Die Rückkehr zum "richtigen Maß"

Möglichkeiten, konstruktiv mit dem ausbleibenden Wachstum umzugehen.

Von Beate Schulz-Montag

Schon das Wort "Schrumpfung" klingt unangenehm. Was nichts an den Tatsachen ändert: Experten sagen einen jährlichen Rückgang der Wirtschaftsleistung um ein Prozent voraus. Schon wegen der demografischen Entwicklung. Doch statt darüber zu jammern, sollte man diese Situation besser als Chance begreifen. Denn tun kann man einiges.

Deutschland macht gegenwärtig den Eindruck eines angeschossenen Tigers in der Falle. Die Konjunktur will einfach nicht in Fahrt kommen und die einzigen Bereiche, die noch Wachstum aufweisen, sind die Arbeitslosigkeit, Steuern und Abgaben sowie Gesundheits- und Sozialhilfekosten. Gerade ist nach zähem Ringen der Tarifkonflikt im öffentlichen Dienst beigelegt worden, da streiken die niedergelassenen Ärzte. Und das ist noch lange nicht das Ende des von den unterschiedlichsten Interessen getriebenen Kampfes um Besitzstandswahrung in Zeiten des Privilegienabbaus und einer Politik unter den Vorzeichen des "Mangels". Auf der privaten Seite ist Geiz mittlerweile "geil" (Medienkette Saturn) und Konsum - Rabattorgien hin, Preisdumping her - so was von out, dass selbst die Grünen, die einstigen Vorkämpfer einer ökologisch motivierten Verzichtsideologie, ernstlich besorgt sind und uns ihre Finanzexpertin Christine Scheel unlängst aufforderte, doch bitte mehr zu kaufen. So ändern sich die Zeiten: Anfang der neunziger Jahre versuchte das Wuppertal Institut in seiner Studie "Zukunftsfähiges Deutschland" noch mit dem Slogan "Gut leben statt viel haben" zu missionieren. Eine gute Dekade später sind plötzlich Ratgeber wie "Simplify your life" mit Tipps zum Entrümpeln von Schreibtisch, Wohnung und Psyche von allem materiellen und immateriellen Schnickschnack auf der Bestseller-Liste ganz weit oben.
Signifikantester Ausdruck von ausbleibendem Wachstum bzw. "Schrumpfung" ist die demografische Entwicklung, die jedes Jahr rein rechnerisch eine mittlere Stadt von 200.000 Einwohnern von der deutschen Landkarte verschwinden lässt. Am Ende dieses Jahrhunderts, so Hochrechnungen von Experten, könnte das 80-Millionen-Volk der Deutschen zu einem Völkchen von nur noch 24 Millionen Einwohnern zusammengeschrumpft sein. Die Deutsche Bank prognostiziert in diesem Zusammenhang (Demografie Spezial vom 30. Juli 2002) ab 2020 einen jährlichen Rückgang der Wirtschaftsleistung um ein Prozent. Die fortschreitende Alterung der Gesellschaft erscheint als eine Zeitbombe, auf die Bevölkerungswissenschaftler seit 30 Jahren hingewiesen haben, deren Sprengkraft aber erst jetzt, wo die Stabilität unseres Sozialsystems immer schwächer wird, in den Fokus der öffentlichen Wahrnehmung rückt.

Der Letzte macht das Licht aus.


Was bei bestimmten Konsumententypen noch als selbst gewählter Lifestyle-Trend des "Downshiftings" oder einer "Neuen Einfachheit" durchgehen mag, ist für wachsende Teile der Bevölkerung aus den oben genannten Gründen bereits pure Notwendigkeit ohne jeden eigenen ästhetischen Anspruch. Übertönt von dem Getöse des tagespolitischen Hickhacks verlieren immer mehr Städte und Regionen sowohl Einwohner als auch Arbeitsplätze. Wie in einem Zukunftslabor lässt sich heute schon in Gegenden Ostdeutschlands, wie der Uckermark, Vorpommern oder der Lausitz, beobachten, was auf immer mehr Kommunen auch im Westen zukommt: Aus Städten und Regionen, die ihre Bewohner nicht mehr ernähren können, wandern zuerst die Jüngeren, die Leistungsfähigen und Mobilen ab. Wo kein attraktives Humankapital zur Verfügung steht, siedeln sich auch keine neuen Betriebe an, die wiederum junge Leute anziehen. Die, die noch ausharren, bleiben auf den Kosten einer inzwischen überdimensionierten Infrastruktur sitzen. In Folge fortschreitender Verarmung und fehlender Auslastung werden nach und nach Buslinien eingestellt, Kindergärten, Postämter und Bibliotheken geschlossen, sinkt die Lebensqualität und machen sich Hoffnungslosigkeit und Depression breit. Niemand möchte der Letzte sein, der das Licht ausmacht und so laufen - in aller Stille, aber mit dramatischen Folgen für die betroffenen Menschen - ganze Regionen leer.
Beispiel Wittenberge (Brandenburg): Die ehemalige Industriestadt hat seit der Wende ein Drittel seiner Bewohner eingebüßt. Bestimmte Viertel sind inzwischen so heruntergekommen, dass sie nur noch als Kulisse für Kriegs- und Nachkriegsfilme genutzt werden. Selbst Städte wie Leipzig und Chemnitz müssen mit Leerständen von 20 Prozent und mehr umgehen. Während die Bauindustrie gegen die teilweise Streichung der Eigenheimzulage Sturm läuft, stehen in den neuen Bundesländern mittlerweile 1,3 Millionen Wohnungen leer.
Nun ist es nicht so, dass dieser dramatische Strukturwandel allein ein Phänomen der Wende wäre. Immer wieder hat es in der Geschichte Schrumpfung in Folge industrieller Wandlungsprozesse gegeben, beispielsweise in den Zechen-Städten des alten Ruhrgebietes, wo es auch nur teilweise gelungen ist, den Niedergang und die Entvölkerung der Region durch kompensatorische Maßnahmen, wie zum Beispiel die Internationale Bauausstellung Emscher Park, abzufedern. Unterschiede bestehen vielleicht in Tempo und Ausmaß der Schrumpfungsprozesse, nicht aber in der Tatsache des Rückgangs selbst.

Die Übergänge gestalten.


Das Problem ist jedoch nicht Wachstum oder Schrumpfung an sich, sondern die Gestaltung der damit verbundenen Transformationsprozesse und Übergänge. Die Kernfrage, um die es geht, ist die soziale, ökonomische und ökologische Verträglichkeit des Wandels. Im Prinzip existieren für den Umgang mit Schrumpfungsprozessen zwei Politikoptionen: Die eine besteht darin, zu hoffen, dass sich der Schrumpfungsprozess wieder in einen Wachstumsprozess umkehren lässt - eine Strategie, die vor allem von westdeutschen Städten eingeschlagen wird. Stadtentwicklungspolitik ist hier in erster Linie lokale Wirtschaftspolitik, die darauf abzielt, High-Tech-Unternehmen mit Leuchtturmfunktion auf großzügig ausgewiesenen Gewerbeflächen anzusiedeln oder in so genannten "public private partnerships" Dienstleistungs- und Einkaufszentren sowie touristische Anziehungspunkte zu errichten. Die andere Option erkennt den Schrumpfungsprozess als das an, was er aller Wahrscheinlichkeit nach ist: ein unumkehrbarer Strukturwandel, dem nicht durch einen hektischen und wechselseitig ruinösen Standortwettbewerb wirksam begegnet werden kann, sondern der einen grundlegenden Paradigmenwechsel erfordert. Dieses von Stadtsoziologen und Stadtplaner als "planned shrinking" bezeichnete neue Paradigma versucht Ziele zu formulieren und neue Instrumente zu finden, mit deren Hilfe der nicht aufzuhaltende Schrumpfungsprozess qualitativ gesteuert werden kann.
In Ostdeutschland ist man im Hinblick deutlich weiter als in Westdeutschland, wo faktisch stattfindende Realitäten noch häufig negiert oder mit Wahlkampfparolen übertönt werden. Stadtplaner und Kommunalpolitiker brüten hier bereits angestrengt über Strategien des integrierten Rückbaus, auch wenn diese Bemühungen noch zu oft in Wohnungspolitik mit der Abrissbirne stecken bleiben.
Aufgabe von Zukunftsforschern ist es nicht, einzelne tagespolitische Maßnahmen zu bewerten, wohl aber, den Blick für die mittel- bis längerfristigen Zeithorizonte zu schärfen. Und aus dieser Perspektive kann zumindest eines festgestellt werden: Parteiübergreifend herrscht gegenwärtig ein eklatanter Mangel an Mut, Phantasie und Offenheit, die drängenden Zukunftsfragen erstens wahrzunehmen und zweitens tabulos anzugehen. Was stattdessen stattfindet, ist ein zähes Ringen um kleinste Drehungen an Stellschrauben, beispielsweise die Erhöhung des Rentenversicherungsbeitrages um 0,4 Prozent, was prompt einen kollektiven Aufschrei der unterschiedlichsten Lobbygruppen hervorrief. Ihnen gemeinsam ist ein negativ besetztes Gefühl des (ungerechtfertigten) Verzichts, des Abbaus, der Schrumpfung, des "Immer-weniger" - kurz: das eines Losers, der unweigerlich auf den Abgrund zusteuert.

Schrumpfung muss nicht negativ sein.


Die Begriffe "Schrumpfung" und "Rückbau" sind - da geht es schon los - auch ein semantisches Problem. Sie lassen unangenehme Gedanken an Siechtum und Mangelwirtschaft aufkommen und verstellen damit den Blick auf die unterschiedlichsten Gestaltungsoptionen: Leer laufende Regionen können aufgegeben oder renaturiert, aber auch mit Hilfe von Anreizen wie Steuerfreiheit und kostenlosen Grundstücken neu besiedelt werden. Freie Wohnungen, für die sich keine Mieter finden, können abgerissen, aber auch zu großzügigeren Grundrissen zusammengelegt werden. Durch Brachen perforierte Stadtbilder können hingenommen, aber auch umgestaltet werden - sei es durch eine gezielte Aufgabe peripherer Standorte und Verdichtung im Kern oder durch Schaffung innerstädtischer Gärten und anderer - auch experimenteller - Freiräume. Netzgebundene Infrastrukturen wie Verkehrs-, Energie- oder Wasserversorgung können durch kleinere, dezentrale und kostengünstigere Lösungen ersetzt werden (zum Beispiel Bustaxen statt Schienenzüge, Blockheizkraftwerke statt Großkraftwerke). Der Abbau der öffentlichen Dienstleistungen kann partiell ersetzt werden durch E-Government, neue Nachbarschaftsnetzwerke und Bürgerarbeit - was jedoch die traditionelle Erwerbsarbeitsgesellschaft erheblich in Frage stellen und transformieren würde. Vielleicht müssen wir uns auch klar verabschieden von dem strukturpolitischen Ziel, überall gleiche Lebensbedingungen schaffen zu wollen. Möglicherweise ist eine kulturelle Umwertung das Gebot der Stunde, das Anerkennen und Zulassen von deutlichen Unterschiedlichkeiten in Bezug auf Lebensweisen und Lebensrhythmen, Produktivität und Effizienz.

Gebraucht wird eine neue Reformpolitik.


Reformpolitik, die diesen Namen wirklich verdient, sollte grundlegende Strukturfehler beseitigen und sich aus dem Würgegriff derer befreien, die sich in den Nischen des fehlerhaften Systems komfortabel eingerichtet haben - angefangen beim Deutschen Beamtenbund, der für den Erhalt eines durchweg antiquierten Privilegiensystems kämpft, über die Bauernverbände und das absurde System der Agrarsubventionen bis hin zu den Gewerkschaften mit ihren Flächentarifverträgen, um nur einige der zukünftigen "Baustellen" einer angepassten Schrumpfungspolitik zu benennen. Drei mächtige Wirtschaftsbosse - Telekom-Chef Sommer, Bertelsmann-Chef Middelhoff, Allianz-Chef Schulte-Noelle - die alle für einen schnellen und expansiven Wachstumskurs standen, mussten im letzten Jahr ihren Hut nehmen. Zufall oder symptomatisch?
Welche Konturen eine zukunftsfähige Schrumpfung auch immer annehmen wird - sie muss tabulos durchdacht und mutig gestaltet werden. Das rechte Maß zu finden braucht manchmal seine Zeit - aber auch Ideen und Visionen, die über den Tag hinausreichen. Für Kommunen und Gesellschaft sowieso, aber auch für Unternehmen und ihre sich unter diesen Bedingungen radikal wandelnden Märkte. Nichts bleibt, wie es war - aber spannend wird es auf jeden Fall.

Beate Schulz-Montag ist Leiterin des Z _punkt Büros Berlin.

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