Geschenkt!
Im Wundergarten der Geschenkökonomie - ein essayistischer Streifzug von Alexander Dill.
Profit sei der Treiber der Wirtschaft, haben wir gelernt. Wirklich? Schaut man genauer hin, werden viele Waren und Dienstleistungen nicht, wie üblich, verkauft, sondern kostenlos abgegeben. Freiabos, Freiflüge, Freeware, Subventionen - unsere Geschenkökonomie ist größer, als wir meinen. Und sie ist keineswegs nur eine durchschaubare Marketingaktion. Offensichtlich gehen wir mit unserem Reichtum weitaus freigiebiger um, als unser Bild der Wirtschaft nahelegt. Beschenkte, meint unser Autor, sind wir doch alle. Und geschenkt ist auch dieser Artikel. / 28.02.08
Illustration von Limo LechnerDer betagte Herr lächelt mich in tiefer Dankbarkeit an: Ich hatte signalisiert, dass er den Platz neben mir einnehmen dürfe. Wir starten zum Inlandsflug Peking-Shenzhen. Seine umliegend verteilte Familie besteht aus etwa 15 Personen jeden Alters und ist mit reichlich Proviant ausgerüstet. Während ich zwischen geräucherten Schweinefüßen und getrocknetem Oktopus wählen darf, berichtet mir das des Englischen mächtige weibliche Familienoberhaupt vom Sinn ihrer Reise im nagelneuen Airbus 320 mit Ledersitzen: Familien hätten in China das Anrecht, für ihre Treffen verbilligte Flugtickets zu bekommen, je älter oder jünger das Familienmitglied, desto billiger. Opa habe 100 Renminbi, umgerechnet zehn Euro, für den Flug bezahlt. Eigentlich müsste ich, da ich 250 Euro bezahlt habe, ärgerlich sein - aber mich amüsiert die Geschichte von einem Land, das neue Airbusse kauft, um die doch relativ zahlreichen Senioren Chinas zu Qigong-Übungen und gemeinsamer Zeitungslektüre zusammenzuführen.
Diese Geschichte sollte ein Puzzlebaustein einer Story werden, deren Dimension sich erst langsam erschloss. Eine Story, die die verbreiteten betriebs- und volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen in einer Art infrage stellte, dass man meinen könnte, der Kapitalismus sei zu einem einzigen Zwecke, nämlich zur Erfüllung der kommunistischen Utopie, geschaffen worden.
Dass ausgerechnet eine der luxurierendsten Errungenschaften der Neuzeit, das Fliegen, zu einer kommunistischen Volksverwöhnung wurde, entbehrt nicht der tieferen Ironie. Schließlich behauptet die marktwirtschaftliche Ideologie ja hartnäckig, der Preis von Gütern würde durch ihre Knappheit, durch Angebot und Nachfrage bestimmt. Wenn man aber das Kerosin von der Benzinsteuer befreit und die Flugzeuge mit Steuermilliarden entwickelt und verkauft werden, dann gibt es irgendwann so viele Flugzeuge und Flughäfen, dass nicht nur jeder Jugendliche aus Bottrop, sondern auch jeder Rentner aus China zum Fliegen animiert werden muss, um die permanente Auslastung zu gewährleisten.

Alles umsonst.


Meine Söhne lauschten gespannt, als ein befreundeter Unternehmensberater uns erzählte, er habe das elysische Stadium eines HON erreicht. Diese Abkürzung für "Honorable" ist ein internes Codewort für eine äußerst intime Auszeichnung, die nur nach der intensiven Analyse der Flugreisen des Ausgezeichneten vergeben wird. Nur wer innerhalb zweier aufeinanderfolgender Jahre auf regulären Linienflügen mehr als 600.000 Flugmeilen mit Airlines der Star Alliance zurücklegt, wird HON. Unser Bekannter erzählt, dass HONs in allen First-Class-Lounges alles umsonst bekommen, Internet, Telefon und Fax inbegriffen. HONs dürfen das Flugzeug als Erste verlassen und als Letzte betreten. Wenn ein HON verspätet zu seinem Anschlussflug landet, transferiert ihn eine Limousine direkt vom Rollfeld zu dem Anschlussflug, der auch ein paar Minuten wartet, wenn es darauf ankommt. Und nicht zuletzt bekommt er alle Tageszeitungen kostenlos nach Hause geliefert, Financial Times, Handelsblatt, Süddeutsche Zeitung, Frankfurter Allgemeine, Welt, Herald Tribune, Financial Times Deutschland. Manchmal gibt er uns die nach seinen Flugorgien liegen gebliebenen Stapel. Flugzeuge und Flughäfen werden bereits von kostenlosen Zeitungen und Zeitschriften überschwemmt, HONs werden überflutet. Flughäfen und Airlines sind offenbar ein Hauptanziehungspunkt einer besonderen Form von Ökonomie, in der Waren und Dienstleistungen nicht, wie sonst üblich, verkauft, sondern kostenlos abgegeben werden: der Geschenkökonomie.
Ihre Wurzeln sind nicht leicht zu ergründen. Von den alten griechischen Seefahrern wird berichtet, dass sie ein ganzes Schiff nur zur Besänftigung von Neptun bauten - und das nagelneue Schiff versenkten. Als Potlach bezeichneten die Chinook-Indianer ein orgiastisches Fest, das ausschließlich dem Beschenken der Gäste diente. Wer je einmal in Osteuropa, Arabien oder Asien von einer Sippe eingeladen wurde, kann noch immer ähnliche Erfahrungen mit Großzügigkeit und Üppigkeit machen. Während hier Schenken und die Opfergabe im Mittelpunkt standen, rückte in neuerer Zeit dann das Geschäft in den Vordergrund. So wird vom amerikanischen Ölmagnaten John D. Rockefeller berichtet, sein Reichtum gründe darauf, dass er den Goldgräbern im Wilden Westen Petroleumlampen geschenkt habe - um ihnen anschließend für gutes Geld Petroleum zu verkaufen. Diese Geschichte wird zwar immer wieder kolportiert, ließ sich aber nicht bestätigen. Dafür eine andere, ziemlich ähnliche, die allerdings an einem gänzlich anderen Schauplatz spielte. Man schrieb das Jahr 1928. Die Burmah Oil Company fusionierte in Indien mit der Asiatic Petroleum. Auf der Suche nach neuen Absatzmärkten hatte man die geniale Marketingidee, in den entlegensten Dörfern Indiens kostenlos Petroleumlampen zu verteilen. Irgendwann, so die Kalkulation, würde das mitgelieferte Petroleum ausgehen und die Burmah Oil als einziger Lieferant zahlreiche Dauerkunden gewinnen. Die Rechnung ging auf. Als Bharat Petroleum Corporation existiert die Gesellschaft noch heute. Sie gehört zu den 500 größten Unternehmen der Welt.

Ein Danaergeschenk?


Oder war das der Beginn der Geschenkökonomie: Das mit Kriegern gefüllte hölzerne Pferd, das die listigen Griechen, auch Danaer genannt, nach Troja einschleusten, nannte man auch ein "Danaergeschenk". Bis heute bezeichnet dieser Begriff ein Geschenk, das sich dem Empfänger als unheilvoll und Schaden stiftend erweist. Darauf geht wohl auch der für PC-Besitzer leidvolle Begriff des "Trojaners" zurück, also eines Softwarebausteins, der, auf einen Rechner eingeschleust, dort sein unheilvolles Eigenleben entfaltet.
Überhaupt ist die Computerwelt ein beliebtes Spielfeld der Geschenkökonomie. Mitte der 90er-Jahre des letzten Jahrhunderts entwickelte beispielsweise die US-Softwareschmiede Adobe ein plattformübergreifendes Dateiformat für Dokumente, PDF genannt. Den zugehörigen Acrobat Reader gab es selbstverständlich kostenlos. Damit aber entstand Bedarf für die ebenfalls von Adobe vertriebene Software zur Erstellung von PDF-Dokumenten. Erst seit kurzer Zeit gibt es auch dafür wiederum kostenlos herunterladbare Software. Adobe ging es so gut, dass sie die nach dem gleichen Modell arbeitende Firma Macromedia übernehmen konnten, die durch ihren Flash-Player jedem Internetnutzer ein Begriff ist. Mit einem Kurs von derzeit 35 Dollar hat Adobe viele andere Softwareanbieter überlebt und zählt mit Microsoft und SAP zu den größten Softwareunternehmen der Welt. Erfolg qua Geschenkökonomie.
So verwundert es nicht, dass man heute meist an kostenlose Software, sogenannte Freeware, denkt, wenn es um Geschenkökonomie geht. Doch die Währungen der Geschenkökonomie sind zahlreich und laufen immer auf das Gleiche hinaus. Ein Drucker für 49 Euro, bei dem jede Patrone auch 49 Euro kostet. Ein durch fünf Werbeinseln zerfledderter Spielfilm, der einem die wertvolle Freizeit nimmt. Das schlechte und komplizierte, werksseitig mitgelieferte Programm auf dem PC. Der Geschenkgutschein, den man nur in der Filiale einlösen kann. Freiflüge, die nach einem Jahr verfallen. Kostenlose Telefonminuten für Netze, in die man nie anruft. Das Probeabonnement, das man vergisst, abzubestellen. Der Rabatt beim Neuwagen, den man auch so für dieses Auslaufmodell bekommen hätte. Die Geschenkökonomie - ein Umschlagplatz für Danaergeschenke?

Ein unerwarteter und unerhoffter Vorteil.


Geschenkökonomie - zunächst klingt das nach Wunder und unverhofftem Reichtum. "Gratuliere, Sie haben soeben einen neuen 3er BMW gewonnen", heißt es im Internet. Nun, Menschen wie mich, denen ein 3er BMW aus Komfortgründen als Strafe erscheint, wird man damit nicht ködern können. Aber die Verheißung von Geschenken spricht doch eine Seite an, die man in der Wohlstands- und Überflussgesellschaft so gar nicht erwartet: eine bemitleidenswerte Mangelhaltung, aus der heraus einem selbst nichtige Gaben wie ein Lottogewinn erscheinen. Wie kann das sein? Welche Menschen - außer vielleicht Langzeit-Hartz-IV-Empfänger - können einem Gutschein über zehn Euro noch so viel abgewinnen? Die überraschende Antwort: viele, alle. Spieltheoretiker haben sich intensiv mit Gewinnsituationen befasst und dabei festgestellt, dass die Angst vor Verlust größer ist als die Freude über Gewinn. Dennoch freut man sich über einen Gewinn, der unverhofft kommt. In Großbritannien hat ein Fernsehteam einmal Zehn-Pfund-Scheine in Telefonzellen liegen lassen und anschließend gefilmt, wie sehr sich die glücklichen Schatzfinder freuten. Sie freuten sich auch noch, als nur ein Pfund dort lag.
Halten wir also fest: Eine Geschenkökonomie beginnt mit einem unerwarteten und unerhofften Vorteil.
"Beim Kauf einer Villa in unserem Golf Resort Eulalia erhalten Sie einen Mercedes der A-Klasse kostenlos dazu." Ein solcher Gutschein für ein 30.000-Euro-Auto klingt schon nach etwas. Die Villa allerdings kostet 650.000 Euro, und allein die monatliche Nebenkostenpauschale für Gärtner, Pförtner, Security, Pool und Golfplatz beträgt rund 1.000 Euro - da relativiert sich doch die Größe des Geschenks.
Der Straßenmusikant vor Tengelmann bietet mir seine CD als Geschenk an. Ich lehne freundlich ab, da er mir schon einmal eine geschenkt hat. Er ist ein besessener Geschenkökonom. Die CD ist übrigens gar nicht so schlecht, wie sein Spiel vermuten lässt, wenn er "When the Saints Go Marching In" auf einer Westerngitarre spielt. Aber ein umwerfendes Geschenk ist die CD dann doch nicht.

Im Feld der ökonomischen Begünstigungen.


Was lernen wir daraus? Offensichtlich ist es für die Attraktivität eines Geschenks entscheidend, dass es auf einen Mangel trifft. Mangel, nach fast 50 Jahren andauerndem Wirtschaftswunder? Das klingt absurd. Wie kommt es, dass wir uns noch immer als benachteiligte Mängelwesen fühlen, obwohl doch die meisten von uns in Wohlstand gebettet sind? Und wir in einer historisch nie gekannten Massenverbreitung von Luxus und Freizeit leben? Der Philosoph und Kulturwissenschaftler Peter Sloterdijk hat dazu sehr provokante, allerdings sehr kompliziert vorgebrachte Ansichten. In seinem Kapitel "Auftrieb und Verwöhnung", das sich im dritten Band seiner Anthologie Sphären findet, schreibt er: "Wer sich bereits im Feld der ökonomischen Begünstigungen befindet, wird in den Strömen der Wunsch-Raffinerie mitbewegt, die das Begehren der Vielen in zahllose Richtungen elaboriert." Sloterdijk sieht eine "universelle Kleptokratie" am Werke, in der alle an einer verwöhnenden Allmutter des Wohlstandes saugen, darin aber immer unzufriedener werden und dabei den "Miserabilismus" hervorbringen: die Notwendigkeit, ständig neue Mangelgebiete zu entwickeln, die einen dann den erreichten Reichtum nie genießen lassen. Kinderarmut. Dritte Welt. Klimakatastrophe. Sloterdijk meint das nicht zynisch. Für ihn sind wir längst in einer Kultur des grenzenlosen Schenkens angelangt, wagen es aber nicht, uns diesem paradiesischen Zustand hinzugeben. Stattdessen geben wir Wachstumsparolen aus wie in der Nachkriegszeit und werden täglich gemahnt, "den Gürtel enger zu schnallen".
Dabei hätte gerade Deutschland allen Grund, 60 Jahre nach Kriegsende endlich den erreichten Wohlstand zu genießen. Stattdessen wird bereits die Entlassung von 2.000 der mittlerweile 41 Millionen in Lohn und Brot stehenden Bundesbürger als nationales Desaster zelebriert. Die historischen Höchststände in Sachen Wohlstand werden in der Tat nicht gerade freudig gefeiert. Regierung, Arbeitgeber, Arbeitnehmer verbindet eine Kultur des Meckerns und Jammerns zu jeder Gelegenheit. 2007 wurde Deutschland bereits zum fünften Mal in Folge Exportweltmeister - und was passierte: Man beklagte, dass es wohl das letzte Mal sein werde, weil China so stark aufhole. Mal sind wir dabei "abzusteigen", dann wird wieder "der Anschluss" verpasst.
So verwundert es auch nicht, dass die Geschenkökonomie in Deutschland keinen leichten Stand hat. Businesspläne, die auf für Endverbraucher kostenlosen Diensten beruhen, haben in Deutschland nur kurz vor dem Crash der New Economy eine Chance gehabt. Der deutsche Venture-Capital-Geber sieht immer noch lieber den Medikamentenentwickler, den Werkstoffzauberer oder den Solaringenieur als den Entwickler von Freeware. Die Bürgschaftsbanken der Länder und des Bundes, etwa die KfW Bankengruppe, lehnen nämlich Kapitalgarantien für Unternehmen ab, deren Verbreitungsmodell auf Freeware beruht. Der Blick in den Haushalt des Bundesministeriums für Wirtschaft zeigt, warum: Da waren im vergangenen Jahr 1,94 Milliarden für die zukunftsweisende Steinkohleförderung vorgesehen (Etatposten 01), aber nur 48 Millionen für die Zinszuschüsse des gesamten deutschen Mittelstandes (Etatposten 06) für ERP-Darlehen.

Wir bezahlen mit Lebenszeit.


Wir lernen: Einer Geschenkökonomie liegt ein Businessplan zugrunde. Wer schlau ist, sorgt dafür, dass der vermeintlich Beschenkte das Produkt nicht ablehnen kann, indem er es fest an ein anderes Produkt koppelt. Ein Danaergeschenk also. Wer einen Laptop kauft, muss ein Windows Vista dazunehmen, obwohl er schon ein Windows 2000, zwei Windows 2003 und ein Windows XP hat. Microsoft veröffentlicht keine Zahlen darüber, wie viele Menschen sich Microsoft-Produkte kaufen, aber es dürften nicht sehr viele sein. Die meisten müssen sie als Geschenk akzeptieren. So wie junge Paare aus Köln im Urlaub dahin fliegen müssen, wo der 15-Euro-Flug hingeht: im Februar nach Dublin, im Juli nach Agadir. Hausfrauen fahren Hunderte Kilometer mit dem Auto, um ihre Rabatte dort einzulösen, wo sie sie einmal erhalten haben.
Die Werbung versucht, die Geschäftsmodelle der Geschenkökonomie zu kopieren, ohne ihren Sinn begriffen zu haben. "Wenn Sie zwei Schnitzel bestellen, bekommen Sie ein drittes gratis!" - diese Werbung hat mich immer amüsiert. Würden wir wirklich zu zwei VW Golf auch noch einen dritten haben wollen? Unerfahrene Mitspieler der Geschenkökonomie glauben, dass bereits eine höhere Quantität als Geschenk empfunden wird. Bei Schweinefleisch und VW Golf ist das allerdings nur bedingt der Fall. Auch Freiminuten in Netze, in die man nicht telefoniert, sind keine Geschenke. "Bestellen Sie unseren kostenlosen Newsletter" - gibt es denn einen kostenpflichtigen Newsletter?
Das ehrwürdige Wall Street Journal, das zwei Jahre lang versuchte, seine Inhalte nur noch zahlenden Benutzern anzubieten, hat dies nun aufgegeben. Bezahlte Inhalte laufen nur in Nischen, nicht bei Nachrichten oder Börsenkursen, die es überall gratis gibt. Geschenkökonomie pur. Die Nachrichten kommen längst nicht mehr täglich, sondern minütlich daher. Wir haben sie als Geschenk akzeptiert. Doch wir bezahlen mit Aufmerksamkeit, also mit unserer Lebenszeit - einer Währung, deren Kurs im Laufe der Zeit steigt, weshalb die Geschenkökonomen gerne die Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen ansprechen. Denen ist noch nicht bekannt, wie viel Zeit sie opfern - und dass sie diese Zeit auch sinnvoller verbringen könnten. Und doch können wir stolz sein, offensichtlich über solche Mengen an verfügbarer Zeit zu verfügen, dass Peter Sloterdijk von einer "Massenentlassung der Einzelnen in ihre eigene Lebenszeit" spricht. Mussten nämlich 1850 die Menschen noch 4.000 Stunden jährlich arbeiten, fast die Hälfte ihrer Jahreszeit, sind nun gerade 1.700 Stunden übrig geblieben. Nach dem korrekten Abzug von acht Stunden täglicher Schlafzeit bleiben nach Sloterdijk deshalb von 8.760 Stunden jährlich ungeheure 4.140 Stunden disponibel. Damit ist für Fernsehen und Software ein dauerhafter Markt vorhanden, auf dem sich unzählige Businesspläne tummeln können.
Wir stellen fest: Geschenkökonomie braucht tauschbare, nicht monetäre Güter, etwa Lebenszeit oder Gesundheit. Wir tauschen sie in der Hoffnung, einen fiktiven Mangel zu beheben. Das kann ein Mangel an Gütern, an Komfort oder an Lifestyle sein. Vor dem Fernseher geben wir unsere Zeit her, da wir nicht wissen, was wir mit so viel Zeit anfangen sollen. Viele Frauen werden mit 58 pensioniert und leben dann bis 90. Was sollen sie in diesen 32 Jahren unternehmen?
Die Geschenkökonomie wird Antworten liefern. Kinder müssen zumindest in der Grundschule bereits um zwölf Uhr nach Hause. Dabei entsteht täglich eine derartige Freizeitblase, dass weder Fernsehen noch Playstation noch Vereinssport und Konsum auch nur im Entferntesten in der Lage wären, sie auszufüllen. Zurück zu dem Beispiel aus Indien: Auf den Dörfern war es derart zappenduster, dass eine Petroleumlampe als buchstäbliche Erleuchtung erschien.
Es gibt aber auch viel banalere Gründe, die zur Zunahme von Geschenken führen: die Überproduktion zum Beispiel. Nehmen wir die Altkleidung. Wir geben sie zur Kleidersammlung des Roten Kreuzes, das diese wiederum nach Afrika bringt. Man kann sich leicht ausrechnen, dass Afrikaner vielleicht nicht ganz so viel Kleidung brauchen. Jedenfalls ist seitdem die afrikanische Bekleidungswirtschaft, von der Näherin bis zum Pulloverfabrikanten, zusammengebrochen. Gegen zwei Milliarden Kleidungsstücke aus Deutschland ist jeder Händler machtlos. Auch Milch wird in Afrika nicht mehr produziert, seit wir unsere Milchüberschüsse dorthin entsorgen. Der Entwicklungshilfe genannte karitative Gütertransfer von Medikamenten, Wasserpumpen, Pick-ups, von Radios und Telefonen, Druckern, Laptops und Wasserentsalzungsanlagen verdirbt überall die Märkte.

Beschenkte sind wir doch alle.


Trotzdem wäre es falsch, Geschenkökonomie nur unter den Gesichtspunkten von Produktion, Marketing und Absatz zu betrachten. Geschenkökonomie beginnt im Grunde viel früher, bei der Schöpfung aus dem Nichts, der creatio ex nihilo: Wenn nämlich nicht schon etwas da wäre, dann gäbe es auch nichts, was sich daraus entwickeln könnte. Im Englischen nennt man dieses Etwas the commons: das, was allen gehört. Luft, Wasser, Erde, Natur eben. Unser Wohlstand beruht zum guten Teil auf diesen Geschenken der Natur. Je talentierter eine Gesellschaft diese Geschenke nützt, desto wohlhabender ist sie. Die Deutschen mögen vielleicht in der Softwarewirtschaft schlecht abschneiden, wenn es aber um die Verfügbarkeit von Allgemeingütern geht, ist Deutschland Weltspitze. Wo sonst, außer in einer paar west- und mitteleuropäischen Ländern, kann man fast überall frei auf Wanderwegen in die Natur gehen, klares Wasser aus der Quelle trinken? Und wo sonst bekommt jedes Kind in 25 Jahren zusammengerechnet bis zu 46.200 Euro Kindergeld - ohne Verzinsung. Würde das Geld angelegt, wären es etwa 75.000 Euro. Wo kann man - sofern man es cool genug findet - umsonst zur Schule gehen und mit BAföG studieren? Auch im Krankenhaus fragt in Deutschland niemand, ob man versichert ist.
Unsere Geschenkökonomie ist größer, als man vermuten könnte, und sie ist keineswegs nur eine durchschaubare Marketingaktion. Offensichtlich gehen wir mit unserem Reichtum doch weitaus freigiebiger um, als es das Berufsgejammer und Geiz-ist-geil-Werbesprüche erwarten lassen. Ja es scheint, als mache es uns Freude, zu schenken. Wir mögen an uns selbst oft sinnlos sparen - wenn es um andere geht, ziehen wir gerne die Spendierhosen an. Wer weiß, vielleicht ist Deutschland wirtschaftlich nur deshalb so erfolgreich geworden, weil Deutsche in vielen Ländern als Pioniere am Aufbau mitgewirkt haben? Was wären Liechtenstein, Luxemburg und die Schweiz ohne deutsche Fluchtgelder, der Nahe und Mittlere Osten ohne unsere Schmiergelder, Afrika und Lateinamerika ohne unsere Entwicklungshilfe? Gibt es ein einziges Ökodorf irgendwo auf der Welt, in dem nicht bereits eine deutsche Touristin 200 Euro gelassen hat? Wo auf der Landkarte gibt es ein Entwicklungsland, dem wir noch nicht einen Masterplan zum Aufbau seiner Verwaltung und Verkehrsinfrastruktur geschenkt haben? Der deutsche Staat mit seinen Tausenden internationalen Förderprogrammen ist eine verwöhnende Allmutter, an deren Brüsten längst die ganze Welt saugt. Durch weitgehenden Verzicht auf Steuern auf Güter und Vermögen ermöglicht er den Transfer deutscher Wertgegenstände wie Porsches, Mercedes, Audis und BMWs, von Immobilien und Firmenanteilen ins Ausland. Im Grunde ist alles subventioniert. Der gesamte deutsche Export ist eine Geschenkökonomie, solange der deutsche Staat lieber weitere Schulden macht, anstatt Vermögen und Güter zu besteuern, nicht nur kleine Erwerbseinkommen und den Schokoriegel am Kiosk.
Aber man kann wohl kaum leugnen, dass diese Geschenkökonomie ungeheuer erfolgreich ist und letztlich auch die Heimat zum entspannten Paradies für Lebenszeitüberschüsse macht: Frei von Luftverschmutzung, Lärm und 60-Stunden-Woche genießt der weitaus überwiegende Teil der 82 Millionen Menschen in Deutschland entweder mit der Bierdose vorm Fernseher, im Fitnessstudio und im Fußballstadion oder aber mit Champagnerglas auf dem Golfplatz oder Prosecco im Theater die Zeit bis zum immer ferner rückenden Ableben. Beschenkte, das müssen wir zugeben, sind wir doch alle.

Alexander DillAlexander Dill, Softwareunternehmer, Philosoph und Buchautor, lebt mit seinen drei Söhnen (22, 20, 2) in Oberbayern.
 

Mit einer Illustration von Limo Lechner.

© changeX [28.02.2008] Alle Rechte vorbehalten, all rights reserved.

changeX 28.02.2008. Alle Rechte vorbehalten, all rights reserved.

Ausgewählte Beiträge zum Thema

Kratzen, wo es juckt

Ein Gespräch mit Georg C. F. Greve über die Free Software-Bewegung in Europa. zum Interview

Autor

Alexander Dill

nach oben