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Die Dinos von heute

Die Zeit der Macher ist vorbei - das neue Buch von Boris Grundl
Rezension: Anja Dilk

Sie sind die Dinosaurier heute: Führungskräfte, die zentral, hierarchisch, paternalistisch und autoritär durchregieren, die Macher. Denn das 21. Jahrhundert stellt radikal neue Anforderungen an Führung. Es verlangt Menschenentwickler, die inspirieren, moderieren, die herausfordern, die Mut machen, die unterstützen, die dienen. Leute, die Autorität haben, statt autoritär zu sein. Boris Grundl umreißt das neue Führungsverständnis. Pflichtlektüre für alle, die einen Wandel in der Führungskultur anstoßen wollen.

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Die Besetzung in einem Kinofilm wäre eine klare Sache: untersetzter Mann um die 50, kurzer Hals, runder Kopf, breites Kinn, breite Hände, kräftige Finger. Die Stimme laut, die Augen ernst, die Haltung aufrecht, der Körper stets unter Spannung. Nichts geht ihm schnell genug, alle treibt er an, sich selbst am meisten. Er redet wenig, aber auf den Punkt. Kurze Hauptsätze. Er nutzt seine Zeit, um sein Ziel zu erreichen, und setzt sich dann sofort ein neues Ziel. Taten statt Worte. Geht nicht gibt’s nicht. Machen statt jammern. Machertypen sind Storylenker in jedem Actionfilm. Charisma, Autorität, Hochstatus sind ihnen in die Wiege gelegt. Voller Respekt schauen die Nebendarsteller zu ihnen auf.  

In der realen Welt ist es nicht anders. Sie bauten die Eisenbahn und die Freiheitsstatue. Sie erfanden das Auto und flogen zum Mond. Sie führten Kriege und sorgten für das Wirtschaftswunder. Sie gründen Weltunternehmen und zocken an der Wall Street. Die Macher dieser Welt sind die Helden unserer Zivilisation. Menschen, die mit nichts als Mut und Klugheit die Welt retten oder aus nichts als einer Idee ein Imperium aufbauen. Krupp, Daimler, Jobs. Die Macher machen, und alle staunen, wie sie das wieder hinbekommen haben.


Macher sind nicht mehr zeitgemäß


Und doch: Die Zeit der Macher ist vorbei. Glaubt Boris Grundl. Die Welt ist zu komplex, zu dynamisch geworden. "Das 21. Jahrhundert stellt radikal neue Anforderungen an die Menschen ... Globalisierung, Technisierung, Dynamik, Vernetzung, Komplexität", schreibt der Business-Coach in seinem so betitelten neuen Buch. "Ein Unternehmen, das allein auf die Kreativität und Initiative eines einzigen Menschen oder nur weniger setzt ... hat heute keine Aussichten mehr, im Wettbewerb zu bestehen."  

Das begründet Grundl mit einer detaillierten Analyse. Macher sind nicht mehr zeitgemäß, weil ihre Prinzipien nicht mehr zu den Anforderungen unserer Zeit passen. Machersysteme sind zentral, hierarchisch und auf Wachstum fixiert, paternalistisch und autoritär. Macher setzen auf Wachstum und ziehen automatisch Wachstum an. Sobald man einem Macher die Verantwortung überlässt, greift er danach, und seine zunehmende Stärke zieht weitere Verantwortung nach sich. In Boom- und Krisenzeiten sind Macher unersetzlich, anpackend stürmen sie voran und tun, während andere zaudern. Davon profitieren alle, deshalb sind Macher so gefragt und so erfolgreich. Doch wir zahlen einen Preis. Denn Macher schauen nur auf sich, wollen stets die Nummer eins sein und, gierig nach Anerkennung, jeden Erfolg für sich verbuchen. Der Macher will machen, und die anderen stören dabei nur, es sei denn, sie sind seine Anhänger. Macher geben den Ton an und erwarten Gefolgschaft.  

Und genau das ist das Problem, argumentiert der Managementprofi. "Eine Gesellschaft, die von Machern geprägt ist, hat eine kleine Oberschicht und ein großes Ameisenheer der arbeitenden Unterschicht", analysiert Grundl. "Ja, die Macher bauen etwas auf, kümmern sich um die Leute, geben ihnen Lohn und Brot. Sie tun etwas für die Gesellschaft. Aber sie ziehen zu viele Nährstoffe und ein Übermaß an Wasser aus der Umgebung an sich, um groß und stark zu werden und eine riesige schattige Krone auszubilden, während in ihrem Umfeld alles verdorrt." Macher machen die Menschen in ihrem Umfeld unselbständig, abhängig, schwach. Eine Machergesellschaft ist eine Abhängigkeitsgesellschaft. Eine solche Gesellschaft hat keine Zukunft mehr.  

Denn die Welt will sich nicht mehr vorschreiben lassen, wie sie sich verhalten soll, glaubt Grundl. In der global vernetzten Gesellschaft möchten Menschen mitdenken, mitentscheiden, nicht mehr einfach versorgt werden. Das alte Prinzip Leitwolf und Rudel zieht nicht mehr. Drogeriekönig Anton Schlecker, Pharmagigant Adolf Merckle - blind für die neue Welt fuhren sie ihre Imperien gegen die Wand. Neue Prinzipien und neue Vorbilder sind gefragt. Aber welche?


Systeme, die zum Mitdenken zwingen


Sicher ist: Auch die Antipoden der Macher sind nicht die Richtigen für die neue Zeit. "Führungslose", nennt sie Grundl. Und meint damit jene "Gesinnungsoppositionellen", die dem Macher meckernd folgen, aber selbst nichts auf die Beine bekommen. Die mit dem moralischen Zeigefinger auf die Macher zeigen, auf "die da oben", aber selbst tatenlos zusehen oder opportunistisch mitschwimmen. Die sich stets benachteiligt sehen und aus einem "Lebensgefühl der Ohnmacht heraus" dagegen sind. Die kritisieren, statt zu tun. Die verhindern, statt Verantwortung zu übernehmen. Und dabei, natürlich, stets auf der Seite der Guten stehen. "Beide Seiten irren in ihrem Absolutheitsanspruch. Die Macher, die glauben, sie könnten alles allein, enden einsam und verbittert. Die Führungslosen, die glauben, dass die Welt ein besserer Ort wird, sobald man einen Geldsack um sein Vermögen gebracht hat, enden arm und desillusioniert. ... Beide Perspektiven sind Ausprägungen derselben Egozentrik, einmal offen und einmal verdeckt. ... Beide schaffen es nicht, über den Tellerrand ihrer eigenen Weltanschauung zu blicken. Ihre Weltanschauung ist zu klein - die Realität ist viel größer." Sie bewegt sich in eine neue Richtung.  

Für Grundl, selbst ein Mensch mit bekennend großen Macheranteilen, ist diese Richtung klar: Die Reise geht zu Systemen, die zum Mitdenken zwingen. "Diese neuen, modernen Systeme haben immer etwas mit Selbstverantwortung, Selbstorganisation, Dezentralität, Freiheit und Machtverzicht zu tun." Das niederländische Drachten etwa macht es vor: Konsequent ließ die Stadt alle Verkehrsschilder, Ampeln und Fahrbahnmarkierungen entfernen, es gilt nur noch Tempo 30 und rechts vor links. Seitdem ist die Zahl der Unfälle radikal zurückgegangen. Den Menschen etwas zutrauen, ihre Verantwortung einfordern, das funktioniert. In Unternehmen ist es nicht anders.


Menschenentwickler: die Akteure der neuen Ära


Grundl hat ausgemacht, wer dieses Potenzial in der Wirtschaft bergen soll: Bosse, die weder Macher noch nörgelnde Gutmenschen sind, sondern "Menschenentwickler". Diese "Akteure der neuen Ära" sind selbstbewusst, bescheiden, inspirierend, integer; klar in der Position und doch offen für andere Ideen; bereit, den Mitarbeitern zu vertrauen und sie eigenverantwortlich machen zu lassen. Führungskräfte also, die Fragen stellen, statt Anweisungen zu erteilen, Respekt zeigen, statt niederzumachen, den Blick fürs Ganze haben, statt nur an den eigenen Erfolg zu denken. Chefs, die inspirierend sind und das Beste aus anderen herausholen, wie der Lehrer im Kinoklassiker Der Club der toten Dichter, der so grandios seinen Schülern hilft, das zu werden, was sie sein können. Solche Führungskräfte "behandeln die Menschen, für die sie Verantwortung übernommen haben, gerecht, also ungleich: jeden anders. Den einen lassen sie in Ruhe, den anderen weisen sie zurecht, den Nächsten fordern sie heraus", beschreibt Grundl. "Sie sagen ihren Meisterschülern nicht, was sie als Nächstes tun sollen, sondern sie versetzen sie in die Lage, den nächsten Schritt allein zu tun. Sie nehmen ihnen nichts ab. Sie lassen sie sich entwickeln." Dafür brauchen sie nur zweierlei: Vertrauen und Autorität. Aber es ist eine bescheidene, ruhige Autorität, die nicht sich selbst in den Mittelpunkt stellt, sondern fragt: "Was kann ich geben? Was haben andere davon, dass es mich gibt? Was ist für diese Menschen die nächste Stufe der Entwicklung? ... Wie kann ich andere groß machen?"  

Die Bosse dieser neuen Zeit inspirieren. Sie stellen infrage, statt zu regeln. Sie analysieren, statt zu kommandieren. Sie sagen Ja zu weniger Dingen, aber dafür konsequenter und entschlossener. Sie sagen zu mehr Dingen Nein, weil sie sich auf das Wesentliche fokussieren. Sie haben echtes Interesse an ihren Mitarbeitern, sind emphatisch. Sie denken auch sozial statt in erster Linie renditeorientiert. Sie wollen nicht um jeden Preis siegen, sondern weiterkommen. Die Menschenentwickler übernehmen Verantwortung, aber lassen die anderen erst mal alleine machen. Und sie wissen: Als Motor der Transformation muss ich bei mir selbst anfangen und mich weiterentwickeln. Was sind meine Motive, Ängste, Blockaden? Wie kann ich mich dank dieser Erkenntnis weiterentwickeln? Wie kann ich andere auf diesen Weg führen? Den Verkäufer etwa, der sich nicht traut, die Abschlussfragen ehrlich zu stellen, weil er vor dem Kunden gut dastehen möchte. Oder den Manager, der wie ein Getriebener arbeitet, weil er Angst hat, als Verlierer dazustehen?


Es weht ein neuer Wind


Dass solche Führungskräfte, solche Menschenentwickler den Alltag in Unternehmen und Gesellschaft noch lange nicht prägen, weiß Boris Grundl natürlich sehr gut. Doch die Zeichen der Transformation seien bereits an vielen Ecken erkennbar. So sorgt etwa der Spruch "Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser" in Managerkreisen heute nicht mehr automatisch für Zustimmung. "Vertrauen ist gut, Kontrolle auch", heißt es stattdessen. "Es weht ein neuer Wind. Es ist nicht mehr so, dass nur der Sieg zählt", so Grundl. "Die Zeit der Inspiratoren ist gekommen ... eine Zeit, in der wir alle danach streben, die Besten zu werden, die wir sein könnten."  

Nach seinem Bestseller Diktatur der Gutmenschen ist Boris Grundl wieder ein überzeugender Coup gelungen, der sich wegliest wie ein guter Schluck Rotwein. Gerade weil sich der Autor vor gefälligen Pauschalisierungen hütet und die Macher nicht kategorisch in die Wüste schickt, sondern wertschätzend analysiert. Eine Pflichtlektüre für all jene, die einen Wandel in der Führungskultur anstoßen wollen.  


Zitate


"Die Realität ... bewegt sich in eine neue Richtung. Die Reise geht zu Systemen, die zum Mitdenken zwingen." Anja Dilk, Rezension Boris Grundl: Die Zeit der Macher ist vorbei

"Macher machen die Menschen in ihrem Umfeld unselbständig, abhängig, schwach." Anja Dilk, Rezension Boris Grundl: Die Zeit der Macher ist vorbei

 

changeX 12.10.2012. Alle Rechte vorbehalten, all rights reserved.

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: Die Zeit der Macher ist vorbei. Warum wir neue Vorbilder brauchen. Econ Verlag, Berlin 2012, 304 Seiten, ISBN 978-3-430201407

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Osiander

Autorin

Anja Dilk
Dilk

Anja Dilk ist Berliner Korrespondentin, Autorin und Redakteurin bei changeX.

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