Team-Beschwörung

Projekt-Voodoo - das neue Buch von Bianca Fuhrmann
Rezension: Jost Burger

Techniken und Instrumente zu Projektsteuerung sind unentbehrlich. Allerdings nur, wenn sie zuallererst den Menschen im Blick haben. Was nur zu schnell vergessen wird. Ein Ratgeber rückt technokratischer Vergesslichkeit mit ein bisschen Voodoo zu Leibe.

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Es gibt zwei Sorten von Ratgebern zur Projektarbeit. Die eine beschreibt Prozesse, vermittelt Planungstools, referiert Kennzahlen- und Controllingkonzepte und wirkt oft wie das Glaubensbekenntnis DIN-genormter Auditoren. Die andere Sorte versteht Projektarbeit vor allem als Teamarbeit, die vom schwachen Wesen Mensch geleistet werden muss. Sie kapriziert sich auf Psychodynamiken, systemische Theorien, bietet Anleitungen zu Kommunikation und Teambuilding - und übertreibt es zuweilen mit dem allzu menschlichen Ansatz.  

Bianca Fuhrmanns Buch Projekt-Voodoo scheint zunächst zur zweiten Kategorie zu gehören. Sie bekennt ganz klar: Projekte stehen und fallen mit den Leuten, die sie durchführen. In ihren eigenen Worten: "In 99 Prozent der Fälle ist ‚der Mensch‘ für das Scheitern eines Projekts verantwortlich. Oder haben Sie schon mal gehört, dass eine Checkliste eine Projektkrise ausgelöst hat?"  

Wie wahr. Dennoch täte man Fuhrmann unrecht, unterstellte man ihr zu viel "Psychokram". Sicher: Man kann erwarten, dass ein Buch, das "Voodoo" im Titel führt, ordentlich menschelt. Wir wollen es aber gleich verraten: Der Mensch, und wie man ihm (als Projektleiter) beikommt, steht bei ihr im Mittelpunkt. Doch zugleich ist Projekt-Voodoo vollgepackt mit eben jenen Instrumenten, Checklisten und Tools, die es in der Projektarbeit auch braucht, und die wirken, solange sie nicht zum Selbstzweck eingesetzt werden.


Kampf gegen Zombie-Projekte


Dass der geneigte Leser beim Lesen nicht einschläft (oder vielleicht per bösem Zauber eingeschläfert wird?), dafür sorgt das "Voodoo"-Bild allerdings schon. Fuhrmann sagt, wie beim Voodoo gehe es eben auch in der Projektarbeit um Menschen. Beim Lesen drängt sich aber eher der Gedanke auf: Dieses ganze Herumgemenschele ist vielen projektgetriebenen Unternehmen so suspekt, dass sie auf Fuhrmanns Kernbotschaft vom menschlichen Faktor nur hören, wenn sie diese leicht überdreht ins Reich der (vermeintlichen?) Hexerei verlagert.  

Das tut sie aber sehr effektiv. Der erste Teil betreibt eine Art Bestandsaufnahme dessen, was in der Projektarbeit alles schiefgehen kann, und bleibt dabei konsequent im Bild. Zum Beispiel, wenn sie von "Unternehmen in Projekttrance" schreibt und das Kapitel "Besessenheit" nennt. Dahinter steckt eine scharfe Analyse der schon oft beschriebenen Sucht vieler Unternehmen, zu allem und jedem erst einmal ein Projekt ins Leben zu rufen. Und wenn dann jeder ein Projektleiter ist, macht keiner mehr die Arbeit. Schon gar nicht werden die Projekte zu Ende geführt.  

Ganz handfest zeigt Fuhrmann dann auf, wie aus dieser verfahrenen Situation herauszukommen ist. Etwa, indem sie Methoden zur Entscheidungsfindung beschreibt. Erläutert, was eine SWOT-Analyse nutzt. Wie wichtig es ist, in einem Unternehmen einmal schonungslos alle größeren und kleineren Rollen zu hinterfragen, um sinnlose oder falsche Verantwortlichkeiten ermitteln und eliminieren zu können. Man liest das gern und leicht. Ganz ehrlich: Kämpfen wir nicht viel lieber gegen "Zombie-Projekte" - endlich schreibt mal jemand auf, was schon lange mündlicher Sprachgebrauch ist! -, als uns um "negative Effizienzquotienten" und Ähnliches zu kümmern?


Voodoo mit Methode


Im zweiten Teil geht es um die Projekt-Voodoo-Methode an sich. Fast en passant werden die wichtigsten psychologischen Konzepte vorgestellt, mit denen Menschen dem Faktor Mensch in der Arbeitswelt beizukommen versuchen - von der Rolle des Stammhirns bei Entscheidungen über Motivationstreiber bis emotionale Intelligenz. Und das Sinnbild des ganzen Zaubers läuft zur Höchstform auf - die Projekt-Voodoo-Puppe. Unschätzbares Instrument um, nein, nicht um unliebsame Mitarbeiter loszuwerden. Sondern um die Kräfte der Intuition (der Mensch steht im Mittelpunkt!) einmal so richtig zu entfesseln. Etwa, um ein verfahrenes Projekt wieder flottzukriegen.  

Bei der Beurteilung der Situation hilft dann, wenn sich der Projektleiter ganz wörtlich die "neuralgischen Punkte" der Projekt-Voodoo-Puppe vorstellt. Wie geht’s zum Beispiel der Region um Hals, Brust und Herz? Dümpelt das Projekt vor sich hin und droht zu ersticken? Das kann an unklaren Zieldefinitionen liegen oder an den falschen Entscheidungsmechanismen. Schnürt da was die Luft zum Atmen ab, ist das Herz so schwer? Vielleicht schwelen lähmende Konflikte, und der Projektleiter sollte sich mehr um sein Team kümmern - etwa durch klare und wertschätzende Kommunikation oder öfters mal dem Prinzip "management by walking around" folgend.


Die entscheidenden Teile der Zeremonie


Im dritten und letzten Teil geht es ebenso handfest weiter, mit einem riesigen Instrumentenkoffer für Projektleiter, die ihr Team und ihr Projekt erfolgreich managen wollen. Teambuilding-Prozesse und Projektverlaufsplanungen etwa laufen hier unter der Überschrift "Beschwören: Alle ziehen an einem Strang". Kreativitätstechniken und Problemlösungsstrategien dagegen werden unter "Hexen: mit Querdenken und Inspiration zum Ziel" verbucht.  

Aber Achtung: Leichte Kost ist das alles nicht. Das Anrufen diverser Voodoo-Geister liefert ein griffiges und gut zugängliches Paradigma. Doch wie bei einer Geisterbeschwörung gilt es, gut aufzupassen und mit wachen Sinnen dem Geschehen zu folgen, sonst verpasst man die entscheidenden Teile der Zeremonie - hier in Gestalt der dichten und auf den Punkt gebrachten Informationen, Anleitungen und Merksätze. Ein tolles Buch für angehende und erfahrene Projektleiter, die ihr Handwerk kennen - aber letztlich wissen, dass wir eben nur Menschen sind. Und das zählt am Ende in der Projektarbeit. Ist doch eine zauberhafte Einsicht.  


Zitate


"In 99 Prozent der Fälle ist ‚der Mensch‘ für das Scheitern eines Projekts verantwortlich. Oder haben Sie schon mal gehört, dass eine Checkliste eine Projektkrise ausgelöst hat?" Bianca Fuhrmann: Projekt-Voodoo

 

changeX 03.09.2013. Alle Rechte vorbehalten, all rights reserved.

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Zum Buch

: Projekt-Voodoo. Wie Sie die Tücken des Projektalltags meistern und selbst verfahrene Projekte in Erfolge verwandeln. GABAL Verlag, Offenbach 2013, 256 Seiten, 29.90 Euro, ISBN 978-3-86936-515-2

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Jost Burger
Burger

Jost Burger ist freier Journalist in Berlin. Er schreibt als freier Mitarbeiter für changeX.

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