Handeln, jetzt

Ben Tiggelaars ermunternder Ratgeber Träumen, Wagen, Tun.
Text: Annegret Nill

95 Prozent unserer Handlungen laufen unbewusst, automatisch. Auch solche, die wir gerne sein lassen würden. Verhaltensänderungen sind deswegen nicht unmöglich. Man muss nur wissen, wie man tickt.

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Jedes Jahr zu Neujahr türmen sie sich, die guten Vorsätze, was man alles in Zukunft besser machen möchte. Das Rauchen aufgeben beispielsweise, geduldiger mit Partner oder Kindern umgehen oder auch abnehmen. Nach einigen Monaten folgt dann die Ernüchterung, wenn man feststellt: wieder nichts daraus geworden. Still und leise trägt man die guten Vorsätze zu Grabe und macht weiter wie zuvor. Kaum jemand, der diesen Zyklus nicht schon erlebt hätte.  

Ganz normal und nicht weiter verwunderlich, meint der Kommunikationswissenschaftler und Verhaltensexperte Ben Tiggelaar in seinem neuen Buch Träumen, Wagen, Tun. Wie sie den schwierigsten Menschen der Welt managen: sich selbst. Denn: „Das Verhalten ist das schwache Glied zwischen Plan und Ergebnis“, so Tiggelaar. Zwei Verhaltensweisen legen Menschen an den Tag: Sie handeln bewusst und geplant – oder unbewusst und automatisch. Das bewusste Verhalten mache etwa fünf Prozent des menschlichen Verhaltens aus. Der Rest des Verhaltens sei unbewusst und erfolge automatisch.


Automatisch handeln


Automatisch, das heißt auch: Die Menschen haben wenig Einfluss auf ihr Verhalten. Abgespeichert im Unbewussten ist zum Beispiel das Autofahren. Wenn man häufiger fährt, kann man sich dann zeitgleich unterhalten, Musik hören oder mit den Gedanken weit fort sein – und reagiert dennoch auf eine rote Ampel oder ein anderes Hindernis.  

Leider verhält es sich bei unliebsamen Verhaltensweisen ganz genau so. Kaum ist der Reiz gegeben, erfolgt auch schon die gewohnte Reaktion. Ein Beispiel: Ein Junkfood-Junkie, der sich gesünder ernähren will, ist hungrig und sieht das Schild von McDonalds. Und zack, schon ist er drin, hat bestellt und fühlt sich tief befriedigt. Der Frust, der kommt dann hinterher. 

Die Probleme einer erfolgreichen Verhaltensänderung resultieren aus einem Konflikt zwischen dem unmittelbarem Wohlgefühl, das solche automatischen Verhaltensweisen bei uns auslösen, und dem langfristigem Gut, das die Verhaltensänderung uns bringen würde, meint Tiggelaar. Denn leider bedeutet eine Verhaltensumstellung in der Regel: Das unmittelbare Wohlgefühl bleibt erst einmal aus, sobald der Pfad der Wandlung eingeschlagen wird. Statt dessen: Verzicht, Aufschub der Gratifikation und Unsicherheit. Menschen aber wollen Handlungen vermeiden, die ein schlechtes Gefühl bereiten. Deshalb fallen sie immer wieder auf ihr altes Verhalten zurück – auch wenn es sich langfristig zu ihrem Nachteil auswirkt. 

Hier könnte man zu dem Schluss kommen: Hat ja eh keinen Wert, das mit der Veränderung. Denn dieser Berg an unbewusstem, automatisiertem Verhalten scheint erst einmal unbezwingbar. Aber das wäre nicht im Sinne von Tiggelaar. Er ist überzeugt: Wandel kann wunderbar gelingen. Wir alle kennen schließlich Vorbilder, Menschen, die es dennoch geschafft haben: Die sich das Rauchen abgewöhnt, 20 Kilo abgenommen oder sich beruflich verändert haben. Es kommt also auf das Wie an. Man muss die Mechanismen kennen, gegen die man antritt – dann kann man sie austricksen. Wer Veränderungen in diesem Sinne gut vorbereitet und sinnvoll plant, kommt auch zum Ziel, so des Autors These.


Drei Phasen der Veränderung


Er macht drei Phasen der Veränderung aus: Träumen, Wagen und Tun. Dem eigenen Träumen kommt man näher, indem man sich selbst befragt. Was sind die schönsten Momente im Leben, welche Handlungen machen am meisten Spaß, zu welchen Dingen sagt man innerlich ja? Diesen „Ja-Raum“ gilt es zu konkretisieren und in zielorientierte Verhaltensabsichten umzuwandeln. Dabei werden negative Glaubenssätze, die von Veränderungen abhalten, als bloße Überzeugungen entlarvt und über Bord geworfen.  

In der Phase des Wagens geht es um die konkrete Vorbereitung auf die geplanten Veränderungen. Dazu gehört, Krisensituationen gedanklich vorwegzunehmen, im Vorfeld zu erkunden und Verhaltensstrategien für sie zu entwerfen. Techniken wie Ressourcenorientierung, Gedächtnisstützen oder Belohnungen sollen dabei helfen.  

Die Phase des Tuns ist gekommen, wenn man mit dem gewünschten Verhalten beginnt, es lebt und absichert. Dazu gehört, das eigene Verhalten zu messen und Fortschritte konsequent zu belohnen. Das ist wichtig, um ein ähnliches Wohlbefinden herbeizuführen, wie es einem früher das alte Verhalten gab.


Handeln, jetzt!


Tiggelaar zieht viele Register. Er wechselt zwischen Hintergrundinformationen zum Thema, Handreichungen, Übungen und Techniken. Dabei bezieht er sich immer wieder auf Martin Seligman, einen Pionier im Bereich der positiven Psychologie. Zwischen die einzelnen Kapitel streut er Erfahrungsberichte von Menschen, die ihr Leben erfolgreich verändert haben – aus sehr schwierigen Situationen heraus. Er lässt auch immer wieder einfließen, wie es ihm selbst bei seinen Veränderungsprozessen ging. Welchen Schwierigkeiten er begegnete und wie er sie zu überwinden lernte. Dabei schreibt er amüsant und anekdotenreich. Und: Er spricht die Leser aktiv an. Fangen Sie jetzt mit den Übungen an, fordert er sie inmitten des Buchs auf, denn Lesen allein genügt für Veränderungen nicht. Es geht darum zu handeln. Jetzt!  


changeX 04.05.2010. Alle Rechte vorbehalten, all rights reserved.

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Zum Buch

: Träumen, Wagen, Tun. Wie Sie den schwierigsten Menschen der Welt managen: sich selbst. GABAL Verlag, Offenbach 2010, 160 Seiten, ISBN 978-3-86936-052-2

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Annegret Nill
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Annegret Nill arbeitet als freie Journalistin, Autorin und Moderatorin in Berlin. Sie schreibt als freie Autorin für changeX.

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