Einfluss des Banalen

100 psychologische Denkfallen - das Buch von Jana Nikitin und Marie Hennecke
Rezension: Katja Reichgardt

Die Gründe für das menschliche Tun, Fühlen und Denken sind oft komplexer, als wir meinen. Oft sind es banale Dinge, die uns beeinflussen, wo wir unser Bewusstsein am Werke sehen. In 100 kleinen, kurzweiligen Geschichten gibt ein Buch einen Überblick über das Forschungsfeld.

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Wer hat nicht schon mal gedacht, bestimmte Situationen bereits vor ihrem Eintreten erwartet, mit ihnen gerechnet zu haben? Aber sind wir wirklich so gut darin, Dinge vorherzusehen? Oder verzerren wir bloß unsere Einschätzungen im Nachhinein? Dieser und anderen Fragen gehen die Herausgeberinnen Jana Nikitin und Marie Hennecke in dem Buch 100 psychologische Denkfallen auf den Grund.  

Das Buch erklärt auch das angesprochene Phänomen, das auch den Untertitel bildet: Warum wir hinterher meinen, es vorher besser gewusst zu haben. Hierbei handelt es um einen hindsight bias, einen Rückschaufehler. Menschen erinnern sich nach dem Eintreten eines Ereignisses oftmals falsch an ihre früheren Vorhersagen und stufen sie falsch ein. Dieses Phänomen spielt auch im privaten und gesellschaftlichen Bereich, beispielsweise bei Schuldzuweisungen, eine wichtige Rolle. Eine klassische Denkfalle, in die wir alle schon einmal getappt sind.


Erstaunliche Einsichten in unsere Psyche


Dieser Denkfehler ist aber nur ein Beispiel dafür, dass wir unsere Umwelt alles andere als objektiv beurteilen. Wir werden mehr von scheinbar banalen Dingen geleitet als von unserem Bewusstsein, sagen die Herausgeberinnen Jana Nikitin und Marie Hennecke, die selber beide als Psychologinnen tätig sind. Das beginnt bei kleinen Formulierungen, die einen immensen Einfluss auf unsere Entscheidungen haben können, und endet bei der Auswirkung stereotypen Denkens auf unsere Gesundheit.  

In 100 unterhaltsamen, erstaunlichen und kurzweiligen Geschichten zeigen uns die Autoren, wie tief Psychologie in unserem Alltag verwurzelt ist - ohne dass wir uns dieser Tatsache wirklich bewusst sind. Die 100 Texte wurden von insgesamt 18 Psychologinnen und Psychologen verfasst, die in den unterschiedlichen Bereichen arbeiten. Das garantiert eine große Bandbreite von Themen mit erstaunlichen Einsichten in unsere Psyche.  

So erfahren die Leser, dass die Menschen im Alter milder und harmoniebedürftiger werden, dass wir lange Warteschlangen automatisch mit der Qualität des begehrten Produkts assoziieren und fröhliche Menschen tatsächlich eine höhere Lebenserwartung haben als Pessimisten. Auch was die Zimmereinrichtung über die Persönlichkeit aussagt und wie gute Vorsätze tatsächlich in die Tat umgesetzt werden.


An Regentagen produktiver


Woran es liegt, dass Menschen an Regentagen produktiver sind, obwohl sie selbst der Meinung sind, bei schönem Wetter mehr zu schaffen, ist eine weitere Frage, der ein Text gewidmet ist. Die psychologische Auflösung: Bei Sonnenschein sind wir zwar besser drauf, beschäftigen uns aber viel zu sehr damit, was wir bei dem schönen Wetter tolles unternehmen könnten, um wirklich produktiv zu sein.  

Gleichzeitig erhalten Leser praktische Tipps, wie sie ihren Alltag produktiver gestalten und ihre Gefühle besser verstehen können. Beispielsweise Motivationsprobleme: "Der Sozialpsychologe Sean McCrea und seine Kollegen haben untersucht, welchen Einfluss die Art und Weise, wie man eine Aufgabe formuliert, auf das Aufschieben hat." Wer sich schlecht motivieren kann, sollte laut Autorin Kathrin Krause ein konkretes Ziel formulieren. Studien ergaben, dass das konkrete Nachdenken über Dinge die Motivation steigert und Prokrastination verringert. Statt sich das abstrakte Ziel "Abnehmen" zu setzen, ist es sinnvoller, klare Ziele zu formulieren: "Ich möchte in den nächsten drei Wochen durch regelmäßigen Sport zwei Kilo abnehmen." Je konkreter die Zielsetzung ist, desto höher ist auch die Motivation.


Denkfallen aus dem Weg gehen


Das Buch richtet sich an alle psychologisch Interessierten und bietet einen erfrischenden Blick auf unsere Psyche. Wer weiß, wie schnell wir uns durch banalste Dinge beeinflussen lassen, kann diese Erkenntnisse für sich nutzen, um Denkfallen in Zukunft aus dem Weg zu gehen.  

Das Buch gibt jedem Leser einen Blick darauf, wie sehr psychologische Forschung unser Menschenverständnis weiterbringen und unser Leben verbessern kann. Kurze Geschichten mit großer Wirkung, lesenswert und unterhaltsam.  


changeX 22.01.2016. Alle Rechte vorbehalten, all rights reserved.

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Autorin

Katja Reichgardt
Reichgardt

Katja Reichgardt ist freie Journalistin in Berlin. Sie schreibt als freie Mitarbeiterin für changeX.

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