Arbeit und Rückgrat, kurzgefasst

Zusammenfassung des Interviews mit Gabriele Buruck

Bei der Entstehung von chronischem Rückenschmerz spielen viele Einflussfaktoren eine Rolle, neben mechanischen auch psychische und soziale. In der Medizin gab es einen Paradigmenwechsel von einem rein medizinischen hin zu einem biopsychosozialen Verständnis. Nicht so bei der Arbeit.

Vor ein paar Jahren noch wurde zur Behandlung von Rückenschmerzen Bettruhe verordnet. Ohne Erfolg. Denn bei der Entstehung von chronischem Rückenschmerz spielen viele Einflussfaktoren eine Rolle, neben mechanischen auch psychische und soziale. In der Medizin gab es einen Paradigmenwechsel von einem rein medizinischen hin zu einem biopsychosozialen Verständnis. Chronische Schmerzen werden als multifaktorielles Konstrukt begriffen. Nicht so bei der Arbeit. 

"Im Arbeitskontext ist das seltsamerweise nicht so, da ist Rückenschmerz überwiegend immer noch ein rein medizinisches Thema", sagt Gabriele Buruck, Koordinatorin eines interdisziplinären Forscherteams im Schnittpunkt von Psychologie, Arbeitsmedizin, Sozialpsychologie und Gesundheitswissenschaft. In einer Metaanalyse haben die Forscherinnen 18 einschlägige Studien ausgewertet. Und konnten zeigen, dass nicht nur körperliche, sondern auch psychische und soziale Bedingungen bei der Arbeit zu chronischen Rückenschmerzen beitragen: Arbeitsintensität, Spielräume und Entscheidungsmöglichkeiten bei der Arbeit, soziale Unterstützung im Arbeitsumfeld. 

Die Ergebnisse der Studie kurz zusammengefasst: "Menschen mit hoher Arbeitsbelastung leiden häufiger an chronischem Rückenschmerz. Beschäftigte mit größeren Handlungs- und Entscheidungsspielräumen bei der Arbeit sind weniger betroffen. Rückenschmerzen treten zudem weniger häufig auf, wenn Mitarbeitende am Arbeitsplatz soziale Unterstützung von ihren Vorgesetzten und Kollegen erfahren." 

Einen Erklärungsansatz bietet die Cinderella-Hypothese. Diese besagt, dass bestimmte Muskelfasertypen in unserem Körper als Erstes aktiviert werden und als Letztes zur Ruhe kommen". Dies betrifft auch die oberen Muskelfasern entlang unseres Rückens. "Wenn nun eine Kombination aus einer hohen körperlichen und einer hohen psychischen Anforderung auftritt, geraten diese Muskelfasern in eine Daueraktivierung, da beide Anforderungen durch das Stresssystem reguliert werden. Durch diese Daueraktivierung entstehen Entzündungen in diesen Muskeln, und das bewirkt den chronischen Rückenschmerz", erläutert Buruck. 

Das Fazit: Ein Umdenken bei den Arbeitsbedingungen könnte schmerzbedingte Krankheitsausfälle vermindern. Immerhin ist der chronische Schmerz des unteren Rückens die am weitesten verbreitete chronische Schmerzerkrankung. Das Forscherteam empfiehlt flexible Pausen, mehr Spielräume beim Einteilen der Arbeit, soziale Unterstützung durch Kollegen sowie mehr Rückmeldung und Anerkennung durch die Vorgesetzten. 

Über einen möglichen Einfluss organisationaler Faktoren wie die Gestaltung von Arbeitsorganisation und Arbeitsbedingungen erbrachte die Studie keine Ergebnisse. Denn es gibt keine Forschung dazu. Gabriele Buruck: "Uns hat auch interessiert, ob neben den klassischen psychischen Arbeitsmerkmalen auch organisationale Faktoren, wie erlebte Fairness, Gerechtigkeit und Werte in Unternehmen, eine Rolle spielen. Das haben wir nicht bestätigt gefunden - aber das liegt schlichtweg daran, dass hierzu noch keine Forschung gelaufen ist. Es gibt keine Untersuchungen, die nach dem Einfluss dieser Faktoren auf die körperliche Gesundheit gefragt hätten." Es gibt also Forschungsbedarf. 


changeX 16.06.2020. Alle Rechte vorbehalten, all rights reserved.

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