Ein Spiel, was sonst

Nowitzki. Die Geschichte - das neue Buch von Holger Geschwindner
Rezension: Uwe Berndt

Ein ungewöhnliches Buch: Holger Geschwindner, Dirk Nowitzkis Mentor und Trainer, erzählt dessen Lebensgeschichte im Wechsel von Stimmen und Perspektiven. Mit ironischen Verschränkungen und schalkhaftem Hintersinn, nie aber als glatte Erfolgsgeschichte.

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Dieses großzügig und einfallsreich gestaltete Sportlerbuch ist eine Novität besonderer Art. Gleich einem Amphibium zeigt es sich in der Darstellungs- und Vermittlungsweise in unterschiedlichen Welten. Zum einen bedient es typografisch und im Duktus der 82 (Text-)Brocken mit 41 Bildern auf 164 Seiten (plus vierseitigem "Anhang") die aktuellen Vorstellungen vom Rezipienten im medialen Genusstempel, der mit Appetithappen und Lockspeisen bei Laune zu halten ist. Zum anderen sind die rahmenden und pointierenden Passagen - die manchen hölzernen Brückentext einschließen - von gleichsam altväterlichem Erzählen bestimmt, das sich des Patronats von Autoren versichert, die in der Geschichte der deutschsprachigen Literatur ihre Spuren im Frankenland hinterlassen haben. Eingangs ist es der Anekdotenerzähler Heinrich von Kleist, dessen Briefe des Jahres 1800 aus Würzburg viel beachtet wurden; die Fiktion einer Erzählrunde auf dem alten Schloss und in der Mühle an der Peule verdankt sich dem zeitweiligen Bamberger Musikdirektor E. T. A. Hoffmann, und aus Wunsiedel lugt auch noch Jean Paul in diese Konstellation. Nebenbei kommt zu unerwartetem Ruhm ein fränkisches Flüsschen, die Peule.


Nicht als Märchen zu erzählen


Nach dem Muster von E. T. A. Hoffmanns Lebensansichten des Katers Murr wird die Erfolgsgeschichte des NBA-Basketballstars Dirk Nowitzki mit einer bunten Mixtur von Einblicken in die Erfahrungswelt des jungen Schlakses aus Würzburg, des nunmehrigen Nummer-41-Matadors der Dallas Mavericks (die in der NBA 41 Heim- und 41 Auswärtsspiele bestreiten), und seines Mentors aus Peulendorf versetzt. In den Bruchstellen blitzen ironische Verschränkungen, wimmeln die Kalauer und versteckt sich schalkhafter Hintersinn. Trotz allem "applied nonsense", der in Geschwindners Buch eingesetzt (neudeutsch: "performt") wird, ist signalisiert: Leute, hört mal, Dirks Weg zum Sportstar und Empfänger des "Transatlantic Partnership Award 2012" ist nicht als Märchen zu erzählen, sondern zu verstehen als Resultat von beharrlicher Trainingsarbeit, beständigem Engagement und vorausschauendem Kalkül sowie der Einsicht "der Held lebt nicht vom Sport allein". 

In dem inszenierten Wirrwarr eines umgestülpten Zettelkastens sind für zielorientierte Leser Registrierungen und Einfärbungen der Textbrocken angelegt worden; so kann man sich die kurzen "Storys", Nachdenkliches über das Basketballspiel oder kauzige Lebensansichten heraussuchen. Mit typografischen "Dehnübungen" wird die Textsubstanz im Seitenumfang zu etwa dem Vierfachen der Primzahl auf dem Nowitzki-Trikot gestreckt. Die zahlreichen Hervorhebungen von möglichen Kernsätzen könnten als Stellvertreter für gründliche Lektüre angesehen werden - und auch an Bildmaterial unterschiedlicher Art fehlt es nicht. Ist hier auf leichte Lektüre und munteres Durchblättern abgestellt? Wer sich allerdings den Brocken Nummer 2, die mehrseitige Anekdote, nicht erspart, könnte auf einen besseren Weg zum Erkunden der Eigenart des Ganzen gelenkt werden.


Welt der Vorstellungen und Erfahrungen


Weniger Bekanntes zu Dirk Nowitzkis Sportlerkarriere erfährt man insbesondere für die Frühphase, zudem kommen Weggefährten und Freunde zu Wort. Ausgeleuchtet wird vor allem die Welt der Vorstellungen und Erfahrungen, in der sich der Maverick aus Dallas mit dem "Altmeister" bewegt. Zu lesen ist, wie beide ihre Zusammenarbeit begonnen haben und heute verstehen, welche Auffassung vom Basketballspiel sie vertreten, wie ein Verhältnis von "Trainer und Spieler", von "Meister und Schüler" angelegt sein sollte. All dies gründet sich auf stets neu zu erprobende (und somit unmaßgebliche) "Lebensansichten", auf selbst erworbenes Wissen, umsichtiges Abwägen, mutige Weitsicht und notwendige Fehlerkorrekturen - kurzum auf strategisches Denken.  

In diesem Buch wird nichts verkündet und schon gar kein Hexeneinmaleins für Sport- und Lebenserfolge Buch-stabiert. Bezeichnenderweise finden sich im letzten Teil lediglich Bruchstücke aus einer Trainingseinheit für Dirk Nowitzki - allerdings in einer Aufzeichnungsform (der "Basketball-Steno" des Altmeisters), die Schule machen könnte. Nur zu Beginn und am Ende der Geschichte hat der Autor selbst das Wort - und er gebraucht es nach seiner Art, fern aller Konventionen der Vor- und Nachrede.


Sieben Hoffmannsbrüder und der Kater Murro


Im Übrigen wird mit den Stimmen fiktiver Figuren und aus unterschiedlichen Sichtweisen erzählt. Der anonyme Berichterstatter führt neben einem geschichtengierigen "Fremden" sieben "Hoffmannsbrüder" und den Kater Murro ein, denen die Erzählungen, Berichte, Buchvorstellungen, Erwägungen und (Nach-)Denksprüche zugewiesen sind. Wie Figuren im Malwerk von Max Ernst tragen sie reale und fantastische Züge. In Szene gesetzt ist ein Masken- und Versteckspiel, in dem sich der Urheber des Ganzen nur schemenhaft und in wechselnden Ansichten zu erkennen gibt. Was feststehen könnte, wird in den Wanke-Modus versetzt. Fakten und Gedanken werden ausgewürfelt - eben ein Spiel, was sonst?  

Postscriptum: Da der Autor auf ein Honorar verzichtet hat, gehen entsprechende Anteile aus dem Verkaufserlös des Buches an folgende Einrichtungen: Dirk Nowitzki Foundation Dallas, TX; Dirk Nowitzki Stiftung Würzburg; iSo - Innovative Sozialarbeit gGmbH Bamberg.


changeX 12.11.2012. Alle Rechte vorbehalten, all rights reserved.

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Zum Buch

: Nowitzki. Die Geschichte. Murmann Verlag, Hamburg 2012, 168 Seiten, 19.90 Euro, ISBN 978-3-86774-212-2

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Autor

Uwe Berndt

Uwe Berndt ist ein Pseudonym. Der Verfasser ist Literaturwissenschftler an einer deutschen Universität und seit langem dem Basketballsport zugetan

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