – also die Rendite, die sich nicht im Rückfluss von Geld messen lässt: den sozialen Wert also, den das Unternehmen schafft? Hans Reitz verweist auf das Königreich Bhutan und seinen berühmten „Happiness Index“ – ein Versuch, Wissen über die soziale Rendite eines Landes zu sammeln und darzustellen. Schnell steuert die Diskussion auf Fragen zu, wie man ein soziales Unternehmen mit Erfolg aufbauen kann. Die Antwort: Zuerst den Bedarf herausfinden, indem man danach sucht und fragt, was den Menschen in einer Region fehlt. Und: Klein anfangen, Business-Erfahrung mitbringen oder durch Mitgründer einbeziehen.


Wachsen aus Freude, nicht aus Schmerzen.


Streitpunkte gibt es auch. Beispielsweise beim Thema Netzwerkbildung: Die Grameen Community möchte soziale Entrepreneure über ihre Website verbinden. Niels Billou vom ESMT reicht das nicht aus. So würden gerade die entferntesten Gegenden, wo die Menschen Netzwerke ganz besonders brauchen, nicht erreicht, wendet er ein. Handys können dabei zwar helfen, aber ideal ist auch diese Lösung nicht. Widerspruch kommt auch beim Thema Konkurrenzkampf auf. Reitz sieht Wettbewerb als die grundlegende formgebende Kraft in der Natur. Nein, meinen einige Teilnehmer: Zusammenarbeit, Kollaboration ist die wichtigste Kraft. Einigkeit kehrt erst wieder ein, als Reitz vom Spieltrieb spricht, vom Erschaffen aus Freude: „Schmerzwachstum sollte ein Ende nehmen“, sagt er. So ist eines der Grundprinzipien von Grameen, dass der eigene Lebensgenuss die Freude anderer Menschen nicht einschränken sollte. Ein anderes Grundprinzip ist: Egal, wo man ist – man hält sich an das gesetzliche und politische Gerüst. Das bedeutet auch: Es wird niemand bestochen, niemals. Auch nicht in Ländern, wo das sonst üblich ist.
Am Nachmittag bilden sich Grüppchen, die konzentriert über tragfähige Finanzierungskonzepte für Projekte wie das geplante Grameen House in Berlin oder das hybride Sozialunternehmen San Patrignano nachdenken. San Patrignano bietet Drogenabhängigen ein Rehabilitationsprogramm und eine Ausbildung in unterschiedlichen Berufen. Eine andere Gruppe arbeitet an einer Idee namens Grameen Inkasso, die Reitz in den Raum wirft. Der Hintergrund: Kleinunternehmer, die von der Wirtschaftskrise hart getroffen werden und ihre Rechnungen nicht mehr begleichen können, werden zahlungsunfähig. Grameen Inkasso will ein faires Inkassounternehmen sein und eine Alternative zu den üblichen Dienstleistern dieser Branche bieten, die Schuldner mit schweren Zinsen belegen. Am Ende des Tages ist aus Grameen Inkasso das Unternehmen Grameen Hope geworden, das auf den Säulen Schuldnerberatung und Gründungsberatung ruht und zwischen Debitor, Kreditor und Arbeitsagentur verhandeln will. Allerdings ist Grameen Hope mit dem Ende der Session eingeschlafen. Von dem Konzept, an dem die Gruppe arbeiten wollte, hat das Creative Lab jedenfalls nichts mehr gehört.
Anders steht es mit dem Grameen House in Berlin. Mögliche Finanzierungssäulen reichen am Ende der Session von einem Gründer- über ein Weiterbildungszentrum bis zu einem Erlebnisort für Kunst und Events. Auch Filialen von bereits vorhandenen sozialen Unternehmen könnten einen Raum bekommen: „Hier soll man spüren, schmecken und erfahren können, was Social Business ist“, erläutert Doreen Friedrichs bei der Präsentation am Ende des Tages. Sie hat das Konzept auch nach der Mai-Session weiterentwickelt. Momentan verhandelt sie mit einem Unternehmen, das sich vorstellen kann, das Grameen House Berlin aufzubauen.

Folge 4 erscheint morgen. Zugleich erscheint das PDF mit allen Folgen.


changeX 06.11.2009. Alle Rechte vorbehalten, all rights reserved.

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Annegret Nill
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Annegret Nill arbeitet als freie Journalistin, Autorin und Moderatorin in Berlin. Sie schreibt als freie Autorin für changeX.

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