Drop your tools!

Rezension Susanne Klein: Rein in die Führung
Text: Jost Burger

Managementtools mögen wichtig sein, um ein Unternehmen erfolgreich zu führen. Doch ihre Anwendung sollte von Strategien bestimmt sein - und von der Fähigkeit, auch einmal alles anders zu machen. Und auf die eigene Persönlichkeit zu vertrauen.

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"Drop your tools!" Das klingt fast wie "Waffen fallen lassen!" Doch in Wirklichkeit handelt es sich um die schwere Ausrüstung, die eine Gruppe Feuerwehrmänner auf Geheiß ihres Chefs liegen lassen sollte, um einer heranrasenden Feuerwalze entkommen zu können. Die Geschichte, mit der Susanne Klein ihr Buch Rein in die Führung eröffnet, ist durchaus als Aufforderung an aufstrebende Manager zu verstehen, sich nicht zu sehr mit den überkommenen Instrumenten und "Tools" zu belasten. Manchmal gilt es, nur auf sich selbst zu zählen. Und sei es auf die Fähigkeit, schnell zu laufen. 

Klein coacht seit 20 Jahren Manager und bereitet ihre Erfahrungen in ihrem Buch auf. Öfters mal fallen lassen - das hört sich bei ihr so an: "Wenn Sie in eine Führungsposition hineinwachsen und aufsteigen, führen Sie immer mehr kraft Ihrer Persönlichkeit. Sie brauchen gar nicht mehr so viele Tools, sondern benutzen einfach das Instrument effektiver, das Sie bis jetzt noch nicht oder noch nicht systematisch genug anwenden: Ihre persönlichen Strategien." 

Strategien führen zum Erfolg, nicht ein schwerer Koffer mit erlernten Instrumenten und Methoden, das ist Kleins Botschaft. Diese Strategien sind höchst unterschiedlich, möchte man meinen, doch Klein hat in ihrer Beratungspraxis die Erfahrung gemacht, dass es vier Themen gibt, die das Handlungsfeld erfolgreicher Manager und damit auch ihre persönlichen Strategien bestimmen. Diese Themen sind Fokus, Energie, Kontakt und Resilienz.


Kalkulierbare Instabilität


Keine unbedingt neuen Begriffe in der Managementliteratur. Interessant ist aber, wie es Klein versteht, unter diese vier Hauptbegriffe ganz unterschiedlich scheinende Konzepte zu subsumieren. "Fokus" versteht sie zum Beispiel weitgehend als Gerichtetheit auf das Unternehmen und das eigene Tun. So schafft sie es, das Managementtool KPI (Key Performance Indicator) in den Abschnitt über Fokus unterzubringen, aber auch "Das Prinzip Langfristigkeit" oder die Bedeutung von "Flexibilität und Veränderungsfähigkeit". 

An dieser Stelle könnte den interessierten Jungmanager Verwirrung überkommen - sind doch, um beim Beispiel zu bleiben, KPIs geradezu das Sinnbild von Tool-getriebenem Management. Wo bleibt da die Strategie, das große Bild, die Persönlichkeit? Die Antwort: Es kommt darauf an, was man draus macht. Diese These scheint Kleins Buch zugrunde zu liegen. Es kommt - in allen Bereichen - darauf an, Tools, Strategien, Bekanntes und Neues der Situation angemessen einzusetzen. Ihre Anwendung auch mal sein zu lassen - und sie gleichzeitig doch einzusetzen. Das hört sich wie die Quadratur des Kreises an. Oder, wie es Douglas Adams in seinem Buch Per Anhalter durch die Galaxis einmal beschrieb: "Fliegen ist ganz einfach. Man muss sich nur auf den Boden werfen und im letzten Moment an etwas anderes denken." 

Nun gut. Ein seriöses Beispiel für Kleins Rat an Manager findet sich im Kapitel über den "Fokus", wo es um den ausgewogenen Einsatz von Bewährtem und das optimistische Ausprobieren von Neuem geht. Klein spricht vom Zustand der kalkulierbaren Instabilität. In einem Unternehmen, dessen Dynamik von der Notwendigkeit von Vereinbarungen und Regeln und vom Bedürfnis nach Sicherheit (der Entscheidungen, der Zukunft, der Mitarbeiter) bestimmt wird, herrscht Chaos, wenn es weder Regeln noch Sicherheit gibt. Vollständige Regulierung tritt ein, gibt es an beidem das Maximum - dann bewegt sich aber auch nichts mehr. Der Zwischenzustand, eben das Ziel der kalkulierbaren Instabilität, bedeutet die richtige Balance. Oder, wie es Klein ausdrückt: "Ein gutes Mittelmaß zwischen Regulierung durch KPIs und dem Chaos, das selbstreflexiv und denkend gestaltet wird."


Selbständig denken und aus sich selbst schöpfen


Herrje, es scheint tatsächlich darum zu gehen, selbständig zu denken und aus sich selbst zu schöpfen. Diesen Eindruck gewinnt auch, wer die 19 Interviews liest, die Klein mit Führungskräften großer deutscher und international agierender Unternehmen geführt hat. Auffallend, wie oft diese Manager davon sprechen, dass sie "einfach so sind", wenn es um ihre Motivation geht. Dass ihnen die Arbeit leichtfällt, weil sie sie "gar nicht als Arbeit empfinden". Ja, das klingt zunächst wie wohlfeile Lippenbekenntnisse. Welcher Manager gibt schon gerne zu, dass ihm die Arbeit schwerfällt? 

Doch Klein versteht es mit ihren - für alle gleichen - Fragen sehr gut, eine Brücke zum vorhergehenden "Theorieteil" zu schlagen und sehr ehrliche und aufschlussreiche Antworten zu bekommen. Sie decken eine große Bandbreite an persönlichen Strategien ab, und doch gleichen sich bei fundamentalen Fragen oft die Persönlichkeiten. Beispiel "intelligente Anwendung von Regeln", eines der Grundthemen des ganzen Buches. Entscheidend ist der Satz: "Es sind die reflektierten Macher, die sich in diesem Buch treffen." Also Mut zur Tat, Energie in der Umsetzung, aber bei aller Begeisterung auch Nachdenken und die Bereitschaft, aus Fehlern zu lernen.


Es ist die persönliche Strategie, die zählt


Tatsächlich ist das Buch eine Fundgrube für aufstrebende Manager, die wissen wollen, wie es die anderen geschafft haben, und die einmal wirkliche Einblicke in die Persönlichkeit von Führungskräften bekommen möchten. Wohltuend anders ist das Buch als all die Selbstbespiegelungen von Topmanagern, die nicht viel mehr als Sprechblasen liefern. So folgt Klein ihrer eigenen Vorgabe: Es ist am Ende die persönliche Strategie, die zählt.  

Dass sie als Managementcoach allerdings auch dazu rät, auf dem Weg nach oben auch die Leistung von externen Beratern anzunehmen, versteht sich von selbst. Umso besser, wenn sie in ihren Seminaren tatsächlich die Erfahrungen ihrer Klientel zurückspiegelt und nicht nach Schema F verfährt. Wie wichtig das ist, zeigt übrigens das Ende der Geschichte mit den Feuerwehrmännern. Die ließen ihr schweres Gerät nämlich nicht fallen. Dadurch waren sie zu langsam und entgingen dem Brand nicht. 



Zitate


"Wenn Sie in eine Führungsposition hineinwachsen und aufsteigen, führen Sie immer mehr kraft Ihrer Persönlichkeit. Sie brauchen gar nicht mehr so viele Tools, sondern benutzen einfach das Instrument effektiver, das Sie bis jetzt noch nicht oder noch nicht systematisch genug anwenden: Ihre persönlichen Strategien." 


changeX 15.02.2011. Alle Rechte vorbehalten, all rights reserved.

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Zum Buch

: Rein in die Führung. Top-Manager erläutern ihre Erfolgsstrategien. GABAL Verlag, Offenbach 2010, 274 Seiten, ISBN 978-3-86936-111-6

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Jost Burger
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Jost Burger ist freier Journalist in Berlin. Er schreibt als freier Mitarbeiter für changeX.

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