Neustart in Nepal
Von Microsoft in den Himalaya - Bücher für eine bessere Welt. Das neue Buch von John Wood.
Von Sigmar von Blanckenburg
Das Ende einer Dienstreise: wieder daheim, aber keine einzige Nachricht auf dem Anrufbeantworter. Für den rastlosen Microsoft-Manager John Wood war das Grund genug, über sein Leben nachzudenken. Und es wurde zum Anlass für einen persönlichen Neustart. Kurz entschlossen gründete er die wohltätige Organisation Room to read. Das Ziel: Schulen in armen Ländern mit Büchern zu versorgen. In seinem Buch beschreibt er, wie er seine Motivation wiedergefunden hat.
Wood CoverJohn Wood war als Marketing Director bei Microsoft zuständig für internationale Märkte. Als er eines Tages von einer längeren Dienstreise nach Hause kam, fand er auf seinem privaten Anrufbeantworter keinen einzigen Anruf vor. Niemand, der ihn sprechen, ihn treffen, mit ihm reden wollte - die Kehrseite eines Jobs, der ihn voll und ganz forderte. Der Preis für seine rastlose Tätigkeit war hoch: Beziehungen lösten sich auf, er vernachlässigte seine Familie und seine Freunde. Während Microsoft sich felsenfest auf ihn verlassen konnte, war er für die Menschen in seinem Umfeld eine regelmäßige Enttäuschung.
Er geriet ins Nachdenken: "Nach sieben Jahren Stress meldete sich immer öfter eine innere Stimme mit der bohrenden Frage: Ist das alles, worum es geht? Noch längere Arbeitszeiten und eine noch höhere Bezahlung? Als echter Unternehmenssoldat hatte ich die Mentalität eines Frontkämpfers angenommen. Urlaub war etwas für Weicheier." Und was tut ein vielbeschäftigter Mann in solch einer Lage? Richtig, er macht zur Entspannung eine dreiwöchige Trekking-Tour durch den Himalaya - die zu einer Wende in seinem Leben wird. Das Herunterfahren des Betriebssystems führt zum Neustart in Nepal. Er kommt ins Gespräch mit einem Nepalesen, der mühevoll versucht, die nötigen Lehrmittel für Schulen aufzutreiben. Beim Besuch einer Schule erfährt er, dass die lernbegierigen Kinder Nepals keine Bücher haben, mit denen sie lesen und schreiben lernen können. Angesichts dieses Bildungsnotstands verspürt er den inneren Drang zu helfen.

Bildung gegen Armut.


In Gesellschaft schnarchender Trekking-Touristen entwirft er nachts beim Licht einer Stirnlampe die ersten Pläne, wie sich für die Schule Bücher beschaffen ließen. Er will den Kindern in Nepal dieselben Chancen verschaffen, die er selbst auch hatte: "Die Liebe zum Lesen, zum Lernen und zur Erforschung neuer Welten nimmt in den Erinnerungen an meine Jugend einen zentralen Platz ein. Eine Kindheit ohne Bücher kann ich mir einfach nicht vorstellen." Kaum zuhause angekommen, setzt er seine Pläne um. Auf eine Rundmail erhält er so großen Zuspruch, dass die Bücherlieferung in kurzer Zeit zustande kommt. Er selbst bringt die Bücher in das Dorf.
Aber das ist nur der Anfang, denn der Bedarf nach Bildung ist groß, ja schier unerschöpflich. 1999 gibt er seinen Job bei Microsoft auf und gründet die gemeinnützige Organisation Books for Nepal. Sie füllt nicht nur leere Bibliotheken, sondern baut auch zahlreiche Schulen. Woods ganzes Managementwissen, das er sich bei Microsoft erarbeitet hat, kommt der jungen Organisation zu gute. Die in Room to read umbenannte Organisation baut bald Schulen und Bibliotheken nicht nur in Nepal, sondern auch in Kambodscha, Vietnam und Indien. Über eine Kette von Büros in den USA und Westeuropa wird das nötige Geld dafür beschafft. Auch der 11. September kann der Organisation nichts anhaben, denn die Notwendigkeit von Bildung in der dritten Welt wird nach dieser Katastrophe noch offenkundiger. Einen höheren Bekanntheitsgrad erhält Room to read durch den Tsunami im Jahr 2005, als die Organisation sich schnell bereit erklärt, in den betroffenen Gebieten neue Schulen zu bauen.
Aus vielerlei Gründen ist John Woods Buch lesenswert: Erstens kann der Leser hier Einiges über Management lernen und nebenbei ein paar bezeichnende Anekdoten über Bill Gates und Steve Ballmer nachlesen. Zugleich lernt er etwas über den Aufbau einer gemeinnützigen Organisation und über die Kunst des Fundraising, also darüber, wie man am besten Spenden sammelt. Aus dem Buch geht deutlich hervor, dass das gar nicht so schwer ist, wenn man gute Kontakte hat und den Zweck der Spenden transparent machen kann. Für deutsche Leser ist zudem wichtig zu sehen, welch hohen Stellenwert Bildung in anderen Ländern genießt, und vor allem, welche strategische Bedeutung Schulen und Bibliotheken haben. All das liest sich sehr spannend, weil letztlich alles auf John Woods Selbsterfahrungstrip nach Nepal zurückzuführen ist.

Urlaub ist immer noch etwas für Weicheier.


Dieser Trip ist übrigens noch nicht zu Ende, denn das Grundproblem, das John Wood mit vielen anderen Managern teilt, scheint noch nicht behoben. Früher rieb John Wood sich für Microsoft auf. Jetzt reibt er sich damit auf, den Kindern Büchern zu bringen. Ihre Freude ist seine Motivation. Sicher ist das ein besserer Antrieb, als die Welt mit Windows-Software zu beglücken. Aber das restlose Aufgehen in seiner Arbeit scheint John Wood immer noch zu schaffen zu machen: "Eine Frau, die ich kennengelernt hatte, warf mir nach einem Monat völlig entnervt vor, Room to Read sei meine Ehefrau, Geliebte, Kind, mein Hund und meine Karriere - und es sei keineswegs eine angemessene Reaktion, als Antwort darauf heftig zu nicken und zustimmend zu grinsen." Vielleicht hat John Wood noch einige Neustarts vor sich. Aber bei jemandem, der mal bei Microsoft gearbeitet hat, wäre das auch nicht verwunderlich. Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm, würde Steve Jobs sagen.

Sigmar von Blanckenburg ist freier Mitarbeiter bei changeX.

John Wood:
Von Microsoft in den Himalaya
- Bücher für eine bessere Welt.

Murmann Verlag, Hamburg 2007,
285 Seiten, 19.80 Euro.
ISBN 978-3867740012
www.murmann-verlag.de

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: Von Microsoft in den Himalaya. Bücher für eine bessere Welt. Murmann Verlag, Hamburg 2007, 285 Seiten, ISBN 978-3867740012

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Sigmar von Blanckenburg

Sigmar von Blanckenburg schreibt als freier Autor für changeX.

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