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Richtig Lust auf Zukunft

Gunter Duecks Aufruf zum Aufbruch in die Exzellenzgesellschaft.
Text: Dagmar Deckstein

Deutschland muss sich einen neuen Job suchen. Denn nach den Industriearbeitsplätzen rückt die Informationstechnologie nun den Dienstleistungen zu Leibe. Da bleibt nur die Flucht nach vorn: der Aufbruch in die Exzellenzgesellschaft. Selten hat jemand die Wissensgesellschaft gründlicher durchdekliniert wie „Wild Duck“ Gunter Dueck.

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Gerade eben erst wurde es heftig begrüßt, das Ende der sogenannten Nullerjahre mitsamt ihren Krisen und Katastrophen. Nun also stehen die Zehnerjahre des 21. Jahrhunderts ins Haus und praktischerweise hat Gunter Dueck punktgenau einen Leitfaden für die weitere Marschrichtung vorgelegt. „Aufbrechen!“ also. Und mit vereinter Anstrengung etwas ganz anderes versuchen, als die bisherigen Gewohnheiten beizubehalten, sterbende Branchen und Unternehmen künstlich am Leben zu erhalten. „Nach der Krise geht es woanders hin, nicht zurück“, sagt Dueck: nämlich mit aller Kraft voraus in die Exzellenzgesellschaft.
Exzellent klingt immer gut, aber eine der Voraussetzungen dafür hört sich dann doch für viele Ohren etwas schrill an: „Fast alle müssen studieren.“ Aber der Autor, Cheftechnologe und Vorausdenker des IBM-Konzerns, hat die Sache sorgsam durchdacht. Selten hat einer die viel zitierte Wissensgesellschaft, auf die wir zusteuern, gründlicher durchdekliniert als der Mathematiker und Ökonom Dueck, im eigenen Unternehmen – in Anspielung an sein erstes Buch Wild Duck – nicht von ungefähr „Wild Dueck“ genannt.


Die eigentliche Revolution


Er, der die Informationstechnologie zu seiner Kernkompetenz zählen darf, legt zunächst überzeugend dar, welchem Automatisierungsschub diese Technik die gegenwärtige Arbeitsgesellschaft unterwerfen wird. Viele Jahre lang wurde das Heil in den Dienstleistungsberufen gesucht, die Ersatz für die wegbrechenden Industriejobs boten. Aber die meisten Serviceberufe werden über kurz oder lang ebenso verschwinden und sich im Internet virtualisieren.
„Mit der Weiterentwicklung des Internets beginnt jetzt die eigentliche Revolution, das Zusammenwachsen aller Strukturen und Systeme“, schreibt Dueck und liefert für diese Behauptung eine Fülle sehr nachvollziehbarer Beispiele. Noch herrscht eine immense Verschwendung von Arbeit, Zeit und Geld, weil jede Bank, jede Fluggesellschaft, jede Krankenkasse, unzählige Behörden und Unternehmen ihre eigene Systeminfrastruktur betreiben. Es reicht aber ein einziges, zentrales System für alle Banken, Flughafen-Eincheckautomaten, Krankenkassen, Standesämter, Autonummernvergabesysteme. In Zukunft ist zum Beispiel der Standardproduktverkäufer hinter dem Banktresen nicht mehr nötig, dafür aber der Premiumservice des hoch qualifizierten, freiberuflichen Vermögensberaters.
Gerne lässt sich Dueck über diese weitverbreitete, sinnlose, zeitfressende „Bildschirmrückseitenbedienung“ aus. Ob beim Autohändler, in der Bank, in der Arztpraxis oder beim Versicherungsagenten: Stets starrt der Kunde auf Rückseiten von Computerbildschirmen, wo die „Berater“ nach Informationen fahnden, Informationen eingeben und regelmäßig mit den Unbilden der IT-Technik kämpfen. Alles auf Kosten der Qualität der Beratung. Alles Tätigkeiten, die automatisiert werden und wegfallen können. „Beratung ist doch etwas, wobei man sich in die Augen schaut und Vertrauen gewinnt?“, fragt Dueck ratlos, aber zu Recht.


Deutschland muss sich einen neuen Job suchen


Die bevorstehende Industrialisierung der Dienstleistungen macht also Millionen gering qualifizierter Serviceberufe zunichte. Das heißt für den Autor: „Deutschland muss sich einen neuen Job suchen“ – wenn es nicht in einer Zweiteilung zwischen intelligenter, gut bezahlter Elite und schlecht ausgebildeten Fürsorgeempfängern enden soll. Unbelehrbare Inkompetenz und graues Mittelmaß haben keine Chance mehr, die Wissensgesellschaft braucht multikompetente Menschen, die wissen, was sie können, und die vor allem wissen, was sie können müssen und wollen. Da hilft nur eines: jede Menge Gehirnschmalz. „Keine Ausreden mehr: Jeder muss studieren!“ Dann, so der Autor, können aufstrebende Länder wie China oder Indien getrost ihre Autos, Maschinen oder Straßen selbst bauen, aber „ein Land wie Deutschland kann komplett von der Entwicklung und Produktion der Spezialwerkzeuge und High-End-Produkte leben.“
Keine Frage, dass sich der unbequeme Mahner damit den Vorwurf des Utopisten zuzieht, trotz aller Inbrunst, mit der derzeit die Bildungsdebatte wieder geführt wird. Dem gegenwärtigen Bildungssystem bescheinigt Dueck wohl zu Recht einen unseligen Trend zu industrialisierter Schmalspurausrichtung: Bildungsindustrialisierung und Kompetenzignoranz. Er hingegen plädiert vehement für eine ganz neue Bildungskultur, die nicht um die bloße Wissensvermittlung zentriert ist, sondern in der die Haltung zur Bildung, die Lust am Lernen kultiviert wird. Auch Bildung ist Dienstleistung, und auch hier ist künftig nur noch Premiumservice gefragt. Und was der produzieren können sollte, zitiert Dueck aus seinem Konfirmationsbrockhaus in der Fassung von 1960: „Bildung: Der Vorgang geistiger Formung, auch die innere Gestalt, zu der der Mensch gelangen kann, wenn er seine Anlagen an den geistigen Gehalten seiner Lebenswelt entwickelt. Gebildet ist nicht, wer nur Kenntnisse besitzt und Praktiken beherrscht, sondern durch sein Wissen und Können teilhat am geistigen Leben; wer das Wertvolle erfasst, wer Sinn hat für die Würde des Menschen, wer Takt, Anstand, Ehrfurcht, Verständnis, Aufgeschlossenheit, Geschmack und Urteil erworben hat. Gebildet ist in einem Lebenskreis, wer den wertvollen Inhalt des dort überlieferten oder zugänglichen Geistes in eine persönlich verfügbare Form verwandelt hat.“ Tatsächlich liest sich das wie ein Zukunftsmanifest angesichts des zeitgenössischen Bildungsnotstands im Klassensystem, in dem Bildung auf Bologna-Studiengänge verkürzt und Wissenschaft mit der Gießkanne gefördert wird.


Kulturwandel in Richtung Y-Gesellschaft


Der Weg in die Exzellenzgesellschaft führt für Dueck vor allem über die Weichenstellung hin zu einem Kulturwandel in Richtung Y-Gesellschaft. Über Gemeinschaftssinn und Vorbilder, die ihn vorleben. Dabei knüpft der Autor an den MIT-Professor Douglas McGregor an, der schon in den 60er-Jahren des letzten Jahrhunderts auf zwei einschneidend verschiedene Grundauffassungen vom Menschen hinwies. Er nannte sie Theorie X und Theorie Y. Die erstere geht davon aus, dass der Mensch von Natur aus faul und arbeitsscheu sei, Schwierigkeiten aus dem Weg geht und also mit starker Hand angeleitet und geführt werden muss. Theorie Y hingegen besagt, dass Menschen von innen motiviert und leistungsbereit sind, Eifer und Willen zeigen und gerne die Verantwortung übernehmen. In einer X-Kultur, von der wir zweifellos noch geprägt sind, können sich Y-Menschen aber nicht entfalten, weder als Chef noch als Mitarbeiter und auch nicht als Politiker. Sie wollen ja weder herrschen noch gehorchen, sonder überzeugen und mitreißen, überzeugt und mitgerissen werden.
„Wenn Deutschland also erfolgreich in die quartäre Exzellenzgesellschaft will, muss es sich kompromisslos entscheiden, im Ganzen ein Y-Klima herbeizuführen“, fordert Dueck. Und er will diese Kultur des selbstverantwortlichen, integren Menschen mit einem starken Sinn für die Gemeinschaft und für Ethik allgemein schon mal im Grundgesetz verankern.
Eine sehr gute Idee. Dueck macht richtig Lust auf Zukunft.


Zitate


"Unbelehrbare Inkompetenz und graues Mittelmaß haben keine Chance mehr, die Wissensgesellschaft braucht multikompetente Menschen, die wissen, was sie können, und die vor allem wissen, was sie können müssen und wollen." Dagmar Deckstein: Rezension von Gunter Dueck: "Aufbrechen!"

 

changeX 23.02.2010. Alle Rechte vorbehalten, all rights reserved.

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Zum Buch

: Aufbrechen!. Warum wir eine Exzellenzgesellschaft werden müssen. Eichborn Verlag, Frankfurt am Main 2010, 224 Seiten, ISBN 978-3-8218-6514-0

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Autorin

Dagmar Deckstein
Deckstein

Dagmar Deckstein ist freie Wirtschaftsautorin in Stuttgart. Sie schreibt u.a. für die Süddeutsche Zeitung und für changeX.

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