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Anpassung als neue Leitidee

Die pro zukunft-Buchkolumne 3 | 2023
Von Carmen Bayer, Clara Buchhorn, Hans Holzinger, Jean-Marie Krier, Winfried Kretschmer

Wird die Eidechse, die gelernt hat, sich besser am Untergrund festzuklammern, um den stärker gewordenen Wüstenstürmen zu widerstehen, zum Sinnbild für den Umgang mit der Klimakrise? Offensichtlich rückt die Anpassung an das Unvermeidliche zunehmend in den Mittelpunkt des Diskurses. Anpassung an das, was nicht mehr aufzuhalten ist: den Klimawandel. Klimawandelanpassung ist die Maxime der Zeit. Im Gefolge dieser Veränderung im Diskurs verallgemeinert sich Anpassung - positiv verstanden - vielleicht zu einer neuen Leitidee für die nächste Gesellschaft.

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Die aktuelle pro Zukunft-Buchkolumne bündelt Buchbesprechungen, die von Anpassung handeln. Anpassung zieht sich wie ein roter Faden durch die aktuelle Ausgabe und berührt unterschiedliche Themen aus diversen Wissensbereichen. Zunächst stehen Sachthemen im Blickpunkt, dann deren kulturelle und gesellschaftliche Bedeutung. Eine Zusammenfassung für den schnellen Überblick. 

Thor Hanson beschreibt in seinem Buch Von schrumpfenden Tintenfischen und windfesten Eidechsen, wie sich die Tier- und Pflanzenwelt an eine sich stetig erwärmende Umwelt anpasst. Kira Vinke berichtet in Sturmnomaden von Menschen, die bereits heute existenziell von den Folgen des Klimawandels betroffen sind, und denen angesichts von, Dürre, Hitze, Hunger oder Flut oftmals nur Flucht und Migration als Ausweg bleibt. Das Buch Klima außer Kontrolle von Susanne Götze und Annika Joeres handelt von der Anpassung an den Klimawandel. Das Buch beschreibt, wie Menschen mit bereits vorhandenen Klimawandelfolgen umgehen und sich auf zu erwartende Veränderungen einstellen. Es geht um Themen, wie sie punktuell auch immer wieder in der Presseberichterstattung aufscheinen: Hitzeanpassung in den Städten, Renaturierung der Böden, Neugestaltung der Wälder sowie um eine an die Begleiterscheinungen des Klimawandels angepasste Stadtplanung, Architektur, Mobilität. 

"Grünes Wachstum" ist ein weiteres Thema. Es wirft die Frage nach dem Wie dieser Anpassung auf - weiter so? Der Energiebedarf einer auf Wachstum gepolten Industriegesellschaft kann nicht mit angeblich unendlich zur Verfügung stehenden erneuerbaren Energien gedeckt werden, das ist die These des Sozialphilosophen Wigbert Tocha, die er in seinem Buch Grüne Gier schlagkräftig untermauert. 

Um Klimawandel und kulturellen Wandel geht es dann bei Birgit Schneider, Professorin für Wissenskulturen in Potsdam. Sie wendet sich wenig beachteten Ideen und Sichtweisen zu, die dem Verstummen angesichts des Klimawandels entgegenwirken sollen. In ihrem Buch Der Anfang einer neuen Welt fordert sie, neue Wahrheitsformen zuzulassen, mehr Dialoge zu ermöglichen und nach anderen Narrativen zu suchen. Um eine Erweiterung der Perspektive geht es auch in der vorletzten Rezension. In seinem Buch Erhalten und Erneuern plädiert der Soziologe Fritz Reheis für einen anderen Umgang mit der Natur, mit den Mitmenschen und mit sich selbst. Und er regt zu einem umfassenderen Verständnis von Nachhaltigkeit an. Anpassung ist das Leitmotiv der nächsten Gesellschaft, proklamiert schließlich der klar gesetzte Titel des neuen Buches des Soziologen Philipp Staab. Es ist eine Reaktion darauf, dass die negativen Folgen der Modernisierung deren Errungenschaften einholen und zunichte zu machen drohen, in Form des Klimawandels vor allem. Selbst wenn es gelingen sollte, die Katastrophe abzuwenden, werden wir mit dem Wandel umgehen müssen, so Staab. Dann tritt Selbsterhaltung in den Vordergrund. Und Anpassung in einem positiven Verständnis wird zur gesellschaftlichen Leitidee. Einleitung: Winfried Kretschmer 

Im ersten Buch geht es um Strategien, mit denen Tiere und Pflanzen bereits seit geraumer Zeit auf die Veränderungen ihres Lebensraumes reagieren. "Move, Adapt, or Die" - den Lebensraum verlassen, sich anpassen oder der Tod - sind die Optionen, die der Klimawandel ihnen lässt.


Move, Adapt, or Die


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Die Auswirkungen der Klimakrise auf unsere Umwelt sind bereits Realität, wenngleich diese vom Menschen in den vergangenen Jahrzehnten nur am Rande wahrgenommen wurden. Doch reagieren Flora und Fauna bereits seit längerem mit diversen Strategien auf die Veränderungen ihres Lebensraumes. Diesen Entwicklungen widmet der Naturschutzbiologe Thor Hanson sein Buch Von schrumpfenden Tintenfischen und windfesten Eidechsen. Er berichtet über Erkenntnisse, die die Forschung über die Auswirkungen von Hitzestress auf die Tier- und Pflanzenwelt in einer sich stetig erwärmenden Umwelt zusammengetragen hat. Entgegen der Annahme, dass Lebewesen, die bereits jetzt in sehr heißen Zonen leben, am wenigsten unter der Temperaturzunahme leiden, stammen "die allerersten Warnsignale des Klimawandels von einem geradezu ikonischen Wüstenbewohner", der Eidechse. Die Echsen nämlich begannen, die heißesten Standorte zunehmend zu verlassen. Der Forscher Barry Sinervo, der durch seine jahrzehntelange Forschungsarbeit an Eidechsen eher zufällig auf die Folgen der Klimakrise aufmerksam geworden war, begann die dahinterliegenden Prozesse zu verstehen: Kennt man das jeweilige kritische thermische Maximum der Arten, also jene Temperatur, ab welcher ein Organismus nicht mehr überlebensfähig ist, sowie die Temperaturentwicklungen in den von ihnen bewohnten Gebieten, lassen sich Gefährdungslagen und Bewegungsmuster berechnen. Eine Erkenntnis, die Sinervo den Ruf als "Nostradamus des Klimawandels" einbrachte. Darüber hinaus konnte der Forscher eine weitere Folge von Hitzestress aufzeigen: eine rückläufige Reproduktion. An das langsame Ansteigen von Temperaturen können sich Lebewesen anpassen, indem sie Energie einsparen, etwa bei der Fortpflanzung. Diese Strategie findet sich nicht nur bei Eidechsen, sondern auch bei Afrikanischen Wildhunden, tropischen Ameisen, der hiesigen Gartentomate oder bei Falterfischen in ausbleichenden Korallenriffen. Diese von Natur aus aggressiven Fische verhalten sich bei zunehmender Nahrungsknappheit in sterbenden Korallenriffen jedoch deutlich friedlicher - statt aufgrund wachsender Konkurrenz ums Futter noch aggressiver zu werden. Auch hier weist die Kosten-Nutzen-Rechnung der Natur in Richtung Energiesparmodus. 

"Move, Adapt, or Die" steht in der Biologie für den Spielraum, den die Klimakrise der Natur lässt. Wanderungsbewegungen sind gegenwärtig für viele Spezies die primäre Überlebensstrategie. Über dreißigtausend klimabedingte Verschiebungen von Verbreitungsgebieten seien bereits dokumentiert, berichtet Hanson, darunter von Libellen, Füchsen, Walen, Plankton. Der im Buch interviewten Wissenschaftlerin Gretta Pecl zufolge, "erleben wir gerade die größte Artenwanderung seit der letzten Eiszeit". Nach vorsichtiger Schätzung sei "schon ein Viertel allen Lebens auf der Erde" betroffen. Wie schnell aber auch Adaptionen möglich sind, zeigt das Beispiel der Anolis-Eidechsen. In Gebieten mit vermehrt auftretenden Hurrikanes entwickeln die Echsen im Vergleich zu ruhigeren Gegenden eine verbesserte Klammerfähigkeit, um starken Stürmen trotzen zu können. 

Wenngleich solche Strategien gegenwärtig ein Überleben sichern, sind sie doch begrenzt. Thor Hanson verweist auf das Zusammenspiel der Faktoren als kritisches Moment: "In Phasen eines sehr schnellen Klimawandels werden seine biologischen Auswirkungen durch andere ökologische Stressfaktoren verstärkt." Die Resilienz hänge stark vom gesamten Umfeld ab - für Hanson ein beunruhigender Gedanke, da Ökosysteme bereits mit gravierenden menschengemachten Stressfaktoren zu kämpfen haben, die weit schlimmer sind als frühere menschliche Einflussnahmen auf die Natur. Von Carmen Bayer 

Von den Wanderungsbewegungen der Tiere ist es nur ein kleiner Schritt zur menschlichen Reaktion auf Klimawandelextreme - zum Thema Migration.


Klimamigration


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Kira Vinke leitet bei der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik in Berlin das Zentrum für Klima und Außenpolitik. Basierend auf ihrer Forschung beim Potsdam Institut für Klimafolgenforschung möchte sie "den Menschen, die bereits heute in den Kampf mit den Naturgewalten eingetreten sind, eine Stimme geben". Ihr Buch Sturmnomaden vermittelt sehr konkret die Auswirkungen des Klimawandels auf die betroffenen Menschen und beschreibt viele Aktivitäten, die Hoffnung vermitteln. 

Das Buch beleuchtet zunächst rechtliche Aspekte von Klimamigration. Dazu gehört nicht nur ein besserer Schutz von Klimageflüchteten, sondern auch ein Überblick über Klimaklagen (wie das Urteil des deutschen Bundesverfassungsgerichts 2021, wonach die Bundesregierung im Sinne der Generationengerechtigkeit zu mehr Klimaschutz verpflichtet wird) und neu entstehende rechtliche Fragen (wie zu Staaten ohne Territorium, zu denen Inselstaaten werden könnten, deren Landmasse überflutet wird). Aktuelle Entwurzelungs- und Nomadisierungsprozesse in verschiedenen Teilen der Welt bilden das Herzstück der Publikation. Einige Schlaglichter. 

In manchen Kleininselstaaten im Pazifik, in der Karibik und um Hawaii habe angesichts des steigenden Meeresspiegels und zahlreicher Sturmschäden durch Zyklone oder Hurrikans "der Überlebenskampf bereits begonnen". Die Menschen hier stellten sich bereits die Frage, ob sie weiterhin für den Erhalt ihrer Heimat kämpfen oder besser ausloten sollten, "wie Teile der Bevölkerung unter erträglichen Bedingungen emigrieren können". In der Sahelzone sind die Herausforderungen besonders groß, da Ernteausfälle angesichts weitverbreiteter Armut leicht zu Hungersnöten führen, was die Migration anheizt. Auf den Philippinen und in Bangladesch haben die Menschen vor allem mit den Folgewirkungen von tropischen Wirbelstürmen zu kämpfen, die in vielen Fällen Auslöser von Binnenmigration sind, wodurch die städtischen Slums weiter anwachsen. Auch im Amazonasbecken lassen sich die Klimawandelfolgen nicht mehr leugnen. Im brasilianischen Amazonas-Regenwald werden die Zusammenhänge zwischen dem globalen Temperaturanstieg und der Reduktion der Artenvielfalt greifbar, wie auch die Ahrtalflut 2020 in Deutschland und die Gletscherschmelze in der Schweiz. 

An solchen Beispielen wird nachvollziehbar, welche Entscheidungen jedes Jahr zig Millionen Menschen weltweit abverlangt werden. Für die Autorin steht fest, dass es bei ungebremstem Klimawandel global zu mehr Migration kommen wird. "Anpassung an den Klimawandel setzt für viele voraus, mobil zu sein, um das eigene Überleben zu sichern", schreibt Vinke. Es gelte deshalb, Instrumente zu entwickeln, mit denen die internationale Staatengemeinschaft den Schutz von besonders vom Klimawandel betroffenen Personen verbessern und "für existenziell … bedrohte Personen frühzeitige, freiheitliche und würdevolle Migrationsoptionen eröffnen" könnte. 

Kira Vinke betont, dass es angesichts der Komplexität des Klimawandels vieler Lösungsansätze bedarf. Wichtig sei es zudem, nicht nur auf Initiativen aus Europa und den USA zu setzen, denn viele der Innovationen dort seien "für die Mehrheit der Weltbevölkerung keine realisierbaren Optionen". Wichtig sind deshalb im Globalen Süden lokal entwickelte Strategien, wie eine "Architektur für die Ärmsten". Von Jean-Marie Krier 

Flucht und Migration sind ein letzter Ausweg, wo Lebensräume massiv betroffen und Lebensmöglichkeiten stark eingeschränkt sind. Gefragt sind Strategien, die früher greifen, Strategien der Anpassung: Klimawandelanpassung.


Klimawandelanpassung


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In ihrem Buch Klima außer Kontrolle begeben sich Susanne Götze und Annika Joeres auf eine Reise zu den Schauplätzen der Klimakrise sowie zu den Forschungsstätten, die deren Auswirkungen aufzeichnen und analysieren. Eines zieht sich durch die Reportagen: Verdrängung ist noch immer an der Tagesordnung. Der "Homo insipiens - der uneinsichtige Mensch" bestimmt nach wie vor den Umgang mit dem menschengemachten Klimawandel. 

"Die Katastrophen sind bekannt - die Prävention nicht", schreiben die beiden Autorinnen. Sie zeigen auf, dass die kritische Infrastruktur wie Krankenhäuser oder Kraftwerke keineswegs auf Ereignisse wie Extremregenfälle oder Hitzewellen vorbereitet sind, auch wenn Klimawandelanpassung immer mehr zum Thema wird. Es geht um Bauen in Überschwemmungsgebieten, um das Fehlen von Sicherheitsvorkehrungen bei Hangrutschungen in den Gebirgen, es geht um aufgeheizte Städte, um veraltete Architektur, zerstörte Böden, verlorene Ernten sowie gestresste Wälder. Bei all den Versäumnissen werden aber auch positive Ansätze beschrieben: "Leuchttürme der Anpassung", "Hitzeanpassung in Grün", "Guter Boden, neues Ziel" oder "Klimawald der Zukunft" lauten einige der Kapitelüberschriften. 

Klimawandelanpassung müsse, so ein Resümee der Autorinnen, genauso zu einer verpflichtenden Aufgabe der öffentlichen Hand werden, wie Kindergärten, Wasserversorgung oder eine funktionierende Feuerwehr. Das Buch führt uns an viele Schauplätze des bereits wahrzunehmenden Klimawandels in Deutschland - bedeutend schlimmer aber erwischt es die Länder des Südens, die vielfach stärker betroffen sind und über weniger Ressourcen für Anpassungen verfügen. Die Autorinnen wollen zeigen, dass es auch uns treffen wird. Sie thematisieren nicht, was zur Begrenzung der Klimakrise zu tun ist - all die hierfür nötigen Wenden sind ja mittlerweile gut und vielfach beschrieben. Die Reportagen handeln insbesondere von jenen Menschen, die den Klimawandel wissenschaftlich beobachten, Statistiken anlegen, Messungen durchführen, Daten aufbereiten und erste Frühwarnsysteme entwickeln, etwa Sensoren, die vor bevorstehenden Hangrutschungen warnen. Ein aufrüttelndes, journalistisches Werk. Von Hans Holzinger 

"Unendlich viel Energie" - was als Metapher die prinzipielle Verfügbarkeit erneuerbarer Energien zutreffend beschreibt, führt in eine Sackgasse, wenn es zur Leitlinie eines vermeintlich grünen Wachstums wird. Die Fortsetzung des industriellen Wachstumskurses verbraucht tatsächlich - und nicht nur sprichwörtlich - unendlich viel Energie. Mehr, als auf absehbare Zeit realistisch erzeugt werden kann.


Grenzen grünen Wachstums


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"Der Energiebedarf einer auf Wachstum gepolten Industriegesellschaft kann nicht mit angeblich unendlich zur Verfügung stehenden erneuerbaren Energien gedeckt werden". Das ist die These des Sozialphilosophen Wigbert Tocha, die er in seinem Buch Grüne Gier faktenreich untermauert und auf die Fallen eines technizistischen Energiewendedenkens verweist. Alles weiter wie bisher, nur eben mit erneuerbaren Energien, das wird nicht möglich sein. Tocha bringt dazu anschauliche Beispiele. Die strombasierte Herstellung von synthetischem Kerosin für den deutschen Flugverkehr würde mehr elektrische Energie benötigen, als alle Ökostromanlagen heute zusammengenommen produzieren, rechnet er mit dem Bundesumweltministerium vor. "Grüner Stahl" und "grüne Chemie" würden mehr elektrische Energie erfordern, als ganz Deutschland derzeit Strom verbraucht. Allein das größte Stahlwerk der Bundesrepublik, die Hütte Schwelgern bei Duisburg, hätte einen Wasserstoffbedarf, der 3.800 Windräder heutigen Standards bräuchte, um den dafür nötigen "grünen" Strom zu erzeugen. 

Der Autor, der den Glauben an grünes Wachstum heftig kritisiert, verweist auf die Konflikte zwischen der "technizistischen grünen Wende" und dem Naturschutz und warnt vor einer "industriellen Besitznahme von Naturräumen" durch den Ausbau erneuerbarer Energien. Diese mit "Nullemissionen" gleichzusetzen, sei irreführend. Kritik übt der Autor auch am E-Auto-Boom. Bei der Herstellung der geplanten 15 Millionen Elektroautos für Deutschland bis 2030 fielen 300 Millionen Tonnen CO2 an, das passe nicht zusammen mit dem laut Klimaschutzgesetz angepeilten 438 Millionen Tonnen CO2-Jahresemissionen im Jahr 2030. 

Grundsätzlich sieht Tocha nur die Chance, den Kapitalismus zu überwinden. Alternativökonomische Ansätze in Nischen seien zu wenig. Der Autor skizziert vier Zukunftswege: (1) eine ökologische Bedarfswirtschaft, die sich auf die Befriedigung der Grundbedürfnisse beschränkt, mit Schwerpunkten auf ökologischer Landwirtschaft, öffentlichen Gütern wie Gesundheitsversorgung sowie einem Grundbedarf an Energie; (2) Aufbau kleiner demokratischer Staaten mit partizipativen, staatlich abgesicherten Regionalökonomien; (3) industrielle Abrüstung einschließlich der militärischen und Einübung einer "Kunst der Reduktion" sowie einer naturbasierten Klimapolitik; (4) schließlich Durchsetzung eines neuen Fortschrittsbegriffs, der nicht technizistisch, sondern sozial und gesellschaftlich "buchstabiert" werde. 

So weit so gut. Aber wie dort hinkommen? Manches erinnert an eine moderne Rationierungswirtschaft, die Umsetzung bleibt aber vage. Dennoch bleibt es das Verdienst des Buches, dass es auf die Grenzen und Fallen "grünen Wachstums" hinweist. Von Hans Holzinger 

Grünes Wachstum ist eine Erzählung, die vermutlich schnell auserzählt ist. Eine Strategie, die an ihre Grenzen stößt. Der Reaktion auf und die Anpassung an den Klimawandel ist auch eine Frage der Erzählungen, denen sie folgt. Klimawandel ist letztlich auch kultureller Wandel. Birgit Schneider fordert, neue Wahrheitsformen zuzulassen, mehr Dialoge zu ermöglichen und nach anderen Narrativen zu suchen.


Anfang einer neuen Realität


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Birgit Schneider, Professorin für Wissenskulturen und mediale Umgebungen an der Universität Potsdam, präsentiert in ihrem Buch Der Anfang einer neuen Welt fünf Essays mit "zu wenig beachteten Ideen und Sichtweisen", die dem Verstummen angesichts des Klimawandels entgegenwirken sollen. 

Im ersten Essay plädiert sie dafür, neben der wissenschaftlichen Aufbereitung des Klimawandels auch andere "Wahrheitsformen" zuzulassen, vor allem das persönliche Erleben zum Beispiel von sich verschiebenden Jahreszeiten oder auch das Einüben anderer Sichtweisen, etwa von Tieren, Pflanzen oder auch Dingen. Da die Klimakrise nicht mehr vorbeigehen wird, sollten wir zweitens akzeptieren, dass wir es mit dem "Anfang einer neuen Realität" zu tun haben. Es gelte, "den Mut aufbringen, auf etwas Gutes jenseits des Abgrunds zu hoffen". Der dritte Essay fragt mit Blick auf die letzten fünfzig Jahre, warum "Wissen nicht zu genug Handeln führte". Die Autorin fragt, ob die gängige Klimakommunikation in Form einer "einseitigen Aufklärung durch Expert:innen" vielleicht kontraproduktiv gewesen sein könnte, und "Klimalangeweile" erzeugt habe. Sie plädiert für "weniger Vorträge, mehr Dialoge". Wie sehr Klimawandel auch Kulturwandel bedeuten wird, ist Inhalt des vierten Essays, in dem auch CO2-Kolonialismus und Klima-Rassismus zur Sprache kommen. Dabei stellt die Autorin auch den Begriff des "menschengemachten" Klimawandels in Frage, weil eben nicht "der Mensch" an sich Verursacher sei, sondern nur ein kleiner, oftmals weißer Teil der Menschheit. Im letzten Essay geht es darum, dass wir neue Narrative brauchen, die über die drei traditionellen Erzählungen zum Klimawandel - "Apokalypse", "Technik wird es richten", "Ökotopia" - hinausweisen und Lust auf Zukunft machen. 

Das Buch enthält einen reichhaltigen Fundus an nicht allseits bekannten Ideen und Aktivitäten. Es bietet Anregungen und offene Fragen, fertige Antworten hingegen nicht. Die Autorin gesteht offen ein: "Ich selbst habe keine abschließenden Antworten". Und bekennt ihre "Zweifel am Ende dieses Buches". Von Jean-Marie Krier 

Klimawandelanpassung funktioniert nicht mit selektiven Strategien. Sie erfordert eine grundlegend andere Ausrichtung, ein neues Verhältnis von Ökologie, Ökonomie und Sozialem. Der Soziologe Fritz Reheis spricht sich für einen anderen Umgang mit der Natur, mit den Mitmenschen und mit sich selbst aus. Drei "R" sind dabei zentral: Regenerativ, Reziprok, Reflexiv.


Kreisläufe statt Durchläufe


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"Nur Kreisläufe sind nachhaltig, Durchläufe nicht" - so der programmatische Untertitel des neuen Buches Erhalten und Erneuern des Soziologen Fritz Reheis, in dem der Mitbegründer der Deutschen Gesellschaft für Zeitpolitik sich für einen anderen Umgang mit der Natur, mit den Mitmenschen und mit sich selbst ausspricht. Reheis fordert zudem eine gemeinsame Sprache, mit der man sich über Ökologie, Ökonomie und Soziales verständigen könne. Denn alles gehöre zusammen, unser Streben nach einem sinnvollen Dasein müsse ins Zentrum rücken. 

Sein Buch unterteilt der Autor in drei Abschnitte: (1) "Regenerativ: Vom klugen Umgang mit der Natur", (2) "Reziprok: Vom klugen Umgang mit dem Mitmenschen" sowie (3) "Reflexiv: Vom klugen Umgang mit sich selbst". Zeit, Rhythmen, Wiederkehr des Ähnlichen, Erneuerung sowie Erhalten spielen in allen drei Bereichen für Reheis eine wichtige Rolle: "Für industrielle und postindustrielle Gesellschaften kommt es darauf an, das Prinzip der Wiederholbarkeit der Eingriffe in die Natur, der Regenerativität, auf alle Bereiche des Wirtschaftens auszudehnen". Das bezieht sich auf die Stoffe, die im Kreislauf gehalten werden müssen, auf die Rückgewinnung von Biodiversität als "Immunsystem der Erde" sowie auf die Reduktion unseres Energiehungers: "Die Hälfte der vom Menschen verursachten Treibhausgase ist allein in den letzten 30 Jahren ausgestoßen worden." 

Reziprozität deutet Reheis als Verantwortung gegenüber allen Menschen im Sinne des Kantischen Imperativs ebenso wie als Fähigkeit zur Kooperation und resonanzfähigen Kommunikation. Das eine legt einen ressourcenarmen Lebensstil nahe, das andere erfordert eine Beteiligung aller Betroffenen. Soziale Nachhaltigkeit basiert für den Autor auf Geben und Nehmen. Und auch der kluge Umgang mit sich selbst brauche die Wiederkehr des Ähnlichen, um sich nicht in der Flut an Informationen und Reizen zu verlieren. Reheis spricht von "Zeiten des Körpers, der Seele sowie des Geistes". Sein Buch mäandert zwischen Anregungen für das persönliche Leben sowie wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Strukturveränderungen - eine kluge Bereicherung des Nachhaltigkeitsdiskurses! Von Hans Holzinger 

Zeichnet sich mit der wachsenden Bedeutung von Strategien der Anpassung ein Wandel hin zu einer adaptiven Gesellschaft ab? Anpassung wird zu einer neuen Leitidee für die nächste Gesellschaft. Das ist die These des Soziologen Philipp Staab. Wäre damit zugleich das Aufkommen einer protektiven, vor Schaden schützenden Technokratie verbunden? Eine Frage, die sein Buch aufwirft.


Auf dem Weg zu einer adaptiven Gesellschaft


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Philipp Staab ist Professor für Soziologie der Zukunft der Arbeit an der Humboldt-Universität zu Berlin. Er forscht zu den Themen Arbeit, Technik, Ökonomie und Politik mit dem Fokus auf die Zukunftsfähigkeit moderner Gesellschaften. Sein neues Buch ist eine Einladung, Anpassung als Leitmotiv unserer Gesellschaft zu begreifen, und zwar nicht in einem negativen Sinn. Bisher galt Anpassung in der kritischen Soziologie als Verlust von Freiheit, als Unterwerfung, doch diese Deutung will Staab verabschieden. Er argumentiert: Wenn wir die heutigen Krisen und insbesondere den Klimawandel in ihrer Dynamik ernst nehmen, müssen wir uns damit befassen, wie Antworten aussehen können. Schon heute werde vielfach Selbsterhaltung bestimmend, während die Leitideen Fortschritt und Emanzipation in den Hintergrund treten. Selbstentfaltung werde abgelöst von Selbsterhaltung, so die These - und dies könne man soziologisch nicht ignorieren. Staab bricht mit der Assoziation, Fortschrittsorientierung verschaffe Freiheit, Anpassung jedoch nicht. Das moderne Subjekt müsse einsehen, dass es sich selbst und die Gestaltbarkeit der Umstände überschätzt hat. Pandemie, Klimawandel und Krieg rücken das Zurechtkommen, den Lebenserhalt, das Wesentliche ins Zentrum. Abmildernde und bewahrende Reaktionen (Mitigation und Resilienz) lassen eine Semantik der Kontrolle in den Hintergrund treten. Unter dem Leitmotiv der Anpassung werden die Probleme sichtbar und bearbeitbar, und neue Möglichkeiten der Lebensführung können erprobt werden. 

Die Klimaschutzbewegung "Fridays for Future" ist hier maßgebend: im Unterschied zu bisherigen Bewegungen beschäftigt sie nicht die Frage nach dem Wie der Zukunft, sondern nach dem Ob. Mit diesem Fortschrittsverzicht kann sie als Avantgarde einer adaptiven Lebensweise gesehen werden - "Anpassung wäre Rebellion". Als weitere Avantgarde sieht Staab die in der Coronakrise hervorgetretene Gruppe der "Systemrelevanten". Im Angesicht drängender Selbsterhaltungsfragen zeichnet beide Bewegungen eine Frustration hinsichtlich einer zu langsamen und blockierten administrativen Handlungsfähigkeit aus. Entscheidungen dauern zu lange, es werden noch Diskussionen geführt, während längst Aktion nötig wäre. Staab formuliert im Anschluss an seinen positiven Begriff der Anpassung einen positiven Begriff von "protektiver Technokratie", die die gewünschte Beschleunigung des Politischen verspricht und zugleich mittels Expertise, Technik und digitaler Steuerung komplexe Gefahren einschätzbar und bearbeitbar macht, indem die Menschen ihre Arbeit über Feedbackschleifen stetig in die Stabilisierung der Sensorik einfließen lassen. Eine dem Überlebensimperativ folgende digitale Technik benötige keine demokratischen Konflikte über zu entscheidende Fragen mehr, da diese bereits kompetent bearbeitet werden, also entpolitisiert seien. 

Die Frage nach der Legitimität einer protektiven Technokratie diskutiert der Autor im letzten Teil anhand eines kurzen geschichtlichen Rückblicks: Der Soziologe Helmut Schelsky stellte bereits 1961 fest, dass mit zunehmender Technisierung der Gesellschaft die Bedeutung von Politik immer mehr abnehmen werde, und es zu einem technischen Staat komme. Doch es stellt sich die Frage, ob im Zeichen der heutigen Gesellschaft ein derartiges Bild einer Technokratie noch zutreffend ist. Einer adaptiven Gesellschaft wohne "die Sehnsucht nach einer protektiven Technokratie inne, die sich aus der Wahrnehmung realer Selbsterhaltungsprobleme ergibt und die mit dem Selbstzweck der Kapitalakkumulation grundsätzlich bräche". Sie ersetze "das materialistische wie auch das expressive Versprechen der Modernisierung durch eines der Entfaltung von Freiheit im Kontext kollektiver und individueller Selbsterhaltung". Von Clara Buchhorn 


Zitate


"Der Energiebedarf einer auf Wachstum gepolten Industriegesellschaft kann nicht mit angeblich unendlich zur Verfügung stehenden erneuerbaren Energien gedeckt werden." Wigbert Tocha: Grüne Gier

"Die Hälfte der vom Menschen verursachten Treibhausgase ist allein in den letzten 30 Jahren ausgestoßen worden." Fritz Reheis: Erhalten und Erneuern

"Protektive Technokratie bildet den Fluchtpunkt des Gesellschaftsvertrags der adaptiven Gesellschaft. Sie ersetzt das materialistische wie auch das expressive Versprechen der Modernisierung durch eines der Entfaltung von Freiheit im Kontext kollektiver und individueller Selbsterhaltung. Positiv bedeutet Anpassung die Mobilisierung für diese Freiheit." Philipp Staab: Anpassung

"Die adaptive Gesellschaft ersetzt das materialistische wie auch das expressive Versprechen der Modernisierung durch eines der Entfaltung von Freiheit im Kontext kollektiver und individueller Selbsterhaltung. Positiv bedeutet Anpassung die Mobilisierung für diese Freiheit." Philipp Staab: Anpassung

 

changeX 22.07.2023. Alle Rechte vorbehalten, all rights reserved.

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Quellenangaben

Zu den Büchern

: Von schrumpfenden Tintenfischen und windfesten Eidechsen. Aus dem Englischen von Andrea Kunstmann. Kösel Verlag, München 2022, 288 Seiten, 22 Euro (D), ISBN 978-3-466-37289-8

Von schrumpfenden Tintenfischen und windfesten Eidechsen

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: Sturmnomaden. Wie der Klimawandel uns Menschen die Heimat raubt. dtv, München 2022, 320 Seiten, 23 Euro (D), ISBN 978-3-423-29039-5

Sturmnomaden

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: Klima außer Kontrolle. Fluten, Stürme, Hitze - Wie sich Deutschland schützen muss. Piper Verlag, München 2022, 336 Seiten, 20 Euro (D), ISBN 978-3-492-06336-4

Klima außer Kontrolle

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: Grüne Gier. Warum die Blütenträume des Öko-Kapitalismus nicht reifen. oekom Verlag, München 2022, 216 Seiten, 20 Euro (D), ISBN 978-3-96238-377-0

Grüne Gier

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: Der Anfang einer neuen Welt. Wie wir uns den Klimawandel erzählen, ohne zu verstummen. Matthes & Seitz, Berlin 2023, 284 Seiten, 22 Euro (D), ISBN 978-3-7518-0373-1

Der Anfang einer neuen Welt

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: Erhalten und Erneuern. Nur Kreisläufe sind nachhaltig, Durchläufe nicht. VSA Verlag, Hamburg 2022, 144 Seiten, 12.80 Euro (D), ISBN 978-3-96488-163-2

Erhalten und Erneuern

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: Anpassung. Leitmotiv der nächsten Gesellschaft. Suhrkamp Verlag, Berlin 2022, 240 Seiten, 18 Euro (D), ISBN 978-3-518-12779-7

Anpassung

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Autorin

pro Zukunft-Buchkolumne
<i>pro Zukunft</i>-Buchkolumne

proZukunft, das Buchmagazin für zukunfsweisende Debatten, wird herausgegeben von der Robert-Jungk-Bibliothek für Zukunftsfragen in Salzburg. Die proZukunft-Buchkolumne auf changeX kombiniert aktuelle Rezensionen des vierteljährlich erscheinenden Magazins vor einem verbindenden thematischen Hintergrund. Die Autorinnen und Autoren der aktuellen Ausgabe sind: Carmen Bayer, Clara Buchhorn, Hans Holzinger und Jean-Marie Krier.

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