Was nicht wirkt, kann weg
Viele Kongresse sind zum Ritual erstarrt. Ihr Setting kennen wir aus der Schule: Frontalunterricht. So lautete die Diagnose, die Michael Gleich in einem Essay für changeX gestellt hat. Seine Intention zielte auf einen Paradigmenwechsel beim Design von Konferenzen, Tagungen und Veranstaltungen aller Art. 2010 war das. Seither hat sich die Veranstaltungsbranche rasant verändert, nicht zuletzt durch Corona. Die Pandemie hat uns gelehrt, dass viele 08/15-Meetings und Events auch online funktionieren. Für Präsenzveranstaltungen gelten heute deutlich höhere Erwartungen an Qualität und Wirkung. In seinem aktuellen Beitrag nennt Michael Gleich, Moderator, Eventdesigner und Buchautor, Prinzipien und Haltungen für innovative und effektive Formate. Im Fokus: Sinn.
Der MICE-Markt ist gigantisch. Die Abkürzung steht für "Meeting, Incentive, Congress, Event". Jährlich nehmen in Deutschland - je nach Zählart - bis zu 400 Millionen Menschen an einer größeren Veranstaltung teil. Vor 15 Jahren habe ich mich bei changeX bereits mit der Frage auseinandergesetzt: Wie können wir Veranstaltungen aller Art besser machen - lebendiger, effektiver, dialogischer? "Powerpoint und Nullsummenquasselei" hieß das Stück, "ein Abgesang plus einem Vorschlag zur Güte". Mein Befund war, dass die meisten Tagungen, Kongresse und Konferenzen nach Schema F wie Frontalunterricht gestaltet werden - mit äußerst beschränkter Wirkung. Die Teilnehmenden schwanken zwischen Info-Überflutung und Langeweile. Mit Referent:innen, die nicht mit den Zuhörenden interagieren, sondern ihre Folien als "betreutes Lesen" abspulen. Mit Veranstaltenden, die nicht genau wissen, was sie mit einem Event konkret erreichen wollen.
Und heute?
Für meinen Podcast "Grenzenloses Eventdesign" habe ich in den vergangenen vier Jahren mit mehr als fünfzig Expertinnen und Experten gesprochen. Aus der Branche und von außerhalb. Das Meinungsbild war ziemlich eindeutig und ziemlich grau: Sie schätzen, dass immer noch 70 bis 90 Prozent der größeren Events nach herkömmlichen Routinen ablaufen. Mit wenig Lern-, Vernetzungs- und Veränderungseffekt für die Teilnehmenden. "Dilly" heißt die Maxime - "Do it like last year". Dabei gäbe es mittlerweile viele relevante Erkenntnisse aus Hirnforschung, Soziologie, Kognitionswissenschaften und Didaktik, die in ein zeitgemäßes Eventdesign einfließen könnten. Dies umzusetzen, könnte zur Überlebensfrage werden. Nach der Corona-Pandemie ist Kundinnen und Kunden klar, dass sie nur dann Zeit und Geld für Präsenzveranstaltungen aufwenden, wenn dabei ein klarer Mehrwert gegenüber einer Online-Session entsteht.
Ausgangspunkt: Die Frage nach dem Warum
Im Folgenden nenne ich einige praxistaugliche Prinzipien für die Gestaltung sinnstiftender Veranstaltungen. Es geht los mit der Frage nach dem "Warum". "Start with the WHY" - so hat der Autor und Unternehmensberater Simon Sinek seinen TED-Talk vor 15 Jahren betitelt. Für ihn ist die Frage nach dem "Warum" der alles entscheidende Ausgangspunkt. Warum planen wir diese Veranstaltung? Wozu soll das Ganze gut sein? An welchem Sinn und Zweck richten wir uns aus? Die Antworten auf diese Fragen können alle weiteren Überlegungen leiten. Wie gestalten wir? Was soll bei diesem Event geschehen? Welche Formate sind dienlich? Wie können Licht, Ton, Technik und die Raumgestaltung unsere Absicht unterstützen?
Viele Veranstalter tun sich schwer damit, über Sinn und Zweck nachzudenken. In ersten Gesprächen mit Veranstaltenden stellt man immer wieder fest, dass sie am liebsten direkt mit den konkreten Punkten beginnen möchten. Wer wird die Keynote halten? Wer soll moderieren? Fürs Catering hatten wir uns Folgendes vorgestellt ... All das wird auf den Tisch gepackt. Dabei ist noch gar nicht klar, welche Bedürfnisse, Motive, Absichten und Zwecke bestehen, die den ganzen Aufwand an Zeit und Geld rechtfertigen. Insbesondere bei sich jährlich wiederholenden Veranstaltungen wird die Sinnfrage oft gar nicht erst gestellt. Wenn man es so macht wie immer, kann man nichts falsch machen. Das ist allerdings ein fataler Irrglaube angesichts einer sich rasend schnell verändernden Welt. Darin wandeln sich auch die Bedürfnisse und Wünsche der Gäste. Über Sinn und Zweck nachzudenken ist zwar abstrakter und braucht Zeit. Aber ich möchte alle, die ein Event planen, sehr ermutigen, sich diese Zeit zu nehmen. Es lohnt sich. Denn diese grundlegende Klärung von Beweggründen erleichtert alle folgenden Planungsschritte erheblich.
Die Begriffe "Sinn" und "Zweck" werden im Deutschen oft synonym verwendet. Sie bedeuten jedoch nicht dasselbe. Der Zweck einer Straße besteht beispielsweise darin, dass sie gut befahrbar oder begehbar ist. Der Sinn einer Straße besteht hingegen darin, dass sie Orte miteinander verbindet. Bezogen auf Veranstaltungen: Der Zweck einer Veranstaltung besteht darin, dass die Registrierung, die Abläufe, das Catering und so weiter funktionieren. Doch das Ganze wäre absurd, wenn diese Zwecke nicht einem höheren Sinn dienen würden. Beispielsweise, dass die Teilnehmenden Neues lernen, sich mit anderen verbinden oder gemeinsam die Welt ein bisschen besser machen. In diesem höheren Wert liegt der Sinn. Er verleiht uns Motivation und Orientierung. Sinn ist diese innere Stimme, die uns sagt, warum es sich lohnt, morgens aus dem Bett aufzustehen.
Für viele Menschen ist es wichtig geworden, ihr Leben und Arbeiten sinnerfüllend zu gestalten. Dies wird besonders laut von den jüngeren Generationen eingefordert. Befragungen zeigen, dass Angehörige der Generation Z bereit sind, auf mehr Gehalt zu verzichten, wenn sie in ihrer Arbeit einen tieferen Sinn finden. Da sie aufgrund des Fachkräftemangels gute Karten haben, ihre Interessen durchzusetzen, ist dieses Thema mit größerem Druck auf die Tagesordnung gekommen. Selbstverständlich gilt die Forderung nach Sinnstiftung auch für Meetings, Kongresse und Events. Dabei sollte der Fokus nicht nur auf den Veranstaltenden, sondern vor allem auf den Teilnehmenden liegen. Wenn es das Budget erlaubt, können diese vorab auch nach ihren Bedürfnissen befragt werden.
Teilnehmende zu Teilgebenden machen
Eine weitere, sehr effektive Möglichkeit ist es, das Prinzip der Co-Kreation ernst zu nehmen und das Event von vornherein gemeinsam mit einer kleinen Gruppe von potenziellen Teilnehmenden zu planen: Welche Inhalte sind relevant? Welche Formate wären sinnvoll? Dr. Torsten Fremer, Mitgründer der Agentur Klubhaus, meint dazu: "Für das, was ich selber mitdenke und mitgestalte, kann ich mehr Verantwortung übernehmen. Habe ich ein Event mitentwickelt, bin ich auch verantwortlich für das, was passiert. Insofern scheint mir Teilhabe etwas sehr Sinnvolles zu sein." Teilnehmende zu Teilgebenden zu machen - darin sieht Fremer einen Weg sicherzustellen, dass eine Veranstaltung und ihre Inhalte für das Publikum bedeutsam sind: "Der erste Schritt beim Event-Design ist doch immer zu prüfen, ob das Thema für die Teilnehmenden relevant ist. Nur dann denken sie, es ist wichtig, dass ich hier mitmache."
Ein wichtiges Element von Sinnstiftung ist die psychologische Sicherheit. Sie gewährleistet, dass Menschen eine Veranstaltung als "Safe Space" wahrnehmen und vertrauensvoll miteinander arbeiten können. Die Psychologin Karin Clemens erklärt: "Psychologische Sicherheit entsteht in einem sozialen Kontext, wenn ich so sein kann, wie ich natürlich bin. Ich kann sagen, was ich denke, kann kritisieren und hinterfragen. Ohne das Risiko, beschimpft, beschämt oder ausgelacht zu werden." Es geht um eine angstfreie und vertrauensvolle Atmosphäre. In Gruppen, Teams, Unternehmen und natürlich auch bei Veranstaltungen. Weltweite Studien (unter anderem von der Forschungsabteilung von Google) haben ergeben, dass psychologische Sicherheit das entscheidende Element für den Erfolg von Teams ist.
Sie kann durch praktische Schritte, Übungen und Interventionen gefördert werden. Bereits in der Einladungsphase können die Veranstaltenden signalisieren, dass alle Teilnehmenden mit ihren Eigenheiten und ihren Beiträgen willkommen sind. Eine einfache Maßnahme ist, dass die Moderatorin oder der Moderator zu Beginn der Veranstaltung einige Grundregeln für einen achtsamen und respektvollen Umgang miteinander aufstellt. Insbesondere in der Startphase eines Events, bei dem sich die Teilnehmenden noch nicht kennen, sollte man sich außerdem Zeit für den Aufbau von Vertrauen nehmen. Das ist gar nicht schwer. Beispielsweise können kleine Dialoge oder Trialoge zum Kennenlernen angeleitet werden. Eine andere Möglichkeit ist, die Teilnehmenden nach verschiedenen Fragen im Raum aufzustellen: "Wo kommt ihr her? Was sind eure Hobbys? Was wollt ihr hier erfahren? Lieber Hund oder Katze? Lieber Tee oder Kaffee? Lieber Plenum oder Kleingruppe?"
Menschen wollen gehört, gesehen und von anderen akzeptiert werden. Wenn sie das in einem Raum erleben, können sie sich öffnen, ohne befürchten zu müssen, verletzt zu werden. Ein Sprichwort besagt: "Fremde sind Freunde, die man noch nicht kennt." Selbst kurze Interventionen können die Atmosphäre positiv verändern. Gesichter entspannen sich, Augen strahlen und es ist Lachen zu hören.
Selbstorganisation ermöglichen, Selbstwirksamkeit fördern
Unsere Gesellschaft wird immer individualistischer. Im Alltag und bei wichtigen Lebensentscheidungen schätzen wir das Recht, die Richtung selbst zu bestimmen. Niemand möchte gerne gegängelt werden. Das gilt auch für Veranstaltungen. Stundenlang in Stuhlreihen zu sitzen und einer Frontalbeschallung von der Bühne ausgesetzt zu sein, empfinden die wenigsten als sinnerfüllend. Deshalb ist es insbesondere bei längeren Veranstaltungen wichtig, den Menschen eigene Wahlentscheidungen zu lassen. Die Veranstaltenden sollten für einzelne Sessions die Kontrolle loslassen und Selbstorganisation ermöglichen. Brauchen Teilnehmende noch mehr Input oder den Rückzug, um das Gehörte zu verdauen? Bringt Workshop A oder B mehr? Lieber eine Kreativ-Session mit 15 anderen oder ein "GehSpräch" zu zweit draußen? Die Besucherinnen und Besucher kommen mit ihren eigenen Fragen und Bedürfnissen zum Event. Man sollte ihnen die Wahlfreiheit geben und darauf vertrauen, dass sie die für sie passenden Formate finden. Genau dieses Loslassen eröffnet Räume, in denen sie sinnvolle Antworten auf die mitgebrachten Fragen finden können.
Die psychologische Forschung zeigt: Selbstwirksam zu sein, ist für Menschen ein äußerst befriedigendes Erlebnis. Sie fühlen sich wohl, wenn sie merken, dass sie etwas beitragen und bewirken können, wenn sie einen Unterschied machen und Herausforderungen meistern können. Im Eventdesign kann man diesem Wunsch mit vielen interaktiven Formaten Raum geben. Die Teilnehmenden können beispielsweise bei der kollegialen Fallberatung als Beraterinnen und Berater auftreten, bei Brainstormings und Ideen-Sprints kreativ werden oder in den zuvor genannten Dialogformaten mitdenken. Für Anke Serafin, Autorin und Coachin, die über sinnvolles Arbeiten schreibt, ist Selbstwirksamkeit ein hoher Wert: "Eine bewusste Form der Wirksamkeit macht einen großen Unterschied. Sie ist so beglückend, weil ich mit meinem Umfeld aktiv in den Austausch gehen und Spuren hinterlassen kann. In der Resonanz mit anderen Teilnehmenden entsteht ein lebendiges Feld."
Sinnstiftung findet nicht im stillen Kämmerlein statt. Sie entsteht im Kontakt und Austausch mit anderen Menschen, die uns inspirieren, herausfordern und neue Sichtweisen vermitteln. Eventdesign sollte Begegnung ermöglichen, sie sollte organisieren und ermutigen. Oft würde es schon reichen, Begegnung nicht zu verhindern. Das aber geschieht leider viel zu oft. Beispielsweise, wenn die Kaffee- oder Mittagspausen wieder einmal viel zu kurz geplant sind. Oder wenn sie sogar noch gekürzt werden, weil die zahlreichen Referentinnen und Speaker die Zeiten mal wieder überzogen haben. Dabei ist die Begegnung mit anderen einer der wichtigsten Gründe, warum Menschen überhaupt an Präsenzveranstaltungen teilnehmen. Schon vor einhundert Jahren formulierte der Religionsphilosoph Martin Buber einen Satz, der mich bei meiner Arbeit stets begleitet: "Alles wirkliche Leben ist Begegnung."
Dialoge ermöglichen, Geschichten erzählen
Für Sinnstiftung sind echte Dialoge ein wichtiges Format. Nicht der Dialog, von dem Politiker:innen gerne sprechen, beispielsweise der Dialog mit der Jugend, der dann doch keiner ist. Gemeint sind vielmehr Gesprächsformen, in denen sich die Ur-Idee des Dialogs verwirklicht. Der Wortstamm sagt es: "Dia" kommt von "durchscheinen", "Logos" meint "Sprache" und "Sinn". Ein Gespräch, in dem der Sinn durchscheint. Es gibt zahlreiche sinnstiftende Dialogformate: zu zweit, in einem Kreis von 15 bis 30 Personen oder als Großgruppenformat. Ihnen allen sind äußere Regeln gemein: die anderen nicht zu unterbrechen; sich so viel Zeit zu nehmen, wie nötig, aber nicht mehr; und über Wesentliches zu sprechen. Noch wichtiger sind die Anweisungen für die innere Haltung: die Bereitschaft, von sich, seinen Erfahrungen und Denkprozessen zu sprechen sowie das aktive, nicht wertende Zuhören.
Auch der Transformationsforscher Prof. Otto Scharmer, der am renommierten MIT in Boston lehrt, setzt beim gemeinsamen Nachdenken über komplexe Themen auf Dialogformate. "Wir drücken dabei unterschiedliche Perspektiven aus. Es geht nicht darum, plötzlich einer Meinung zu sein. Aber in einem Dialog frage ich dich, wieso du das Thema ganz anders betrachtest als ich. Und du würdest bei mir nachfragen. So kommen wir zu einem tieferen Verständnis der Unterschiede und schaffen die Voraussetzung für eine dialogische Sprechweise. Dialog heißt im Prinzip, zusammenzudenken."
Kreisdialoge führen auch deshalb zu vertieften Erkenntnissen, weil sie grundsätzlich davon ausgehen, dass es viele Sichtweisen auf ein Thema gibt - und dass alle relevant und hörenswert sind. Auch der Tübinger Medienwissenschaftler Prof. Bernhard Pörksen betont den hohen Wert dieser Multiperspektive: "Das dialogische Credo lautet, ‚die Wahrheit beginnt zu zweit‘. Ein Dialog ist so etwas wie ein Tanz des Denkens. Man spürt den gemeinsamen nächsten Schritt. Wirklichkeit wird zur Gemeinschaft und zur Gemeinsamkeit. Man verlässt die Ruhebank der festen eigenen Gewissheiten und ist gemeinsam auf dem Weg zu einer möglichen Synthese des Denkens."
Auch gutes Storytelling kann zur Sinnstiftung beitragen. Seitdem Menschen die Sprache als Kommunikationsmittel beherrschen, erzählen sie sich Geschichten. Dabei geht es nie nur um Fakten, Personen und Ereignisse, sondern immer auch um die Konstruktion von Sinn. Der südamerikanische Schriftsteller Gabriel García Márquez schrieb einmal: "Nicht, was wir gelebt haben, ist das Leben, sondern das, was wir davon erinnern." Wir konstruieren unser Leben als den roten Faden einer Erzählung, die Sinn ergibt. Storytelling lässt sich bei Events in verschiedenen Formaten nutzen. Gute Keynotes, die sich den Zuhörern einprägen, werden oft wie spannende Geschichten erzählt. Es gibt Formate wie das "Collective Story Harvesting", das systematisch für Veränderungsprozesse und Problemlösungen eingesetzt wird. Dabei erzählen mehrere Menschen eine Geschichte, die auf eigenen Erfahrungen beruht. In kleinen Gruppen lauschen die übrigen Teilnehmenden. Ihnen wurde ein jeweils unterschiedlicher Fokus zugewiesen, mit dem sie zuhören. Aus der Zusammenführung aller Perspektiven werden dann im letzten Schritt allgemeingültige Erkenntnisse für den Veränderungsprozess destilliert.
Eine weitere Möglichkeit ist es, eine gesamte Veranstaltung in Form einer erlebbaren Geschichte zu inszenieren. Dies kann beispielsweise durch die Eröffnung eines Spannungsbogens zu Beginn mit einer brennenden Frage oder einem Cliffhanger geschehen. Im weiteren Verlauf folgen Überraschungen und Wendepunkte, bevor der Spannungsbogen am Ende aufgelöst wird. Wenn lose Erzählstränge zu einem Happy End zusammengeführt werden, erleben Menschen dies als sinnstiftenden Impuls.
Sinn durch Zugehörigkeit, Orientierung, Bedeutsamkeit und Kohärenz
Was sagt die Wissenschaft zu diesem Thema? Am Institut für Psychologie der Universität Innsbruck wird empirische Sinnforschung betrieben. Aus Sicht der Lehrstuhlinhaberin Prof. Tatjana Schnell entfaltet sich Sinnerfüllung durch vier Aspekte: Zugehörigkeit, Orientierung, Bedeutsamkeit und Kohärenz. Ein Eventdesign, das sich konsequent an den Bedürfnissen der Teilnehmenden orientiert, sollte Räume, Inhalte und Formate anbieten, die diese Qualitäten abdecken:
Bedeutsamkeit. Menschen wollen wahrgenommen werden und Resonanz auf ihr Sein und Handeln erfahren. Wir erleben Selbstwirksamkeit als befriedigend, wie bereits gesagt, in Situationen, in denen wir etwas beeinflussen und bewirken können. "I can make a difference!" Das gegenteilige Gefühl wäre Ohnmacht und mangelndes Zutrauen in die eigenen Kompetenzen. Für Veranstaltungen bedeutet dies beispielsweise, dass Teilnehmende zu Teilgebenden werden können.
Orientierung. Menschen wählen ihren Lebensweg und wissen, in welche Richtung sie gehen möchten. Übertragen auf Veranstaltungen bedeutet dies, dass der Sinn und Zweck vorab geklärt und den Teilnehmenden bereits im Vorfeld vermittelt werden sollte. Warum sollen sie kommen? Wer wird noch dabei sein? Welche Abläufe und Inhalte können sie erwarten? Wie wird das Veranstaltungsdesign dem Zweck dienen?
Zugehörigkeit - und ihr Gegenpart, das Streben nach Autonomie. Mit anderen zusammen sein, aber auch die Freiheit, Schritte allein zu gehen. Dieses ewige Dilemma lässt sich nicht auflösen, aber man kann beiden Bedürfnissen Raum geben. Zusammengehörigkeit kann sich sogar durch gleiche Kleidung zeigen: gleiche T-Shirts, weiße Kleidung beim "White Dinner" oder Badges als Erkennungszeichen. Dem Wunsch nach Autonomie wird entsprochen, wenn die Moderation deutlich macht, dass Teilnahme immer freiwillig ist, man zwischen parallelen Sessions wählen und sich auch mal in stille Räume zurückziehen kann.
Schließlich die Kohärenz. Denken und Handeln sollten übereinstimmen, ohne Widersprüche oder Ungereimtheiten. Bei Veranstaltungen sollte die angebotene Erlebnisreise mit dem Sinn und Zweck der Veranstaltung übereinstimmen. Um ein selbst erlebtes Gegenbeispiel zu nennen: Ein stark hierarchisch organisierter Konzern lud seine Führungskräfte zu einer großen Konferenz ein. Es sollte um Zukunftsvisionen und neue Strategien gehen. Man hatte gehört, dass Open Space ein innovatives Format dafür sei. Beim Open Space können alle Teilnehmenden Sessions anbieten, deren Ergebnisse dann im Plenum vergemeinschaftet werden. Es stellte sich jedoch heraus, dass die Konzernleitung an diesen Ergebnissen gar nicht interessiert war, sondern den Mitarbeitenden ihre Vision von oben nach unten vermitteln wollte. Dafür ist ein Open Space nicht geeignet. Die Teilnehmenden waren irritiert bis frustriert. Die Schlussfolgerung für eine kohärente Veranstaltungsdramaturgie lautet daher: Nicht das Mögliche tun, sondern das Stimmige.
Im Dilemma zwischen Zugehörigkeit und Unabhängigkeit
Eventdesign ist zwar keine akademische Disziplin. Einige wissenschaftliche Erkenntnisse sind jedoch äußerst nützlich für die Praxis. So helfen psychologische Grundkenntnisse beispielsweise dabei, sich in die Bedürfnisse der Teilnehmenden und in verschiedene Persönlichkeitstypen einzufühlen. Goethe lässt seinen Doktor Faust sagen: "Zwei Seelen, ach, wohnen, in meiner Brust." Dieser Satz wird so oft zitiert, weil er die innere Zerrissenheit und die Psyche des Menschen so treffend zum Ausdruck bringt. Ein Beispiel ist die Zerrissenheit zwischen dem Wunsch nach Zugehörigkeit und dem nach Unabhängigkeit. Mal sind wir als soziales Wesen unterwegs, das sich in der Gruppe am wohlsten fühlt, mal wollen wir uns autonom bewegen, unserer Neugier folgen, allein lernen und wachsen. Dieses Dilemma gilt als Universalie, das heißt, es tritt in allen Kulturen und zu allen Zeiten auf. Wenn jedoch beide psychologischen Grundbedürfnisse ins Extrem gesteigert werden, können sie Schattenseiten entwickeln. Auf der einen Seite können Gruppenzwang und Konformismus entstehen, auf der anderen Seite Einsamkeit und Abgrenzung.
In einem Dilemma gibt es kein Richtig oder Falsch. Bei der Gestaltung von Veranstaltungen können innere Widersprüche berücksichtigt werden, indem Formate und Räume für beide Grundbedürfnisse angeboten werden. Steffen Ronft, ein Pionier der Eventpsychologie, der ein fast tausendseitiges Standardwerk zu diesem Thema herausgegeben hat, weist auf Erkenntnisse der Persönlichkeitspsychologie hin: "Sie lehrt uns einerseits, was einzelne Menschen ausmacht, und andererseits, welche Bedürfnisse, Gefühle und Erwartungen sie haben. Aber auch, mit Mitteln der Sozialpsychologie: Wie interagieren Menschen, was macht das Gemeinschaftserleben aus? Das sind Forschungsergebnisse, die man nutzen kann."
Auch die Kognitionswissenschaften und die Hirnforschung liefern nützliches Wissen für das Eventdesign. So wissen wir beispielsweise immer besser, wie das menschliche Gehirn lernt. Wenn Menschen etwas Neues erfahren und dabei auch emotional berührt werden, können sie sich besser daran erinnern als bei rein rationaler und sachlicher Vermittlung von Informationen. Der Hirnforscher Gerald Hüther sagt: "Begeisterung ist Dünger fürs Gehirn." Außerdem ist bekannt, dass wir nach Inputs und Impulsen eine Phase zur Verarbeitung benötigen. Informationen müssen nicht nur konsumiert, sondern auch verdaut werden. Der Volksmund nennt das "es mal sacken lassen". Im Eventdesign können dafür Reflexionspausen eingebaut werden, beispielsweise durch das Aufschreiben nach der Journal-Technik, in Mini-Dialogen zu zweit oder in größeren Gruppen.
Resonanz lässt sich nicht herstellen
Aufschlussreich sind auch die Konzepte des Soziologen Hartmut Rosa zum Thema Resonanz. Damit meint Rosa eine Beziehung zur Welt, bei der einen etwas berührt - das kann eine Begegnung, ein Musikstück oder ein Bergpanorama sein - und innerlich eine emotionale Reaktion darauf auslöst. Wie man in der jeweiligen Situation reagiert, ist veränderlich und nicht kontrollierbar. Rosa nennt das "unverfügbar". Damit ist bereits das Kernproblem mit der Resonanz benannt: Man kann sie nicht herstellen. "Ein Musikstück kann mich heute zu Tränen rühren, ich fühle auf einer Erfahrungsebene wie nie zuvor - und am nächsten Tag lässt es mich völlig kalt. Das ist das erste Moment von Unverfügbarkeit. Das zweite ist, dass da, wo Resonanz in Gang kommt, man nicht mehr vorhersagen kann, was passiert. Was geschieht? Auf welche Gedanken kommen wir? Auf welche Ergebnisse einigen wir uns? Insofern heißt Unverfügbarkeit auch Ergebnisoffenheit." Resonanz entstehe oft nicht in den geplanten, sondern in unvorhergesehenen Momenten, etwa wenn bei einer Veranstaltung etwas schiefgeht und man improvisiert: "Genau da entsteht eine Form von Lebendigkeit, die zeigt: Die anderen sind auch nur Menschen und wir reagieren aufeinander."
Rosa schlägt jedoch nicht vor, gänzlich auf Planung zu verzichten und sich ausschließlich dem Spontanen und Unvorhersehbaren zu öffnen. "Es kommt immer auf die Balance an. Es ist wichtig, Bedingungen zu schaffen, um in einem geschützten Raum vertrauensvolle Gespräche zu ermöglichen und sich wirklich berühren zu lassen." Ein guter Anfang wäre es, Resonanz nicht zu verhindern. Absolute "Killer" bei Veranstaltungen sind beispielsweise Zeitdruck und Hektik, fehlender Blickkontakt zwischen den Teilnehmenden (in der Reihenbestuhlung) sowie eine Überflutung mit Informationen, die das Gehirn überwältigen, das Herz aber nicht berühren. Ein weiterer Punkt ist starker Konkurrenzdruck zwischen den Gästen. Und vor allem eine von - oft unbewusster - Angst geprägte Atmosphäre.
Förderliche Bedingungen, die Resonanz zumindest ermöglichen, sind
- Muße, um emotional auf Impulse reagieren zu können,
- Blickkontakt, denn laut Rosa sind die Augen eine der wichtigsten sogenannten Resonanzachsen,
- Spontaneität und positive Überraschungen,
- eine Inszenierung voller Schönheit
- und schließlich: psychologische Sicherheit.
Nur sinnstiftende Formate werden überleben
Wie erkennt man, ob eine Veranstaltung für die Teilnehmenden sinnstiftend war? Ein Anzeichen dafür ist, dass sie ein wenig anders herauskommen, als sie hineingegangen sind. Damit sind wir beim Aspekt der Transformation. Nicht jedes Event muss lebensverändernde Wirkungen zeitigen. Wenn die Teilnehmenden am Ende des Tages jedoch sagen: "Das ging bei mir da rein und da raus", dann zählt diese Veranstaltung wohl eher zu den sinnlosen. Aus meiner Sicht ist eine Veranstaltung dann nachhaltig, wenn nach dem Schlussgong etwas von ihr bleibt. Wenn etwas weiterlebt. Wenn etwas weiterwirkt. Zum Beispiel eine Inspiration für den privaten oder beruflichen Alltag. Ein Vorsatz, etwas zu ändern. Oder ein Kontakt zu einem neuen Menschen, zu dem eine echte Verbindung entstanden ist. Mit anderen Worten: Eine Veranstaltung ist dann transformativ und sinnstiftend, wenn sie positive Veränderungen bewirkt - bei den Veranstaltern, in den Köpfen und Herzen der Teilnehmenden sowie in der Gesellschaft. Was nicht wirkt, kann weg.
Aus der Sicht von Markus Hipp, der als Stiftungsmanager viele Events verantwortet, entsteht die stärkste Wirkung in einem stimmigen Dreiklang aus Intention, Location und Art of Hosting. Diese drei Elemente sollten von Anfang an zusammengedacht werden. Unternehmen und Organisationen sollten sich fragen, welche ihrer Live-Events wirklich notwendig und effektiv sind. Was würde fehlen, wenn sie nicht stattfänden? Man könnte beispielsweise darüber nachdenken, ob die Lern- und Motivationseffekte nicht größer wären, wenn man sich nur alle zwei oder drei Jahre für einen längeren und intensiveren Zeitraum treffen würde. Ein neues, wirkungsvolleres Konzept könnte darin bestehen, von punktuellen Events zu längeren Prozessen überzugehen. Die Präsenzveranstaltung wäre dabei der emotionale Höhepunkt, jedoch eingebettet in eine Reihe von Online-Treffen, wie beispielsweise regelmäßige Videokonferenzen zur Vor- und Nachbereitung.
Warum brauchen wir sinnstiftende Veranstaltungen? Eine empirische Studie der Donau-Universität Krems und der Universität Wien gelangt zu dem Fazit: In Zukunft werden nur sinnstiftende Formate überleben. Dementsprechend lautet der Titel der Studie "Von der Meeting Industry zur Meaning Industry". Sie basiert auf zahlreichen Tiefeninterviews mit Akteur:innen aus der Branche. Aus deren Sicht, so Prof. Lukas Zenk, "geht es in Zukunft vor allem um Sinnstiftung. Diese entsteht in den Köpfen und Herzen der Teilnehmenden. Veranstaltende sollten deshalb gut verstehen, was ihre Gäste tatsächlich benötigen, damit Sinn für sie entstehen kann."
In der Aufmerksamkeitsökonomie, in der wir leben, konkurrieren Events mit immer mehr medialen Kanälen, Plattformen, Formaten und Inhalten. Die 24 Stunden, die Menschen pro Tag zur Verfügung stehen, sind ein knappes Gut. Mehr geht nicht. Aus meiner Sicht ist die Botschaft der Studie durchweg positiv. Präsenzveranstaltungen werden ein wichtiges Element bleiben. Allerdings nur, wenn sie gegenüber Online-Formaten einen klaren Mehrwert bieten. Wenn sie wirksam sind, Resonanz ermöglichen, Lernen erleichtern, Selbstorganisation zulassen, transformativ wirken und in diesem Sinne nachhaltig sind. Kurz gesagt: Wenn sie als sinnvoll erlebt werden. Gerade weil es inzwischen zahlreiche Möglichkeiten gibt, Meetings und Konferenzen online zu organisieren, sind die Ansprüche an die Qualität von Präsenzveranstaltungen enorm gestiegen. Wenn Menschen Zeit und Geld aufwenden, um sich mit anderen zu treffen, dann erwarten sie einen hohen Sinngehalt.
Wozu? Zu Recht.
Bildstrecke
Die Fotos entstanden beim micelab:bodensee in Singen und Konstanz sowie bei der convention4u in Alpbach.
Zwischendurch den Körper zu aktivieren, macht ihn wieder lernbereit.
Im Fishbowl-Dialog sind alle Beiträge und Perspektiven willkommen.
Lego Serious Play als Visualisierungsmethode, zum Beispiel um Visionen zu "bauen".
Die entscheidenden Erkenntnisse werden oft in Kleingruppen gewonnen.
Die Initiative micelab:bodensee erforscht seit 15 Jahren innovative Veranstaltungsformen.
In Tetralogen geht es darum, offen zu sprechen und nicht-wertend zuzuhören.
© Fotos: Michael Gleich.
Zitate
"Die Begegnung mit anderen ist einer der wichtigsten Gründe, warum Menschen überhaupt an Präsenzveranstaltungen teilnehmen." Michael Gleich: Was nicht wirkt, kann weg
"Ein Dialog ist so etwas wie ein Tanz des Denkens." Bernhard Pörksen, zitiert in: Was nicht wirkt, kann weg von Michael Gleich
"Eine Veranstaltung ist dann transformativ und sinnstiftend, wenn sie positive Veränderungen bewirkt - bei den Veranstaltern, in den Köpfen und Herzen der Teilnehmenden sowie in der Gesellschaft." Michael Gleich: Was nicht wirkt, kann weg
"Präsenzveranstaltungen werden ein wichtiges Element bleiben. Wenn sie wirksam sind, Resonanz ermöglichen, Lernen erleichtern, Selbstorganisation zulassen, transformativ wirken und in diesem Sinne nachhaltig sind." Michael Gleich: Was nicht wirkt, kann weg
"Gerade weil es inzwischen zahlreiche Möglichkeiten gibt, Meetings und Konferenzen online zu organisieren, sind die Ansprüche an die Qualität von Präsenzveranstaltungen enorm gestiegen." Michael Gleich: Was nicht wirkt, kann weg
"Wenn Menschen Zeit und Geld aufwenden, um sich mit anderen zu treffen, dann erwarten sie einen hohen Sinngehalt." Michael Gleich: Was nicht wirkt, kann weg
"Die Schlussfolgerung für eine kohärente Veranstaltungsdramaturgie lautet: Nicht das Mögliche tun, sondern das Stimmige." Michael Gleich: Was nicht wirkt, kann weg
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Michael Gleich: Sinnstiftende Veranstaltungen. Mit kreativem Eventdesign begeistern, bewegen und erfolgreich werden. Verlag Springer Gabler, Berlin 2025, 159 Seiten, 49.99 Euro (D), ISBN 978-3-662716465
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Autor
Michael GleichMichael Gleich ist Journalist, Moderator und Soziologe und lebt in Berlin. Er hat das Netzwerk für lebendige Veranstaltungen "der kongress tanzt" initiiert sowie den Global Peacebuilders Summit. Zudem ist er Kurator des micelab:bodensee, seit 15 Jahren eine Initiative für wirkungsvolles Eventdesign, und Host des Podcasts "Grenzenloses Eventdesign". Er bezieht neue Erkenntnisse aus unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen ein, um Events wirkungsvoll zu gestalten. Die Schaffung von Resonanzräumen und von lebendigen Veranstaltungen sind ihm ein Herzensanliegen.



