Next Generation :-)
Generation Internet. Die Digital Natives: Wie sie leben. Was sie denken. Wie sie arbeiten - das neue Buch von John Palfrey und Urs Gasser.
Von Anja Dilk
Die Digital Natives sind überall. Nach 1980 geboren, sind sie mit den neuen digitalen Technologien aufgewachsen, haben nie ohne die virtuelle Welt gelebt. Und bewegen sich in ihr mit einer Selbstverständlichkeit, die Ältere immer wieder frappiert: ihr Hang zum Multitasking, ihre Art, sich auszudrücken und digital Kontakt zu halten, ihre Meisterschaft im Mixen von digitalem Content. Zwei Autoren haben die Digital Natives porträtiert - ein Grundlagenwerk über das digitale Leben. / 27.01.09
John Palfrey / Urs Gasser CoverCynthia ist ein ganz scharfer Feger. Eine Latina, wie sie im Buche steht. Feurig. Respektlos. Selbstbewusst. 18 Jahre alt. Ein Videogirl par excellence. Als Little Loca faszinierte sie die Massen. Als Stevie, ihrem echten Namen, lächelt sie auf ihrem eigenen TV-Kanal. Längst ist Stevie ein Star. Bekannter bald als Cate Blanchett oder Meryl Streep. Ihren ersten Oscar bekam sie mit 22 Jahren.
Stevie alias Cynthia kennt weder Filmproduzenten noch Starregisseure. Sie drehte nie in Hollywood und schaffte es doch bis ganz nach oben. Über YouTube. Und auch wenn der Oscar aus einer Kneipe geklaut ist - das Symbol des Ruhmes, das sie schwer in ihrer Hand wiegt, wird ihrer Bedeutung gerecht. Denn sie ist Teil einer Online-Kultur, geprägt, gestaltet, gelebt von einer Generation, die nie ohne die virtuelle Welt gelebt hat: den Digital Natives.
Das Mädchen mit dem iPod in der Tram. Der Fashionboy auf Klubtour, der ein SMS-Feuer von seinem Handy abschießt. Der Praktikant, der den Firmenserver auf Vordermann bringt. Der Schuljunge, der seinen Eltern die Website einrichtet. Die Digital Natives sind überall. Menschen, nach 1980 geboren, als Technologien wie Usenet und Bulletin-Board-Systeme online gingen. Sie sind in dieser vernetzten, digitalen, virtuellen Welt aufgewachsen, in der die Technik ihre Fühler bis in die letzten Winkel des Privatlebens ausstreckt - und das ganz normal ist. Sie erleben die wachsende Digitalisierung und ihre Folgen für Gesellschaft, Wirtschaft, Kultur und Familie ganz anders als die früher Geborenen, die sich als Digital Immigrants in diese Welt nach und nach einfuchsen und zuweilen unsicher, zuweilen spöttisch auf die Eingeborenen der digitalen Welt schauen.

Generation mit gewaltigem Potenzial.


Der Amerikaner John Palfrey, Professor an der Harvard Law School, und sein Schweizer Kollege Urs Gasser, Professor an der Universität St. Gallen, haben diese Generation genauer in den Blick genommen. Wie leben die Digital Natives? Was unterscheidet sie von anderen Generationen, wie gehen sie mit Informationen, mit Identität, mit Originalität um? Wie wird sich durch sie unsere Gesellschaft verändern? Die Internetexperten, Jahrgang 1972, schreiben die Geschichte fort, die vor gut zehn Jahren der Kanadier Don Tapscott mit seinem Buch Netkids begonnen hatte - im Jahr der Google-Gründung. Kritisch setzte er den kulturpessimistischen Unkenrufen des damaligen Mainstreams einen reflektierten Umgang und eine differenzierte Sicht auf die Computer- und Internet-Generation entgegen, deren Potenzial er weit jenseits geistiger und sozialer Verarmung sah. Längst hat sich das Rad weitergedreht, ist das Internet zum sozialen Netzwerk, zum interaktiven, omnipräsenten Informations- und Wirtschaftsmarktplatz geworden, auf dem die Digital Natives einen Gutteil ihres Lebens verbringen. Wie einst Tapscott wollen Palfrey und Gasser nicht unken und urteilen, sondern aufklären und genauer hinschauen. Auf das, was diese digitale Generation verbindet - wie "die Zeit, die sie mit Digitaltechnik verbringen, ihren Hang zum Multitasking, ihre Art, sich auszudrücken und digital miteinander Kontakt zu halten, sowie die Anwendung dieser Technologien, um auf Informationen zuzugreifen und diese zur Schaffung neuer Formen von Wissen und Kunst zu nutzen". Auf das, was sie prägt, begleitet, gefährdet.
Denn natürlich hat diese Generation gewaltiges Potenzial. In puncto Kreativität etwa. Wenn sie Musikvorlagen sampelt, Videos zu Neuem vermischt, Kunstformen schafft, deren Bedeutung heute noch nicht einmal zu erkennen sein mag, ebenso wie vor 20 Jahren noch die künstlerische Leistung der Fotografie, vor zehn Jahren noch die künstlerische Gestaltungskraft des Hobbyvideos unterschätzt wurde.
In puncto Innovationen zum Beispiel. Unternehmen, die Digital Natives als Kunden haben, spüren das. Denn die User sind anspruchsvoll, werden schnell aktiv und bringen so eine Innovationsspirale in Gang, die Produkte oder Dienstleistungen rasch optimiert und langfristige Kundenbeziehungen aufbaut. Was durchaus auch zu Konflikten führen kann. Wie bei Facebook. Als die Bosse des größten Social Network 2006 "News-Feed", also eine automatische Informationsfunktion über Aktivitäten und Neuerungen von Facebook-Mitgliedern, einführen wollten, lief die Community Sturm: Das ist eine Verletzung unserer Privatsphäre. Facebook tat das einzig Richtige. Es entschuldigte sich bei seinen Usern, nahm sie ernst, fragte nach ihrer Meinung und launchte etwas später dann ein geändertes News-Feed-Programm doch noch erfolgreich.
Auch in der Arbeitswelt können die Erfahrungen der Digital Natives zum Gewinn werden. Zwar mögen sie zuweilen arg flapsige Mails an Kunden schicken, andererseits sind Menschen, die von klein auf in Netzwerken arbeiten, es einfach gewohnt, Hierarchien infrage zu stellen, mehrgleisig zu arbeiten und in stressintensiven Arbeitsphasen den Überblick zu bewahren. Und schließlich sind die Digital Natives prädestiniert für jene digitale Netzwerkökonomie, die Don Tapscott in seinem jüngsten Buch Wikinomics nannte. Eine Open-Source-Wirtschaft nach Wikipedia-Modell.

Mit der Identität in der Realität vereinbar.


Es ist wohltuend, dass sich die Autoren nicht in gewohnten Bildern verlieren, sondern genauer hinschauen. Zum Beispiel in Sachen Identitätsbildung. Denn sicher bietet das Internet mit seinen Foren, Blogs und virtuellen Welten den Digital Natives die Möglichkeit, sich multiple, komplexe, vielfältige Identitäten zu schaffen. Doch letztlich sind sie nicht freier in der wiederholten Neuerschaffung von Identitäten, weil alte Identitäten überall sichtbar und nicht mehr loszuwerden sind, man also die Wahrnehmung seiner Identität weniger als früher beeinflussen kann. Zum Zweiten läuft die ausdifferenzierte Vielfalt letztlich meist wieder in einem mehr oder weniger einheitlichen Selbstkonstrukt zusammen. "Die persönliche Identität einer 16-Jährigen im digitalen Zeitalter unterscheidet sich in mancherlei Hinsicht nicht grundlegend von ihrem Pendant in früheren Zeiten. Nach wie vor drückt sie sich durch ihre Charaktereigenschaften, Interessen und Tätigkeiten in ihrem realen Umfeld aus - zumindest mittlerweile. ... Der Umstand, dass ein Teil ihres Lebens in digital vermittelten Formen stattfindet, hat selbst keinen großen Einfluss auf ihre persönliche Identität. ... Untersuchungen zur Herausbildung von Online-Identitäten verweisen immer wieder darauf, dass junge Leute, ob sie nun Digital Natives sind oder nicht, ihre persönliche oder soziale Identität trotz der beschriebenen Veränderungen online eher so zum Ausdruck bringen, wie sie es bisher getan haben, das heißt auf eine Weise, die mit ihrer Identität in der Realität vereinbar ist."
Gleichzeitig spricht einiges dafür, dass die Digital Natives in mancher Hinsicht ungut von der virtuellen Welt geprägt sind, in der sie sich so häufig tummeln. Wenn sie reichlich naiv Details über sich und die ihren in die Online-Welt werfen, aus denen sich leicht gewaltige Dossiers fertigen lassen. Wenn sie sich im Information Overload verhaken, ohne sorgfältig erarbeitete Bewältigungs-, Analyse- und Einordnungsstrategien erlernt zu haben. Oder wenn sie vorschnell Online-Quellen glauben. In Hunderten von Interviews mit Digital Natives machten die Autoren die Erfahrung: "Die Mehrheit der im digitalen Zeitalter Geborenen hält die Qualität von Informationen offenbar nicht für ein besonders wichtiges Thema. Die folgende Aussage einer Digital Native, die wir interviewten, ist symptomatisch: 'Google, na ja, das benutzen doch viele Leute, also benutze ich es eben auch.' Woher sie wisse, ob sie den Inhalten trauen könne? 'Daran habe ich noch gar nicht gedacht.'" Gleichzeitig ist ihnen die Zuverlässigkeit der Informationen in anderen Fällen wichtig, zum Beispiel, wenn es um die Richtigkeit von Hausarbeiten aus dem Netz geht, um Informationen über Online-Kumpel oder über interessante Arbeitgeber.
Was bleibt, ist Aufklärung. "Wir sollten unbedingt dazu in der Lage sein, gute von schlechten Informationen zu trennen", schreiben Palfrey und Gasser. Eine Bildungsaufgabe, die umso wichtiger ist, als "es für Kinder schwieriger ist als für Erwachsene, qualitativ hochwertige von qualitativ minderwertigen Informationen zu unterscheiden", weil ihre Gehirne noch nicht fertig und ihre Aufmerksamkeitsspannen noch kürzer sind. "In den Schulen sollten also vielfältigere Lernmöglichkeiten angeboten werden, die berücksichtigen, wie entwickelt die kognitiven Fähigkeiten der Kinder sind, wofür sie sich interessieren, was sie gewohnt sind und welche intuitiven Methoden sie verwenden. Nur so kann eine umfassende Ausbildungsstrategie garantiert werden, die die Fähigkeiten der Digital Natives stärkt, Online-Informationen kritisch zu evaluieren."

Kritisches Denken lernen.


Wenn Palfrey und Gasser darüber nachdenken, inwieweit die Digital Natives anders ticken als andere, inwieweit die voranschreitende Digitalisierung unsere Gesellschaft verändern, bedrohen, bereichern wird, und was Eltern, Lehrer und der Staat dazu beitragen können, die Gefahren zu beherrschen und die Potenziale zu erschließen, geht es im Grunde also um wenig Neues: Kritisches Denken lernen. Begründete Kriterien entwickeln. Offenheit für andere Menschen, ihre Sichtweisen, ihre Erfahrungen bewahren. Neue Verbindungslinien entdecken zwischen Menschen und Digital Natives der Generation Digital Immigrants.
Es ist ein wohltuendes Buch, das John Palfrey und Urs Gasser da geschrieben haben, wunderbar lesbar obendrein. Wohltuend, weil es sich vor schnellen Urteilen hütet und sich bemüht, gestützt auf viele Studien und Interviews, genauer hinzuschauen. Wohltuend, weil es versucht, die Gedanken- und Erlebenswelt der Digital Natives auch für jene aufzuschließen, die nicht mit dem Alltag im Cyberspace groß geworden sind und ihn vielleicht vor allem beruflich erleben. Wohltuend auch, weil es die Gefahren und Chancen der digitalen Welt ausdifferenziert und darauf aufmerksam macht: Ob es uns im Detail interessiert oder nicht, wir haben eh keine Alternative, als uns hineinzustürzen, weil diese Welt immer mehr auch über uns selbst bestimmt. Eines allerdings kommt zuweilen zu kurz: dass längst nicht alle Menschen aus der Generation der Digital Natives zu ihr gehören. Und zwar nicht nur jene, die zu arm sind, um sich einklinken zu können. Nicht nur jene, die in digital verödeten Ländern leben, wo sie kaum Zugang haben. Fremde in der digitalen Welt gibt es auch unter jenen, die formal dieser Generation angehören, aber nicht mit Haut und Haaren auf den Zug von Internet & Co. aufspringen. Wer sich bei Jugendlichen umhört, selbst im urbanen Raum, findet davon manchmal mehr, als solche Analysen eines neuen Zeitalters erwarten lassen.

Anja Dilk ist Berliner Korrespondentin und Autorin bei changeX.

John Palfrey / Urs Gasser:
Generation Internet.
Die Digital Natives: Wie sie leben. Was sie denken. Wie sie arbeiten.

Carl Hanser Verlag, München 2008,
440 Seiten, 19.90 Euro.
ISBN 978-3-446-41484-6
www.hanser.de

© changeX [27.01.2009] Alle Rechte vorbehalten, all rights reserved.


changeX 27.01.2009. Alle Rechte vorbehalten, all rights reserved.

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Zu den Büchern

: Generation Internet. Die Digital Natives: Wie sie leben. Was sie denken. Wie sie arbeiten.. Carl Hanser Verlag, München 2008, 440 Seiten, ISBN 978-3-446-41484-6

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Anja Dilk ist Berliner Korrespondentin, Autorin und Redakteurin bei changeX.

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