Sei gut zu deinem Gehirn
Besser denken - der Denk- und Lern-Reader von Hartwig Hanser.
Von Winfried Kretschmer
Was unser Gehirn hasst: abstrakte Regeln, mechanisches Pauken, Monotonie und Langeweile. Was es liebt: Bilder, Metaphern, gute Gefühle - und gutes Training. Unser Gehirn will trainiert werden wie ein Muskel. Und es funktioniert dann am besten, wenn man ihm gibt, was es braucht. Neben immer neuen Reizen gehören dazu auch Zeit und Muße. Ein Reader fasst alles Wissenswerte zusammen: In Vergessen Geratenes ebenso wie neue Erkenntnisse der Hirnforschung. / 23.05.08
Hanser CoverEs war eine antike Katastrophe: Gerade als der Hauptgang des Menüs aufgetragen wurde, stürzte die Decke des Festsaals ein und begrub alle Anwesenden unter sich. Allein der Dichter Simonides überlebte, weil er kurz zuvor das Haus verlassen hatte - und er konnte nun bei der Identifikation der Opfer entscheidende Hilfe leisten. Im Geiste schritt er noch mal die Festtafel ab und rekonstruierte so die Sitzordnung der Gäste. Der Legende nach veranlasste dieses Erlebnis den Dichter dazu, eine Merktechnik zu entwickeln, die der römische Rhetoriker Cicero dann in einem seiner Lehrbücher beschrieb. An diese alte Methode erinnert der Philosoph Michael Spang in seinem Beitrag zu dem Buch Besser denken, in dem Hartwig Hanser, Chefredakteur des Magazins Gehirn & Geist, 28 Beiträge zum Thema Denken versammelt hat. Erschienen sind sie zwischen 2002 und 2006 in Gehirn & Geist, zusammengestellt bieten sie ein abwechslungsreiches Potpourri zu einem Thema, das mit dem kurzen Titel knapp, aber umfassend umschrieben ist: Es geht darum, unsere geistigen Ressourcen besser zu nutzen. Und dazu können alte wie neue Methoden viel beitragen. Wie Spangs These zum Beispiel: "Am besten können wir uns Dinge einprägen, wenn wir sie uns als Gegenstände in einem imaginären Raum vorstellen."

Das Gehirn als Muskel.


Komisch ist nur, dass solche Techniken in erster Linie von Trainern in der Erwachsenenbildung vermittelt werden, kaum aber an Schulen und Universitäten. Dabei waren solche Merktechniken, wie Vera F. Birkenbihl in einem ihrer Beiträge schreibt, "bis in die 1920-er Jahre noch allgemein bekannt", gingen aber dann zunehmend verloren. Leider schreibt sie nicht, warum sie in Vergessenheit gerieten. Und so kann man nur vermuten, dass dies mit der Durchsetzung einer technisch-instrumentellen Rationalität und naturwissenschaftlich-objektiv geprägten Weltsicht zusammenhing, die unsere Art zu denken ganz entscheidend geprägt hat. So wie man die Welt aus ihren kleinsten Bausteinen heraus zu verstehen suchte, begriff man Wissen als Menge von Merkposten, die man nur abspeichern musste, um klug zu werden.
Heute indes sind wir wieder ein Stück schlauer und haben gelernt, dass die Methode des Fließband-Lernens keinesfalls zu besserem Denken führt. So wie uns die Hirnforschung vor Augen führt, wie unser Gehirn funktioniert, beginnen wir die Methoden zu hinterfragen, mit denen wir es gewohnheitsmäßig traktiert haben, wenngleich wir mit den Ergebnissen meist auch ziemlich unzufrieden waren, weil sich mühsam Gelerntes meist schneller aus unserem Arbeitsspeicher entfernte, als uns lieb sein konnte. Erst nach und nach erschließt die Forschung die Zusammenhänge. "Wir wissen inzwischen, dass das Gehirn wie ein Muskel trainiert werden muss. Aber wir begreifen erst nach und nach, welche Formen des Trainings am meisten bringen", schreibt Vera F. Birkenbihl. Wer sich über den Stand der Dinge in Sachen Gehirntraining informieren will, ist mit diesem Buch gut beraten.

Erlerntes Falschdenken.


Drei zentrale Erkenntnisse über das Denken, Merken und Erinnern gilt es festzuhalten: Erstens, erinnert Vera F. Birkenbihl, "beschreiben Kognitionsforscher Wahrnehmen heute als Konstruktion und Erinnern als Re-Konstruktion". Wer sich an etwas erinnert, greift nicht auf fertige abgelegte Bilder und Zusammenhänge zu, sondern baut seine Erinnerung aus vielen kleinen Bruchstücken zusammen. Bildlich ausgedrückt, spult er nicht eine Videoaufzeichnung ab, sondern gleicht einem Paläontologen, der aus einem Knochenfund das Bild eines Dinosauriers konstruiert. Hierin liegt wohl auch das Geheimnis der antiken Mnemotechniken: Indem sie Zusammenhänge konstruieren, zum Beispiel indem Merkinhalte in den Räumen eines gedachten Gebäudes abgelegt werden, funktionieren sie genauso wie unsere Wahrnehmung. Und sie verankern zugleich einen starken Abruf-Reiz. Wer sich seine Einkaufsliste einprägen will und sich den Posten "Eier" in Form am Schlafzimmerspiegel klebender Spiegeleier vorstellt, der wird dieses Bild vermutlich besser erinnern als den abstrakten Begriff.
Das ist der zweite Punkt: Metaphern. Auch sie waren bis vor kurzem verpönt und wurden als "Eselsbrücken" abklassifiziert: als Merkhilfen für Minderbemittelte, für Esel eben. "Bis Mitte der 1980-er Jahre", so nochmals die Birkenbihl, aus deren Feder gut ein Viertel der Beiträge stammen, "hielt sich hartnäckig die Meinung, Metaphern seien eigentlich überflüssig und nur für Poeten und Redner von Bedeutung. � In den letzten 15 Jahren tauchen immer mehr Publikationen auf, die darauf hindeuten, dass wir ohne Metaphern gar nicht denken können." Und wie verschiedene Beiträge zeigen, können die gar nicht fantasievoll, bunt und schrill genug sein, um gut erinnert zu werden. Denn wenn unser Gehirn etwas hasst, dann ist es Monotonie und Langeweile.
Drittens spielen Emotionen auch beim Denken, Merken und Erinnern eine entscheidende Rolle. "Gefühlvoll lernen" ist also die Devise. Oder wie es Manfred J. Lorenz formuliert: "Am leichtesten und dauerhaftesten lernt das Gehirn neue Fakten, wenn es dabei durch positive Gefühle empfänglich gestimmt ist." Und weiter: "Versucht man, dem Gehirn eine rationale Information ohne emotionalen Kontext einzuprägen, entstehen beim Merkvorgang meist negative Gefühle." So entsteht leicht ein Teufelkreis aus negativen Stimmungen und Misserfolgen beim Lernen. "Erlerntes Falschdenken" nennt das der Autor.

Wir fangen erst an zu verstehen.


Wer sich hierbei an seine Schulzeiten erinnert fühlt, der liegt nicht ganz falsch. Zwei Hauptfehler machen das Schul-Lernen so kontraproduktiv, so Birkenbihl: "Prozesse, die man durch Handeln erwerben muss �, werden über Regeln vermittelt." Und "Lerninhalte, die begriffen werden müssen, werden stur mechanisch gepaukt". Mit abstrakten Regeln und seriell vermittelten Informationen aber kommen Computer gut zurecht, nicht aber das menschliche Gehirn. Damit dieses seine beste Leistungsfähigkeit erreicht, braucht es neben adäquaten Inhalten und Methoden auch Zeit, Entspannung und Muße. Dieser antiquiert anmutende Begriff steht ja nicht für Nichtstun und Faulenzen, sondern für einen Zustand innerer Ruhe, in dem eben die Aufnahmefähigkeit des Gehirns am größten ist. Wie es scheint, müssen wir einige Dinge über das Lernen neu lernen.
Fazit: Das Buch bietet in prägnanten Beiträgen namhafter und kompetenter Autoren eine kompakte Zusammenfassung des Wissens über das Denken, Lernen und Merken. Und es zeigt: Wir fangen gerade erst mal an zu verstehen.

Winfried Kretschmer ist leitender Redakteur und Geschäftsführer bei changeX.

Hartwig Hanser (Hg.):
Besser denken.
mvg Verlag, Heidelberg 2007,
250 Seiten, 15.90 Euro.
ISBN 978-3-636-06312-0
www.mvg-verlag.de/shop/article/1292-besser-denken/
www.mvg-verlag.de

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: Besser denken. . mvg Verlag, Heidelberg 1900, 250 Seiten, ISBN 978-3-636-06312-0

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Autor

Winfried Kretschmer
Kretschmer

Winfried Kretschmer ist Chefredakteur und Geschäftsführer von changeX.

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