Der Psychopath von nebenan
Menschenschinder oder Manager. Psychopathen bei der Arbeit - das neue Buch von Paul Babiak und Robert D. Hare.
Von Sigmar von Blanckenburg
In Unternehmen haben Psychopathen keine Chance. Glaubte man. Die Wirklichkeit sieht anders aus. Psychopathen im Management sind häufiger als gedacht. Sie täuschen, manipulieren und boxen sich in der Hierarchie nach oben, warnen zwei amerikanische Psychologen. Ihre These: Gerade die flachen Hierarchien in modernen Unternehmen machen es Psychopathen besonders leicht, sich Einfluss zu verschaffen. / 16.03.07
Zuerst die gute Nachricht: Psychopathen sind meist harmloser, als sie in Filmen wie Das Schweigen der Lämmer dargestellt werden. Der grausame Hannibal Lecter ist zum Glück "nur" eine Fiktion. Andererseits machen Psychopathen nach Schätzungen von Experten etwa ein Prozent der Bevölkerung aus. Und sie können besonders unangenehm sein, wenn man beruflich mit ihnen zu tun hat. Das aber kann deutlich häufiger der Fall sein, als man bisher dachte - und das ist die schlechte Nachricht.
Bisher hieß es nämlich, Psychopathen könnten sich in Unternehmen nicht langfristig halten, weil sie durch ihre Manipulationen schnell auffallen würden. Auch die beiden Psychologen Paul Babiak und Robert D. Hare dachten das: "Man sollte erwarten, dass Merkmale, die auf tyrannisches oder ausbeuterisches Verhalten hindeuten, für die Unternehmensvertreter so offensichtlich sein müssten, dass wichtige Stellen solchen Bewerbern von vornherein versperrt bleiben ... und dass Täuschung und Ausnutzung von Kollegen schließlich zu angemessenen Disziplinarmaßnahmen und zur Kündigung führen müssten." So weit die Theorie. "Nach den Fällen zu urteilen, die wir untersucht haben, sieht die Wirklichkeit jedoch anders aus", schreiben die beiden Psychologen, die einen neuen Zugang zu dieser psychischen Störung suchten und beschlossen, sich nicht mit den Psychopathen in Gefängnissen zu beschäftigen, sondern mit den Psychopathen unter uns. Den Psychopathen in den Unternehmen. Ihre Ergebnisse sind aufschlussreich.

Psychopathen am Arbeitsplatz.


Psychopathen fehlt ein Gewissen, das ihnen Regelverstöße erschwert. Bei ihnen hat sich diese innere Instanz nicht in dem Maß ausgeprägt wie bei anderen Menschen, erläutern Babiak und Hare. Zudem sind Psychopathen nicht in der Lage, mit anderen Menschen mitzufühlen, Empathie und Mitleid zu empfinden. Hinzu kommen ein übersteigertes Gefühl der eigenen Bedeutung, Anspruchsdenken, fehlende Lernfähigkeit, Oberflächlichkeit, eine mangelnde Selbstkontrolle und antisoziales Verhalten. Nicht zuletzt entwickeln Psychopathen ein besonderes Talent, andere Menschen zu manipulieren, sie für eigene Zwecke auszunutzen - um sie hinterher fallen zu lassen.
Genau dieses Geschick im Umgang mit anderen Menschen erleichtert es ihnen, Personalverantwortliche im Einstellungsgespräch hinters Licht zu führen. Ja, ihre Persönlichkeitseigenschaften können sie sogar als attraktive Kandidaten erscheinen lassen, dies nicht zuletzt auch deshalb, weil "psychopathische Verhaltensweisen irrtümlich als Führungsqualitäten" gedeutet würden, so die Autoren. Nicht zuletzt bieten gerade schlanke, unbürokratische Strukturen Psychopathen ein willkommenes Aktionsfeld, so ihre These. Denn hier ist es besonders einfach, Regeln zu brechen. Genau deshalb wirken unbürokratische, schlanke, flexible Strukturen mit kurzen Entscheidungswegen, wie sie viele Unternehmen in Reaktion auf den verschärften internationalen Wettbewerb eingeführt haben, auf Psychopathen besonders attraktiv. Denn in diesen Unternehmen finden sie Raum zur Entfaltung.

Freundlich, einnehmend und witzig.


Wie zum Beispiel in diesem Fall, den die Autoren vorstellen: "Bei dem Sondierungsgespräch schnitt Helen sehr gut ab. Ihre Dynamik und ihre angebliche Fähigkeit, organisatorische Probleme zu lösen - davon hatte die ganze Abteilung ja wirklich genug -, machten sie zu einer hervorragend geeigneten Kandidatin. Überdies würden auch externe Analysten die Besetzung der zweiten Position in einer schwächelnden, aber wichtigen Abteilung mit einer so selbstsicheren, energiegeladenen und führungsstarken Frau positiv aufnehmen, nämlich als Zeichen für große Entschlossenheit, die staatlichen Vorschriften zu erfüllen. Helen war vom Stil und vom Auftreten her das, was das Unternehmen und die Analysten sehen wollten. Der Zeitpunkt, die Umstände und ihre Fähigkeiten schienen wunderbar zusammenzupassen." Die wichtigsten Worte in diesem Abschnitt sind "angeblich" und "schienen".
Denn schon bald gab es Irritationen. Es gelang der neuen Mitarbeiterin, ihren Vorgesetzten in ein schlechtes Licht zu rücken. Mit dramatischen Auftritten gelang es ihr, die Unternehmensleitung zu beeindrucken und schließlich ihren Chef von seinem Posten zu verdrängen. Während sie viele Kollegen herablassend behandelte, war sie gegenüber Personen, die ihr für ihre Karriere wichtig erschienen, "freundlich, einnehmend und witzig". In Meetings mit ihren Managern pflegte sie die theatralische Geste. Gemeinhin stampfte sie durch das Büro, "ohne irgendjemand zu grüßen, bellte Befehle, schüchterte die Leute ein und schubste sie herum". Die geschäftlichen Erfolge, die sie der Unternehmensleitung vorgaukelte, existierten überhaupt nicht. Dennoch gelang es ihr, nach außen als erfolgreiche Managerin zu erscheinen, während sie in Wirklichkeit nach der Maxime "divide et impera" verfuhr und letztlich ein gespaltenes und zutiefst verunsichertes Team zurückließ - typisch für Psychopathen. Durchschaut werden Psychopathen am Arbeitsplatz meist nur von Mitarbeitern, die sie aus der Distanz beobachten und Unstimmigkeiten überprüfen können, ohne direktem Druck ausgesetzt zu sein.

Verteidigungslinie Einstellungsgespräch.


Was können Unternehmen tun, um Psychopathen außen vor zu halten? Die wichtigste und "erste Verteidigungslinie" ist das Einstellungsgespräch, sagen Babiak und Hare. Ihre Empfehlung: Im Gespräch konsequent die vorher festgelegten Abläufe und Fragen abarbeiten und sich nicht die Initiative aus der Hand nehmen lassen. Gibt es Unstimmigkeiten im Lebenslauf oder wirkt der Kandidat zu perfekt, empfiehlt sich eine genaue Überprüfung der Daten. Das aber werde in Einstellungsgesprächen oft vernachlässigt.
Einzelne Mitarbeiter sollten sich dagegen zu ihrem Schutz über Psychopathie informieren (indem sie dieses Buch lesen, zum Beispiel), eigene Schwachpunkte und Empfindlichkeiten erkennen und sich klarmachen, welchen Nutzen diese Psychopathen bieten könnten. Die wichtigste Regel: Auf keinen Fall das Spiel mitspielen, sondern sich der psychopathischen Person entziehen. Es sei auch so gut wie aussichtslos, wenn nicht gar gefährlich, einen Psychopathen therapieren zu wollen, warnen die Autoren. "Aufgrund ihrer Impulsivität und ihrer Philosophie des 'Lebens im Augenblick' wiederholen sie solche dysfunktionalen, antisozialen Verhaltensweisen trotz der Leistungsbeurteilungen und entsprechender Schulungsprogramme immer wieder."

Überall Psychopathen.


So aufschlussreich dieses Buch ist, eine gewisse Gefahr liegt darin, dass man plötzlich überall Psychopathen sieht. Ist die Schablone erst einmal im Kopf, bekommt man sie so schnell nicht wieder heraus. Diese Gefahr sehen auch Babiak und Hare. Sie warnen ausdrücklich davor, den Begriff Psychopath auf Kollegen überhaupt anzuwenden.
Zweifellos aber ist Menschenschinder oder Manager ein lesenswertes und nützliches Buch: für Betroffene und solche, die es nicht werden wollen.

Paul Babiak / Robert D. Hare:
Menschenschinder oder Manager.
Psychopathen bei der Arbeit,

Carl Hanser Verlag, München / Wien 2007,
276 Seiten, 24.90 Euro,
ISBN 978-3-446-40992-7
www.hanser.de

Sigmar von Blanckenburg ist freier Mitarbeiter bei changeX.

© changeX Partnerforum [16.03.2007] Alle Rechte vorbehalten, all rights reserved.


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: Menschenschinder oder Manager. . Psychopathen bei der Arbeit. . Carl Hanser Verlag, München 1900, 276 Seiten, ISBN 978-3-446-40992-7

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Sigmar von Blanckenburg

Sigmar von Blanckenburg schreibt als freier Autor für changeX.

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