Ohne Tempolimit

Finde dein Lebenstempo - das neue Buch von Petra Schuseil
Rezension: Sascha Hellmann

Das Tempo des heutigen Lebens macht uns zu schaffen. Jedoch nicht, weil es per se zu schnell wäre. Sondern weil wir uns fremdbestimmen lassen. Ein neuer Ratgeber zeigt, wie wir unser eigenes Tempo entdecken und es selbstbestimmt einjustieren können. Flexibel, ohne generelles Tempolimit.

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Das allgemeine Tempo zieht spürbar an. Egal ob im Berufs- oder Privatleben, überall soll alles schneller abgewickelt, besorgt, erledigt werden. Irgendwie unwidersprochen. Und der Einzelne fragt sich: Wie da mithalten? Die Antwort darauf ist nicht leicht, doch die Autorin Petra Schuseil, die auch als Coach arbeitet, hat in ihrem neuen Buch Finde dein Lebenstempo. Mit dem richtigen Tempo zu mehr Leben eine differenzierte Antwort vorgelegt - jenseits der alternativen Optionen Mitspielen oder Aussteigen.  

Zunächst: Es gibt unser eigenes Tempo, mit dem wir uns gut durch die Welt bewegen und wohlfühlen. Und es gibt Tempoanforderungen durch Dritte. Das können die beruflichen oder privaten Erfordernisse sein oder auch internalisierte, fremde Überzeugungen, die uns antreiben - und uns oft aus dem Lot bringen. Also: Was tun?  

"Es geht nicht darum, immer mehr in weniger Zeit zu schaffen. Sondern es geht einfach darum, den richtigen Rhythmus zu Ihrem Lebenstempo zu finden und zu leben", schreibt Schuseil und fordert den Leser zu zweierlei auf: Erstens sich darüber klar zu werden, welches Tempo das eigene ist. Und zweitens kreativ das eigene Tempo entsprechend den externen Tempoanforderungen rauf- oder runterzuregeln.


Selbstbestimmt statt fremdgesteuert


Damit steht schon mal ein Moment im Vordergrund: Selbstbestimmung! Selbstbestimmt empfinden wir vieles nicht mal als lästig, was fremdbestimmt leicht zur Qual wird. Die Autorin fordert schlussendlich dazu auf, zum Taktgeber, zum Dirigenten des eigenen Lebens in unserer schnelllebigen Zeit zu werden.  

Das ist nicht wenig. Und dafür lohnt sich die Lektüre des Buches, das ganz pragmatisch ausgerichtet ist. In einem ersten Schritt ist der Leser gefragt: In welchem Tempo ist er unterwegs? Und: Erlebt er dieses als seinem ureigenen angemessen? Während die erste Frage noch leicht zu beantworten ist, ist die zweite nicht so unverfänglich, wie sie daherkommt. Denn: Wir wissen oft gar nicht mehr, wie wir eigentlich sind. Die äußeren Anforderungen sitzen uns so tief in den Knochen, dass wir sie da gar nicht so leicht wieder herausbekommen. An diesem Punkt ist der Leser also zu aufmerksamer Selbsteinkehr aufgefordert, die in der Geschichte ja eine bewährte Tradition hat: Erkenne dich selbst!


Kein Extrem ist gut, keines schlecht


Der zweite Schritt setzt neben unserem originärem Tempo unsere Tempoflexibilität voraus: Auch wenn wir eine individuelle Schlagzahl haben, können wir diese über bestimmte Strecken erhöhen oder verringern - und damit die Anpassung an externe Erfordernisse managen. Zur Erinnerung: Wichtig dabei ist, dass wir das Tempo in eigener Regie verändern und nicht zum fremdbestimmten Tempoopfer werden.  

Die Grade der Flexibilität hat Schuseil über drei "Regler" exemplifiziert, die jeweils zwischen zwei Extremen zu justieren sind. Sie heißen schnell-schnell versus besonnen, ungeduldig versus langer Atem und powern versus verschnaufen. Auch hier darf sich der Leser zunächst selbst verorten. Um dann zu erkennen, dass es nicht das Ziel ist, die Regler einfach runterzuziehen, sondern die Spielbreite des eigenen Handelns neu zu entdecken.  

Dabei ist wichtig: Kein Extrem ist gut, keines schlecht. Je nach Kontext kann das eine sinnvoll sein, das andere nicht. Die Autorin fordert den Leser auf, mit dieser neu entdeckten Flexibilität wie ein Surfer die "Tempowelle" zu reiten. Einfach mal vom gewohnten Tempo in ein anderes wechseln, um eine unbekannte Tempomodalität auszuprobieren und die Vor- oder Nachteile zu entdecken!


Ohne Tempolimit


Im dritten Schritt kommt noch ein Satz Regler hinzu, die jedoch über die bloße Tempodimension hinausgehen - und dazu dienen sollen, "die Nuancen von Zeitqualität beherrschen zu lernen". Sie heißen: reagieren versus agieren, langweilen versus genießen, verplanen versus improvisieren und laut versus leise. Hier geht es darum, sich frei zwischen den Polen Aktion und Reaktion, Routine und Neuland, Plan und Improvisation sowie zwischen lauten und leisen Tönen zu bewegen.  

Auch hier gilt wieder: Nichts ist per se gut oder schlecht - alles macht hier und dort Sinn. Und der Leser, der bewusst das eine oder andere einsetzt, wird damit zum Sinnstifter. Zu hoch gegriffen? Keinesfalls, denn: Wer sich selbst erkennt, auf sich selbst hört, sein Spektrum von Tempo- und Zeitmodalitäten erweitert - und schlussendlich bewusst und selbstbestimmt den Takt für sein eigenes Leben bestimmt, der wird darin auch etwas Sinnvolles erleben.  

So gesehen ist Schuseils Buch eine differenzierte Antwort auf die eingangs gestellte Frage, wie man denn mit dem allgemeinen Tempo mithalten könne. Es ist kein schlichtes Plädoyer für ein Tempolimit. Nein, es plädiert für die bewusste, selbstbestimmte Tempowahl - im Einklang mit sich selbst und der Umwelt.  



changeX 29.05.2013. Alle Rechte vorbehalten, all rights reserved.

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Zum Buch

: Finde dein Lebenstempo. Mit dem richtigen Tempo zu mehr Leben. GABAL Verlag, Offenbach 2013, 160 Seiten, 19.90 Euro, ISBN 978-3-86936-481-0

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Autor

Sascha Hellmann
Hellmann

Sascha Hellmann ist freier Journalist in Heidelberg. Er arbeitet als freier Mitarbeiter für changeX.

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