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Lob der Pause

Pause - das neue Buch von Alex Soojung-Kim Pang
Rezension: Winfried Kretschmer

In einer Arbeitskultur, in der es als selbstverständliche Tugend, ja unanfechtbare Notwendigkeit gilt, ständig zu arbeiten, hat die Pause keinen guten Stand. Sie gilt als Abwesenheit von Arbeit, als Leerstelle in einem Leben, das durch Plackerei, Ehrgeiz und Leistung definiert wird. Ein Autor zeichnet nun ein anderes Bild: Arbeit und Pause sind keine Gegenspieler, sondern ergänzen sich. Pausen lassen Ruhe einkehren, verschaffen uns mehr Zeit und machen uns effektiver. Nicht nur das: Sie sind der Schlüssel zur Kreativität.

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Zehntausend Stunden muss üben, wer in seiner Disziplin Weltspitze sein will. Das hat Malcolm Gladwell in seinem Buch Überflieger postuliert. Seither wird Gladwells Regel zitiert, wo immer es um Können und Meisterschaft geht. Erfolg beruht auf Disziplin und harter Arbeit - das passt zum Selbstverständnis einer Gesellschaft, die sich als Arbeits- und Leistungsgesellschaft versteht. Nur, was wäre, wenn Gladwell etwas übersehen hätte? Etwas, das in den übrigen Stunden passiert, die nicht zielstrebigem und hartnäckigem Üben gewidmet sind? 

Danach sieht es in der Tat aus. Jedenfalls, wenn man Alex Soojung-Kim Pang in seiner Argumentation folgt. Gladwell hat sich die zehntausend Stunden nun nicht aus den Fingern gesogen. Er stützt seine Formel auf die Arbeit des Psychologen Karl Anders Ericsson, der mit seinen Kollegen Ralf Krampe und Clemens Tesch-Römer im Jahr 1993 eine Studie über Violinstudenten an der Berliner Musikhochschule vorgelegt hat. Ihre Ausgangsfrage war, was Ausnahmeschüler von lediglich guten Schülern unterscheidet. Warum also werden einige wenige Musikstudenten zu Weltklassesolisten, andere zu guten Konzertmusikern, die Mehrzahl aber nur zu Musiklehrern? In der Tat ist die Fähigkeit zu sehr zielbewusstem Üben der herausstechende Erfolgsfaktor: "Die wirklich guten Schüler üben nicht einfach mehr als die übrigen, sondern üben gezielter", schreibt auch Alex Pang. Aber die Studie erfasste mehr an Informationen.  

Folgen wir Pangs Argumentation: "Malcolm Gladwell konzentriert sich in Überflieger ganz auf die Zahl der Übungs- und Trainingsstunden der Besten unter den Besten, erwähnt aber nicht, dass diese Studenten durchschnittlich eine Stunde mehr schliefen als die übrigen, dass sie zwischendurch kurz schliefen und lange Pausen einlegten." Auch das hob sie von den übrigen, weniger erfolgreichen Studenten ab. "Nicht dass Gladwell Ericssons Studie falsch ausgelegt hätte", sagt Pang. "Er hat einfach nur diesen Teil übergangen und befindet sich, was das angeht, in bester Gesellschaft. Die meisten überfliegen die Aussagen über Schlaf und Freizeit und beißen sich an den 10.000 Stunden fest."


Ein blinder Fleck


Dahinter aber steht ein Muster, ein blinder Fleck. "Wir neigen dazu, allein die konzentrierte Arbeit im Blick zu haben, und wo Spitzenleistungen erbracht werden, zählen wir vor allem die Stunden, die beim Krafttraining, auf der Bahn oder im Übungsraum zugebracht werden. Alle starren auf die Anteile der Arbeit, die ins Auge springen und leicht messbar sind, um hier die Effektivität und Produktivität zu steigern. Ob es andere Möglichkeiten gibt, unsere Leistung zu steigern und unser Leben zu verbessern, wird gar nicht erst gefragt." Das Resümee (mit leicht ironischem Ausklang): "Und so glauben wir ganz einfach, dass Spitzenleistungen 10.000 Übungs- oder Trainingsstunden voraussetzen. Das stimmt aber nicht. Man braucht dazu 10.000 Stunden gezieltes Üben oder Trainieren, 12.500 bewusste Ruhestunden und 30.000 Stunden Schlaf." 

Das aber passt nicht zum Selbstbild einer Arbeits- und Leistungsgesellschaft. Ist aber eine verdammt heiße Spur, wenn es darum geht, was so viele umtreibt: die Bedingungen von Kreativität zu entschlüsseln. Und es ist eine Herausforderung für unsere Arbeitskultur, in der Ranklotzen, Durchpowern und Präsenz bis zum Umfallen immer noch als Ausweis des rechten Arbeitsethos gelten. Könnte es sein, fragt Pang, dass unsere übliche Lebens- und Arbeitsweise längst nicht so viel bringt, wie wir meinen?


Abschalten ist zum Anachronismus geworden


Klar ist: In unserer Arbeitskultur, in der "es als selbstverständliche Tugend, ja unanfechtbare Notwendigkeit gilt, ständig zu arbeiten", hat die Pause keinen guten Stand. "In dieser 24-Stunden-Welt, immer eingeschaltet, ist das Abschalten zum Anachronismus geworden." Pausen gelten schlicht als Abwesenheit von Arbeit, nicht als etwas, das seinen ganz eigenen Wert besitzt. "Die Pause ist einfach eine Leerstelle in einem Leben, das durch Plackerei, Ehrgeiz und Leistung definiert wird", kritisiert der Autor. Sein Buch ist aber kein Lob des Müßiggangs - auch das wäre eine Position. Alex Pang aber geht es um ein Grundmuster in unseren Gesellschaften, das zu einer vereinseitigten Lebens- und Arbeitsweise geführt hat, die sich heute aber mehr und mehr als falsch herausstellt. Falsch nicht nur, weil die Kosten, die anfallen, um ausgebrannte Menschen wieder auf die Beine zu bringen, zu hoch werden. Falsch vor allem, weil neuere wissenschaftliche Erkenntnisse dies nahelegen.  

Neuere Forschungen führten uns vor Augen, so Pang, "wie sehr die Bedeutung der Pause heruntergespielt wird und wie entscheidend wichtig sie tatsächlich für Gehirn, Lernvermögen, Begeisterung und anhaltende Innovationskraft ist". Die Konsequenz liegt dann auf der Hand: "Wir müssen die Beziehung zwischen Arbeit und Erholung überdenken, ihre enge Verbindung erkennen und die Pause als Motor unserer Kreativität und Produktivität wiederentdecken." Dazu gibt Alex Pangs Buch wichtige Anstöße. Es ist ein Fanal. Es setzt ein Zeichen gegen eine Arbeitsweise, die Produktivität und Effektivität nur vorgaukelt, in Wirklichkeit aber menschliche Arbeitskraft auslaugt und vergeudet. Indem sie so tut, als würden Menschen funktionieren wie Maschinen.


Arbeit und Pause sind Partner


Alex Soojung-Kim Pang hat während eines Sabbatjahres das Thema Pause aufgearbeitet. Dass er sich im Sabbatical nicht auf die faule Haut legt, sondern forscht und ein Buch schreibt, hat wiederum mit dem Verständnis von Pause zu tun, das darin ausbreitet: Arbeit und Pause sind keine Gegensätze, sondern ergänzen sich. Das ist die erste von vier Erkenntnissen, um die das exzellent geschriebene (wie übersetzte) Buch kreist. Zusammengefasst: 

Erste Erkenntnis - Arbeit und Pause sind Partner, sie "ergänzen und vervollständigen sich gegenseitig". So wechselten erfolgreiche, begabte und kreative Menschen ständig zwischen Phasen intensiver, hoch konzentrierter Arbeit und ausführlichen Pausen.  

Zweite Erkenntnis - Ruhe ist aktiv: "Körperliche Betätigung ist erholsamer, als wir denken, und geistige Pausen sind aktiver, als uns bewusst ist." 

Dritte Erkenntnis - Ausruhen will gelernt sein: "Mit bewussten Pausen erholen Sie sich von Stress und Strapazen des Tages, können Neues besser im Gedächtnis abspeichern und verschaffen Ihrem Unterbewusstsein Spielraum für seine Arbeit." 

Vierte Erkenntnis - Bewusste Ruhepausen steigern und erhalten die Kreativität: "Wer lernt, sich gezielt auszuruhen, schafft letztlich mehr, und das über einen längeren Zeitraum seines Lebens." 

In Pangs Verständnis von Pause scheint somit wieder der leicht paradoxe Kerngedanke von Serendipity auf: "Vielleicht gelingt der Zugang zu kreativen Leistungen leichter so: indirekt."


Eindrucksvolles Bild vom Wert der Pause


Das Buch unternimmt einen ausgedehnten Streifzug durch das Thema. Der beginnt bei den täglichen Abläufen wie dem Start in den Tag, Spaziergängen, dem Kurzschlaf zwischendurch und dem erholsamen Schlaf in der Nacht, wendet sich dann den im wöchentlichen Rhythmus stattfindenden Aktivitäten Erholung, Bewegung und Spiel zu, um schließlich bei den Monats- und Jahreszyklen zu enden: Urlaub und berufliche Auszeiten.  

Pang hat für sein Buch eine schier unglaubliche Menge an Material zusammengetragen, hat Biografien gewälzt, Studien durchgeackert und Forschungsergebnisse verglichen. In einer ungemein dichten Darstellung entsteht so ein eindrucksvolles Bild vom Wert der Pause und von den Bedingungen der Möglichkeit von Kreativität. Pang folgt den besten und kreativsten Denkern der modernen Zeit und beschreibt, wie sie arbeiten und sich erholen. Dabei wird deutlich: Alle nutzen die Pause als bewusstes Mittel des Ausgleichs, der Erholung, der Strukturierung des Arbeitstages und der Förderung von Kreativität. Das ist beeindruckend, klingt absolut überzeugend und fügt sich ein in andere Erkenntnisse zu Kreativität, Innovation und Serendipity. Dennoch darf diese Komposition nicht mit dem Nachweis einer Kausalbeziehung zwischen Pause und Kreativität verwechselt werden. Der Vorbehalt des induktiven Fehlschlusses gilt natürlich auch hier. Doch die Indizien sind erdrückend.  

Fazit: Das Buch ist gut aufbereitet, unterhaltsam zu lesen und auch von praktischem Nutzen. Es ist zwar alles andere als ein Ratgeber, doch indem der Autor seinen Protagonisten quasi über die Schulter schaut, versammelt sein Buch eine Fülle von Anregungen, die sich für die eigene Praxis nutzen lassen. Ein wichtiges Buch, das unsere rastlose Arbeitskultur hinterfragt, ebenso wie Sinn und Nutzen einer rigiden Ziel- und Leistungsorientierung. Leseempfehlung: Pause machen, Pause lesen!  


Zitate


"Viele von uns fragen sich, wie man besser arbeiten kann, aber wir denken kaum je darüber nach, wie wir besser pausieren können." Alex Soojung-Kim Pang: Pause

"Pausen sind für uns schlicht die Abwesenheit von Arbeit, nicht etwas, das für sich selbst steht und seinen ganz eigenen Wert besitzt. Die Pause ist einfach eine Lehrstelle in einem Leben, das durch Plackerei, Ehrgeiz und Leistung definiert wird." Alex Soojung-Kim Pang: Pause

"Die Pause ist nicht Widersacher der Arbeit, sondern ihr Partner. Beide ergänzen und vervollständigen sich gegenseitig." Alex Soojung-Kim Pang: Pause

"Arbeit sorgt für den Lebensunterhalt, Muße für den Lebenssinn. Diese Weisheit ist uns verloren gegangen, und unser Leben ist dadurch ärmer und unbefriedigender geworden. Zeit, dass wir den Segen der Pause wieder für uns entdecken." Alex Soojung-Kim Pang: Pause

"Gezieltes Ausruhen ist … der Partner bewussten Übens ... Beide sind notwendig ... Beide machen je zur Hälfte das kreative Leben aus. Zusammen sind sie ein Ganzes." Alex Soojung-Kim Pang: Pause

"Wir wachsen in eine Welt und eine Wirtschaft hinein, für die räumliche und zeitliche Entfernungen keine Rolle mehr zu spielen scheinen, die alle Tage rund um die Uhr und weltweit in Betrieb ist, sodass wir glauben, wir müssten ständig bei der Arbeit sein, unsere innere Uhr ignorieren und uns auch dann noch weiter antreiben, wenn der Körper längst nicht mehr mag. Ein großer Irrtum. Der Kurzschlaf regeneriert unsere Energie und Konzentrationskraft äußerst wirksam." Alex Soojung-Kim Pang: Pause

 

changeX 01.06.2017. Alle Rechte vorbehalten, all rights reserved.

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Quellenangaben

Zum Buch

: Pause. Tue weniger, erreiche mehr. Aus dem Amerikanischen von Jochen Lehner. Arkana Verlag, München 2017, 352 Seiten, 20 Euro (D), ISBN 978-3-442-34222-8

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Autor

Winfried Kretschmer
Kretschmer

Winfried Kretschmer ist Chefredakteur und Geschäftsführer von changeX.

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