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Uuuund - Action!

EduAction - Margret Rasfeld und Peter Spiegel rufen zur Bildungsoffensive
Rezension: Winfried Kretschmer

Über Bildung ist genug diskutiert und über ihre Krise lamentiert worden. Nun ist Handeln angesagt. Wartet nicht auf die große Bildungsreform, sondern beginnt hier und heute, Schule zu verändern! Das ist das Plädoyer eines Buches, das für den Paradigmenwandel eintritt: von der Wissensvermittlung zur Potenzialentfaltung. Und dazu aufruft, Schule neu zu erfinden.

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Wo stehen wir eigentlich nach wie viel Jahren Bildungsdebatte? Nach PISA-Schock, hektischer Reformbetriebsamkeit, immer neuen klugen Büchern und gebetsmühlenartig wiederholten Bildungsappellen? Wer vermag noch eine Standortbestimmung zu leisten. Oder gar eine Antwort zu geben, was Bildung zu sein und welche Inhalte sie zu bieten hat angesichts vorwärtsstürmender Digitalisierung? Während zugleich immer deutlicher wird, dass mit unseren Schulen und unserer Organisation des Bildungssystems kein Weg in die Wissensgesellschaft führt? 

Diese Situation mag man als lähmend empfinden, doch ähnelt sie frappierend dem Endstadium im Lebenszyklus einer wissenschaftlichen Theorie, wie sie Thomas S. Kuhn in seiner Struktur wissenschaftlicher Revolutionen beschrieben hat: Die alte Theorie dominiert alles, erklärt alles und hat doch immer weniger befriedigende Antworten auf die sichtbar werdenden Anomalien. Es kommt zu Ad-hoc-Anpassungen, zu einer "Wucherung divergierender Artikulationen", die jedoch allesamt das dominierende Muster reproduzieren, gleichwohl aber das schale Gefühl zurücklassen, nicht eigentlich weitergekommen zu sein.  

Drei Optionen unterscheidet Kuhn: Entweder die alte Theorie löst das Problem (für eine gewisse Zeit), die Einschätzung setzt sich durch, dass eine Lösung beim derzeitigen Stand der Disziplin nicht zu erwarten sei, oder ein vollkommen neuer Ansatz tritt auf den Plan. Ein neues Paradigma, das eine neue Sichtweise anbietet, eine radikal neue Lösung, die sich mit den angehäuften alten Problemen und alten Ad-hoc-Lösungen gar nicht mehr herumschlagen will.


Paradigmenwechsel in Sachen Bildung


Das ist der Ansatz, der Anspruch von EduAction, dem neuen, diese Woche erschienenen Buch von Margret Rasfeld und Peter Spiegel. Die beiden - sie Leiterin der Evangelischen Schule Berlin Zentrum (esbz), er Chef des Genisis Institute und Veranstalter des Vision Summit - haben sich zusammengetan, um diesen Paradigmenwechsel in Sachen Bildung voranzubringen. EduAction ist kein Manifest, keine theoretische Abhandlung, sondern ein Praxisbuch. Es ist ein klug auf Wirkung kalkuliertes Werk, das sich gar nicht um die (vermeintlich) großen Bildungsfragen schert, sondern keck einen Paradigmenwandel proklamiert und diesen am Beispiel von Margret Rasfelds Berliner Schule durchdekliniert.  

Das kann man vermessen finden (und viele der eifrigen Bildungsdebattierer, Bildungsreformer und Bildungsbücherschreiber im Lande werden das auch tun), doch darf man nicht vergessen, welche Wirkung diese Schule in der kurzen Zeit ihres Bestehens bereits entfaltet hat. In ihr kristallisieren sich die Ziele und Ideale des im Buch proklamierten neuen Bildungsverständnisses. Sie ist ein Leuchtturmprojekt, das weit in die Bildungslandschaft hineinstrahlt und Wirkung weit über das Lager der engagierten Bildungsreformer hinaus entfaltet. Diese Schule steht im Mittelpunkt des Buches, lebhaft und anschaulich und mit vielen O-Tönen erzählt in dessen Kernkapiteln und in einer Bildungsbürokraten wohl verständlicheren skizzenhafteren Zusammenfassung am Ende des Buches.


Jedes Kind zählt


An dieser Schule gilt: Jedes Kind zählt. Egal, woher es kommt und welche Schwierigkeiten es mitbringt, es soll in seiner Einzigartigkeit geachtet und gefördert werden. Die Lehrer verstehen sich mehr als Coachs und Lernbegleiter denn als Wissensvermittler alter Schule. Der Unterricht findet jahrgangsstufenübergreifend in Lernbüros statt; die Schüler verfolgen individuell und selbstbestimmt ihre Lernziele, auf dem Stundenplan stehen nicht nur die üblichen Fächer, sondern auch die Projektfächer "Herausforderung" und "Verantwortung", die außerschulische Lernorte einbeziehen und Begegnungen zwischen unterschiedlichen Lebenswelten schaffen. Stichwort: "von der passiven Belehrung zur aktiven Erfahrung".  

Die esbz verschiebt damit den Fokus auf Metakompetenzen, auf die es "in Zukunft deutlich mehr ankommt als auf all das in der Schulzeit auswendig gelernte Wissen": Kreativität, Planungs- und Organisationskompetenz, Kooperations- und Kommunikationsfähigkeit, Selbstbewusstsein, Mut, Durchhaltevermögen, Verständigungsbereitschaft, Sensibilisierung der Wahrnehmung von sich selbst und anderen sowie Verantwortungsgefühl. Das alles wird nach den Erfahrungen der Schule in den Projektfächern gefordert, gefördert und gestärkt.  

Es ist das erste Verdienst dieses Buches, Konzept und Geist dieser Schule auf sehr eindringliche und nachvollziehbare Weise einem breiteren Leserkreis zugänglich zu machen. Wichtig dabei: Die Schule wird nicht überhöht, sondern erscheint als modulares Konzept, aus dem sich auch einzelne Bestandteile herauslösen und pragmatisch umsetzen lassen. Dazu ermutigen auch für eigene Notizen vorgesehene Boxen mit der Überschrift "Was ist Ihr EduAction-Plan?" Man kann hier und heute Schule anders gestalten, das ist die Botschaft dieses Buches.


Bildung muss Potenzialentfaltung sein


Das zweite Verdienst ist es, trotz dieser pragmatischen, auf Nachahmung zielenden Darstellung das Ziel einer grundsätzlichen Neuorientierung von Bildung nicht aus den Augen zu verlieren.  

Dieses Buch macht deutlich: Es ist Zeit für einen grundlegenden Wandel in der schulischen Bildung. Zeit für einen Paradigmenwechsel: "Bildung muss Potenzialentfaltung sein. Die heute immer noch übliche Wissensvermittlung stellt lediglich den Rohstoff bereit. Doch erst die Potenzialentfaltung bestimmt, was jeder Mensch daraus kreativ gestalten kann." Einfach gesagt: "Fähigkeiten zum Leuchten bringen", darum geht es.  

Rasfeld und Spiegel machen deutlich: Wer Bildung verbessern will, sollte nicht auf eine große Bildungsreform warten. Sondern damit beginnen: an jeder Schule. Jetzt. EduAction ist ein leidenschaftlicher Appell, Schule neu zu erfinden. Ihr Buch spannt damit zugleich den Bogen zu sozialer Innovation, zum Wandel aus der Mitte der Gesellschaft heraus. Im Grunde plädiert das Buch für eine dreifache Perspektivverschiebung: von der Wissensvermittlung zur Potenzialentfaltung, von der Veränderung des Bildungssystems zur Veränderung der Schule und (somit) von der Reform zur sozialen Innovation.  

Dass dies nicht nur der esbz gelingt, sondern auch vielen anderen Reformschulen im Lande, hätte man allerdings deutlicher herausarbeiten können. Denn die Suche nach neuen Wegen des Lernens und Lehrens passiert längst in der Breite der Gesellschaft.  

Kurzum: EduAction ist ein Appell, Bildung selbst in die Hand zu nehmen und Schule neu zu erfinden. Ein Muss für Lehrer, Schulleiter und Eltern. Und eine bereichernde Lektüre für jeden, der sich für Bildung interessiert. Lesen! Und umsetzen - denn es ist die zentrale Zukunftsfrage unseres Landes, ob es gelingt, die Transformation in eine Innovationskultur zu gestalten. Oder ob doch die Haltung des Weiter-so die Oberhand behält.  


Zitate


"Bildung muss Potenzialentfaltung sein. Die heute immer noch übliche Wissensvermittlung stellt lediglich den Rohstoff bereit. Doch erst die Potenzialentfaltung bestimmt, was jeder Mensch daraus kreativ gestalten kann." Margret Rasfeld, Peter Spiegel: EduAction

"Es wäre also an der Zeit, aufzuwachen und unsere Schulen in das umzuwandeln, was sie sein müssten: Werkstätten des Entdeckens und Gestaltens, Erfahrungsräume zur Entfaltung der in allen Kindern angelegten Potenziale, Begegnungsorte für das Voneinander- und Miteinanderlernen, Basislager des Erlebens von gegenseitiger Achtung und Wertschätzung und des Gefühls, aneinander und miteinander über sich hinauswachsen zu können." Gerald Hüther, Einführung zu EduAction

"Die Zeit für einen grundlegenden Wandel in der schulischen Bildung ist reif - überreif." Margret Rasfeld, Peter Spiegel: EduAction

 

changeX 27.04.2012. Alle Rechte vorbehalten, all rights reserved.

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Zum Buch

: EduAction. Wir machen Schule. Murmann Verlag, Hamburg 2012, 260 Seiten, ISBN 978-3-86774-181-1

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Autor

Winfried Kretschmer
Kretschmer

Winfried Kretschmer ist Chefredakteur und Geschäftsführer von changeX.

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