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In der Unwelt
Welt ohne Weltordnung. Wer wird die Erde erben? - Das neue Buch von Michael Stürmer.
Von Winfried Kretschmer
An der Abbruchkante der Postmoderne eröffnet sich ein Blick auf eine Welt voller Dissonanzen und Konflikte. Eine Welt, die vom "Un-" regiert wird: Ungleichzeitigkeit, Ungleichgewicht, Unregierbarkeit werden mehr und mehr zur Signatur der Epoche. Und zum Kennzeichen einer Welt, der die Ordnung abhanden gekommen ist. Ein bekannter Historiker begibt sich auf die Suche nach großen Entwicklungslinien der Geschichte. Und formuliert Thesen, denen man sich stellen muss.
Während der Kalte Krieg noch das Denken bestimmte und der Eiserne Vorhang den Frontverlauf markierte, rumorte es bereits im Untergrund. Die tektonischen Platten der Macht gerieten in Bewegung und kollidierten mit einer Heftigkeit, die die Welt erbeben ließ. Und im Rückblick wohl als Zeitenwende zu interpretieren ist: Auf die Bipolarität des Kalten Krieges folgte die Weltunordnung. Das ist die Generalthese des neuen Buches von Michael Stürmer, der als Historiker und Chefkorrespondent der Tageszeitung DIE WELT seit Jahrzehnten die wechselnden Formationen der Weltpolitik begleitet und analysiert. Sein neues Buch führt an die "Abbruchkante der Postmoderne" und wagt einen Blick auf eine Welt voller Dissonanzen und Konflikte, eine Welt ohne Weltordnung.
Stürmer ist auf der Suche nach den langen Entwicklungslinien, die über die weltpolitische Aktualität hinaus das Wesen einer Epoche kennzeichnen. Nicht umsonst bezieht er sich auf Jakob Burckhardt, den bekannten Kunsthistoriker des 19. Jahrhunderts, wenn er schreibt: "In der Krise unserer Zeit geht es darum, die langen Wellen der Geschichte zu erkennen, woher sie kommen und was sie mit sich tragen und wohin." Wie der Basler Historiker will er das Historische zum Lehrmeister für die Deutung der Zukunft machen. "Nur wer die Geschichte kennt, kann verstehen, was die Zukunft bringen wird", lautet die Maxime des Autors.

Im Zeitalter des "Un-".


Tatsächlich gewinnt in seinem Buch die jüngere Geschichte der Welt eine ungeheure Plastizität. Die Kriege der Nachkriegszeit, die Ölkrise, der Fall des Eisernen Vorhangs, der Zusammenbruch der Sowjetunion und der kommunistischen Staaten Osteuropas zeigen sich als Vorboten jener noch viel gravierenderen Verwerfungen, mit denen wir uns heute konfrontiert sehen. Das "Gleichgewicht des Schreckens", das die Menschen einst in seinen Bann schlug, erscheint aus heutiger Sicht als eine Phase weltpolitischer Stabilität, in der eben die Fähigkeit zum atomaren Zweitschlag einen Einsatz der nuklearen Schreckenswaffen verhinderte, der heute wieder in den Bereich des Möglichen gerückt ist. Auf die Bipolarität des Kalten Krieges folgte die Weltunordnung, auf die Stabilität des nuklearen Kräftegleichgewichts das Zeitalter des "Un-": "Ungleichzeitigkeit, Ungleichgewicht, Unregierbarkeit werden mehr und mehr zur Signatur der Epoche, und keine Weltordnung hat mehr die Macht wie vordem die bipolar-nukleare, die Kräfte einzubinden und zu disziplinieren."
Erst heute tritt die neue Dimension des Schreckens klar hervor; nach dem Ende des Kalten Krieges im Jahr 1990 blieb sie ein Jahrzehnt lang "verborgen hinter einem Vorhang aus Zweideutigkeit, Wunschdenken und selbst gewählter Schwäche". Unterdessen aber hört man, so Stürmer, "den Hufschlag der apokalyptischen Reiter der Postmoderne: Massenvernichtungswaffen, Terror, Chaosstaaten und Cyberwar in jeder Kombination".

Der Ernstfall ist immer und überall.


Das sind drastische Worte, aber Stürmer geht es darum, den Vorhang gefälliger Beschwichtigung zu zerreißen. "Kalte Analyse, gefolgt von mutiger Entschlossenheit sind geboten, und dazu gehört zuerst und vor allem begriffliche Klarheit." Es geht darum, den Ernstfall denken zu lernen - und zu begreifen, dass in Zeiten der Asymmetrie dieser Ernstfall immer und überall lauert. Und weil das so ist, kann passives Warten in die Katastrophe führen, warnt der Autor. Die Konsequenz, die er aus der drohenden, der "möglichen Wendung ins Apokalyptische" zieht, bedient sich nicht umsonst des Schlüsselbegriffs aus der neuen amerikanischen Sicherheitsdoktrin: Aus der neuen Lage entsteht, so Stürmer, die "grimmige Logik der politischen Prävention, ja der militärischen Präemption". Denn auf dem Spiel steht unsere, die westlich-aufgeklärte Art zu leben.
Stürmers grimmige Konsequenz führt in das Zentrum der politischen Kontroverse um den Irak-Krieg und Amerikas "Krieg gegen den Terror" im Allgemeinen. Auf politisch vermintem Gelände indes macht sich Stürmers klare Analyse angreifbar. So macht es sich der Autor doch zu leicht, wenn er das lange Scheitern des Irak-Krieges allein mit einem Mangel an "boots on the ground", also an kämpfenden Truppen, erklären will und auch an der Begründung dieses Krieges keinen Zweifel aufkommen lässt. Das würde er vermutlich als Ausdruck falschen Appeasements werten. So beschreibt das Buch eine Weltsicht, die stark von der US-amerikanischen Perspektive geprägt ist. Damit stellt sich die entscheidende Frage gar nicht: Ob nicht eine Welt ohne zentrale Weltordnung, ohne grimmige Hegemonialmacht, eine Welt, die von der Vielfalt der Kulturen und Sichtweisen lebt, ein Modell für die Zukunft sein könnte. Und eine Alternative zur Apokalypse.
Dennoch: Stürmers Thesen muss man sich stellen.

Winfried Kretschmer ist leitender Redakteur und Co-Geschäftsführer bei changeX.

Michael Stürmer:
Welt ohne Weltordnung.
Wer wird die Erde erben?,

Murmann Verlag, Hamburg 2006,
256 Seiten, 22.50 Euro,
ISBN 3-938017-61-9
www.Murmann-Verlag.de

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Zum Buch

: Welt ohne Weltordnung. . Wer wird die Erde erben? . Murmann Verlag, Hamburg 1900, 256 Seiten, ISBN 3-938017-61-9

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Autor

Winfried Kretschmer
Kretschmer

Winfried Kretschmer ist Chefredakteur und Geschäftsführer von changeX.

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