Zwischen den Welten

Peter Waldmann: Radikalisierung in der Diaspora.
Text: Jost Burger

Islamistischer Terror wird oft als Problem des Islams diskutiert. Die Folge: absurde Verbote wie jüngst in der Schweiz bis hin zur Dämonisierung einer Religion. Ein nüchterner Blick auf Menschen in der Diaspora kann die Diskussion in vernünftige Bahnen lenken.

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Der Soziologe Peter Waldmann gilt spätestens seit seinem erstmals 1993 erschienenen Werk Terrorismus. Provokation der Macht nicht nur hierzulande als einer der wichtigsten Terrorismusexperten. Seine Autorität fußt auf jahrzehntelangen Forschungen zum Themenfeld Politik und Gewalt, den Zusammenhängen zwischen Gewalt und Religion und eben des – nicht unbedingt religiös – motivierten Terrorismus. Seine zahlreichen Bücher und Aufsätze sind folgerichtig auch von der grundsätzlichen Anlage und vom intellektuellen Anspruch her die Arbeiten eines Wissenschaftlers und heben sich wohltuend von den Einlassungen so mancher „Nahostexperten“ und Politikfeuilletonisten ab.
Auch das vorliegende Buch ist im Prinzip ein sehr klar strukturiertes und gut zugängliches wissenschaftliches Essay. Radikalisierung in der Diaspora untersucht die Frage, warum im Westen lebende Muslime sich gegen ihre Aufnahmegesellschaften erheben und sie im Extremfall gewaltsam angreifen. Es geht also in Teilen um den Homegrown Terrorism, im weiteren Sinne um islamistischen Terrorismus im Westen, der von dort lebenden Muslimen ausgeht. Um es gleich zu sagen: Sehr viel von dem, was in der jüngeren und jüngsten Vergangenheit über islamistischen Terror und die angebliche islamische Gefahr geschrieben und gesagt wurde, erübrigt sich nach der Lektüre dieses Buches.


Hin- und hergerissen in der Diaspora.


Waldmanns Betrachtungen kreisen um das Phänomen der Diaspora. Oft im religiösen Zusammenhang benutzt, beschreibt der Begriff ganz allgemein die Existenz eines Kollektivs außerhalb seiner angestammten Heimat. Eine Diaspora stellt in vielerlei Hinsicht einen Zustand zwischen (unfreiwilligem) Exil und gelungener Einwanderung dar. Mitglieder einer Diaspora sind in der Regel hin- und hergerissen zwischen Ursprungsland und Aufnahmeland. Das gilt auch für nachfolgende, in „der Fremde“ geborene Generationen. Sie zeigen große Ambivalenz gegenüber Kultur und Werten des Aufnahmelandes ebenso wie gegenüber ihrer „Heimatkultur“ – ein Zustand, der von starken Abkapselungskräften der Diaspora selbst und von der Ablehnung durch die aufnehmende Gesellschaft gefördert wird.
Diesen Zustand zwischen den Welten verkörpert in Deutschland exemplarisch die zweite und mittlerweile dritte Nachfolgegeneration der sei den 1960er-Jahren zum Arbeiten nach Deutschland gekommenen Türken. Die Diskussion über die „Deutschländer“, die sich in der Heimat ihrer Eltern ebenso wenig dazugehörig fühlen wie hierzulande, ist breit und ausführlich diskutiert worden. Bezeichnenderweise sind es gerade diese jungen Mitglieder einer Diaspora, die auf den Identitätskonflikt mit einer religiösen Radikalisierung reagieren können, die mit Gewaltbereitschaft einhergeht, die sich gegen das Aufnahmeland richtet.
Dabei ist Religiosität selbst nicht gleichzusetzen mit latenter Gewaltbereitschaft. Sie ist vielmehr eine weitere „Challenge“, der sich die Diaspora ausgesetzt sieht, und auf die reagiert werden muss. Das gilt in Europa vor allem für die Diaspora, die sich neben dem kulturell-ethnischen Hintergrund auch durch die Religion, in diesem Fall den Islam, unterscheidet. Damit ist aber auch klar – und das ist die zentrale Erkenntnis aus Waldmanns Buch –, dass der stattfindende islamistische Terrorismus ein soziologisches Phänomen ist, niemals ein inhärent islamisches.


Keine einfachen Lösungen.


Bücher zum Thema müssen den Anspruch erfüllen, Einsichten und Erklärungen für den islamistischen Terrorismus zu bieten. Auch Waldmann tut dies, indem er zunächst die Situation in den USA und Europa miteinander vergleicht und dann einen Blick auf Großbritannien, Frankreich Spanien und Deutschland wirft. Er postuliert, dass neben vielen anderen Faktoren die jeweilige Migrationspolitik darüber entscheidet, ob es zu Radikalisierungserscheinungen kommt.
Der größten muslimischen Diaspora in Deutschland, den Türken, bescheinigt Waldmann wenig Tendenzen zur religiösen Radikalisierung. Zwar sei die deutsche Migrationspolitik oft inkohärent gewesen, in letzter Zeit setze sie aber verstärkt auf das Angebot gesellschaftlicher Teilhabe. Zudem sei es – durch beiderseitige Anstrengungen – zumindest auf der lokalen Ebene zu einer oft sehr guten Identifizierung der türkischen Gemeinschaften mit ihrer neuen Heimat gekommen. Das weitgehende Fehlen religiöser Konflikte sei auch darin begründet, dass der Islam in der Türkei gleichsam ethnisiert worden sei. Sprechen Türken über ihre Religion, sprächen sie vor allem über ihr Türkensein. Konflikte und Radikalisierungstendenzen gebe es deshalb wenn überhaupt grundsätzlich eher vor diesem Hintergrund. Waldmann weist darauf hin, dass vor „9/11“ die Auseinandersetzung mit den in Deutschland lebenden Türken auch selten entlang rein religiöser Linien verlief.
Einfache Lösungen und Handlungsanweisungen für den Umgang mit der „islamistischen Bedrohung“ liefert Waldmann nicht. Aber er schafft die Grundlage für einen rationalen Umgang mit dem Problem. Durch seine strikt soziologische Betrachtung stellt sich Waldmann im Übrigen zwischen die Fronten. Er nimmt denjenigen die Argumentationsgrundlage, die in jedem Muslim einen potenziellen Terroristen sehen und meinen, jegliche Äußerung des Islams aus der öffentlichen Wahrnehmung verbannen zu müssen. Er warnt aber auch jene, die die Augen vor dem sozialen Sprengstoff verschließen wollen, der der muslimischen Diaspora in westlichen Gesellschaften oft innewohnt – und der sich durchaus mit schrecklichen Konsequenzen entladen kann. Das Buch sei deshalb allen ans Herz gelegt, die sich um eine besonnene Debatte zur Integrationspolitik bemühen.


changeX 15.12.2009. Alle Rechte vorbehalten, all rights reserved.

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Zum Buch

: Radikalisierung in der Diaspora. Wie Islamisten im Westen zu Terroristen werden. Murmann Verlag, Hamburg 2009, 247 Seiten, ISBN 978-3-867-74052-4

Radikalisierung in der Diaspora

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Jost Burger
Burger

Jost Burger ist freier Journalist in Berlin. Er schreibt als freier Mitarbeiter für changeX.

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