Arbeit wird weiblich
Die Feminisierung der Arbeit revolutioniert die Erwerbsgesellschaft - ein Essay von Gundula Englisch.
Folge 8 der changeX-Serie über die neue Arbeitswelt.
Arbeiten? Nur wenn es der Mann erlaubt! Bis in die 70er-Jahre des zurückliegenden Jahrhunderts war das die Arbeitswirklichkeit der Frauen. Eine Frau, die jenseits von Kindern, Küche und Abwasch eine Arbeit ausüben wollte, musste ihren Mann um Erlaubnis bitten, und der konnte den Job jederzeit wieder kündigen. Vorbei. Seither finden Frauen zunehmend Arbeit und Bestätigung auf dem Erwerbssektor - und verändern diesen nicht weniger radikal als die technologische Entwicklung. Denn Frauen wollen anders arbeiten. Nach ihrer eigenen Fasson. / 14.02.08
Illustration von Limo LechnerDer Wandel geht zu Fuß. Er nimmt sich Zeit für sein Vorankommen - oft viel mehr Zeit, als erhofft oder befürchtet. Mal geht es schleppend voran, ein andermal sprunghaft, und jedem großen Schritt nach vorn folgt eine Etappe der Verzögerung. Das Neue will gründlich verdaut sein, damit es den Wandel nähren kann - ein langsamer, unsichtbarer Stoffwechselprozess, in dem wiederum Veränderungen reifen, die nach Aneignung verlangen. Und irgendwann ist nichts mehr, wie es war.
Im Jahr 1955 proklamierte der damalige Bundespräsident Theodor Heuss in einer Rede, dass "die größte Revolution im 20. Jahrhundert die veränderte Rolle der Frau ist". Von radikalen Umbrüchen in Sachen Geschlechterhierarchie war zu diesem Zeitpunkt allerdings wenig zu spüren. Zwar hatten sich die Verfassungsgeber der Nation einige Jahre zuvor nach hitzigen Debatten darauf geeinigt, dass Männer und Frauen laut Grundgesetz gleichberechtigt sind. Doch in der Arbeitswelt galt dieses Recht noch lange nicht. Wer damals als verheiratete Frau einen Job annehmen wollte, konnte dies nicht ohne die Erlaubnis des Ehegatten tun. Der durfte überdies bestimmen, was mit dem Verdienst seiner Frau geschieht, und kündigen konnte er ihr Arbeitsverhältnis jederzeit auch. Als diese Verordnung 1958 aufgehoben wurde, gestand der Gesetzgeber Frauen zwar die eigenmächtige Verfügung über ihre Arbeitskraft zu, aber nur, wenn "dies mit ihren Pflichten in Ehe und Familie vereinbar ist". Erst 1977 wurde dieser Passus endgültig gekippt, und heute wirkt das patriarchalische Modell der Nachkriegs-Arbeitsgesellschaft allenfalls noch wie ein schlechter Altherrenwitz. Die Revolution hat stattgefunden, aber nicht als historischer Paukenschlag, sondern als schleichende, nahezu lautlose Entgrenzung der Geschlechterrollen, der Lebensentwürfe und der Arbeitswelt schlechthin.

Arbeit mit Spaß und Sinn.


Dass Frauen inzwischen eine Schlüsselrolle im Wandel der Erwerbsgesellschaft innehaben, liegt allerdings vielerorts noch unter der Wahrnehmungsschwelle, wohl auch deshalb, weil es den eingeübten Denkschablonen schlicht widerspricht. Zwar registrieren Arbeitsmarktstatistiker seit Jahren eine steigende weibliche "Erwerbsneigung". Doch allein dieser kraftlose Begriff spricht Bände - spiegelt er doch immer noch das Bild der bescheiden dazuverdienenden Hausfrau wider. Tatsache ist jedoch, dass sich die "erwerbsgeneigte" Frauenriege zu einer tatkräftigen und eigensinnigen Massenbewegung formiert hat. Längst ist der weibliche Teil der Erwerbsbevölkerung aus dem "stillen Reserveheer des Arbeitsmarkts" desertiert und hat seine Geländegewinne selbst in die Hand genommen. Im vergangenen Jahr zählte die Statistik hierzulande 16,6 Millionen berufstätige Frauen gegenüber 20,1 Millionen Erwerbsmännern, was im Klartext heißt, dass die Wirtschaft ohne die weibliche Arbeitskraft zum Erliegen kommen würde. Dazu kommt, dass sich die männliche Erwerbsbeteiligung seit geraumer Zeit gegenläufig zur Dynamik der weiblichen entwickelt. Waren in Deutschland 1961 noch 93,5 Prozent der Männer berufstätig, aber nur 44,4 Prozent der Frauen, so arbeiten heute nur noch 72,8 Prozent der männlichen Bevölkerung - aber 62,2 Prozent der weiblichen. "Gründe für die steigende Arbeitslosigkeit sind wiederum in fast allen frühindustrialisierten Ländern ein sinkendes Arbeitsvolumen bei steigender Erwerbsbeteiligung", hatte schon die Zukunftskommission der Freistaaten Bayern und Sachsen konstatiert. Und an anderer Stelle präzisiert: "Ohne dass die Erwerbsbeteiligung von Männern entsprechend zurückgeht, suchen Frauen zunehmend Beschäftigung."
Dabei hat die kontinuierlich ansteigende Frauenerwerbsquote nicht nur quantitative, sondern auch qualitative Auswirkungen auf die Arbeitsgesellschaft. Denn mit ihrem Eintritt ins Erwerbsleben übernehmen Frauen keineswegs auch automatisch die herkömmlichen Standards des männlich geprägten Normalarbeitsverhältnisses. In das enge Korsett der industriellen Arbeitsorganisation - strikte Trennung von Erwerbs- und Familienleben, rigides Reglement von Arbeitszeit und Arbeitsort, standardisierte Abläufe und Aufstiegswege - haben Frauen niemals gut gepasst. Wenig anziehend war und ist für die meisten von ihnen auch das immer noch gültige sozialpolitische Leitbild des dauerhaften Vollzeitarbeitsverhältnisses, das die Zuständigkeit für Haus- und Familienarbeit quasi stillschweigend in Frauenhände legt. In diesen liegt aber mittlerweile ein gewichtiger Teil der Erwerbsarbeit, und so wundert es nicht, dass die Männerarbeitswelt von gestern ordentlich aufgemischt wird. Berufstätige Frauen wollen Geld verdienen und sich selbst verwirklichen - aber nach ihren eigenen, individuellen Bedingungen und Bedürfnissen. Sie wollen einen Job, der ihnen genügend Flexibilität für Karriere und Familie bietet. Sie legen Wert darauf, dass ihre Arbeit Spaß und Sinn macht. Sie wollen im Erwerbsleben nicht einfach nur funktionieren, sondern sich persönlich einbringen. Und sie möchten ihre Arbeit um ihr Privatleben herum organisieren, nicht umgekehrt. Viele jedenfalls wollen das, was nicht zuletzt die hohe Nachfrage nach sogenannter atypischer Arbeit, wie Teilzeit- oder Minijobs, freie Mitarbeit, befristete Projektarbeit oder Mikrounternehmertum beweist. Dieser Boom der bunten Beschäftigungsverhältnisse ist eben nicht nur eine widrige Folge wirtschaftlicher Rationalisierungs- und Flexibilisierungsmaßnahmen. Er ist auch eine gesellschaftlich gewünschte und geschaffene Alternative zum eindimensionalen, starren und leblosen Arbeitsbegriff der Vergangenheit.

Feminisierung der Beschäftigung.


Wie eng die fortschreitende Erosion der industriellen Arbeitsgesellschaft mit dem Aufbruch der weiblichen Erwerbsbevölkerung verzahnt ist, kondensiert sich in einem Terminus, der erstmals 1995 in einem UN-Papier zur Globalisierung auftauchte: die Feminisierung der Beschäftigung. Damit ist zunächst die schlichte Tatsache gemeint, dass weltweit immer mehr Frauen am Erwerbsleben teilnehmen. Mittlerweile kommt dieser Begriff aber auch immer dann ins Spiel, wenn es um die komplexen und nicht selten problematischen Transformationsprozesse der modernen Arbeitsgesellschaft geht. Ambivalent sind dabei die Meinungen darüber, ob die Feminisierung der Arbeit als Chance oder als Risiko zu sehen ist. Finden Frauen nur deshalb massenhaft Beschäftigung, weil ihre Ansprüche an Gehalt, Jobsicherheit und Sozialstandards geringer sind als die der Männer? Wird gar ihre hohe Bereitschaft, flexibel zu arbeiten, von renditehungrigen Unternehmen schamlos ausgebeutet - zulasten der teueren und tariflich geschützten Vollzeitarbeitsplätze? Oder spiegelt die Feminisierung der Beschäftigung eine selbstbewusste Suche nach neuen Lebensformen wider, jenseits der alten Grenzlinien zwischen bezahlter und unbezahlter Arbeit, formeller und informeller Beschäftigung, materiellem und immateriellem Gewinn. Ist die weibliche Erwerbsbevölkerung gar die Speerspitze einer neuen emanzipatorischen "Arbeiterinnenbewegung", die das Berufsleben sukzessive von den Fesseln der Abhängigkeiten, der starren Rollen und der zwanghaften Reglements befreit?
Indessen helfen blauäugige Utopien ebenso wenig wie gruselige Verelendungsapokalypsen, um zum Wesenskern der weiblich gewandelten Arbeitswelt vorzudringen. Nützlicher ist dabei eine andere, pragmatischere Perspektive, die in der zuweilen dogmatisch geführten Diskussion um die Feminisierung der Arbeit leicht aus dem Blickwinkel gerät. Es geht um die grenzenlose Vielfalt der Berufsmöglichkeiten, auf die Frauen heute zugreifen können. Fakt ist, dass sie sich von keinem Arbeitsgebiet, keiner Position, keinem Geschäft mehr ausschließen lassen und vormals reine Männerdomänen längst überrannt haben. Mehr oder weniger, jedenfalls - aber wohlgemerkt: Vor kaum einem Jahrhundert noch ließen sich weibliche Erwerbsmöglichkeiten an den Fingern einer Hand abzählen: Dienstmagd, Krankenschwester, Textilfabrikarbeiterin, Erzieherin - Sekretärin vielleicht noch, aber mehr war für die überwiegende Mehrheit der weiblichen Erwerbsbevölkerung nicht drin. Zwar erweiterten sich mit der Zeit die beruflichen Tätigkeitsfelder der Frauen, doch solange die Wirtschafts- und Arbeitswelt im Takt des Industriezeitalters lief, spielten die meisten von ihnen darin nur die subalterne Nebenrolle der Zuverdienerin und Zuarbeiterin, deren Hauptzuständigkeit nicht die Produktion, sondern die Reproduktion betraf. So wollte es das Lohnarbeitssystem, weil es sonst seine wichtigste Grundlage - die unbezahlte Haus- und Familienarbeit - verloren hätte. So wollten es die Männer, weil sie sonst ihren Status und ihr Ansehen eingebüßt hätten - noch in den 70er-Jahren galt es als Zeichen des Wohlstands, wenn die Ehefrau nicht berufstätig war. Und so wollten es nicht zuletzt auch viele Frauen, weil es ihren eigenen Vorstellungen von Weiblichkeit entsprach. Oder weil Widerspruch mangels Alternativen zwecklos war.

Freiheit zur Differenz.


Diese Allianz des Willens ist heute vielfach gebrochen. Die Wissensökonomie ist auf vielfältige Talente angewiesen, insbesondere auf jene, die als eher weiblich gelten, sprich: auf Kommunikations-, Vernetzungs- und Beziehungskompetenz. Der Arbeitsmarkt wäre angesichts einer schrumpfenden und alternden Bevölkerung restlos ausgetrocknet, wenn er hauptsächlich männliche Erwerbsarbeit anbieten und nachfragen würde. Die Männer wiederum können und wollen sich ihre Rolle als Alleinernährer immer weniger leisten und erkennen zunehmend die bedrückende Enge ihrer vollzeitigen, lebenslangen Angestelltenexistenz. Und die Frauen? Sie haben dem Modell der patriarchalischen Arbeitswelt schlicht die Glaubwürdigkeit entzogen und damit mehr Emanzipation und Wandel ermöglicht, als es jede Quote vermocht hätte. Denn von einer Ordnung, an die man nicht mehr glaubt, lässt man sich auch nicht mehr gängeln, ausbeuten oder diffamieren.
Die Revolution hat in den Köpfen und Herzen der Frauen stattgefunden, in ihrer Einstellung zu sich selbst, zu ihren Fähigkeiten, Bedürfnissen, Wünschen und Träumen. Heute sind Frauen so frei, ihren eigenen, individuellen Zugang zur Arbeit zu finden, statt auf den ausgetrampelten Pfaden der männlichen Erwerbsmuster herumzustolpern. Mag sein, dass auch das der Grund ist, warum nur wenige Frauen ins Topmanagement streben, dass sie in technischen Berufen so wenig präsent sind und oft lieber Teilzeit als Vollzeit arbeiten. Doch genau diese Freiheit der Frauen, sich bewusst gegen das Typische, das Symmetrische, das Stereotype und das Vorgegebene zu entscheiden und stattdessen das zu tun, was sie wirklich tun wollen, hat die Arbeitswelt und die Geschlechterrollen einschneidend verändert. Und diese Freiheit zur Differenz - weniger die Gleichheit als vielmehr die Vielfalt - ist das eigentlich Emanzipatorische, Revolutionäre unserer gewandelten Arbeitswelt. Auch wenn es noch eine Zeit lang dauern wird, bis dieser Wandel endgültig verdaut ist.

Gundula Englisch, Journalistin und Filmemacherin, arbeitet als freie Redakteurin für changeX.

Mit einer Illustration von Limo Lechner.

© changeX [14.02.2008] Alle Rechte vorbehalten, all rights reserved.

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Gundula Englisch, Journalistin, Autorin und Filmemacherin, arbeitet als freie Autorin und Redakteurin für changeX.

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