Mit allen Sinnen denken
Es geht darum, im Denken selbst eine Richtung einzuschlagen, lautet die These dieses Beitrags: uns für ein Denken zu entscheiden, das Möglichkeitsräume eröffnet. Das bedeutet nicht nur, ins Offene zu denken, sondern den Begriff selbst zu öffnen. In der westlichen Philosophietradition galt der Körper lange als Hindernis fürs Denken. Heute aber wird klar, dass Denken selbst körperlich ist. Die Konsequenz: Wir sollten das Denken für den sinnlichen Erfahrungsraum öffnen. Mit allen Sinnen denken. Um in der Kombination von Abstraktion und Imagination neue Potenziale zu entdecken.
"Denken heißt Überschreiten."
Ernst Bloch: Das Prinzip Hoffnung
Wir können nicht nicht denken - ständig nehmen wir Informationen und Reize aus unserer Umwelt wahr, machen uns ein Bild, bilden uns eine Meinung, fällen ein Urteil. Oder wir versuchen all das gerade zu vermeiden. Doch auch das ist ein mentaler Prozess und somit eine Leistung unseres Denkens, die vorrangig im Gehirn stattzufinden scheint. Und doch wirkt unser Denkorgan bei all dieser Aktivität eher träge und bequem. Unser Hirn vermeidet Arbeit, wo es nur kann, es liebt Routinen, Gewohnheiten und erkennbare Muster. So erklärt es uns die Neurowissenschaft. Und so ist es auch nicht verwunderlich, dass wir uns in all unseren Denkaufgaben und Grübelschleifen gern die eine oder andere Arbeit von technisch versierten KI-Angeboten abnehmen lassen - den Large Language Models (LLMS) wie ChatGPT, jener Form künstlicher Intelligenz also, die menschliche Sprache zu verstehen scheint und zu generieren vermag. Warum auch nicht: Was spricht dagegen, sich technisch unterstützen zu lassen, um die notwendigen Zahlen und Informationen zu finden, um Mails zu verfassen, Texte zu formulieren oder eine Packliste für die Urlaubsreise zu erstellen? Beim Autofahren folgen wir doch auch unserem Navi und denken nur noch selten darüber nach, welcher Weg der beste beziehungsweise der kürzeste ist. Und nur selten überlegen wir, ob es schönere Wege geben könnte, die möglicherweise länger dauern, obwohl sie kürzer sind. Oder umgekehrt. Schon zu kompliziert?
Vielleicht denken wir manchmal also doch eher zu wenig als zu viel. Oder haben noch nicht so richtig damit angefangen, uns Gedanken zu machen.
Denken ist eine Fähigkeit, die zwar ständig eingesetzt und abgerufen wird, aber - ähnlich wie bei anderen Fähigkeiten auch - können wir uns mit wenig zufriedengeben oder aber mit Hilfe von Übung, Erfahrung und Neugier zu gedanklichen Höhenflügen ansetzen. Dabei geht es weniger um den Versuch, Informationen zu sammeln und Wissen zu vermehren (da dürfen wir der KI möglicherweise dann doch den Vortritt lassen), sondern um den Umgang mit dem, was wir unser Weltverhältnis nennen wollen - und dem, was wir für dieses besondere Verhältnis tun können beziehungsweise müssen. Oder auch dürfen.
Kein Handeln ohne Denken - kein Denken ohne Handeln
Es gibt viele gute Gründe, das eigene Denken in gewohnten Bahnen laufen zu lassen und sich nicht ständig durch neueste Informationen aus der Ruhe bringen oder ablenken zu lassen. Die Frage ist nur, ob wir diese Gründe kennen und formulieren können. Ob wir also den Mut haben, uns mit den Worten Immanuel Kants "unseres Verstandes ohne Leitung eines andern zu bedienen". Solange wir selbst abwägen, Entscheidungen treffen und Urteile differenziert vertreten können, scheint unser Denken nicht in Gefahr. Aber wofür genau sollten wir diesen Mut aufbringen, und warum ist dies überhaupt notwendig?
Denken ist, wie wir gesehen haben, ein mentaler Prozess, der es uns ermöglicht, Informationen zu verarbeiten, Erkenntnisse zu gewinnen und daraus Handlungsoptionen abzuleiten. Denken ist also nicht das Gegenteil von Handeln. Nicht etwas, das wir lieber lassen sollten, damit wir endlich mal ins "Tun" kommen. Sondern es ist eine notwendige Bedingung (wenn auch keine hinreichende), um das eigene Handeln vorzubereiten und die Bedingungen dafür zu schaffen. Und eben hier haben wir es durchaus mit der einen oder anderen Zumutung zu tun.
Aber diese nicht immer einfachen oder bequemen Differenzierungen sind wichtig, wenn wir uns weiterhin als denkende Wesen mit dem beschäftigen wollen, was unsere Zukunft ausmachen soll, was darin wesentlich ist und wie wir mit unterschiedlichen Perspektiven und Möglichkeitsräumen umgehen wollen. Delegieren wir jeden komplexen Gedanken an andere oder an technische Assistenten, die zwar Bedeutungen in Form von Wortwahrscheinlichkeiten berechnen, aber wohl kaum verstehen oder aus Erfahrung lernen können, dann wird uns diese Fähigkeit irgendwann abhandenkommen. Und damit wird die Prognose des Computerpioniers Konrad Zuse immer wahrscheinlicher, dass der Computer wohl nie werden wird, wie der Mensch, aber der Mensch immer mehr werden wird wie der Computer.
Es geht also darum, im Denken selbst eine Richtung einzuschlagen und uns für ein Denken zu entscheiden, das Möglichkeitsräume bereithält und eröffnet. Möglichkeitsräume, in denen das Denken eben nicht allein eine lästige Anstrengung ist, sondern ein zu entfaltendes, kostbares Potenzial des Menschen bildet - ein Potenzial, das uns gerade für die Gestaltung unsicherer Zukünfte überaus nützlich sein kann.
Die Sache mit dem Nutzen: Warum Denken wirklich hilft
Um dieser nicht ganz leichten Frage nach der Nützlichkeit des Denkens, also dem "Wofür" nachzugehen, ist es hilfreich, sich dem philosophischen Denken zuzuwenden. Diese Disziplin ist eine Orientierungswissenschaft, die deutlich mehr bereithält als einen bildungsbürgerlichen Wissenskanon.
Allerdings hat gerade die Philosophie ein gespaltenes Verhältnis zur Frage nach dem "Nutzen". Allzu schnell wird dadurch der Verdacht geweckt, man wolle irgendeiner Aufmerksamkeitsökonomie folgen oder kapitalistischen Leistungsprinzipien gerecht werden, indem jeder Gedanke zunächst darauf geprüft wird, was er wem "bringt". Für diese Debatte gibt es in der Philosophie ganze Denkschulen, wie zum Beispiel den Pragmatismus oder den Utilitarismus. Hier wird sehr intensiv darüber nachgedacht, was es bedeutet, wenn wir von einem "Nutzen" sprechen, für wen und für wie viele diese Zuschreibung gelten kann und wo Grenzen zwischen individuellen, kollektiven oder gar universellen Bereicherungen gezogen werden können.
Hier soll es aber um die Frage gehen, wofür es sich zu denken lohnt, wenn wir die Philosophie als die Kunst der Differenzierung und Kontextualisierung, der Unterscheidung und Klärung ernst nehmen. Das bedeutet, ein Denken zu stärken, das gerade in Zeiten der Unsicherheit Methoden bereithält, mit denen wir uns einen Überblick verschaffen können, wenn keine unmittelbaren Lösungen in Sicht sind. Ein Denken, das sich darauf versteht, sich wahrnehmend durch die Welt zu bewegen, Kontexte zu prüfen und Zusammenhänge zu hinterfragen. Es ist ein prozessuales Denken, das nicht in Zuständlichkeiten verharrt, verharren will. Man kann auch sagen: ein "nomadisches Denken", das sich in der Bewegung einzurichten versteht und Wandel und Veränderungen positiv gegenübersteht.
In Zeiten, in denen grundsätzliche Umwälzungen und Transformationen anstehen, bedeutet diese Kompetenz eine große Bereicherung - gerade weil ein solches Denken keine abschließenden Antworten liefern will, die schon bald wieder an neue Bedingungen angepasst werden müssen. Dieser Perspektivwechsel in der Bewertung unvollständiger und lebendiger Prozesse ist ein Schlüssel zu den Future Skills der Gegenwart, die Adaptivität und Kontextualität als Voraussetzung für Zukunftsfähigkeit verstehen: für das, was wir als Gestaltungskraft in eine offene Zukunft hinein erst noch zu denken lernen müssen.
Ins Offene denken: Warum das Denken niemals fertig wird
Dabei hilft diese differenzierende Form des reflexiven Denkens auf zweifache Weise: Es öffnet den Blick für neue Möglichkeitsräume und erarbeitet gleichzeitig Kriterien und Strukturen, um dieser Offenheit einen Rahmen zu geben. Dieses vermeintliche Paradox baut auf der Annahme auf, dass unser Wissen zwar begrenzt ist und bleiben wird, wir uns aber dennoch innerhalb einer nicht aufzulösenden Vorläufigkeit einrichten können: indem wir Erkenntnisse gewinnen, Wissenschaften etablieren, Forschung betreiben und nicht zuletzt kulturelle Formen und Handlungsweisen gestalten und wirksam werden lassen. Dies betrifft zum Beispiel Umgangsformen, Öffnungszeiten, Lehrpläne oder Festtagszeremonien. Also kulturelle Setzungen, die auch anders aussehen könnten, für die wir uns aber aus historischen und kulturellen Gründen entschieden und daraus gedankliche Gewohnheiten abgeleitet haben.
Dabei ist entscheidend, ob diese Strukturen dem Prinzip der Offenheit verpflichtet sind oder aber einen eigenen Anspruch auf Abgeschlossenheit in sich tragen beziehungsweise implizit voraussetzen. Die Logiken der Moderne, die unser westeuropäisches Denken geprägt und zu einem Fortschrittsnarrativ gemacht haben, wirken in Richtung dieser Abgeschlossenheit. Sie erwecken den Eindruck, dass offene Prozesse mit einer Art Defizit oder Defekt behaftet zu sein scheinen, den es im Denken zu beheben gelte. Verändern wir aber unseren Denkwinkel und erkennen die Offenheit komplexer sozialer Entwicklungen als gesellschaftsrelevant und bereichernd an, dann eröffnen sich neue Handlungsspielräume. Die verschlossen blieben, wenn wir unser Handeln alten Logiken folgend weiter auf das ausrichten, was ein bestimmtes Ziel, ein konkretes Ergebnis am Ende eines Arbeitsprozesses auszumachen hat.
Der Mensch als leibliches Wesen
Es geht also nicht allein darum, inhaltlich offenzubleiben, sondern den Denkbegriff selbst zu weiten, ihn zu öffnen. Nicht allein die mentale Verarbeitung, sondern bereits die sinnliche Wahrnehmung und Aufnahme von Informationen (welcher Art auch immer) ist Teil eines Selektionsprozesses, der zum Denken selbst gezählt werden muss. Erst in der jüngeren westlichen Philosophie wird der Mensch als leibliches Wesen begriffen, das sich körperlich und mit dem gesamten sinnlichen Wahrnehmungsapparat der Welt nähert und im reflexiven Denken darüber zu Einsichten und Orientierungen, zu Mustern und Weltbildern gelangt. Zum Leib gehört mehr als die anatomische Beschreibung körperlicher Prozesse. Zum Leib gehört auch das, was mit Geist und Seele gemeint ist, also die wortwörtliche Verinnerlichung dessen, was wir emotional und über das Sehen, das Hören, das Tasten und Begreifen sinnlich wahrnehmen. Das ist die Voraussetzung, um es denken zu können.
Diese Form des Denkens lässt sich freilich weniger klar und deutlich in objektiv gültige Begriffe oder Kriterien fassen als das abstrakte, zielorientierte traditionelle Denken. Daher braucht die Weitung des Denkens den Bezug zur individuellen Erfahrungswelt des Einzelnen: Wir denken in Relationen, in Beziehung zu einer Welt, die meine ist und dennoch in Bezug zu einer Welt gesetzt werden muss, die wir gemeinsam bewohnen. In der wir mit dem ganzen Körper denkend und handelnd unseren menschlichen Bedürfnissen nachgehen.
In der europäischen Denktradition wurde der Körper und auch der geistige "Leib", unsere geistig-seelischen Ressourcen und Fähigkeiten, die sich anatomisch oftmals nicht bestimmten Organen zuschreiben lassen, allerdings lange als eine Art Hindernis und Störfaktor begriffen, die uns vom eigentlichen Denken abzuhalten schienen. Befindlichkeiten, Gefühle oder auch körperliche Bedürfnisse wie Hunger, Durst oder Schlaf waren nicht das zu Bedenkende, sondern das, was möglichst wenig gedankliche Beachtung finden sollte, um sich den eigentlichen Fragen zuwenden zu können. Allerdings hat nun gerade die naturwissenschaftliche Forschung Erkenntnisse zutage gefördert, die eine "Leiblichkeit" des Denkens nahelegen. Das Denken beschränkt sich demnach nicht allein auf das Gehirn, sondern ist auch in anderen körperlichen Regionen angesiedelt. So sprechen Neurowissenschaftler vom "zweiten Gehirn" in der Darmregion: dem enterischen Nervensystem. Entscheidungen, die wir "aus dem Bauch heraus" treffen, erscheinen so in einem ganz anderen Licht.
Mit allen Sinnen denken: Weil das Denken körperlich ist
Nehmen wir also unser Denken als ein körperliches ernst, dann erweitern wir unseren Denkraum um all das, was wir an sinnlichem Sensorium zur Verfügung haben, um es denkend ins Verhältnis zu dem zu setzen, was wir herausfinden und worauf wir uns ausrichten wollen. Die Idee eines humanistischen Denkens wird mit dem Psychiater und Philosophen Thomas Fuchs so zu einem "ganzheitlichen" Denken, das auch körperliche Erfahrungen und Signale als Gründe für Erkenntnis gelten lässt. Ebenso wie uns unser körperliches Erleben nachdenklich machen kann, kann uns auch ein Gedanke schmerzen, berühren oder treffen und damit eine körperliche Empfindung auslösen. Eine Erkenntnis öffnet uns die Augen und lässt uns klarer sehen. Und eine gemeinsame Überzeugung schafft das Gefühl von Zugehörigkeit und Verbundenheit.
Dieses Denken geht weit über die Aneignung oder Verarbeitung von Informationen, Zahlen, Daten und Fakten hinaus. In ihm liegt ein Nutzen, eine Bereicherung, die über das sachlich-rationale Denken hinausreicht. Es bietet neues, anderes Material für Weltbilder und mögliche Zukünfte, für die Entwicklung von Projektvorhaben wie für die Beziehung zu anderen Menschen. Es ist Ausdruck einer anderen Denkhaltung, die als eine Art "geistiges Band" sinnliche Impulse mit rationalen Deutungsmustern verbindet. Es braucht beides, um Bedeutungszusammenhänge verstehen zu lernen, die wir nutzen können, um im Denken und Handeln tragfähige Formen des Miteinanders auszuwählen und zu gestalten.
Ein Denken, das diese Ebenen erkennt, sie auseinanderhalten und auch wieder zusammenführen kann, bedarf anderer Zugänge, Methoden und Lernprozesse, die es ermöglichen, aus diesem Zusammenspiel Kriterien für eine intersubjektive Gültigkeit abzuleiten. Nicht die Abkehr vom abstrakten Denken erweitert unser Welt- und Menschenbild, sondern die Öffnung für die sinnlichen Fähigkeiten, die wir entwickeln und einbringen können. Dies eröffnet die Chance, in der Abstraktion und Imagination neue Potenziale zu entdecken.
Von der Freude des Denkens
Aber warum genau sollten wir das tun? Wie überzeugen wir uns und unser bequemes Gehirn von einem solchen Vorhaben, das neben Willen und Anstrengung auch Mut erfordert?
Wir haben bereits über die Erweiterung von Denk- und Handlungsräumen gesprochen und die Vertiefung der eigenen gedanklichen Möglichkeiten, die durch Übung, Überprüfung und das zweifelnde Hinterfragen reflexiven Denkens möglich wird. Wem das aber nicht reicht, um sich dem eigenen Denken auf diese ungewohnte Weise zu nähern, dem hilft möglicherweise die Aussicht auf eine (in diesem Zusammenhang) ungewohnte Emotion, die gleichwohl mit dem Denken verknüpft ist: Freude. Gerade weil Denken ein mutiges und durchaus anstrengendes Unterfangen ist, macht es Freude, wenn ein Gedanke aufgeht, wenn er zu einer Idee wird, sich mit anderen verknüpft und zu einem sichtbaren Ergebnis führt. Die Etappenziele auf diesen Denkwegen zeigen sich in besonderen Momenten: etwa, wenn wir uns den Gedanken anderer annähern und darin die eigenen wiedererkennen; wenn wir eine Frage formulieren und feststellen, damit keineswegs allein zu sein; oder wenn wir im nachdenklichen Gespräch mit der Nachbarin, dem Kollegen oder der besten Freundin feststellen, wie sich dabei plötzlich neue Handlungsoptionen eröffnen, auf die wir allein nie gekommen wären. Auch das sind Momente, die gerade in ihrer Unbequemlichkeit Freude machen.
Wenn wir in unsicheren Zeiten nach Orientierung und Klärung suchen, dann werden wir diese weder in den bereits ausgetretenen Denkpfaden der Vergangenheit, noch in den mechanistisch durchdachten Systemen abgeschlossener Theorien finden. Sondern nur in der eigenen denkenden Annäherung an die relationalen Denkwege, die wir innerhalb der eigenen Erfahrungswelt legen und gehen können - in Bezug zu bestehendem Wissen, zu Informationen, Daten und Fakten, aber eben immer auch in Bezug zu dem, was für die eigenen Gründe, Sehnsüchte, Ziele und Schwächen von Bedeutung ist.
Moment eines anderen Denkens
Der Welt als Bedeutungszusammenhang im Denken zu begegnen und darin auf Übereinstimmung - oder Resonanz - zu stoßen, ist ein Moment der Freude, der uns etwas zur Verfügung stellt, was uns Sicherheit geben kann, ganz egal, wie unsicher die Bedingungen sind, unter denen sich die Welt gerade weiter zu drehen versucht. Diesen Moment als Gefühl zu erleben und ihn gleichzeitig denkend zum Thema zu machen, ist die große Begabung, die wir als geistige Wesen mit auf den Weg bekommen haben. So wie es die Philosophin Heidemarie Bennent-Vahle in ihrem Buch Mit Gefühl denken formuliert, wenn sie davon spricht, dass es gerade in Momenten des Glücks darauf ankomme, kurz von diesem Erleben Abstand nehmen zu können: "Wir müssen - und sei es auch nur für den Bruchteil einer Sekunde - im Moment der Wonne Abstand von uns nehmen, um die Besonderheit dieses Glücksmoments, in Abgrenzung gegen das eher graue, unspektakuläre Fließen der vorherigen Zeit, zu begreifen."
Um das Erleben von Glück und Zufriedenheit, aber auch von Resonanz und dem momenthaften Erleben von Sicherheit greifbar zu machen, braucht es einen Augenblick der Reflexion, in dem ich mir darüber klar werde, was gerade geschieht. Dies ist der Moment eines anderen Denkens, das zu kostbar ist, um es an vereinfachende Arbeitsweisen in berechenbaren Wahrscheinlichkeiten anzupassen. Dieses Denken sollten wir uns nicht abnehmen lassen, sondern sollten es kultivieren und verteidigen. Um es als "humanistisches Denken" für die Gestaltung einer Welt zu nutzen, in der nicht nur das menschliche, sondern das gesamte natürliche Leben eine Chance auf eine gute Zukunft haben kann.
Quellennachweise
Leitzitat: "Denken heißt Überschreiten." Ernst Bloch: Das Prinzip Hoffnung, Buch 1, Vorwort, Aufbau Verlag, Berlin 1954, S. 3
(*) Heidemarie Bennent-Vahle: Mit Gefühl denken. Einblicke in die Philosophie der Emotionen, Verlag Karl Alber, Freiburg/München 2013, S. 31
Zitate
"Wir können nicht nicht denken." Ina Schmidt: Mit allen Sinnen denken
"Unser Hirn vermeidet Arbeit, wo es nur kann, es liebt Routinen, Gewohnheiten und erkennbare Muster." Ina Schmidt: Mit allen Sinnen denken
"Es geht darum, im Denken selbst eine Richtung einzuschlagen und uns für ein Denken zu entscheiden, das Möglichkeitsräume bereithält und eröffnet." Ina Schmidt: Mit allen Sinnen denken
"Hier soll es um die Frage gehen, wofür es sich zu denken lohnt, wenn wir die Philosophie als die Kunst der Differenzierung und Kontextualisierung, der Unterscheidung und Klärung ernst nehmen." Ina Schmidt: Mit allen Sinnen denken
"Es gilt, ein Denken zu stärken, das gerade in Zeiten der Unsicherheit Methoden bereithält, mit denen wir uns einen Überblick verschaffen können, wenn keine unmittelbaren Lösungen in Sicht sind." Ina Schmidt: Mit allen Sinnen denken
"Es geht nicht allein darum, inhaltlich offenzubleiben, sondern den Denkbegriff selbst zu weiten, ihn zu öffnen." Ina Schmidt: Mit allen Sinnen denken
"Nicht allein die mentale Verarbeitung, sondern bereits die sinnliche Wahrnehmung und Aufnahme von Informationen ist Teil eines Selektionsprozesses, der zum Denken selbst gezählt werden muss." Ina Schmidt: Mit allen Sinnen denken
"Zum Leib gehört auch das, (…) was wir emotional und über das Sehen, das Hören, das Tasten und Begreifen sinnlich wahrnehmen. Das ist die Voraussetzung, um es denken zu können." Ina Schmidt: Mit allen Sinnen denken
"In der europäischen Denktradition wurde der Körper (…) lange als eine Art Hindernis und Störfaktor begriffen, die uns vom eigentlichen Denken abzuhalten schienen." Ina Schmidt: Mit allen Sinnen denken
"Ebenso wie uns unser körperliches Erleben nachdenklich machen kann, kann uns auch ein Gedanke schmerzen, berühren oder treffen und damit eine körperliche Empfindung auslösen." Ina Schmidt: Mit allen Sinnen denken
"Nicht die Abkehr vom abstrakten Denken erweitert unser Welt- und Menschenbild, sondern die Öffnung für die sinnlichen Fähigkeiten, die wir entwickeln und einbringen können. Dies eröffnet die Chance, in der Abstraktion und Imagination neue Potenziale zu entdecken." Ina Schmidt: Mit allen Sinnen denken
"Wir können nicht nicht denken." Ina Schmidt: Mit allen Sinnen denken
changeX 16.01.2026. Alle Rechte vorbehalten, all rights reserved.
Artikeltags
Ausgewählte Beiträge zum Thema
Verkörperte Gefühle - zum richtungsweisenden Buch von Thomas Fuchs zur Rezension
Der morgendliche Blick aus dem Fenster oder die Welt als Differenzraum - ein Essay von Ina Schmidt zum Essay
Verantwortung entsteht mit der menschlichen Begabung, Antworten zu suchen - ein Essay von Ina Schmidt zum Essay
Warum es keine Alternative zum eigenen Denken gibt - ein Essay von Ina Schmidt zum Essay
Zum Buch
Ina Schmidt: Wofür es sich zu denken lohnt. Ein philosophischer Wegweiser für unsichere Zeiten. Verlag Rowohlt Polaris, Hamburg 2025, 256 Seiten, 18 Euro (D), ISBN 978-3-499-01649-3
Buch bestellen bei
Osiander
genialokal
Autorin
Ina SchmidtIna Schmidt ist Philosophin und Publizistin. Nach dem Studium der Kulturwissenschaften an der Universität Lüneburg bis 1998 promovierte sie dort im Jahr 2004 über den Einfluss der Lebensphilosophie auf das frühe Denken Martin Heideggers. 2005 gründete sie "denkraeume" und bietet seither Seminare und Vorträge zur Philosophie als Lebenspraxis und Kulturtechnik an. Außerdem engagiert sie sich im Bereich der politischen Bildung. Ina Schmidt veröffentlichte etliche philosophische Sachbücher, zuletzt Über die Vergänglichkeit. Eine Philosophie des Abschieds (2019) und Die Kraft der Verantwortung. Über eine Haltung mit Zukunft (2021), beide erschienen in der Edition Körber. Ihr aktuelles Buch Wofür es sich zu denken lohnt. Ein philosophischer Wegweiser für unsichere Zeiten ist 2025 bei Rowohlt Polaris erschienen.
weitere Artikel der Autorin
Der morgendliche Blick aus dem Fenster oder die Welt als Differenzraum - ein Essay von Ina Schmidt zum Essay
Verantwortung entsteht mit der menschlichen Begabung, Antworten zu suchen - ein Essay von Ina Schmidt zum Essay
Das Wesen der Stimmung oder die Stimmung ist das Wesentliche - ein Essay von Ina Schmidt zum Essay



