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Pfeil der Komplexität

Wachstum geht anders - das furiose Buch von César Hidalgo
Rezension: Winfried Kretschmer

Im ganzen Universum nimmt die Unordnung stetig zu. Die Entropie wächst. Doch auf unserer Erde ist es anders. Hier wächst die Ordnung unaufhörlich, in der Biosphäre ebenso wie in Wirtschaft und Gesellschaft. Das ist der Pfeil der Komplexität: Das Wachstum von Information erweist sich als grundlegendes Prinzip des Lebens wie der Ökonomie. Anlass, die ökonomische Lehre neu zu begründen. Ein Physiker macht sich dran.

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Es gibt nur wenige Bücher, von denen man sagen kann, dass sie einen wirklich ganz, ganz großen Wurf darstellen. Dieses ist eines davon: Wachstum geht anders von César Hidalgo. Denn es stellt einen Zusammenhang her, der schlicht atemberaubend ist. Der chilenischstämmige MIT-Professor beschreibt das Wachstum von Information als ein fundamentales Grundprinzip unserer Welt, das das Physikalische und Biologische ebenso wie das Gesellschaftliche und Ökonomische bestimmt. Mit dieser Idee verbindet Hidalgo die Entstehung von Leben mit dem Wachstum von Volkswirtschaften und die Entstehung von Komplexität mit den Ursprüngen des Wohlstands. Sein Buch endet mit dem Entwurf einer Theorie wirtschaftlicher Komplexität. Und es beginnt beim Universum, seiner Entstehung und seiner Entwicklung.  

Es beginnt mit einem Paradox: Während im auseinanderstrebenden Universum die Entropie zunimmt, beobachten wir zugleich, wie sich überall um uns herum Ordnung verstärkt, in der Natur ebenso wie in den von Menschen geschaffenen Systemen. Während also das Universum seit dem Urknall unaufhaltsam größtmöglicher Unordnung entgegenstrebt, hat es "doch zugleich Nischen produziert, in denen riesige Mengen physikalischer Ordnung - oder Information - konzentriert sind", schreibt Hidalgo.  

Information ist das verbindende Element. Hidalgos Idee ist es, die Geschichte des Universums nicht auf den Zeitpfeil zu fokussieren, sondern auf den "Pfeil der Komplexität": das Wachstum von Information. Sein Ziel ist es, "Brücken zwischen den physikalischen, biologischen, sozialen und ökonomischen Faktoren zu bauen". Und nicht zuletzt: auf der Basis von Information die Ökonomie neu zu begründen.


Wohlstand ist Wissen


War da nicht was? Richtig: Das hat vor einigen Jahren schon Eric D. Beinhocker versucht. Seine These aus seinem Buch Die Entstehung des Wohlstands (2007): "Der Ursprung des Wohlstands ist Wissen." Oder anders formuliert: "Wohlstand ist Wissen, und sein Ursprung ist Evolution." Die biologische ebenso wie die ökonomische Evolution, so Beinhocker, produzieren Ordnung und sind damit der natürlichen Entropie entgegengerichtet. Diese Ordnung besteht aus Information: Es sind Baupläne, die sich vervielfältigen lassen. Das war bahnbrechend. Beinhockers Werk begründete das Paradigma der Komplexitätsökonomik und formulierte eine ganz neue Sicht auf die Wirtschaft. Aber es ließ auch Fragen offen. Wenn Wohlstand Wissen ist, welche Rolle spielen dann die anderen, klassischen Produktionsfaktoren? Und was ist grundlegend für die Theorie, Wissen oder Evolution?  

César Hidalgo geht das Problem nun mit der analytischen Schärfe des Physikers an. Er rückt die Information, genauer: deren Wachstum, in den Mittelpunkt der Theorie. Aber in einem anderen Verständnis: Information nicht als das Ätherische, Immaterielle, Flüchtige, Digitale wie im allgemeinen Sprachgebrauch. Sondern "Information ist physikalisch", sagt Hidalgo: Information ist immer physikalisch verkörpert, umgekehrt ist jede Form physikalischer Ordnung Information. Nicht nur Nachrichten, sondern die allermeisten Dinge bestehen aus Information, betont Hidalgo. So ist auch jedes Produkt menschlichen Schaffens geronnene Information, von der Steinaxt bis zum Computer. Warum? Jedes menschliche Artefakt, also jedes durch menschliches Können geschaffene Ding, besteht aus in eine bestimmte Anordnung gebrachten Atomen. Diese Anordnung ist Information, ebenso wie das Wissen, wie diese Anordnung herzustellen ist, Information ist.


Produkte sind Imaginationskristalle


Hidalgo hat ein schönes Beispiel gefunden, um das zu verdeutlichen. Irgendwo hat er von dem teuersten Auto der Welt gelesen, einem Bugatti Veyron, Preis 2,5 Millionen US-Dollar. Und konstruiert daraus ein Gedankenexperiment: Angenommen, Sie hätten dieses Auto in der Lotterie gewonnen. Sie starten zu einer Probefahrt - und setzen den Schlitten mit Karacho gegen die nächste Wand. Totalschaden. Das Fahrzeug hat nur noch Schrottwert. Was ist passiert? Das Gesamtgewicht des Schrotthaufens entspricht dem des Neufahrzeugs. Auch die Anzahl der Atome ist gleich geblieben (abgesehen von den paar wenigen vielleicht, die an der Mauer hängen geblieben sind). "Wohin also ist der Wert verschwunden?", fragt Hidalgo. Seine Antwort: Was sich verändert hat, ist die Anordnung der Atome. Ihre ganz spezifische, auf reibungslose Funktion, hochgradige Effizienz und überzeugende Ästhetik abgestimmte Struktur ist zerstört. Demoliert ist die Information. Die Information, die der Materie eine bestimmte Form gegeben hat.  

Hidalgo führt dieses Argument noch einen Schritt weiter: Artefakte sind für ihn "kristallisierte Imagination". Es ist eine einzigartige Fähigkeit des Menschen, sich Gegenstände vorzustellen, die eine bestimmte Funktion erfüllen, die es aber noch nicht gibt - außer in der Imagination dieses einen schöpferisch denkenden Menschen. Produkte sind "Imaginationskristalle": Sie verkörpern nicht nur Informationen, sondern auch Vorstellungskraft. "Wir kristallisieren Imagination, um Kopien unserer Gedanken zu schaffen und sie mit anderen Menschen zu teilen." Ökonomie ist damit ein System, "mittels dessen Menschen Information zum Wachsen bringen".


Wachstum von Information


Schritt für Schritt baut Hidalgo seine Theorie auf: Weil die Fähigkeit eines Menschen, Information zu speichern und zu verarbeiten, begrenzt ist (Hidalgo nennt diesen Grenzwert "Personbyte"), müssen Menschen kooperieren. Und weil auch die Informationsverarbeitungskapazität von Firmen begrenzt ist ("Firmbyte"), schließen sich Firmen in Netzwerken zusammen. Die Akkumulation großer Mengen Wissen und Know-how erfordert eine stetige Weiterentwicklung der Netzwerke, die dieses Wissen und Know-how verkörpern. Beides ist schwierig. Denn es erfordert Vertrauen. Wie sich Netzwerke bilden und wie sie funktionieren, erläutert der Autor ausführlich vor allem in Anschluss an die Arbeiten von Mark Granovetter.  

Und er liefert auch eine Neuinterpretation der klassischen Produktionsfaktoren vor dem Hintergrund von Information als grundlegendem Prinzip. Sachkapital lässt sich demnach verstehen als "physikalische Verkörperung von Information", Humankapital ist "der Vorrat einer Gesellschaft an dem in ihren Individuen verkörperten Wissen und Know-how", Sozialkapital schließlich die Fähigkeit, Netzwerke zu schaffen, um die begrenzten Speicher- und Verarbeitungskapazitäten für Information zu überwinden. Das Ziel: Wachstum von Information.


Ökonomische Komplexität


Entscheidend aber ist Hidalgos Ansatz, "das Wachstum von Wirtschaftssystemen als Folge von etwas wesentlich Grundlegenderem zu verstehen: dem Wachstum von Information". Die Leistungskraft von Volkswirtschaften hängt dann davon ab, wie gut sie diese Aufgabe bewältigen: "Die Länder, in denen Wohlstand herrscht, sind jene, die besser darin sind, Information wachsen zu lassen."  

Für diese Leistung einer Volkswirtschaft hat Hidalgo ein Maß, eine Kennzahl gefunden: die Zahl und die Diversität der Produkte, die ein Land exportiert. Damit rückt er in den Fokus, was die klassische Ökonomie mit Blick auf Volumina (Bruttoinlandsprodukt, Exportvolumen) ausblendet: die Identität der Produkte. Aber nur ein Ansatz, der die Vielfalt und Unterschiedlichkeit von Produkten als Ausdruck der Imaginationskraft der Menschen erfasst, kann unter der Maßgabe von Information schlüssige wirtschaftliche Daten hervorbringen. Diese Diversität und den hohen Entwicklungsgrad wirtschaftlicher Aktivitäten nennt Hidalgo "ökonomische Komplexität". Sie erweist sich als Maßstab, mit dem sich der Erfolg einer Volkswirtschaft voraussagen lässt: "Die Komplexität der Volkswirtschaft von Ländern gibt Auskunft über ihr künftiges Einkommen."  

Das bedeutet aber: Die klassische Lehrmeinung, wonach eine Volkswirtschaft gemäß dem Gesetz des komparativen Kostenvorteils sich darauf konzentrieren sollte, was sie am besten kann, mag zu Ricardos Zeiten plausibel gewesen sein. In einer modernen Ökonomie ist es eine Sackgasse. Hier gilt das Gesetz größtmöglicher Diversität.


Ökonomie grundlegend neu gedacht


Zusammenfassend sind es drei Aspekte, die César Hidalgo in den Fokus rückt:

  • "unsere Fähigkeit zum Ver- und Entpacken von Know-how und Information;

  • unser Vermögen, Know-how in Netzwerken von Menschen zu verkörpern, die über endliche Kapazitäten verfügen, dieses Know-how zu bewahren;

  • und unser Vermögen, Dinge zu schaffen, die die praktischen Anwendungen dieses Know-hows verkörpern und die Fähigkeiten von Menschen erweitern".

Das ist Ökonomie grundlegend neu gedacht. Nicht vom Mangel her. Sondern vom Reichtum menschlicher Imagination und Kreation, der - in Produkten materialisiert - den Austausch zwischen Menschen befördert. Ein furioses Werk, atemberaubend und zugleich klar und zwingend. Hidalgo findet über die größtmögliche Komplexität zu einer neuen Einfachheit. Die naive und vorbehaltlose Übernahme von Prinzipien und Denkweisen aus der Physik hat die Ökonomie auf den falschen Pfad gebracht. Jetzt muss ein Physiker kommen, um es zu richten. 


Zitate


"Wir kennen viele Orte im Universum, an denen mehr Materie und Energie konzentriert ist als auf der Erde, aber keiner dieser Orte verfügt über eine höhere Konzentration an Information." César Hidalgo: Wachstum geht anders

"Geordnete Zustände sind ebenso selten wie besonders." César Hidalgo: Wachstum geht anders

"Wirtschaftliche Entwicklung ist nicht Kaufkraft, sondern Schöpfungskraft." César Hidalgo: Wachstum geht anders

"Wir kristallisieren Imagination, um Kopien unserer Gedanken zu schaffen und sie mit anderen Menschen zu teilen." César Hidalgo: Wachstum geht anders

"Letztlich ist Ökonomie ein kollektives System, mittels dessen Menschen Information zum Wachsen bringen." César Hidalgo: Wachstum geht anders

"Vertrauen ermöglicht Netzwerke, doch ebenso ermöglichen Netzwerke Vertrauen." César Hidalgo: Wachstum geht anders

"Die Länder, in denen Wohlstand herrscht, sind jene, die besser darin sind, Information wachsen zu lassen." César Hidalgo: Wachstum geht anders

"Die Komplexität der Volkswirtschaft von Ländern gibt Auskunft über ihr künftiges Einkommen." César Hidalgo: Wachstum geht anders

"Unsere Fähigkeit, Imagination zu kristallisieren, ist die Fähigkeit, Objekte zu kreieren, die als Fiktionen geboren wurden." César Hidalgo: Wachstum geht anders

 

changeX 28.10.2016. Alle Rechte vorbehalten, all rights reserved.

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Quellenangaben

Zum Buch

: Wachstum geht anders. Von kleinsten Teilchen über den Menschen zu Netzwerken. Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2016, 288 Seiten, 25 Euro, ISBN 978-3-455-50308-1

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Autor

Winfried Kretschmer
Kretschmer

Winfried Kretschmer ist Chefredakteur und Geschäftsführer von changeX.

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