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In der Meconomy wird die eigene Person zur kleinsten wirtschaftlichen Einheit. Ein Interview mit Markus Albers.
Text: Winfried Kretschmer

Ein Buchautor gibt seinem Verlag den Laufpass und bringt sein neues Buch im digitalen Selbstverlag heraus. Ein Beispiel für das, was er beschreibt: eine Ökonomie, in der die eigene Person zur kleinsten wirtschaftlichen Einheit wird. Und das eigene Wissen zum Produktionsmittel und Wertschöpfungsfaktor.

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Markus Albers lebt als freier Journalist und Sachbuchautor in Berlin. Er ist Korrespondent der Zeitschrift Monocle und schreibt für verschiedene Magazine und Zeitschriften.

Herr Albers, Ihr letztes Buch ist bei Campus erschienen, nun veröffentlichen Sie Ihr neues Buch digital im Selbstverlag. Warum macht man so etwas, wenn man einen renommierten Verlag hat?
Die Zusammenarbeit mit dem Verlag war tadellos, und wir wollten auch das neue Buch Meconomy zusammen machen. Doch dann hat der Verlag den Erscheinungstermin auf den Herbst 2010 geschoben – und das war mir einfach zu spät, denn ich hatte das Manuskript im Herbst 2009 fertig, und es ist auch kein ganz zeitloses Thema, sondern hat eine hohe Aktualität. Als ich dann gesehen habe, dass mit der Ankündigung vieler neuer Lesegeräte das digitale Lesen im letzten Herbst klar in den Blickpunkt gerückt ist und gleichzeitig eine neue Debatte um Paid Content begann, habe ich mich ermutigt gefühlt, es einfach einmal selber zu versuchen und auf eigene Faust ein E-Book auf den Markt zu bringen. Das war der Anfang einer spannenden Odyssee.

Wohin führte die?
Zuerst dachte ich – neben einem PDF-Download von meiner Website – an Print on Demand, habe dann aber gesehen, dass dabei das einzelne Buch schnell 15, 16 Euro im Druck kostet. Dann bin ich auf die Berliner Firma textunes gestoßen, die als Dienstleister für viele große deutsche Verlage Bücher aufs iPhone bringt. Zwar haben die zunächst abgewunken, weil sie nicht mit einzelnen Autoren zusammenarbeiten, fanden dann aber, dass das Thema gut zu ihnen passt, und hatten Lust, ein Experiment zu starten. textunes hat mein Buch als App in den iTunes Store gebracht und es zudem als E-Book – im gängigsten Format namens EPUB – in die großen E-Book-Läden gestellt. Damit hatte ich einen Hauptvertriebspartner.

Vertrieb ist aber nicht das Einzige, was einen Verlag ausmacht.
Das stimmt. Mir ist aber bewusst geworden: Die Buchbranche ist im Umbruch, und die wenigsten haben eine Antwort, was als Nächstes passiert. Das hat den Vorteil, dass man, wenn man wie ich ganz unbedarft auf Leute zugeht, überall offene Türen findet. Mir kam entgegen, dass viele an einem Experiment interessiert waren.

Wie lief das konkret?
Zu Beginn hatte ich überlegt, was ein Verlag leistet, was ich selber nicht kann: Titelfindung, Arbeit am Manuskript, das Thema zuspitzen, Covergestaltung und so weiter – das sind aber alles Dinge, die man mit Profis, die man engagiert, auch selbst hinbekommt. Bei Titel und Cover ist es sogar ganz schön, etwas mehr künstlerische Freiheit zu haben. Was ich selbst nicht leisten kann und wo Verlage wirklich unschlagbar sind, das ist der Vertrieb des physikalischen Buches in die Buchhandlungen – aber das fällt ja weg, wenn man sein Buch als E-Book veröffentlicht. Kurzum: Ich habe mir die Verlagsleistungen eingekauft, also einen Lektor engagiert, einen Korrektor beauftragt, das Manuskript setzen lassen, eine preisgekrönte Grafikerin für die Covergestaltung gefunden und so weiter.

Das rechnet sich?
Natürlich ist es ein gewisses unternehmerisches Risiko, denn dieses Geld muss ich erst mal wieder reinverdienen. Aber bei einem E-Book ist die Gewinnspanne höher; im Vergleich zum gedruckten Buch bleibt mehr hängen, auch wenn das Buch günstiger ist. Mein erstes Buch hat 18,99 Euro gekostet, davon habe ich als Autor etwa zehn Prozent bekommen. Das neue kostet 9,99 Euro, davon bleiben mir je nach Vertriebsplattform zwischen 30 und – wenn ich das PDF über meine Website verkaufe – fast 100 Prozent.

Ich vermute, wie Sie Ihr Buch produzieren und vertreiben, hat einiges damit zu tun, was in dem Buch drinsteht?
Allerdings, denn in dem Buch geht es um das Sich-selbst-Erfinden nach der Krise und um die Selbstverwirklichung in der digitalen Ökonomie. Mein Gefühl war, und das hat die Recherche dann auch so bestätigt, dass sich im Feld der Arbeit ein Strukturwandel vollzieht, den wir schon länger beobachten: Die Menschen verlassen sich nicht mehr auf die lebenslange Festanstellung, die großen Unternehmensmarken bieten nicht mehr unbedingt die erstrebenswerteste Karriere und der tägliche Weg ins Büro und dieser Büroalltag ganz allgemein sind auch nicht mehr die ideale Lebensform für jedermann. In der Krise haben die Menschen gesehen, dass vieles im Wanken ist und man sich auf manche alte Institutionen und Regeln nicht mehr verlassen kann. Auf der anderen Seite macht die Technik heutzutage vieles möglich: Sie ermöglicht nicht nur das mobile und flexible Arbeiten, wie ich es im ersten Buch gezeigt habe, sondern erleichtert es auch, sich selbständig zu machen. Die Produktionsmittel, die man braucht, um eine Firma zu gründen, sind so unendlich viel günstiger geworden, dass es heute sehr viel einfacher geworden ist, das, was man wirklich gerne tut, als Beruf zu wählen, also seine Leidenschaften zum Job zu machen. Das finde ich neu und spannend.

Und die Meconomy ist eine Form der Ökonomie, wo Selbstverwirklichung und wirtschaftliche Wertschöpfung in eins gehen? Kann man das so sagen?
Das kann man auf jeden Fall so sagen. Die kleinste wirtschaftliche Einheit ist heute die eigene Person, das eigene Wissen. Man spricht natürlich schon länger von Wissensarbeit und von der kreativen Klasse, aber ich habe den starken Eindruck, dass wir zunehmend, und vielleicht zum ersten Mal, in eine Phase kommen, wo immer mehr Menschen wirklich sagen können: Das, was ich brauche, um meinen Lebensunterhalt zu verdienen, das ist in meinem Kopf! Und damit habe ich die Möglichkeit, das zu tun, woran mein Herz hängt und was ich wirklich gerne mache. Man hört das ja ganz oft von Menschen: „Wenn ich könnte, dann würde ich das und das machen“ – heute geht das tatsächlich! Und das tun auch immer mehr Menschen. Interessanterweise sind ausgerechnet im Krisenjahr 2009 in Deutschland mehr neue Unternehmen gegründet worden, als bestehende pleitegegangen sind – zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg. Ein zweiter Aspekt: Die Frage ist nicht nur, was man machen möchte, sondern auch, wo man es machen möchte – sprich: Die globale Mobilität nimmt zu, auch der Deutschen. So sind 2008 zum ersten Mal seit rund 25 Jahren mehr Menschen aus Deutschland ausgewandert als eingewandert, das hat sich 2009 fortgesetzt. Zwei große Trends, die diesen Strukturwandel belegen.

Dennoch möchte ich kritisch gegenfragen, ob das nicht die Binnenperspektive eines bestimmten Segments ist: nämlich der Kreativarbeiter, der Creative Economy?
Sicher gilt das nicht für jeden. Wenn jemand in der Produktion oder im Servicebereich arbeitet, dann ist es sehr viel schwerer, sich selbst zu verwirklichen und einfach sein eigenes Ding zu machen. Ja, Sie haben recht, mein Buch ist auch für eine bestimmte Zielgruppe geschrieben, eben für die Kreativökonomie. Aber die macht inzwischen einen erheblichen Anteil an der Wirtschaftsleistung aus – man sagt, dass es inzwischen etwa 50 Prozent aller Jobs sind, mit steigender Tendenz. Das sind Wissensarbeiter, Menschen, die vor allem mit dem Computer arbeiten, die vor allem neue Dinge erfinden, und weniger Dinge produzieren.

Dennoch haben viele junge Berufseinsteiger noch die Vorstellung der klassischen Kaminkarriere im Kopf und würden am allerliebsten in einem großen Unternehmen langfristig eine feste Anstellung finden – von wegen Portfolio Worker!
Das ist auch so. Ein führender deutscher Arbeitsexperte erklärt das in meinem Buch so: Berufsanfänger würden in ihrer Mehrheit am liebsten für den Rest des Lebens in einem großen, stabilen Unternehmen arbeiten, mit klaren Aufstiegschancen und mit gutem Geld. Bloß, das gibt es ja immer weniger. Das ist die Realität, mit der man sich konfrontieren muss. Richard Sennett hat vorgerechnet, dass Amerikaner im Schnitt in 40 Arbeitsjahren elfmal den Job wechseln und dreimal ihr gesamtes Know-how austauschen müssen. Und dahin geht die Entwicklung auch in Deutschland. Kurzum: Natürlich gibt es diese klassische Karriere in großen Unternehmen noch – aber es ist sehr viel schwerer geworden, da hineinzukommen, und es ist viel unzuverlässiger geworden, die langfristige Lebensplanung darauf zu stützen. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass man länger lebt als das Unternehmen, in dem man arbeitet.

Also treibt die wirtschaftliche Entwicklung in die Richtung?
Das würde ich eindeutig so sagen. Lebenslanges Lernen ist beinahe schon ein Klischee, aber es wird heutzutage zunehmend zur Lebenswirklichkeit für jedermann. Studien sagen, dass es die wichtigsten Jobs von 2020 heute noch gar nicht gibt. Und das heißt, wir können uns heute nicht nur neu und selbst erfinden, sondern wir müssen es auch, weil sich die Berufswirklichkeit so stark verändert. Große Unternehmen begreifen die ständige Fortbildung ihrer Mitarbeiter immer weniger als eine Kernaufgabe der Personalentwicklung – das heißt, jeder muss selber sehen, wie er sich das Wissen beschafft, das er heute braucht. Und mit den neuen Technologien kann man das heute auch sehr viel leichter tun. Stichwort iTunes oder YouTube, wo man Universitätsvorträge hören kann. Die Menschen bringen sich selber bei, was sie wissen müssen, und sie tauschen sich in Communitys weltweit darüber aus, wie Dinge besser gehen, Stichwort „Lifehacking“.

Wenn Sie schreiben, „wir wollen Gutes tun, glücklich sein und Geld verdienen“. Ist das nicht fast ein bisschen viel für ein Leben?
Zugegeben – wahrscheinlich ja. Die Frage ist natürlich, wie viel davon am Ende wirklich umsetzbar ist. Doch gerade die jetzt in den Arbeitsmarkt kommenden Digital Natives, die die Technologie beherrschen und mit sozialen Netzwerken umgehen können, die die klassischen Arbeitsstrukturen wenn nicht ablehnen, so doch infrage stellen, sie stellen die Sinnfrage: „Warum machen wir das hier?“ Da ist natürlich eine Menge Blauäugigkeit und jugendliche Weltverbesserungsbegeisterung dabei. Trotzdem wird diese Sinndebatte an immer mehr Stellen geführt. Das reine Funktionieren im Unternehmen, das bloße Sichunterordnen unter einen Unternehmenszweck, der am Ende wahrscheinlich doch nur Shareholder-Value ist, wird zunehmend infrage gestellt. Menschen würden gerne etwas Sinnvolles tun, in ihrem Job oder auch parallel zu dem Job. Gerade in den Bereichen Fundraising und Social Entrepreneurship gibt es viele neue Start-ups; ich glaube, hier werden wir viel Wachstum sehen.

Wir sind dabei, die Arbeit aus dem Reich der Notwendigkeit zurückzuholen und in einen breiteren Kontext zu integrieren, wo auch Glück und Zufriedenheit eine Rolle spielen?
Ja. Die Wahrscheinlichkeit, dass man durch seine Arbeit auch glücklich und zufrieden wird, steigt natürlich, wenn man stärker das tut, was man gerne tut, und in seiner Arbeit auch einen Sinn sieht. Am glücklichsten ist der Mensch empirisch gesehen dann, wenn er in einem Flow-Zustand ist: Wenn er etwas macht, was er sehr gut kann, was ihn aber trotzdem fordert. Und das finden die meisten Menschen in der Arbeit – aber nur dann, wenn sie das Gefühl haben, dass sie auch bis zu einem bestimmten Grad selbstbestimmt arbeiten können, dass sie etwas Sinnvolles tun und dass dies vielleicht sogar ihre Persönlichkeitsentwicklung vorantreibt. Wenn es stimmt, dass die Entwicklung in diese Richtung geht, dann spricht vieles dafür, dass wir dabei auch glücklicher werden.

Ist das die Zukunft: die Meconomy?
Das ist auf jeden Fall ein großer Trend, der zunächst einmal umkehrbar ist – was nicht heißt, dass es nur ihn gibt. Man erkennt in vielen gesellschaftlichen Bereichen eine zunehmende Fragmentierung, und das ist bei der Arbeit nicht anders. Sicher werden jetzt nicht alle Social Entrepreneurs werden, kleine Schokoläden eröffnen oder E-Learning-Plattformen gründen. Aber es ist ein wachsender Bereich. Und es ist ein Bereich, mit dem man sich gerade als Berufseinsteiger auseinandersetzen muss, wenn man mitspielen möchte in der Zukunft.


changeX 27.01.2010. Alle Rechte vorbehalten, all rights reserved.

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Zum Buch

: Meconomy. Wie wir in Zukunft leben und arbeiten werden und warum wir uns jetzt neu erfinden müssen. Markus Albers, Berlin 2010, 321 Seiten

Meconomy

Autor

Winfried Kretschmer
Kretschmer

Winfried Kretschmer ist Chefredakteur und Geschäftsführer von changeX.

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