Stadt für alle

Zukunft der Stadt - Buchkolumne der Robert-Jungk-Bibliothek für Zukunftsfragen
Sammelrezension: Hans Holzinger

Heute bereits lebt weit über die Hälfte der Menschen in Städten. In Städten, die vor allem für Autos optimiert wurden. Umso dringlicher stellt sich heute die Frage nach der Zukunft der Stadt. Das bedeutet, Stadt grundlegend neu zu denken. Als Ort der Vielfalt, der Unterschiedlichkeit, der Dichte, der Begegnung. Als Stadt für alle, die allen die Möglichkeit der Teilhabe bietet. Partizipation und Teilhabe bilden das verbindende Motiv der hier vorgestellten Bücher zum Thema. Eine Buchumschau.

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Heute bereits lebt weit über die Hälfte der Menschen in Städten, 75 Prozent sind es in Deutschland, und es werden immer mehr. "Es ist deshalb höchste Zeit, dass wir Stadt grundlegend neu denken", schreiben Friedrich von Borries und Benjamin Kasten in ihrem Buch Stadt der Zukunft. Ihnen geht es darum, den überkommenen Quellcode von Stadt zu überwinden. Ihr Buch war eines der inspirierendsten Zukunftsbücher des vergangenen Jahres. Für die Robert-Jungk-Bibliothek für Zukunftsfragen war es Anlass, einige Titel zum Thema Zukunft der Stadt anzusehen. 

Das Leitthema ist im Buch von von Borries und Kasten bereits angelegt: Sie denken die Stadt als "Globalopolis", als "eine weltumspannende, vernetzte und hochverdichtete, in sich aber vielfältige, also pluriversale Siedlungsstruktur". "Polis" besagt dabei, dass diese Siedlungsstruktur zugleich "die politische Organisationseinheit sein soll": die Stadt als demokratische Institution. Partizipation und Teilhabe sind dann auch das Leitmotiv der Publikationen, die sich Hans Holzinger von der JBZ angesehen hat. Ein Ratgeber über Downsizing rundet die Buchauswahl ab. Es geht dabei nicht zuletzt um Räume, die man nicht hat, und Häuser, die gar nicht erst gebaut werden.


Stadt der Zukunft - Zukunft der Stadt


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Was Stadt interessant macht, ist ihre Dichte, "das Nebeneinander von Unterschiedlichem, Vielfalt und Heterogenität", so Friedrich von Borries, Architekt und Professor für Designtheorie in Hamburg, und sein Kollege, der Stadtplaner Benjamin Kasten, in ihrem faszinierenden Buch Stadt der Zukunft. Denn: "Dichte forciert unerwartete Begegnungen, ohne Konfrontation mit Fremdem und Unbekanntem entsteht nichts Neues." Untergliedert in die Handlungsfelder Infrastruktur, Mobilität, Ökosystem, Ressourcen, Arbeit, Wohnen, Eigentum, Sicherheit, Partizipation, Ästhetik und eben Dichte entwerfen die beiden Autoren das Bild einer Stadt, die offen, nie fertig und von hoher Lebensqualität für die Menschen ist, aber auch Platz hat für Tiere und Pflanzen. Sie skizzieren eine Urbanität, die mit bisherigen Vorstellungen von Stadt und deren Inwertsetzung bricht, dabei aber immer an bereits bestehende Praxisbeispiele anknüpft. 

Exemplarisch seien einige Facetten der Stadt der Zukunft genannt: Diese löst sich vom motorisierten Individualverkehr, "weil die autogerechte Stadt die Menschen krank macht", die Straße der Gegenwart wird rückgebaut und zum "Experimentierraum der Zukunft", "die Stadt der Zukunft lernt schwimmen", sie erschließt sich ihre Flüsse und Bäche, sie wird zur Schwammstadt, die sich durch Grünflächen gegen Hochwasser und Starkregen schützt, sie wird zu einem Ökosystem geschlossener Kreisläufe, in denen Nahrungsmittel auf Dachfarmen oder unterirdischen Pilzzuchtanlagen erzeugt, Dinge in Werkstätten wieder repariert und Rohstoffe in entsprechenden Anlagen recycelt werden. Selbstverständlich wird auch Energie selbst erzeugt: "Wind- und Solaranlagen auf den Dächern und an den Fassaden werden in Zukunft so normal sein wie heute Tiefgaragen." In der ökologischen Stadt findet, so die Autoren, eine neue Reindustrialisierung statt: Rapid Prototyping, Urban Farming, Handwerk, lokale Recycling- und Reparaturökonomie eröffnen neue Geschäftsfelder. Coworking Spaces werden ebenso an Bedeutung gewinnen wie Ansätze des Co-Livings. Mit der Arbeit würden sich die Infrastrukturen verändern, kürzere Arbeitszeiten mehr Engagement ermöglichen, was entsprechende öffentliche Räume erfordere, zugleich aber die Partizipation stärke. Die Autoren prognostizieren sich verändernde Wohnbedürfnisse, sie sprechen von einer "post-bürgerlichen Wohnkultur", die auf Repräsentation verzichtet und mit weniger Fläche auskommt. Experimente gemeinschaftlichen und flexibilisierten Wohnens mit Mikroappartements und Gemeinschaftsküchen würden zunehmen. 

Die dargelegten Ideen mögen manchmal utopisch erscheinen. In der Tat gehen die Autoren von der Überwindung des gegenwärtigen Konsumkapitalismus wie der autofixierten Mobilität aus. Sie sehen vielmehr immaterielle Werte wie Selbstverwirklichung und neue Gemeinschaftsbedürfnisse als zukunftsbildend. Und dennoch verkennen sie die Wirklichkeit nicht, etwa die steigenden Wohnkosten oder die globale Polarisierung. Der "Stadt als Geschäftsmodell" kapitalistischer Profitinteressen stellen sie daher eine radikale Abkehr von bisherigen Eigentumsvorstellungen entgegen. Wir müssten uns von der Vorstellung verabschieden, "Grund und Boden könnten jemandem gehören". Stiftungs- und Genossenschaftsmodelle werden als Beispiele für neue Besitzformen der Zukunft genannt. Kritisch sehen die beiden auch die zunehmende "Versicherheitlichung des öffentlichen Raums" durch immer mehr Überwachungskameras, vielmehr sehen sie für lokale Netzwerke und gemeinschaftlich genutzte öffentliche Räume, in denen "soziales Miteinander gelebt wird und wo sich gegenseitig unterstützende Gemeinschaften entstehen können" als wirksamere Sicherheitsmaßnahme. 

In einem kurzen Kapitel "Offene Punkte" benennen die Autoren von ihnen ausgesparte, "blinde Flecken", insbesondere die Gefahr einer Verschärfung der "globalen Klassengesellschaft" mit wachsenden Zäunen und Mauern sowie die fortschreitende Kapitalisierung von öffentlichem Raum, wenn Städte "wie Unternehmen geführt werden". Hier hoffen von Borries und Kasten auf politisch wache und engagierte Stadtbürger und -bürgerinnen, die dem entschieden entgegentreten. 

Dass eine andere Stadt möglich ist, zeigen die knapp 50 im Anhang beschriebenen, bereits existierenden Neuansätze von engagierten Gruppen, Stadtplanern oder Architekten aus aller Welt. Dass diese neuen Ansätze nicht auf die reichen Metropolen des Nordens beschränkt sind, machen auch den Band ergänzende Interviews mit Architekturkollegen aus China und Afrika sowie mit einer Designerin aus Lateinamerika deutlich. 

Von Borries und Kasten sprechen bewusst von einer "Globalopolis", weil sie davon ausgehen, dass eine Transformation der Städte in Nord und Süd der entscheidende Hebel für einen Übergang zu nachhaltigen Zivilisationen sein wird. Ein Befund, dem zuzustimmen ist, wenn es gelingt, die destruktiven Potenziale des Wachstumskapitalismus zu überwinden. Das Buch bietet in erfrischender Weise eine Vielzahl an Anregungen und Beispielen, wie Städte wieder zu einem öffentlichen Raum und zum Motor einer Nachhaltigkeitswende werden können.


Wie gebaute Stadt und gelebte Stadt wieder zueinanderfinden können


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"Die gebaute Umwelt ist eine Sache; wie die Menschen wohnen, eine andere", schreibt Richard Sennett in seiner umfangreichen Abhandlung über die Soziologie der Stadt. Die offene Stadt ist nach Zusammenarbeit (2012) und Handwerk (2008) der dritte Teil von Sennetts Homo-Faber-Trilogie. Das Buch gibt einen Überblick über die unterschiedlichen Sichtweisen auf die Stadt - die Stadt als Ort pulsierenden Lebens und gesellschaftlicher Veränderung bis hin zur Stadt als Quelle der Überforderung des Menschen in der Dichte und Gedrängtheit des Zusammenlebenmüssens. Die Abhandlung zeigt auch die unterschiedlichen Ansätze der Stadtplanung - vom Versuch, die Stadt am Reißbrett zu entwickeln, bis hin zur Stadt als etwas, das organisch wächst und wachsen muss. Verfassern der Charta von Athen wie Le Corbusier, einem führenden Architekten der 1930er-Jahre, oder Victor Gruen, dem Vater des Einkaufszentrums, die von der durchgeplanten Stadt träumten, stellt der Autor Stimmen wie Jane Jacobs oder Luis Mumford gegenüber, bei denen "die gelebte Komplexität der Stadt Eingang in deren gebaute Form fand". 

Sennett stellt sich auf die Seite derjenigen, die Stadt als lebenden Organismus begreifen, als etwas Wachsendes und sich ständig Veränderndes. Er spricht daher von der "offenen Stadt" und folgt der Unterscheidung zwischen der "ville", der gebauten Stadt, und der "cité" zur Kennzeichnung der Lebensweise, "der Haltung der Bewohner gegenüber Nachbarn und Fremden und der Bindung an einen Ort". Sennett weiß, dass die Idee des organischen Wachsens von Städten auf die heutigen Megacities in den Ländern des Südens nicht mehr zutrifft. Der Zustrom neuer Bewohnerïnnen in Städten wie Mexiko-Stadt, São Paulo, Lagos, Schanghai und Delhi gleiche mehr einer "Springflut", bedingt durch starkes Bevölkerungswachstum sowie eine Verschlechterung der Lebensbedingungen auf dem Land etwa durch Landraub. 65 Prozent der indischen Stadtbewohner in den jüngeren Generationen seien "unfreiwillige Zuwanderer". Von den Megacities zu unterscheiden seien, so Sennett, die "Global Cities" - ein Begriff, den die Soziologin und Wirtschaftswissenschaftlerin Saskia Sassen geprägt hat. "Sie repräsentieren ein internationales Netzwerk des Geldes und der Macht, das sich nur schwer lokalisieren lässt." 

Im zweiten Teil des Buches greift Sennett viele Facetten der Stadt auf und schwirrt assoziativ in der Welt und den Disziplinen herum - das reicht vom Versuch chinesischer Stadtplaner, neue bewohnbare Orte für Millionen von Menschen zu schaffen, über die Flucht Martin Heideggers aus der Stadt, die zugleich eine Flucht des "Nazi-Direktors der Universität Freiburg" vor politischer Verantwortung gewesen sei, bis hin zum Googleplex in New York als neuem Getto digitaler Hipsters. "Das Googleplex befindet sich in der Stadt, gehört jedoch nicht dazu", postuliert Sennett. All diese Beispiele sollen zeigen, "wie die Stadt zu einer Verarmung der menschlichen Erfahrung führen kann". 

Im dritten Teil des Buches zeigt der Autor dann Beispiele, wie gebaute Stadt und gelebte Stadt wieder zueinanderfinden können. Etwa durch Aufwertung benachteiligter Stadtteile, wie die Parque Biblioteca España in Medellin, ein moderner Bau, der mitten in einem Slum errichtet wurde. Oder die multifunktionale Durchmischung in öffentlichen Räumen, in denen synchron Unterschiedliches stattfindet. Oder die bewusste Gestaltung von Plätzen und Straßen mit Grünflächen und Sitzmöglichkeiten. Anders als der Soziologe und Philosoph Georg Simmel, der die Stadt als anonymisierenden Moloch sah, setzt Sennett darauf, dass in der Stadt Sozialität und Zusammenarbeit gedeihen können, wenn den Menschen Möglichkeiten dazu eröffnet werden. Dies müsse auch in Planungsprozessen durch Einbau partizipativer Verfahren berücksichtigt werden - im Sinne von "Koproduktion" von Stadt. So entstünden "durch Bauen und Herstellen geschaffene Bande". 

Im vierten Teil über eine "Ethik für die Stadt" geht Sennett schließlich auf Herausforderungen an das Leben in der Stadt durch Umweltverschmutzung und Klimaveränderungen ein. Vielfalt statt Homogenität sei auch hier von Vorteil, denn eine offene Stadt lasse "sich leichter reparieren als eine geschlossene". Sennett spricht viele Facetten von Stadt an. Wer sich auf die Erzählungen des Autors, der selbst als Soziologe in der Stadtplanung tätig war, einlässt, wird dieses Buch mit Gewinn lesen, sollte aber keine konkreten Handlungsanleitungen erwarten.


Vom guten Leben in der Kleinstadt


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Klaus Burmeister und Ben Rodenhäuser von forsightlab haben im Auftrag des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung urbane Kleinstädte in Deutschland untersucht und kommen zu interessanten Ergebnissen. Gibt es Urbanität abseits der Großstadt? Das ist die Frage, der die Studie Urbane Kleinstädte nachgeht. Am Anfang steht die Frage, ob Urbanität und Kleinstadt nicht einen Widerspruch darstellen. Denn "Urbanität wird, meist implizit, zum Teil auch explizit, ausschließlich als Urbanität der Großstadt diskutiert". Deshalb spüren die Autoren der besonderen Qualität von Kleinstädten nach: den Vorstellungen von "gutem Leben in der Kleinstadt". Städte in peripheren Lagen weisen nicht nur Probleme auf, wie Bevölkerungsschrumpfung oder Ausdünnung der Infrastrukturen, sondern auch Vorzüge. So sehen die Befragten das langsamere Tempo, die größere Nähe zu Erholungsflächen, das höhere Sicherheitsgefühl und eine höhere Lebensqualität durch kürzere Wege als Vorteil gegenüber der Großstadt. Demgemäß argumentieren Burmeister und Rodenhäuser, "dass nicht Arbeitsplätze alleine, sondern das ‚gute Leben in der Stadt‘ in einem weiteren Sinn in den Fokus rücken sollten, wenn es um die Zukunftspotenziale von Kleinstädten geht". 

Auch ein stärkeres Mitwirken von Bürgern und Bürgerinnen an der Gestaltung der Stadt sowie das größere Potenzial des Bewirkenkönnens werden als Vorzüge genannt. Es ist die These der Autoren, dass das gute Leben in der Kleinstadt stärker durch das Mitwirken der Bürgerinnen und Bürger geprägt ist, als dies in der Großstadt der Fall ist. "Damit tragen sie zur Attraktivität ihrer Städte bei und leisten einen Beitrag bei der Bewältigung der Herausforderungen, denen Kleinstädte gegenüberstehen." Kleinstädte könnten in diesem Sinne als Lern- und Experimentierräume für Transformationsprozesse gesehen werden, so die Autoren. Ihre Schlussfolgerung lautet, dass den Bürgern Werkzeuge an die Hand gegeben werden sollten, die sie bei dieser Transformation unterstützen: "Es gilt also, Lern- und Experimentierräume für bürgerschaftliches Handeln zu schaffen, aus denen kleinstädtische Urbanität entstehen kann."



Topografien des Möglichen


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Die Kulturanthropologin Laila Lucie Huber hat am Beispiel von Salzburg erforscht, wie Kreativität und Teilhabe in der Stadt, so der Titel des Buchs, entstehen und gefördert werden können. Die Autorin startet mit theoretischen Bezugspunkten wie "Kreativität als soziale Kraft", "Ökonomisierung von Kreativität im zeitgenössischen Kapitalismus" oder dem "Verhältnis von Kunst und Politik". Sie gibt in der Folge einen Überblick über die "Stadt als Forschungsgegenstand in Ethnologie und Soziologie", um dann spezifisch auf die Stadt Salzburg im Kontext von Kultur beziehungsweise Alternativkultur einzugehen. In Interviews mit Akteurïnnen der Szene werden Fragen der autonomen Raumaneignung durch junge Kunstinitiativen, Kunstaktivitäten in Stadtteilen sowie Initiativen für handwerklich-materielles Tätigsein behandelt. In ihrer Abschlussbemerkung spricht Huber von "Topografien des Möglichen" durch die Selbstorganisation kultureller und politischer Initiativen, "die ihre Wünsche, Vorstellungen und Träume durch ihre jeweiligen Praxen in die Realität umsetzen". Das Werk beleuchtet die Bedeutung kreativer Milieus für eine Stadt, die unterschiedlichen Formen der Raumaneignung durch Gruppen und gibt einen guten Überblick über den Forschungsstand zum Thema Kultur und Stadt. 

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Mit "Urban Citizenship" wird die Teilhabe aller Menschen bezeichnet, dort wo sie leben. Gemeint ist damit politische Partizipation ebenso wie die soziale Teilhabe. Der von Heidrun Aigner und Sarah Kumning herausgegebene Band Stadt für alle! liefert theoretische Begründungen und Praxisbeispiele dafür, wie Städte zu Akteuren politischer Veränderung und sozialer Inklusion werden können. "Während das herkömmliche Citizenship-Verständnis stark auf den Nationalstaat ausgerichtet ist, geht es in aktuellen Debatten um Urban Citizenship darum, neue Visionen zu entwickeln, in denen Zugehörigkeit und soziale Inklusion auf anderen Kriterien als der Nationalität und dem Aufenthaltsstatus beruhen", so Sarah Schilliger, eine der Autorinnen. Katharina Morawek ergänzt, dass "Stadtbürgerïnnenschaft die Anpassung politischer Instrumentarien an die vielfältige Normalität moderner (Groß-)Städte" bedeutet. Als praktisches Beispiel hierfür gelten "Sanctuary Cities", die sich weigern, an der nationalen Abschiebungspolitik mitzuwirken. Die Beiträge des Bandes beleuchten unterschiedliche Facetten über die Ausgrenzung von Personengruppen, wie den Sans Papiers, den Notreisenden ohne Papiere, oder von Sexarbeiterïnnen, und wie dieser entgegengewirkt werden kann. 

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Angela Firmhofer hat sich in ihrer kulturwissenschaftlichen Dissertation auf Pionierïnnen des Wandels in drei Städten, die sich der Nachhaltigkeit verschrieben haben, eingelassen: München, Barcelona und Kopenhagen. Porträtiert werden "Transition Town"-Initiativen in den drei Städten sowie Bildungs- und Partizipationsprojekte. Untersucht werden unter anderem die Themenfelder Kreislaufwirtschaft, Bildung für nachhaltige Entwicklung und Urban Gardening. In qualitativen Interviews hat die Autorin Beweggründe, Konzepte und Erfahrungen der Akteurïnnen in deren Engagement erfragt und Herausforderungen für die Städte identifiziert. Sie folgt dabei einem Ansatz, der Stadt als Experimentierraum begreift: "Jede Stadt stellt einen eigenen Kontext dar beziehungsweise her. Da sich dieser stetig verändert, können Städte als ‚Living Labs‘, also als lebendige Laboratorien, in denen geforscht wird, bezeichnet werden." Wertvoll sind zudem die theoretischen Ausführungen, zu Sozial- und Stadtentwicklung, etwa Pierre Bourdieus Kapitalsorten, sowie die Reflexion der Interviews im Schlussteil. Dabei skizziert Firmhofer auch Lernpotenziale aus den drei Städten, die auf andere Projekte übertragen werden können. Eine umfangreiche und anspruchsvolle Abhandlung.


Mit weniger Fläche auskommen


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Um das Thema Größe respektive Downsizing geht es im letzten Titel dieser Buchumschau. In seiner Streitschrift Verbietet das Bauen hat der Architekturjournalist Daniel Fuhrhop vehement dafür plädiert, die bereits gebaute Stadt intelligent zu nutzen. In Willkommensstadt hat er gezeigt, wie Flüchtlinge mit etwas Kreativität in bestehende Wohnstrukturen integriert werden können, indem leer stehende oder nur teilgenutzte Gebäude als Quartiere genutzt werden. In seinem Ratgeber Einfach anders Wohnen zeigt er nun 66 Raumwunder für ein entspanntes Zuhause, lebendige Nachbarschaft und grüne Städte, so der Untertitel. Diese 66 Raumwunder "reichen von der Schublade bis zum Stadtviertel und das Persönliche wird so zum Politischen: Platz sparen rettet Freiräume in den Städten und schont die Umwelt." 

Der reich bebilderte Band gibt Tipps zum Entrümpeln, um so Platz zu schaffen, schildert Beispiele der Tinyhouse-Bewegung sowie von Kompaktmöbeln, die Wohnen auf kleinem Raum ermöglichen, informiert über gemeinschaftliche Wohnformen vom Mehrgenerationen-Haus bis zu Co-Living und zeigt einmal mehr Ansätze, wie etwa durch Wohnungstausch oder "Wohnen für Hilfe" Geld und Stadtraum gespart werden kann. Fuhrhop fragt: "Haben Sie schon mal darüber nachgedacht, mit weniger Fläche auszukommen?" Und erläutert: "Räume, die man nicht hat, muss man nicht heizen! Am meisten Energie sparen Häuser, die gar nicht erst gebaut werden." Das Motto des Buchs zielt dann auch auf die persönliche Lebenspraxis: "Anders wohnen kann Ihr Leben verändern." Fuhrhop will nicht mehr und nicht weniger als "den Weg zu mehr Wohnglück" ebnen. Ein Thema auch für die Stadt. 


Zitate


"Wir stellen uns die Stadt der Zukunft als Globalopolis vor, als eine weltumspannende, vernetzte und hochverdichtete, in sich aber vielfältige, also pluriversale Siedlungsstruktur." Friedrich von Borries, Benjamin Kasten: Stadt der Zukunft

"Viele Straßen wurden zu linearen Parks umgebaut. In den Autobahnunterführungen befinden sich unterirdische Farmen. Dort werden Pilze, Algen, Gemüsesprossen und Insekten gezüchtet. Berlin ist eine grüne Stadt." Imagination vom "Berlin 2070" in Friedrich von Borries, Benjamin Kasten: Stadt der Zukunft

"Urbanität wird, meist implizit, zum Teil auch explizit, ausschließlich als Urbanität der Großstadt diskutiert." Klaus Burmeister, Ben Rodenhäuser: Urbane Kleinstädte

"Räume, die man nicht hat, muss man nicht heizen! Am meisten Energie sparen Häuser, die gar nicht erst gebaut werden." Daniel Fuhrhop: Einfach anders wohnen

"Stadt steht für Freiheit, Wohlstand, Wachstum und ist der Ursprungsort von Demokratie. Deshalb ist die Stadt Anziehungspunkt für viele Menschen. Zur Stadt gehören aber auch Kolonialisierung, Naturzerstörung und Ausbeutung. Die Stadt der Zukunft muss dieses Erbe überwinden, um Motor einer zukunftsfähigen Gesellschaft zu sein." Friedrich von Borries, Benjamin Kasten: Stadt der Zukunft

 

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Quellenangaben

Zu den Büchern

: Stadt der Zukunft. Wege in die Globalopolis. Fischer Taschenbuch, Frankfurt am Main 2019, 208 Seiten, 13 Euro (D), ISBN 978-3-596-70432-3

Stadt der Zukunft

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Osiander

: Die offene Stadt. Eine Ethik des Bauens und Wohnens. Hanser Verlag Berlin, Berlin 2018, 400 Seiten, 32 Euro (D), ISBN 978-3-446-25859-4

Die offene Stadt

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Osiander

: Urbane Kleinstädte. Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung, Bonn 2018, 59 Seiten, kostenlos als Download

Urbane Kleinstädte

: Kreativität und Teilhabe in der Stadt. Initiativen zwischen Kunst und Politik in Salzburg. transcript Verlag, Bielefeld 2018, 426 Seiten, 39.99 Euro (D), ISBN 978-3-8376-3664-2

Kreativität und Teilhabe in der Stadt

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Osiander

: Stadt für alle!. Analysen und Aneignungen. Mandelbaum Verlag, Wien 2018, 248 Seiten, 17 Euro (D), ISBN 978385476-675-9

Stadt für alle!

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: Pioniere des Wandels und städtische Kulturen der Nachhaltigkeit. Beispiele für zivilgesellschaftliche Transformation in München, Barcelona und Kopenhagen. oekom Verlag, München und Zürich 2019 2020, 354 Seiten, 34.95 Euro (D), ISBN 978-3-962380366

Pioniere des Wandels und städtische Kulturen der Nachhaltigkeit

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: Einfach anders wohnen. 66 Raumwunder für ein entspanntes Zuhause, lebendige Nachbarschaft und grüne Städte. oekom Verlag, München 2019, 122 Seiten, 14 Euro (D), ISBN 978-3-962380168

Einfach anders wohnen

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Autor

Hans Holzinger
Holzinger

Hans Holzinger ist Mitarbeiter der Robert-Jungk-Bibliothek für Zukunftsfragen in Salzburg. Die Robert-Jungk-Bibliothek für Zukunftsfragen (JBZ) versteht sich als Einrichtung einer kritischen und kreativen Zukunftsforschung. Nach der Stiftungserklärung Robert Jungks ist es ihr Auftrag, "mögliche, wahrscheinliche, gewünschte oder unerwünschte Zukünfte" in den Blick zu nehmen und der interessierten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Engagiert in den Bereichen Bildung, Wissenschaft und Kultur und dabei regional, national und international aktiv, sind Zukunftsorientierung, Interdisziplinarität und Unabhängigkeit im Sinne der Prinzipien Robert Jungks für sie von zentraler Bedeutung. Die JBZ publiziert das vierteljährlich erscheinende Magazin proZukunft, das sich als Radar für zukunftsrelevante Publikationen versteht, und organisiert Veranstaltungen und Tagungen.

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