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Wir machen das nicht mehr mit

Der Entrepreneurship Summit 2011: Gründen als Gegenmacht
Text: Anja Dilk

Gründen, das heißt nicht nur: Sein eigenes Unternehmen aufbauen. Gründen, das ist auch die Verwirklichung einer anderen Vorstellung von Wirtschaften: selbstbestimmt statt fremdgesteuert, kooperativ statt mit Ellenbogen, für die Menschen statt nur für Profit. Entrepreneurship formiert sich als Gegenmacht zu einer Wirtschaftsweise, die an ihr Ende gekommen ist.

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Neuromarketingexperten schieben Konsumenten in die Röhre, um herauszufinden, wie ein hoher Preis die Geschmackszellen stimuliert. Winzer setzen Testpersonen verdünnten Wein vor, um abschätzen zu können, wie viel Wasser sie in den Wein kippen können, bis der Kunde es merkt. Beide haben nur eines im Kopf: Dem Konsumenten so viel abknöpfen, wie sie kriegen können. "Wollen wir eine Welt, in der Neuroökonomen Unternehmern sagen, wie sie betrügen können? Möchten wir eine Wirtschaft, die sich nichts um die über Jahrhunderte gewachsene Überzeugung eines fairen Preises schert?", ruft der Mann ins Publikum. "Oder sagen wir: Wir machen das nicht mehr mit!?"  

Der Mann heißt Günter Faltin, ist Professor für Entrepreneurship, Gründerpreisträger und Initiator des größten Gründergipfels der Republik: dem Entrepreneurship Summit in Berlin.


Ein Hauch von Aufbruchstimmung


Das Audimax im Henry-Ford-Bau der Freien Universität Berlin ist prall gefüllt, Besucher sitzen in den Gängen und auf Fensterbänken. Die Zeit scheint reif für die Botschaft, die Faltin ein Anliegen ist. Es geht hier nicht einfach um Unternehmertum, um Gründung und wirtschaftlichen Erfolg. Sondern auch um die Gestaltung der Welt, in der wir leben wollen. Um faires Unternehmersein und gutes Wirtschaften. Weil wir es wollen, um die Welt lebenswerter zu machen. Weil wir es müssen, um erfolgreich zu sein. Denn Produkte, die auf Billigkonsum, Wachstum und künstlich geschürte Bedürfnisse setzen, die ressourcenschröpfend produziert sind, tragen nicht mehr. Die Leute haben die Nase voll von tollem Schnickschnack. Ein Handy mit integriertem Korkenzieher. Wer braucht das schon? "Wir müssen es anders machen und höhere Bedürfnisse aufgreifen." Nach der maslowschen Bedürfnispyramide heißt das: das Bedürfnis nach sozialen Beziehungen, nach sozialer Anerkennung, Selbstverwirklichung und Transzendenz. "Alle Weisheitslehren der Erde sagen: Nicht der Haben-Modus macht glücklich, sondern der Seins-Modus", so Faltin. "Wir müssen also den Seins-Modus ökonomisch attraktiver machen, Sinngüter statt Statusgüter anbieten. Kreativ mit Mitteln der Ökonomie Alternativen offerieren. Wir brauchen Businessmodelle auf Basis postindustrieller Werte. Wir dürfen keinen schöngeistigen Abstand halten zu der Ökonomie, die meist noch anders tickt, sondern müssen mitspielen - und etwas ändern."  

Im großen Foyer des Henry-Ford-Baus ist kaum ein Durchkommen. Am Kontaktstand neben der Anmeldung drängen sich Interessierte. "Suche für eine Agentur für Erledigungen Kapitalgeber und Mitmacher", schreibt ein Herr mit Hornbrille in die linke Spalte des Flipcharts. "Biete praktische und finanzielle Beteiligung an einem ökologischen Bauernhof", notiert eine Dame in der rechten Spalte. Austauschen, Kennenlernen, Netzwerken steht auf dem Entrepreneurship Summit ganz oben. Farbige Punkte auf den Namensschildern helfen bei der Suche nach den richtigen Partnern: Blau für Aspirant mit Idee, Grün für bereits gegründet, Rot tragen die Berater, Gelb potenzielle Kapitalgeber. An den Ständen gibt es nachhaltiges Saftkonzentrat zum Verdünnen von RatioDrink, fair gehandelten Tee aus Günter Faltins Teekampagne, Kaffee zum Selberrösten oder frisch gebrüht von der mobilen Station Campua. Magazine wie Enorm oder Forum Nachhaltig Wirtschaften liegen aus, ganz hinten in der Ecke erklären Studenten der School of Design Thinking ihren Ansatz den Besuchern, die zehn besten Schulen des NFTE-Programms "Schülerpreis für Unternehmergeist" präsentieren ihre Gründerideen. Anziehhilfen für Kindergartenkinder, ein Pferdehotel, Bananenhalter für jede Lebenslage, Puderzucker mit verschiedenen Geschmacksrichtungen oder erstaunlich überraschende Präsentkörbchen im Online-Versand. Ein Hauch von Aufbruchstimmung.


Unternehmensgründung ist salonfähig geworden


Auffällig: Alle Workshops waren dicht gefüllt. Mit den Themen lagen die Veranstalter richtig. Wie manage ich mich selbst? Wie entwickeln Gründer ihr Geschäftskonzept weiter? Was unterscheidet einen guten von einem schlechten Gründungsberater? Wie stemmt ein Start-upler die Finanzierung, wie kann er energieeffizient und nachhaltig arbeiten, wie Innovationen vorantreiben, was von der Forschung lernen? Wann kann er auf einen Businessplan pfeifen, wann braucht er ihn doch? Wie funktioniert das Gründen in Komponenten und wie können Gründer mit Konzernen kooperieren, die sich im Schneckentempo dem Geist der neuen, unternehmerisch geprägten Arbeitswelt annähern?  

Es war spürbar - Unternehmensgründung ist salonfähig geworden. Zwar hat Sascha Lobo mit seiner Einschätzung vermutlich recht, dass Freiberufler und Kleinunternehmer im medialen Konsens immer noch als jene gelten, die es nicht zum Angestelltendasein geschafft haben. Und vielleicht gibt es tatsächlich in weiten Teilen der Bevölkerung die "Sehnsucht, jemanden zu haben, der einem sagt, was man zu tun hat". Doch das Klima ändert sich langsam. Sich selbst sagen, was man zu tun hat, selbst etwas auf die Beine stellen, ist attraktiver geworden. Auffallend selbstbewusst, optimistisch und neugierig waren die vielen jungen Gründer und Gründungswilligen auf dem Entrepreneurship Summit. Vielleicht liegt es auch daran, dass ein Gutteil von ihnen nicht nur eine Gründungsidee im Kopf hat, mit der sie Geld verdienen wollen. Sondern im faltinschen Sinne auch ein soziales Problem angehen wollen.  

Wie aber wird aus einer Idee erfolgreiche Realität? Wie mache ich auf mich aufmerksam? Zum Beispiel: Indem ich vor allem persönliche Kontakte nutze, auf Empfehlungsmarketing setze, wie Porsche-Consulter Till Friedrich rät. Durch offensives Selbstmarketing und lockeres Experimentieren (statt penibler Markenanalyse) wie studiVZ-Gründer Ehssan Dariani voller fröhlicher Energie im vollen Vortragssaal betonte. Mithilfe von "owned content", also interessanten Geschichten, durch die ein Unternehmer sich im Social Networking interessanter machen kann, wie Journalist und Autor Markus Albers meinte. Indem ich vor allem "Spaß" an der Sache habe und mit Leidenschaft dabei bin, wie Web-Unternehmer Torsten Oelke nicht müde wurde zu unterstreichen. Und natürlich: Durch "think big", sagte Xing-Gründer Lars Hinrichs und ermunterte: "Lasst euch nicht von den Gegebenheiten zurückhalten, startet nicht mit dem Ziel, Geld zu verdienen, sondern macht das, was ihr liebt. Schaut nicht zu viel auf die Risiken, denn desto mehr entdeckt ihr die Zweifel. Und lasst euch nicht erzählen, dass man immer einen Plan B braucht. Widmet euch lieber ganz Plan A. Wenn der nicht funktioniert, macht man eben einen neuen Plan A."


Erst wer scheitern kann, ist wirklich frei


Das geht natürlich nicht immer gut. Das Risiko zu scheitern gehört zum Unternehmertum dazu. Oder, wie es Sascha Lobo formuliert: "Das Geschäftsleben ist eine Abfolge von Scheitermomenten." Die Frage ist nur: Wie hoch ist die Fallhöhe? Lobo kennt sich aus, er ist Scheiterprofi, hat drei Insolvenzen hinter sich und eigenhändig 60 Mitarbeiter entlassen, inklusive Bruder und Freundin. "Ich bin der beste Scheiterer im Saal", sagt Lobo und grinst. Er weiß, was viele ahnen: "Scheitern ist noch viel scheißer als ihr denkt." Dagegen hilft nur: Mut. Diesen Mut sammelt Lobo mit einer ebenso einfachen wie tapferen Strategie: eine lächerliche Frisur, ein antiquierter, alberner Schnäuzer und ein Anzug voller Katzenhaare. Wenn ihn dann ein paar Dutzend Mädels an der Bushaltestelle auslachen, kann ihn nichts mehr schocken. "Meine Frisur imprägniert mich dagegen, Angst zu haben. Ich habe sie nur deshalb, um Erfahrung zu sammeln im Peinlichsein, Lächerlichsein, Verspottetwerden." Denn Mut heißt nach Lobo vor allem: Mit der eigenen Lächerlichkeit umgehen lernen. "Ich empfehle das Scheitern auf Probe. Nehmt ein beklopptes Projekt mit den falschen Leuten und kniet euch ein halbes Jahr voll rein, bis das Projekt gegen die Wand gefahren ist", sagt Lobo. "In Berlin, der Scheiterhauptstadt des Landes, gibt es dafür reichlich Gelegenheit." Nach so einer Erfahrung ist die Fallhöhe bei einem Herzensprojekt längst nicht mehr so hoch. Zumal die Erfahrung des Scheiterns noch etwas anderes bewirkt: "Erst wer scheitern kann, ist wirklich frei."  

Dass es in Deutschland immer noch an der richtigen Gründungsförderung fehlt, an den notwendigen Spielräumen für Gründer, zeigte sich auf dem Entrepreneurship Summit in der Podiumsdiskussion zwischen brand eins-Redakteur Wolf Lotter, Günter Faltin und Matthias Wittstock vom Bundeswirtschaftsministerium. Die Diskutanten nahmen den Staatsvertreter scharf in die Zange. Wichtiger als Fördermillionen seien Freiheiten, weniger Bürokratie und ein Ende der risikolosen Angestelltenkultur in der Gründungsförderung. "Gründer wie einen Marathonläufer in der Sänfte zum Ziel zu tragen ist antiunternehmerisch", sagte Faltin. "Lassen Sie die Gründer doch einfach mal mindestens ein Jahr lang in Ruhe, damit sie ihre eigenen Erfahrungen auf dem Weg sammeln und ungestört Ideen entwickeln können."


Beschwörer einer neuen Wirtschaftsweise


Erst wirklich aufrüttelnd aber war der nachdenkliche Abschlussvortrag am ersten Kongresstag von Ex-Metro-Chef Klaus Wiegandt. Unmissverständlich machte er klar, wie nahe die Welt mit ihrer Wirtschaftslogik am Abgrund steht. Trotz lokaler Erfolge in Sachen Nachhaltigkeit gehe die Entwicklung weltweit genau in die umgekehrte Richtung. Nie zuvor haben wir so viel Ressourcen verbraucht, so viel Kohlendioxid in die Luft gepustet wie zurzeit. 30 Milliarden Tonnen waren es 2011. Die Kurskorrektur scheitert Wiegandts Einschätzung nach an mehreren Faktoren: Immer noch muss die Wirtschaft die überwältigenden ökologischen Kosten ihrer ressourcenintensiven Produktion nicht selbst übernehmen. Immer noch scheut die Politik die Diskussion über die Notwendigkeit einschneidender Veränderungen. Immer noch reden sich alle gemeinsam ein, dass sich das Problem mit effizienterer Produktion lösen lasse (die aber im Gegenteil zu mehr Konsum führt, weil alles billiger wird). Immer noch nehmen alle Wirtschaftsstrategien hin, die die Lebensdauer von Produkten künstlich verkürzen - damit die Konsumenten neue kaufen. Es bleibt nur: Den Konsum drastisch zurückfahren, den Ressourcenverbrauch bis 2015 halbieren, die Lebenszyklen der Produkte maximieren, die Naturverträglichkeit der Produktion zum Grundsatz machen. Gründer, die diese Entwicklung nicht in ihre Konzepte einbeziehen, werden dauerhaft kaum erfolgreich sein.  

Dass der Ex-Metro-Chef erst nach seinem Ausscheiden aus dem operativen Geschäft zum Beschwörer einer neuen Wirtschaftsweise wurde, stößt zwar auf. Doch gerade die Akzeptanz des alten Mitstreiters in Wirtschaftskreisen macht ihn jetzt zum umso wirksameren Fürsprecher eines radikalen Umdenkens. Dabei nimmt er kein Blatt vor den Mund und zitiert Dennis Meadows vom Club of Rome: "Ich kann versichern, die Welt wird nachhaltig. Es ist nur fraglich, ob auf humanitärem Weg oder in den Klauen der Natur." 


Zitate


"Scheitern ist noch viel scheißer als ihr denkt." Sascha Lobo auf dem Entrepreneurship Summit 2011

 

changeX 04.11.2011. Alle Rechte vorbehalten, all rights reserved.

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Anja Dilk
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Anja Dilk ist Berliner Korrespondentin, Autorin und Redakteurin bei changeX.

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