Die changeX-Bestenliste Januar 2010
Die Buchempfehlungen der changeX-Redaktion
Bevor die Welle der Frühjahrsneuerscheinungen anrollt, hier die Buchempfehlungen des Monats Januar mit einigen Nachzügler-Titeln des vergangenen Jahres.
Eine neue Philosophie des Selbst: Von der Hirnforschung zur Bewusstseinsethik
Thomas Metzinger
Die Hirnforschung revolutioniert nicht nur das Bild des Menschen, sondern auch unseren Blick auf die Welt. Der Philosoph und Bewusstseinsforscher Thomas Metzinger bündelt nun die Erkenntnisse der Neurowissenschaften in seinem kraftvollen Buch zu einer Theorie des Bewusstseins, die unser Selbstbild radikal infrage stellt. Die moderne Philosophie des Geistes und die kognitiven Neurowissenschaften sind dabei, den Mythos des Selbst zu zertrümmern. Das Selbst gibt es nicht, es ist eine Illusion, die das Gehirn erzeugt, so Metzingers These. Unser Gehirn konstruiert ein Modell der Wirklichkeit, das aber nicht als Konstrukt erfahren wird, sondern als subjektiv erlebte Wirklichkeit. Was wir wahrnehmen, ist nichts als „ein virtuelles Selbst in einer virtuellen Realität“. Das ist die Bewusstseinsrevolution, die neue ethische Herausforderungen in sich birgt und gesellschaftliche und kulturelle Veränderungen anstoßen kann, von denen wir noch gar nichts ahnen. Wir brauchen eine neue „Bewusstseinsethik“, so die Forderung Metzingers. Ein furioses Buch!
Soziale Gerechtigkeit neu denken
Norbert Bolz
Bücher des Jahres 2009, Platz 2! Dieses Buch stapelt tief. Es gibt vor, soziale Gerechtigkeit neu zu denken (was nicht wenig wäre), geht aber weit über dieses Ziel hinaus. Norbert Bolz denkt den Kapitalismus neu. In seinem klaren Buch gewinnt Gestalt, was man „Kapitalismus 3.0“ nennen könnte: eine neue Stufe kapitalistischer Entwicklung, die nach der äußeren Balance, der Versöhnung mit der Natur, nun auch eine innere Balance anstrebt: soziale Gerechtigkeit. Nicht als Umverteilung, sondern als Profit für alle, als Produktion sozialen Reichtums, der gleichermaßen aus sozialen Netzwerken wie aus der Kraft des Einzelnen erwächst. „Es geht um die Versöhnung von Profitmotiv und sozialer Verantwortung“, schreibt Bolz. Das ist das Thema, das in vielen aktuellen Debatten aufscheint – von Corporate Social Responsibility über Philathrokapitalismus bis hin zu Social Business. Bolz denkt die neuen Facetten des Sozialen zusammen. Eine Punktlandung im Zeitgeist und dennoch diesem weit voraus.
Die neue Wissenschaft der Spiegelneuronen
Marco Iacoboni
Für Spiegelneuronen galt bislang der Vorbehalt, ob es sie beim Menschen denn auch gibt. Der italienischstämmige Neurowissenschaftler Marco Iacoboni, sagt nun: Es gibt sie. Unser Spiegelneuronensystem ist nicht nur Grundlage von Empathie und Einfühlungsvermögen, sondern des sozialen Zusammenlebens schlechthin. Menschen sind auf einer fundamentalen Ebene zutiefst miteinander verbunden. Diese Erkenntnis könnte, wie Iacoboni hofft, eine empathischere, fürsorglichere Gesellschaft entstehen lassen. Aber es hat weitreichende Auswirkungen auf unsere Selbstdefinition als Menschen: Vielleicht sind wir in unseren Willensentscheidungen weniger frei, als wir denken.
Wege zu einem globalen Bewusstsein
Jeremy Rifkin
Unsere Zivilisation steht an der Schwelle eines neuen Zeitalters: des Zeitalters der Empathie, das das Zeitalter der Vernunft ablöst. Sagt, um den großen Entwurf nie verlegen, der Soziologe Jeremy Rifkin. Doch verkitscht er seine Vision mit naivem Pathos. Zu Recht aber stellt er die Frage nach unserem Selbstbild neu: Wer sind wir? Wer wollen wir sein? Trotz der argumentativen Schwächen seines Buches, trotz mancher naiv anmutenden Visionen einer emphatischen Gesellschaft – indem Jeremy Rifkin die Entdeckung unserer empathischen Seiten zum Zivilisationscharakteristikum stilisiert, hat er das richtige Thema auf die Agenda gesetzt.
Wie wir in Zukunft leben und arbeiten werden und warum wir uns jetzt neu erfinden müssen
Markus Albers
Ein Buchautor geht schon mal voran: Gibt seinem Verlag den Laufpass und bringt sein neues Buch im digitalen Selbstverlag heraus. Ein Beispiel für das, was er darin beschreibt: eine Ökonomie, in der die eigene Person zur kleinsten wirtschaftlichen Einheit wird. Und das eigene Wissen zum Produktionsmittel und Wertschöpfungsfaktor. In Markus Albers’ Meconomy kann man das, was man wirklich gerne tut, zu seinem Job machen. Nach Wir nennen es Arbeit und Marke Eigenbau ein weiterer schillernder Ausblick in die Kreativökonomie.
Führen in Zeiten des Umbruchs
Konrad Stadler
Unternehmen fordern Elan und Veränderung, doch scheitern viele Veränderungsprozesse kläglich. Denn die Unternehmen stehen sich selbst im Weg. Konrad Stadler sagt: Für wirklichen Wandel braucht es eine Kultur der Veränderung. Change ohne Neuentwurf der Organisation bleibt in den alten Denkschablonen gefangen. Gefragt ist: Sinn anstelle von Vorschriften. Kooperation statt Hierarchie. Und Führung als dienende Tätigkeit. Mit dem Zweck, Menschen zu befähigen und zu ermächtigen, selbständig zu handeln. Führungskräfte müssen zuallererst als Mensch überzeugen.
Wie Arbeit aussieht, die sich Mitarbeiter wünschen
Gernot Pflüger
Schon der Buchtitel ist eine Provokation. Erfolg ohne Chef steht da in dicken Lettern, wobei das Wort „Chef“ in einen stilisierten Papierkorb entsorgt wurde. Ein Unternehmen ohne Chef, das soll funktionieren? Es funktioniert, und sogar besser als das alte, auf Hierarchie, Anweisung und Kontrolle basierende Modell, das noch unsere Unternehmenswirklichkeit bestimmt. Das ist die These von Gernot Pflüger, der seit 19 Jahren ein Unternehmen leitet, das gänzlich anders organisiert ist: ohne Chef und ohne Hierarchie, mit einer demokratischen Beteiligung der Mitarbeiter an den Entscheidungen, totaler Transparenz aller Vorgänge und einem Einheitsgehalt für alle Mitarbeiter. Sein Buch ist ein Praxisbericht, kein theoretisches oder gar ideologisches Pamphlet. Ein Appell zum Nachahmen – dem man nur wünschen kann, dass er auch gehört wird.
Bernd Sprenger
Kontrolle ist ein menschliches Grundbedürfnis, sagt der Arzt und Psychotherapeut Bernd Sprenger. Denn jeder möchte der Autor seines eigenen Lebens sein, möchte kontrollieren, was geschieht. Doch nicht alles lässt sich kontrollieren. Die „Illusion der perfekten Kontrolle“ führt zu einem fatalen Zirkelschluss: Indem Menschen glauben, die Welt kontrollieren zu können, erfahren sie sie als kausal bestimmt und mithin kontrollierbar – und erfahren dann umso schmerzlicher, dass diese Annahme nicht stimmt. Sprengers Empfehlung: Man muss die richtige Balance zwischen Loslassen und Kontrollierenwollen finden!
Wie die nächste Generation leben wird
Horst W. Opaschowski
Die Wohlstandsgesellschaft der alten Bundesrepublik ist zu Ende. Wir leben in einer fortgesetzten Krisenwirklichkeit, die unsere Vorstellung von Wohlstand umwälzt. Bescheidener zu leben und dennoch glücklich zu sein, das ist die Vision von Horst W. Opaschowski für das Deutschland nach dem Ende des Schlaraffenlandes, des Traums von immerwährender Prosperität. Es ist eine Vision, die im Leben der Menschen Gestalt gewinnt. Das weiß der Zukunftsforscher mit empirischen Daten zu untermauern. Opaschowski stellt die alte Frage nach dem guten Leben neu. Damit werden wir uns künftig mehr auseinandersetzen müssen. Ab jetzt gilt: Lieber glücklich als reich!
Zwei mathematische Belustigungen
Hans Magnus Enzensberger
Zu allen Zeiten haben die Menschen Praktiken erfunden, um mit den Wechselfällen des Lebens fertigzuwerden und das Schicksal des Einzelnen wie der Gemeinschaft zu deuten. Erst die Moderne räumte mit der Unvernunft auf und setzte an die Stelle des Aberglaubens das Kalkül. Nicht mehr von Schicksal war nun die Rede, sondern von Zufall. Alles schien nun kalkulier- und berechenbar – bis hinein in die feinsten Verästelungen der Finanzmathematik. Die Folgen kennen wir. Nur selten aber erfasst die allgegenwärtige Krisenanalyse deren wirklichen Ursachenkern: die Mathematisierung unserer Weltsicht. Hans Magnus Enzensberger gelingt das ganz wunderbar. Ebenso elegant wie tiefgründig konfrontiert er die exakteste aller Wissenschaften mit der Endlichkeit ihrer Theorien ebenso wie mit ihren möglicherweise doch metaphysischen Grundlagen. Lesetipp!
Wie Menschen Zukunft gestalten
Matthias Horx
Matthias Horx hat sich viel vorgenommen: Eine Theorie des Wandels will sein Buch bieten, einen großen gesellschaftstheoretischen Wurf, der die Gestaltung von Zukunft durch die Menschen in den Mittelpunkt rückt. Horx spannt einen weiten Bogen von den frühen menschlichen Kulturen bis zur komplexen Welt von heute und zeigt, unter welchen Voraussetzungen es Gesellschaften gelang, Herausforderungen zu bewältigen – und wann sie scheiterten. Horx will zeigen, wie es Menschen gelingt, Zukunft zu gestalten, und er will dazu ermutigen. Sein Buch ist ein flammender Appell, den Wandel als Chance zu begreifen. Gerade in Krisenzeiten.
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