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Provokation als Musterbruch

E. Noni Höfner und Charlotte Cordes über den Provokativen Ansatz

Provokation heißt Brüskierung, Herausforderung, Konfrontation. Und will meist verletzen. Aber es gibt auch eine andere Form des Provozierens: die Provokation als Augenöffner, als Anstoß zur Veränderung, als wohlmeinender Tritt in den Hintern. Um diese Provokation als Musterbruch geht es im Interview.

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E. Noni Höfner und Charlotte Cordes, Mutter und Tochter und beide promoviert, leiten gemeinsam das Deutsche Institut für Provokative Therapie (DIP) in München. Die Provokative Therapie wurde vom US-amerikanischen Psychotherapeuten Frank Farrelly (1931-2013) entwickelt. E. Noni Höfner und ihr Team haben dem Provokativen Ansatz im deutschsprachigen Raum zu einer weiten Verbreitung verholfen und wollen provokative Werkzeuge in unterschiedlichen Bereichen anwendbar machen. Ihr Buch Einführung in den Provokativen Ansatz ist im Carl-Auer Verlag erschienen.
 

Frau Höfner, Frau Cordes, worum geht es beim Provokativen Ansatz? 

Höfner: Beim Provokativen Ansatz geht es um eine Lebenshaltung. Es ist keine Technik, keine Masche, sondern eine Grundeinstellung dem Klienten gegenüber. Und die breitet sich auf das ganze Leben aus.
 

Was zeichnet diese Haltung aus? 

Höfner: Die Grundhaltung ist, dass man sich und seine eigenen Stolpersteine, seine fixen Ideen und Spinnereien - die wir ja alle haben, auch wenn wir meinen, davor gefeit zu sein - nicht so gnadenlos ernst nimmt. Sondern sich über sich selber amüsieren kann, wenn man irgendwo feststeckt. Das ist sehr heilsam, auch für das eigene Leben als Berater oder Therapeut. 

Cordes: Wir haben ein Kürzel dafür, das heißt: "LKW", das "Liebevolle Karikieren des Weltbildes" der Klienten. Wir steigen ein in ihr Weltbild, und zwar dort, wo die Klienten sich selbst ein Bein stellen. Die Klienten kommen mit einem Problem. Man merkt, sie stecken fest. Wir versuchen dann, sie so weit zu bringen, dass sie darüber lachen können. Wir karikieren also diese selbstschädigenden Verhaltensweisen und versuchen so, die Klienten zum Lachen zu bringen.
 

Dieser Glaube an das Potenzial zur Veränderung ist das Entscheidende? 

Höfner: Ich bin felsenfest überzeugt davon, dass jeder sich ändern kann, bis er oder sie ins Grab fährt. Wenn jemand feststeckt, dann ist ihm meist der Humor total abhandengekommen. Wenn es nun gelingt, dem Klienten die Absurdität seiner Einseitigkeit aufzuzeigen, und er beginnt, darüber zu lachen, dann kann er nicht mehr in derselben Weise einseitig reagieren. Es eröffnen sich Verhaltens-, Denk- und Gefühlsmöglichkeiten, die bisher nicht da oder verschüttet waren. 

Cordes: Die wichtigste Grundlage für provokative Interventionen ist das "L", das Liebevolle. Wir trauen jedem Klienten zu, dass er selbst wieder aus seiner Problemlage herauskommt. Wenn wir das nicht können, dann sollten wir nicht provokativ werden. Denn dann wird es zynisch, ironisch, vorführend, verletzend.
 

Sie trennen zwischen der verbalen und nonverbalen Ebene. Indem Sie nonverbal empathisch sind, können Sie verbal provokativ werden? 

Cordes: Ja, genau. Nonverbal sind wir zutrauend, wohlwollend und empathisch. Verbal machen wir das genaue Gegenteil. Wir sind unverschämt, wir sagen dem Klienten: Nein, du bist zu alt, zu jung oder zu blond oder zu doof oder zu klein oder zu dick, um dich noch zu ändern. Das tun wir, um Widerstand gegen die selbstschädigenden Verhaltensweisen zu provozieren. 

Höfner: Je radikaler man die eine Seite übertreibt, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass der Klient zu widersprechen beginnt. Wir schießen in den Busch und schauen, ob ein Hase herausspringt. Wir behaupten Dinge und sehen an der Reaktion, ob wir damit richtigliegen. Liegen wir richtig, machen wir weiter und übertreiben heftig. Das Übertreiben ist wichtig, weil der Klient sonst glauben könnte, wir meinen wirklich, was wir da sagen. So versuchen wir, herauszukitzeln, was die Klienten denken und fühlen und warum sie sich selbstschädigend verhalten. 

Cordes: Wir holen die finstersten Gedanken hervor, von denen wir glauben, dass der Klient sie über sich selber denkt oder schon einmal gedacht haben könnte.
 

Sie provozieren so lange, bis sich beim Klienten Widerspruch regt und er in der Lage ist, das Positive zu identifizieren? 

Cordes: Wir werden pauschal und global, um den Klienten dazu zu bringen, zu differenzieren und nicht nur eine Seite - die negative - zu sehen. Wenn wir als Berater versuchen, zu differenzieren, dann werden die Klienten immer pauschaler und negativer, weil sie denken, wir hätten sie noch nicht richtig verstanden. Aber wenn wir es umdrehen und das Gegenteil von dem sagen, was wir denken, wenn wir den Klienten also mehr recht geben, als ihnen lieb ist, und dabei noch globaler werden als die Klienten, dann fangen sie an, zu sortieren. Dann lachen sie, dann grübeln sie, dann sind sie manchmal kurz in Trance, also irgendwo in ihren inneren Suchvorgängen, und wenn sie aus denen wieder auftauchen, sind sie viel stärker emotional beteiligt, als wenn wir ihnen wie einem lahmen Gaul gut zureden würden.
 

Höfner: Der Widerstand des Klienten gegen die weisen Einsichten des Therapeuten gilt in allen Therapieformen als Problem. Wir versuchen, gezielt Widerstand hervorzurufen - aber nicht gegen den Therapeuten, Berater oder Coach, sondern gegen die eigenen Selbstschädigungen und Stolpersteine.
 

Und Angst zu verletzen haben Sie nicht? 

Cordes: Nein. Wenn das "L" stimmt, wenn man diese nonverbal wohlwollende Haltung einnimmt, dann passiert das nicht. 

Höfner: Es ist nicht verletzend, wenn ich diese liebevolle Grundhaltung habe. Deswegen muss ich mich ständig immer wieder selbst kontrollieren: Mag ich den Klienten noch und traue ich ihm etwas zu? Den meisten Coaches ist gar nicht bewusst, wie sehr sie dem Klienten gegenüber eine Schonhaltung einnehmen. Doch wenn wir den Klienten nichts zutrauen, werden sie immer ängstlicher. Trauen wir ihnen aber etwas zu, dann weckt das schlummernde Kräfte. Dass diese Kräfte vorhanden sind, ist die Grundüberzeugung beim Provokativen.
 

Gibt es Probleme, für die sich das Provokative nicht eignet? 

Cordes: An den Problemen liegt es nicht. Es liegt allein beim Anwender, beim Coach oder Therapeuten, ob man es machen kann oder nicht. Wenn ich Angst habe, den Klienten zu verletzen, dann bin ich zu vorsichtig. Wenn ich das gleiche Problem habe wie mein Gegenüber, dann wird mir nichts einfallen, weil ich an derselben Stelle feststecke und nicht relativieren kann. Wenn das Thema zu weit weg ist, ich also überhaupt nicht verstehe, wovon dieser Klient spricht, dann geht es auch nicht, weil ich dann in sein Weltbild nicht einsteigen kann. Und wenn das "L" fehlt, also das Liebevolle, Wohlwollende, dann funktioniert es auch nicht, weil der Klient die Austernschale zumacht. Das sind die einzigen vier Kontraindikationen, bei denen es nicht funktioniert. 

Höfner: … und ich kann nur noch mal betonen: Sie liegen alle im Anwender, nicht im Problem. Es gibt kein Problem, das man nicht provokativ angehen kann, solange die eben aufgeführten Kontraindikationen nicht zutreffen.
 

Lässt sich der Provokative Ansatz über die Therapie hinaus in anderen Kontexten anwenden, in Meetings, in Arbeitssituationen, für die Veränderung von Organisationen? 

Cordes: Durchaus. Aber es sollte in jedem Fall zielfrei sein. Wenn ein Chef möchte, dass sein Mitarbeiter anders wird, dann funktioniert der Provokative Ansatz nicht, denn der Mitarbeiter durchschaut sehr schnell, was der Chef da macht, und wehrt sich gegen die Manipulation. Die Haltung muss sein: Ich will ihn oder sie befähigen, aus einer Sackgasse zu kommen - was er oder sie damit macht, ob er oder sie sich befreit oder lieber in der Sackgasse bleibt, ist seine oder ihre Entscheidung. 

Höfner: Leider verstehen manche das Provokative nur als Konfrontation, als aggressives Rangehen. Das ist es überhaupt nicht.
 

Konfrontativ, das ist das herkömmliche Verständnis von Provokation: Brüskierung, Herausforderung, Reizung. 

Höfner: Ja. Uns ist ganz, ganz wichtig, dass bei uns Provokation nicht Aggression bedeutet, sondern eine Herausforderung, sich weiterzuentwickeln. Und zwar auf die wertschätzendste Weise, die vorstellbar ist! Wir trauen den Klienten viel zu. Sie haben viel mehr Ressourcen, als sie selbst wissen. Und daran glauben wir und versuchen, sie wieder dorthin zu führen. Für Führungskräfte ist aber die Versuchung groß, ihre Mitarbeiter durch Provokationen zu manipulieren. 

Cordes: Wir sagen immer: Wenn ihr ein Ziel habt, zu dem ihr den Mitarbeiter hin entwickeln wollt, dann funktioniert es nicht. Ihr könnt niemand anderen ändern, wenn der nicht will. Ihr könnt nur an eurer eigenen Haltung arbeiten.
 

Das Wichtigste ganz kurz? 

Höfner: Der Provokative Ansatz konfrontiert den Klienten auf humorvolle und wertschätzende Weise mit seinen selbst gemachten Stolpersteinen, er ist ziel- und lösungsorientiert, wobei Ziel und Lösung und nicht vorgegeben werden und ausschließlich Sache des Klienten sind. Der Provokative Ansatz ist ein Musterbruch. Nicht nur für den Klienten, sondern auch für den Therapeuten, Coach, Mediator, für die Führungskraft, für den Lehrer. Alle sind gezwungen, über den Tellerrand zu gucken. 

Das Interview ist eine Kurzfassung eines ausführlichen Gesprächs, das im Magazin erschienen ist. Das Gespräch haben wir per Zoom-Videokonferenz geführt. 


Zitate


"Wenn wir den Klienten nichts zutrauen, werden sie immer ängstlicher. Trauen wir ihnen aber etwas zu, dann weckt das schlummernde Kräfte." E. Noni Höfner, Charlotte Cordes: Provokation als Musterbruch

"Es gibt kein Problem, das man nicht provokativ angehen kann." E. Noni Höfner, Charlotte Cordes: Provokation als Musterbruch

"Wir trauen den Klienten viel zu. Sie haben viel mehr Ressourcen, als sie selbst wissen." E. Noni Höfner, Charlotte Cordes: Provokation als Musterbruch

"Eine gute Provokation ist eine, bei der der Klient in seinen Stolpersteinen und seinen fixen Ideen erschüttert wird." E. Noni Höfner, Charlotte Cordes: Provokation als Musterbruch

 

changeX 02.04.2019. Alle Rechte vorbehalten, all rights reserved.

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Carl-Auer Verlag

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Zum Buch

: Einführung in den Provokativen Ansatz. Carl-Auer Verlag, Heidelberg 2019, 126 Seiten, 14.95 Euro (D), ISBN 978-3-8497-0246-5

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