Eine neue Realität

Unsere Welt neu denken - eine Einladung von Maja Göpel
Rezension: Hans Holzinger, Winfried Kretschmer

Ändere die Sicht auf die Welt, und es verändert sich die Welt. Das ist der Kerngedanke eines Buches, das einlädt, die Welt neu zu denken. Und neu denken, das heißt vor allem, die neue Realität anzuerkennen: Wir leben nicht mehr in einer leeren Welt, sondern in einer vollen Welt, in der die Ressourcen beschränkt sind. Das verlangt, Wohlstand und Fortschritt neu zu bestimmen.

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"Mit unserer Sprache und ihren Begriffen drücken wir aus, was wir erreichen wollen und worauf wir achten. Ein Konzept oder eine Theorie zu entwickeln heißt deshalb auch, Grenzen des Denkens abzustecken." Oder kürzer gesagt: "Ändere die Sicht auf die Welt, und es verändert sich die Welt." 

Damit bringt Maja Göpel auf den Punkt, worum es ihr in diesem Buch geht. Gewohnte Denkschablonen verlassen, scheinbar unumstößliche Modelle und Weltsichten hinterfragen, neue Perspektiven eröffnen, Themen aus neuen Blickwinkeln betrachten und - insbesondere - genau hinschauen und uns dem Ernst der Lage stellen, so könnte man die Aufforderung der Nachhaltigkeitsforscherin zusammenfassen. 

Einer breiteren Öffentlichkeit bekannt geworden ist Maja Göpel, als sie im März 2019 vor der Bundespressekonferenz die Initiative Scientists for Future vorgestellt hat. Als Generalsekretärin des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU) ist die 1976 geborene Politikökonomin, die zuvor beim World Future Council und am Wuppertal-Institut beschäftigt war, eine der renommiertesten Klimaexperten in Deutschland.


Eine neue Realität


Gleichwohl ist sie keine Natur-, sondern eine Gesellschaftswissenschaftlerin mit Schwerpunkt gesellschaftliche Transformation. Ihr besonderes Augenmerk gilt den großen verbindenden Leitbildern, die den Möglichkeitsraum für die Entwicklung von Gesellschaften abstecken und (im Rückblick) diese erst verständlich machen. Mit Blick auf die Zukunft braucht es ein solches Leitbild, wenn die Entwicklung einer Gesellschaft sich nicht im Blindflug vollziehen soll. 

Das ist das Thema von Maja Göpels erstem populären Sachbuch, mit dem ihr gleich ein großer Wurf gelungen ist. Unaufgeregt, aber mit klarer Haltung und einem sicheren Gespür für die großen Entwicklungslinien und eindrücklichen Bilder erklärt sie den Wandel der Welt, die, so ihre These, heute in einer neuen Realität angekommen ist. Das Verhältnis von Mensch und Natur habe sich grundlegend geändert, so Göpel in Anlehnung an ein Bild des Ökonomen Herman Daly: Wir lebten nicht mehr in einer "leeren Welt", die unserer Expansion offensteht, sondern in einer "vollen Welt", in der Ressourcen und Entwicklungsmöglichkeiten beschränkt sind: "Das ist eine neue Realität." Diese neue Realität anzuerkennen bedeutet, dass unsere Gesellschaften ihr Verständnis von Wohlstand und Fortschritt neu verhandeln müssen. Und zwar in einer Weise, die nicht ein Prinzip absolut setzt (siehe Wachstum), nicht das eine gegen das andere ausspielt (Ökologie gehen Soziales), sondern verbindet, was bisher getrennt gedacht wurde.


Umweltfragen = Verteilungsfragen = Gerechtigkeitsfragen


In den zehn Kapiteln ihres Buches lädt Göpel ein, Dinge anders zu sehen und Erkenntnisse der Wissenschaften transdisziplinär zu nutzen. Das beginnt beim Erkennen des Ernsts der Lage: "Die Auszehrung der Natur ist zum Dauerzustand geworden." Es setzt sich fort bei unserem Blick auf Fortschritt: "Das, was wir modernen Fortschritt nennen, ist im Prinzip nichts anderes als Ausbreiten und Ausbeuten." Sowie bei der Absolutierung von Geld und Wachstum unter Ausblendung der ökologischen Schäden respektive der trügerischen Hoffnung auf mehr Effizienz und grüne Technologien: "Wirtschaftswachstum in seiner heutigen Form heißt Klimawandel. Und mehr Wirtschaftswachstum heißt noch mehr Klimawandel." Und es führt schließlich zu grundlegenden Fragen wie Lebensqualität oder Gerechtigkeit: "Wenn der Kuchen nicht immer größer werden kann, stellt sich automatisch die Frage, wie er zu verteilen ist." Der Losung der UN-Nachhaltigkeitsziele "Niemanden zurücklassen" stellt Göpel im Umkehrschluss entgegen "Niemanden davonziehen lassen". Für sie ist der Schlüssel Gerechtigkeit. Denn "Umweltfragen sind immer Verteilungsfragen, und Verteilungsfragen sind immer Gerechtigkeitsfragen." 

Die Autorin ist eine exzellente Kommunikatorin. Sie versteht es, Geschichten zu erzählen, etwa über den CO2-Ausstoß der fünf reichsten Weltbürger oder die Kurven der Treibhausgasemissionen. Sie erklärt Forschungsergebnisse auf spannende Weise - wie etwa das Easterlin-Paradox, das besagt, dass Menschen ab einem bestimmten Wohlstandsniveau nicht mehr glücklicher werden; oder die Erkenntnis, dass sich materialistische Werte spiegelverkehrt zu sozialen und umweltorientierten Werten verhalten. Und Göpel zitiert Ökonominnen und Ökonomen, die neue Sichtweisen einbringen, zum Beispiel Mariana Mazzucato. Die Wirtschaftswissenschaftlerin nimmt eine Unterscheidung von Preis und Wert vor, die in der Mainstream-Ökonomie sowie den BIP-Rechnungen gleichgesetzt werden: "Der Preis ist der Wert." Wirtschaftlich erfolgreich ist demnach, was in Geldwerten höher bewertet wird - unabhängig von der tatsächlichen ökonomischen Wertschöpfung und davon, was gesellschaftlich als wünschenswert gilt.


Hin zum Lernen ganzer Gesellschaften


Göpel verwendet neue Begriffe, wenn sie der "Wertschöpfung" die "Schadschöpfung" gegenüberstellt und Verzicht in einem anderen Licht betrachtet: "Ich kann nur auf etwas verzichten, das mir nach Lage der Dinge zusteht. Der Wohlstand, in dem die westliche Welt lebt und an dem sich viele Entwicklungsländer orientieren, hätte nach den Regeln der Nachhaltigkeit aber gar nicht erst entstehen dürfen." Und sie wendet sich mit verblüffenden Fakten direkt an ihre Leserinnen und Leser: "Wussten Sie, dass die Hälfte des Kohlendioxids, für das die Menschheit verantwortlich ist, in den vergangenen dreißig Jahren ausgestoßen wurde?" Oder wenn sie vorrechnet, dass die Natur dem Menschen 125 bis 145 Billionen Dollar pro Jahr an Dienstleistungen erbrachte -"das ist deutlich mehr als das gesamte Bruttoinlandsprodukt der Welt." Es sei daher infam, bei Umweltschäden von externen Kosten zu sprechen, da diese direkt auf unsere Lebensbedingungen zurückwirken. 

Göpel listet auch Vorschläge auf, was zu tun sei, und wie das Umsteuern gelingen könnte, etwa durch die Neubewertung von wirtschaftlichem Erfolg, durch ein Umsteuern mittels Ökosteuern, die Einrichtung von Ökofonds und anderes mehr. Göpels zentrales Anliegen ist es allerdings, wachzurütteln: "Weiterzumachen wie bisher ist keine Option, weil es zu radikalen und wenig einladenden Konsequenzen führt. Denn auch wenn wir gar nichts ändern, verändert sich viel - nur nicht zum Guten." 

Jene Ernsthaftigkeit möchte das Buch vermitteln. Und den Blick weiten vom "Lernen Einzelner" hin zum "Lernen ganzer Gesellschaften". Dies erfordert auch das Verlernen so mancher Sichtweisen und Überzeugungen. Die Coronaviruskrise könnte der Anlass sein, der uns unsere Prioritäten neu setzen und den Paradigmenwechsel einleiten lässt. 

Diese Rezension verschränkt die in proZukunft erschienene Rezension (von Hans Holzinger) mit der auf changeX publizierten Kurzrezension (von Winfried Kretschmer) zu einem Text. 


Zitate


"Mit unserer Sprache und ihren Begriffen drücken wir aus, was wir erreichen wollen und worauf wir achten. Ein Konzept oder eine Theorie zu entwickeln heißt deshalb auch, Grenzen des Denkens abzustecken." Maja Göpel: Unsere Welt neu denken

"Ändere die Sicht auf die Welt, und es verändert sich die Welt." Maja Göpel: Unsere Welt neu denken

"Will die Menschheit nicht ihren eigenen Zusammenbruch herbeiführen, muss sie lernen, in einer vollen Welt zu wirtschaften, auf einem einzigen Planeten, mit begrenzten Ressourcen. Das ist eine neue Realität." Maja Göpel: Unsere Welt neu denken

"Der Schaden, den wir wissentlich angerichtet haben, ist inzwischen genauso groß wie der, den die Menschheit entstehen ließ, als wir noch nicht wussten, was wir taten." Maja Göpel: Unsere Welt neu denken

"Wussten Sie, dass die Hälfte des Kohlendioxids, für das die Menschheit verantwortlich ist, in den vergangenen dreißig Jahren ausgestoßen wurde?" Maja Göpel: Unsere Welt neu denken

"Wirtschaftswachstum in seiner heutigen Form heißt Klimawandel. Und mehr Wirtschaftswachstum heißt noch mehr Klimawandel." Maja Göpel: Unsere Welt neu denken

"Umweltfragen sind immer Verteilungsfragen, und Verteilungsfragen sind immer Gerechtigkeitsfragen." Maja Göpel: Unsere Welt neu denken

 

changeX 03.07.2020. Alle Rechte vorbehalten, all rights reserved.

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Quellenangaben

Zum Buch

: Unsere Welt neu denken. Eine Einladung. Ullstein Verlag, Berlin 2020, 208 Seiten, 17.99 Euro (D), ISBN 978-3-550200793

Unsere Welt neu denken

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Autor

Hans Holzinger
Holzinger

Hans Holzinger ist Mitarbeiter der Robert-Jungk-Bibliothek für Zukunftsfragen in Salzburg. Die Robert-Jungk-Bibliothek für Zukunftsfragen (JBZ) versteht sich als Einrichtung einer kritischen und kreativen Zukunftsforschung. Nach der Stiftungserklärung Robert Jungks ist es ihr Auftrag, "mögliche, wahrscheinliche, gewünschte oder unerwünschte Zukünfte" in den Blick zu nehmen und der interessierten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Engagiert in den Bereichen Bildung, Wissenschaft und Kultur und dabei regional, national und international aktiv, sind Zukunftsorientierung, Interdisziplinarität und Unabhängigkeit im Sinne der Prinzipien Robert Jungks für sie von zentraler Bedeutung. Die JBZ publiziert das vierteljährlich erscheinende Magazin proZukunft, das sich als Radar für zukunftsrelevante Publikationen versteht, und organisiert Veranstaltungen und Tagungen.

Autor

Winfried Kretschmer
Kretschmer

Winfried Kretschmer ist Chefredakteur und Geschäftsführer von changeX.

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