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Wie müssten wir sein?

Eine Konferenz in Berlin stellt die Frage nach der Veränderungsfähigkeit des Menschen
Text: Anja Dilk

Wie sind wir? Könnten wir anders sein? Wie müssten wir sein, um überleben zu können? Das waren die drei präzise gesetzten Ausgangsfragen der Konferenz "Weichen stellen" in Berlin. Lösungen aus dem Zauberhut gab es keine. Wohl aber die begründete Einsicht, dass wir Menschen mit unserer Erkenntnisfähigkeit längst nicht am Ende sind.

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Sich von Hirnforschern den Menschen erklären zu lassen, ist ein sicherer Bringer auf Konferenzen. Zumal wenn es um einen so kurzweiligen Vertreter der Zunft wie Gerald Hüther geht, der sich nicht vor einfach formulierten Erkenntnissen scheut. Zum Beispiel: Immer wenn der Mensch sich begeistert, wird das Gehirn gedüngt. Durch Dopamin oder andere neuroplastische Botenstoffe. Nur wenn das Gehirn gedüngt wird, ist es bereit, umzudenken und sich von alten Gewohnheiten zu verabschieden. Und nur wenn wir umdenken, können wir den Untergang der Welt verhindern.  

Und das geht so: In unserem Hirn fräsen sich Erfahrungen, die immer gekoppelt sind mit emotionalen Erlebnissen, und sich im Laufe der Jahre zu Haltungen, Denkmustern und Einstellungen verfestigen, so tief in die neuronalen Bahnen, dass sie uns irgendwann als Teil unseres Selbst erscheinen. "Unbewusst werden die Denkmuster eingebaut in unser Menschenbild." Der Mensch ist seines Glückes Schmied, der Einzelne kommt allein am besten voran, Leistung lohnt sich, alles ist machbar. Aufbrechen lassen sich solche Muster nur, wenn neuer Dünger ins Spiel kommt. Danach giert unser Hirn von früh bis spät - und ist bereit, dazuzulernen. Befeuert vom Dünger finden die neuen Eindrücke Eingang ins Frontalhirn, dort überschreiben sie allmählich die alten Erfahrungen und verfestigen sich so mit der Zeit zu neuen Einstellungen. Dinge werden bedeutsam, die bisher nebensächlich erschienen, neue Bewertungen formen sich. Nur gemeinsam kommen wir weiter, ohne die Natur können wir nicht leben, wir müssen auf die Bremse treten. Jeden Tag neu, konkret, aktiv.  

Da bleibt uns wohl nichts anderes, als uns zu begeistern.  

Der Haken ist nur: Wie lässt sich diese Begeisterung entfachen? Durch Appelle sicher nicht. Durch Einsicht ebenso wenig. "Indem wir die Menschen einladen, andere inspirierende Erfahrungen zu machen", schlägt Hüther vor. Zum Beispiel Mehrgenerationenhäuser schaffen, in denen die Menschen täglich erfahren, wie wohltuend Gemeinschaft sein kann. Zum Beispiel indem wir uns einmal bewusst anders in eine Situation begeben. Uns in schmuddeligem Shirt und Jeans auf dem Podium fläzen, statt ordentlich im Businessdress zu diskutieren. Hüther schlägt lachend die Beine über die Stuhllehne: "Und dabei zu erleben: Die Leute mögen mich trotzdem, weil ich etwas zu geben, zu sagen habe, egal wie ich daherkomme - eine neue Erfahrung und Grundlage für eine neue Haltung." 

Die Suche nach neuen Haltungen hat Konjunktur. Gerade erst kürte das Vordenker-Magazin Edge die Frage "Was verbessert unsere Fähigkeit der Erkenntnis?" zur Frage des Jahres 2011. Die Suche nach anderen Wegen ist verdammt überfällig. Denn längst ist offenbar: So wie bisher kann es auf Dauer nicht weitergehen. Die derzeitige Art des Wirtschaftens zerstört die Grundlagen ihres Erfolgs. Unendliches Wachstum auf Basis endlicher Ressourcen - durch diese Prämisse des Kapitalismus gräbt er sich langfristig selbst das Wasser ab. Ein Scheitern ist systemimmanent. Neu ist diese Einsicht nicht. Doch der Handlungsdruck steigt. Der Klimawandel ist keine Frage der Sichtweise mehr.


Wie müssten wir sein, um überleben zu können?


Berlin, Umweltforum. Der eisige Januarwind biegt scharf um die Mauern der Auferstehungskirche. Mehr Symbolkraft hätte ein Veranstaltungsort kaum haben können. Auch hier geht es darum, Unmögliches möglich zu machen wie vor 2.000 Jahren. "Das Einzige, das uns Erwachsene noch begeistert, ist das Unmögliche", wird der Philosoph Peter Sloterdijk in der Abschlussdiskussion sagen. Da sind wir bei Gott genau richtig. "Gott zeigt sich, indem er uns bedingungslos überfordert. Der Teufel holt uns ab, wo wir stehen." Sloterdijk hat einen guten Riecher. Im lichten Inneren der Kirche ist kein Stuhl mehr frei. Schon Tage vor Konferenzbeginn musste das Denkwerk Zukunft die Anmeldeliste schließen. Gerade die Unmöglichkeit der Aufgabe, zumindest ihre Dringlichkeit, scheint viele Menschen hierher gelockt zu haben. Die Bonner "Stiftung für kulturelle Erneuerung Denkwerk Zukunft" und ihr kluger Kopf Meinhard Miegel hatten zur Debattenrunde geladen. Wie sind wir? Könnten wir anders sein? Wie müssten wir sein, um überleben zu können?  

Die gute Nachricht lieferte gleich zu Beginn Hirnforscher Hüther mit seinem Bild vom Hirndünger. Das Beste daran: Es ist nie zu spät. Vorausgesetzt, die gehörige Portion Dünger, also Begeisterung, bringt die neuronalen Verschaltungsmuster in Schwung. Dann lassen sie sich noch bis ins hohe Alter umbauen. Hüther: "Wenn ein 85-jähriger Herr sich in eine schöne junge, 65-jährige Chinesin verliebt, der er nach China folgen muss, wird er ohne Schwierigkeiten in einem Jahr Chinesisch können." In Bottrop und ohne Chinesin dagegen säße er nach wenigen Lektionen entmutigt auf der Couch: Klappt eh nicht mehr.  

Die schlechte Nachricht: Die Ausgangssituation ist schwierig. Denn kaum sind unsere Kinder auf der Welt, lenken wir sie auf die falsche Bahn. Sie sind von klammernden oder desinteressierten Eltern, guten Ratschlägen und Vorbildern, die den alten Mustern folgen, umstellt. Obwohl ihr Gehirn ein praller, saftiger Lernapparat mit enormen Überschüssen und offen in jede Richtung ist, werden sie flugs unseresgleichen.  

Das zeigte jüngst eine Studie mit sechs Monate alten Babys. Sie wurden vor einen Bildschirm gesetzt, auf dem ein kleines gelbes Männchen alleine mühsam einen Berg erklimmt. Dann sahen sie ein gelbes Männchen, das bei seinem Aufstieg von einem grünen Männchen unterstützt wurde. Und schließlich ein gelbes und grünes, die gemeinsam hinaufkrabbelten, aber im letzten Moment rücksichtslos von einem blauen Männchen vom Berg geschubst wurden. Als sich die Babys anschließend ein Männchen aussuchen sollten, wählten alle das grüne.  

Schon sechs Monate später sah das Ergebnis anders aus. 20 Prozent ergriffen das blaue. "Sie hatten offenbar beobachtet, dass sich irgendjemand in ihrer Umgebung, mit dem sie emotional verbunden waren, erfolgreich auf diese Weise durchgesetzt hatte", schlussfolgert Hüther. Und weil die meisten Babys und Kinder ihre beiden wichtigsten Grundbedürfnisse - einerseits nach Entfaltung und Freiheit, andererseits nach Bindung und sozialer Nähe - in ihrer Umwelt nicht ausreichend befriedigen können, greifen sie sich das, was sie kriegen können. Spielzeug, Süßes, Klamotten, PlayStation. Kurz: Ersatzbefriedigung, Konsumkultur.


Unsere Gegenwart als Vergangenheit der nächsten Generation


Juliet Schor, Soziologieprofessorin am Boston College, hat diese Konsumkultur gründlich erforscht. Sie legt eine entfesselte Konsumgesellschaft frei, die Jahr für Jahr mehr Material zur Herstellung von Konsumgütern verschlingt und sich so in einer Endlosspirale des Mehr verhakt. So stieg von 1998 bis 2005 allein die Produktion von Laptops von 3,3 Millionen auf 23,8 Millionen. Es wurden etwa doppelt so viele Möbel hergestellt und dreimal so viele Alltagshelfer wie Toaster, Kaffeemaschinen oder Mikrowellen. Allein in Nordamerika stieg der Materialverbrauch um 66 Prozent, weltweit gab es von 1980 bis 2005 ein Plus von 45 Prozent.  

Mit steuerlichen Anreizen, effizienteren Technologien oder einer Reduktion des Wachstums kommen wir dagegen nicht an, sagt Schor. "Die Grundprinzipien der Wirtschaft müssen so umgebaut werden, dass sie vereinbar sind mit dem Erhalt der Natur." Zum Beispiel indem wir uns auf Hightech-Niveau selbst versorgen lernen. Wie es das Transition Town Movement vormacht, eine Organisation, die weltweit nachhaltige Landwirtschaft in Städten auf die Beine stellt. Zum Beispiel durch die Belebung des Sozialen ("Recapitalization of the Social") oder indem wir den Wert der Dinge wiederentdecken ("True Materialism"). Schor ist durchaus optimistisch: "Überall entstehen Grassroots-Bewegungen, die das System ins Wanken bringen können." 

Wieso diese Grassroots-Bewegungen tatsächlich die Kraft haben sollen, das System zum Kippen zu bringen, blieb allerdings unklar. Sicher haben sie durch die sozialen Netzwerke und Internet insgesamt sehr an Verbreitungsdynamik und bewusstseinsprägender Kraft gewonnen. Und in der Tat ist beeindruckend, was überall in der Welt aufpoppt, ob es die Prinzessinnengärten in Berlin sind, der Aufstieg der Sharing Economy (das Modell Carsharing hat längst in anderen Bereichen Schule gemacht) oder die Lohas-Bewegung. Doch wo das leise Wachstum des Discountermarktes den medial lautstark begleiteten Aufstieg des Biomarktes vom Nischensegment für Strickpulliträger zum Mainstream-Produkt um ein Vielfaches übersteigt, scheint bestenfalls vorsichtiger Optimismus angebracht. Dass es ohnehin nicht leicht sein wird, dem demonstrativen Konsum eine andere Richtung zu geben, machte auch die italienische Soziologin Elena Esposito deutlich. Sie deutet den demonstrativen Konsum als Vehikel der Identitätsbildung und Kommunikation. So wahnsinnig dieses Vehikel sein mag, es wird schwer sein, umzuschwenken. Zumal: "Wir müssen uns von der Idee verabschieden, Wirtschaft und Gesellschaft für künftige Generationen planen zu können", sagte Esposito. "Wir können nur unsere Gegenwart als Vergangenheit der nächsten Generation betrachten und gestalten."


Vor dem Kollaps aussteigen


Erfrischend - und konferenzstrategisch ein kluger Schachzug, ihr Gehör zu verschaffen - ist die Haltung der geladenen Asiaten. "Im Westen denken Sie zu viel und sprechen zu viel", sagte Sulak Sivaraksa, einst Soziologe in Berkeley und heute Vortragsreisender und Vertreter des International Network of Engaged Buddhists. Mit sichtlicher Wonne erzählte er von einem Gespräch mit einem Weltbank-Mann. Gefragt nach seinem Verständnis von Wohlstand zählte Sivaraksa auf: "Zufriedenheit, Selbstgenügsamkeit, Großzügigkeit, Bewusstsein von Geist und Körper." Und Geld? "Das ist für uns Altpapier." So einfach ist es natürlich nicht. Dahinter verbirgt sich eine grundsätzlich andere Haltung zum Leben und Menschsein im asiatischen Denken.  

Das Bewusstsein von der wechselseitigen Abhängigkeit der Individuen (ohne Du kein Ich). Das Bewusstsein, dass Mensch und Natur, Mensch und Tier verbunden sind und sich gegenseitig brauchen. Das Bewusstsein der eigenen Vergänglichkeit ("Stellen Sie sich intensiv Ihren eigenen Tod vor", ermunterte Dasho Karma Ura, Präsident des Zentrums für Bhutan-Studien. Wer danach die Augen öffne und feststelle, dass er nicht tot sei, sehe automatisch die Welt anders und verhalte sich bewusster). Das Bewusstsein von der Notwendigkeit, Achtsamkeit zu entwickeln, also im Jetzt zu leben und seine Umwelt aufmerksam, sensibel wahrzunehmen.  

Daraus leiten sich andere Werte und Haltungen ab, die im Alltag zu anderem Verhalten führen können - aber freilich nicht müssen. Schließlich gibt es auch im Buddhismus Gier und Hass, liegen Menschenrechte brach, ist Gewalt in buddhistischen Staaten Alltag. Und schließlich holen die Asiaten selbst beim Konsumieren kräftig auf. Trotzdem gibt die asiatische Perspektive der Diskussion eine neue, belebende Richtung. Konkret gelebt mit dem Bruttosozialglück in Bhutan.  

"Lassen sich die buddhistischen Ideen mit der westlichen Denkweise verbinden?", fragte der Philosoph Peter Sloterdijk zu Beginn seines analytischen Ritts durch die neuere abendländische Geschichte, die die Welt dahin geführt hat, wo sie jetzt steht. Sicher ist: Das Ende des Systems ist systemimmanent. Bisher wurde sein "Zusammenbruchspotenzial" mit endogenen Mitteln leidlich in Schach gehalten. Innovationen, Ausweitung der Märkte, Optimierung der Produktion. Eine Verlängerung der Restlaufzeit werden die neuen Mitspieler China, Indien, Brasilien dem "Pyramidenspiel Kreditismus" (Sloterdijk) verschaffen. Mittelfristig ändert das nichts. Wie also möglichst elegant vor dem Kollaps aussteigen?


Entwicklung zum Vollmenschen


Ob es gelingt, mit "diskursiven Mitteln ein kleines Energiewunder" zu entfachen, das den Menschen zum Umschwung bringt, wie es der Philosoph hofft. Ob es gelingt, die Grassroots-Bewegung zum Motor der Veränderung zu machen, wie es Soziologin Schor glaubt. Ob wir mit meditativen Atemübungen und buddhistischem Bewusstsein unser Denken und Handeln ändern, wie Ura und Sivaraksa hoffen. Ob die Zivilgesellschaft als eine Mittlerin zwischen den "Individualisierungsagenturen Staat und Markt" einer der wichtigsten Motoren auf dem Weg einer nachhaltigen, zukunftsfähigen und doch freien, individualistischen Gesellschaft ist, wie Politologe Herfried Münkler anregt. Oder ob es doch eines politischen Wurfes bedarf, weil Politik die Rahmenbedingungen unseres Handelns festlegt, wie Soziologieprofessor Harald Welzer zu bedenken gab - "sonst bleiben wir vorgärtlerisch". Welches also der beste Hebel zum Wandel ist und wie genau dieser Wandel eigentlich aussehen soll, blieb in der Schlussdiskussion umstritten.  

Kein Wunder. Einfache Lösungen gibt es nicht. Auch über die komplizierten gibt es keine Einigkeit, keine Klarheit. "Mir schwirrt der Kopf", gab der Chef des Denkwerks Zukunft Meinhard Miegel erfrischend offen in seinem Schlusswort zu. "Sicher ist: Es wird nicht automatisch alles gut. Es muss sich etwas ändern." Tröstend knüpfe er an Hirnforscher Hüther an: "Unser Problem ist die Folge menschlichen Handelns, aber nicht der menschlichen Natur. Die Prägungen, die uns vernichten können, sind nicht zwangsläufig. Wir sind nicht ausgeliefert. Die Vision vom reichen Leben war die Idee des alten Europa, jetzt steht mehr an: die Entwicklung zum Vollmenschen."  

Dass es auf diesem Weg noch viel mehr Kontroversen bedarf, als diese Konferenz geboten hat, wurde im Laufe der Debatten deutlich. "Wir haben zu viele leuchtende Augen, zu viel einiges Nicken", rief Harald Welzer sichtlich bewegt. "Aber wer sind unsere Gegner? Wer vertritt die Strategien der Zukunftsfeindlichkeit? Wer verfolgt welche Interessen? Was denkt die gesellschaftliche Majorität, während wir hier reden?" In der Tat, die Kritiker, Lobbyisten und die Beschöniger fehlten. Jene etwa, die sagen: Alles apokalyptische Vermutungsrhetorik. Oder: Das kriegen wir hin. Denen man knallhart vorrechnen müsste, wann die Ressourcen gegangen sein werden, wann wir es selbst merken, jeder in seinem Alltag. Sie fehlten ebenso wie die Ökonomen verschiedener Couleur, die Verteidiger des Bestehenden und die Avantgardisten des Neuen, die aus der Perspektive der Ökonomie konkrete Wege des Umbaus entwickeln und erarbeiten helfen. Das nächste Mal sollen sie dabei sein.  

Lösungen gab es beim Denkwerk Zukunft nicht. Das wäre wohl auch zu viel verlangt. Aber es gab einen weiteren Pflasterstein auf der Straße der Veränderung. Wer aus der Auferstehungskirche hinaus in den eisigen, dunkeln Winter Berlins trat, dem blieb mehr als ein Appell im Ohr: eine gute Portion Emotion. 

Fotos: Denkwerk Zukunft, Jan Konitzki  


Zitate


"Die Suche nach neuen Haltungen hat Konjunktur. ... Die Suche nach anderen Wegen ist verdammt überfällig." Anja Dilk, Report Konferenz "Weichen stellen"

"Wir können nur unsere Gegenwart als Vergangenheit der nächsten Generation betrachten und gestalten." Elena Esposito, Report Konferenz "Weichen stellen"

 

changeX 28.01.2011. Alle Rechte vorbehalten, all rights reserved.

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Autorin

Anja Dilk
Dilk

Anja Dilk ist Berliner Korrespondentin, Autorin und Redakteurin bei changeX.

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