Von wegen alternativlos

Die 3. Alternative - das neue Buch von Stephen R. Covey
Rezension: Jost Burger

Es gibt immer eine Lösung. Nein, nicht die eigene. Auch nicht die der Gegenseite. Sondern eine dritte, die das fatale Entweder-oder überwindet. Die etwas Neues schafft und nicht bloß fauler Kompromiss ist. Um sie muss freilich gerungen werden. Stephen R. Coveys neues Buch zeigt, wie das gelingen kann.

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Viel ist in den vergangenen Jahren die Rede von der "Alternativlosigkeit" gewisser politischer Entscheidungen. Manchem Beobachter steht "alternativlos" schon für ein neues politisches Lager - das Lager jener, die Probleme scheinbar nüchtern analysieren, die einzig mögliche Lösung aufspüren und diese konsequent umsetzen. Verführerisch und Ehrfurcht einflößend, in einer Welt, die vielen zu komplex geworden ist. 

Und gefährlich, würde Stephen R. Covey vermutlich sagen. Denn es gibt immer eine Alternative. Bloß eben nicht nur meine oder die der Gegenseite - sondern Die 3. Alternative. So heißt das jüngste Buch des zu den einflussreichsten Wirtschaftsdenkern unserer Zeit zählenden Amerikaners. "So lösen wir die schwierigsten Probleme unseres Lebens", verspricht der im Juli verstorbene Bestsellerautor und Keynote Speaker im Untertitel. Und zeigt auf über 500 Seiten, wie wir in unserem persönlichen Leben, in der Arbeit oder in der Gesellschaft Lagerdenken und das Beharren auf unserer Weltsicht überwinden können, um zu Lösungen zu kommen, die alle glücklich machen.


Synergie: über den Konflikt hinauswachsen


Wobei von Lösungen eigentlich nicht die Rede ist. Covey strebt Synergie an. Sie "entsteht, wenn zwei oder mehr Menschen beschließen, ihre eigene Sicht der Dinge in den Hintergrund zu stellen, um gemeinsam ein schwieriges Problem zu lösen". Synergie ist mehr als die Lösung eines Konflikts: "Synergie bedeutet, dass wir über den Konflikt hinauswachsen und zu etwas Neuem gelangen, mit dem alle Beteiligten große Hoffnungen für die Zukunft verbinden." Womit Covey auch allen Bestrebungen eine Absage erteilt, Probleme und Konflikte mittels eines Kompromisses lösen zu wollen. Denn bei Kompromissen verlieren alle. Synergie hingegen bedeute eine Lösung, bei der "alle das Gefühl haben, das große Los gezogen zu haben".  

Das klingt nur im ersten Moment ein wenig esoterisch. Covey erinnert daran, dass die meisten unserer Konflikte ja wirklich geprägt sind von einer Wir-gegen-die-anderen-Mentalität. Klimawandelleugner gegen Klimawandelüberzeugte. Autobahnbauer gegen radikale Umweltschützer. Marktverfechter gegen Advokaten des Sozialstaates. Law-and-Order-Politiker gegen Sozialromantiker. Kind, das ein Spielzeug allein haben will, gegen Kind, das dasselbe Spielzeug auch allein haben will. Unser faules Ich gegen unser ehrgeiziges Ich. Und so weiter.  

Es ist keine flache Dualität, die Covey da aufmacht. Sondern einfach die Beschreibung der Tatsache, dass Konfliktparteien in der Regel die Welt nur innerhalb ihres eigenen Paradigmas wahrnehmen und Konfliktlösung für sie den Sieg dieses ihres eigenen Paradigmas bedeutet. Wenn wir aber ganz ehrlich mit uns sind, wissen wir ja, dass das zu nichts führt. Echte Lösung, Synergie im coveyschen Sinne, bringt nur die dritte Alternative.  

Wie man dorthin kommt? Indem man sich neue Paradigmen zulegt. Erstens: "Ich sehe mich." Sprich ich nehme mich wahr, ich nehme mich ernst, ich kenne meine Stärken und Schwächen. Zweitens: "Ich sehe dich." Auch der "Konfliktgegner" muss ernst genommen und realistisch gesehen werden. Drittens: "Ich versuche, dich zu verstehen." Wenn das indes so einfach wäre, bräuchte es Coveys Buch nicht. Dann wären wir alle freundliche Empathiemonster. So braucht es eine listige "Übersetzung", mit der Covey uns auf die Sprünge hilft: Den anderen zu verstehen heißt nicht, seinen Irrtum zu verstehen! Und zuletzt viertens: "Ich schaffe mit dir Synergie." Finde also die dritte Alternative.


Lösungen, die alle zufrieden machen


Wem das immer noch zu unklar ist: Das Buch bietet Schaubilder, Übungsseiten und Handlungsanweisungen. Wenn sich eine Gruppe unversöhnlich gegenübersteht, hilft der "talking stick" der amerikanischen Ureinwohner: Wer ihn hält, darf so lange ununterbrochen sprechen, bis er sich von allen gehört fühlt. Sodann braucht es einen Mutigen, der die Möglichkeit der dritten Alternative aufwirft. Wonach Erfolgskriterien definiert werden, "die jeder unterschreiben kann". Woraufhin Möglichkeiten skizziert werden, Dinge neu gedacht und - wenn es sein muss - Pappmodelle gebaut. So lange, bis am Ende die Synergielösung steht, die alle zufrieden macht. Und die etwas Neues darstellt.  

Wie das im wirklichen Leben aussehen kann, findet sich in zahlreichen, wunderbar erzählten Beispielen. Angefangen bei der Renaissance des Times Square in New York, wo sich die Interessen knallharter marktgläubiger Grundstückseigner mit denen vor allem am sozialen Wohlergehen und der Senkung der Kriminalität im Viertel orientierter Stadtplaner vereinbaren ließen. Herausgekommen ist ein sicherer, äußerst lebendiger Identifikationsort der New Yorker, an dem zugleich unglaublich viel Geld verdient wird. Zum Beispiel, indem die Immobilienhaie die berühmten Theater der Gegend renovierten und wieder zum Leben erweckten, weil sie nur so hübsche Steuervorteile bekamen.  

Beeindruckend in seinem nordamerikanischen Pragmatismus auch der Polizeichef der kanadischen Stadt Richmond. Statt auf Verbrechensbekämpfung mittels Verhaftung nach der Tat zu setzen, verhalf er dem Gedanken der Prävention im Hier und Jetzt (und nicht erst in 20 Jahren, wenn all die Förderprojekte für Unterprivilegierte endlich Fuß fassen) zu neuem Leben. So lässt er seine Leute nicht nur Strafzettel verteilen, sondern auch eine Art "Lobzettel". Wer etwa dabei "erwischt" wird, wie er ein kleines Kind vor einem Auto rettet, bekommt einen Gutschein für die Schwimmhalle. Geschildert am Fall eines dieser "unterprivilegierten" Jugendlichen, der sich den Zettel an die Wand gehängt haben soll - aber auf jeden Fall die Polizei nicht mehr nur als herauszufordernden Feind sehen dürfte.


Denkhürden auf dem Weg zur dritten Alternative


Welche Denkhürden auf dem Weg zur dritten Alternative zu überwinden sind, zeigt tatsächlich gerade dieses Beispiel. Wo hat man schon von solcher Art Prävention gehört? Nette Polizisten, diese Vorstellung dürfte gerade in Nordamerika vielen schon Provokation genug sein. Das Großartige an Coveys Buch ist, dass er uns immer wieder in solche Situationen führt - und anschließend demonstriert, dass es funktioniert. Wer den Paradigmenwechsel, die Suche nach der dritten Alternative in sein Leben einbauen will, findet in diesem Buch eine wahrhaft anschauliche und einprägsame Anleitung. Wer sich das nächste Mal vor einer scheinbar alternativlosen Wahl sieht, dem wünscht man es als freundliche Zwangslektüre. Und so manchem Player in Politik und Wirtschaft auch.  


changeX 26.10.2012. Alle Rechte vorbehalten, all rights reserved.

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Zum Buch

: Die 3. Alternative. So lösen wir die schwierigsten Probleme des Lebens. GABAL Verlag, Offenbach 2012, 520 Seiten, 29.90 Euro, ISBN 978-3-86936-428-5

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Jost Burger
Burger

Jost Burger ist freier Journalist in Berlin. Er schreibt als freier Mitarbeiter für changeX.

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