Jetzt aber Stimmung!
Ein Überfall auf die Depression der Deutschen - Protokoll einer ungewöhnlichen Aktion.
Von Anja Dilk
Wie so oft sind die Wissenschaftler von Witten-Herdecke gut für Überraschungen und Querdenkertum. So wundert es wenig, dass die Experten vom Managementzentrum auf ihrem Kongress x-Organisationen die schlechte Stimmung im Land nicht mit vielen Worten, sondern ganz tatkräftig angehen. Mit einer Trauerweide alias Wunschbaum im Regierungsviertel.
Ganz hinten, verborgen im Grün der jungen Birken, stehen die Männer und Frauen mit hohen, schwarzen Hüten. Ihre düsteren Umhänge flattern im schneidenden Novemberwind. "Euphorie!" Bumm, bumm. "Leidenschaft!", brüllen die Trommler. Bumm. Bumm. Dutzende Schlegel knallen im Gleichtakt auf das gespannte Leder. Langsam, wie einen Sarg, tragen die Schwarzhüte eine Trauerweide über den roten Teppich inmitten des Spreebogenparks. Mit Reisigbesen wedeln Hexen das Böse von dem roten Belag. Aus den Lautsprechern dröhnt die Harry-Potter-Melodie. Der Überfall auf die deutsche Depression hat begonnen.

Mit der Peitsche knallen.


Ein Samstagmorgen in der Hauptstadt. Im Spreebogenpark, direkt zwischen Kanzleramt und Abgeordnetenhaus, ist eine gewaltige Aktion im Gang. Arbeiter mit orangenfarbenen Westen und weißen Helmen rollen Absperrbänder aus, die Kollegen stemmen ein Loch aus dem gleichmäßig gewachsenen Rasen mitten im Regierungsviertel, Pressemenschen, Radio- und TV-Reporter rennen mit Block, Mikro und Kamera durch die Reihen. Was passiert hier? Wer ist verantwortlich? Wie finden Sie diese Aktion? Bumm, bumm. "Euphorie! Leidenschaft!" Der Himmel reißt auf. Die Strahlen der Wintersonne fallen auf die Bühne. Der Chor ist dran. "Froh zu sein bedarf es wenig." Aus den Mündern der Sänger schweben weiße Atemwolken in den Himmel. "Wenn wir der deutschen Depression beikommen wollen", ruft der Mann hinter dem Rednerpult, der sich als Psychiater des Sigmund-Freud-Instituts in Wien vorstellt, "müssen wir aktiv werden. Wenn jemand depressiv wird, weil sein Wunsch nicht in Erfüllung geht, soll ihm die Weide hier eins drübergeben. Lassen Sie uns eine peitschende Trauerweide für Deutschland pflanzen. Schluss mit der Depression im Land." 250 Zuschauer in roten, blauen und gelben Überwürfen mit den goldenen Sternen applaudieren. Hurraaa.

Überfall auf die nationale Depression.


Die Deutschen sind depressiv. Das hatte die Universität Witten-Herdecke bereits im September in ihrem Depressionsbarometer amtlich erfasst. Die Auswertung einer bundesweiten Onlineumfrage enthüllt die Stimmung des Landes: Mittelwert 33,7 Punkte, das ist kurz vor der Couch. Ab 35 muss definitiv der Experte ran. Deutschland, armes Depriland. Das darf nicht so bleiben, sagten sich die Managementexperten der Privathochschule und dachten nach. Ergebnis: Ein Überfall muss her. Ein Überfall auf die nationale Depression. Aber wie überfällt man eine Depression?
Ganz einfach. Im Prinzip wie eine Bank: Eine Gruppe gräbt sich nach unten, die andre steht Schmiere, eine dritte setzt die Alarmanlage außer Kraft, öffnet den Tresor und draußen warten bereits Fahrer mit angelassenem Motor. Die nötigen Zutaten: eine Gang und ein Plan. Wie bitte?

Der Kongress im Spiegel seiner Inszenierung.


Wie so oft sind die Wissenschaftler von Witten-Herdecke gut für Überraschungen und Querdenkertum. So wundert es wenig, dass die Experten vom Managementzentrum auf ihrem Kongress x-Organisationen mit den 250 Teilnehmern keinesfalls nur sittsam über die neueren Entwicklungen des systemischen Denkens, über das unklare Schicksal, das Organisationen in der doppelten Anpassung an gesellschaftliche Veränderungen und individuelle Ansprüche heute bevorsteht, sinnieren wollten. Mehr musste her. Eine Attacke auf das Grundsätzliche: die Stimmung in unserem Land. Wie Berater in Unternehmen inszenieren, wie sich Organisationen in Geschichten über sich selbst neu erfinden und Manager mit paradoxen Entscheidungsmöglichkeiten jonglieren, so mussten die Akteure des Überfalls auf diesem Kongress den Angriff auf das Kernmerkmal der Organisation Deutschland inszenieren: die depressive Stimmung.
Was dem Bankräuber die Pistole, das ist dem Überfallkommando die Einbildung. "Geist und Witz, Phantasie und ein guter Schuss an Mut - aus diesen Ingredienzien braut sich die Attacke auf den Code der nationalen Depression; diese Quadriga an Eigenschaften gilt es, in die herrschende Stimmung einzupflanzen", schreibt Chef-Inszenierungsberater Hans Geisslinger von der Story Dealing Company Expedere in seiner Projektskizze zum Überfall auf die deutsche Depression. Welches Pflanzobjekt würde sich da mehr anbieten als die Trauerweide, die einst schon die Kelten pflanzten und in ihre weichen, neuen Triebe Knoten machten, um dort ihre Wünsche zu verankern? Nur wo und wie sie einpflanzen, damit die Aktion auch wahrgenommen und der Angriff auf die Depression erfolgreich wird?

Proben, planen, dichten.


Erster Kongresstag. Pause. Dschubi, dschubi duuu. Hans Geisslinger schlägt die Gitarre. Überfall Schritt eins: Wer macht mit? Gelächter im Auditorium, sieben Leute kommen nach vorn. Unter ihnen ein Berater für social design, ein Wiener, der den deutschen Nachbarn helfen möchte, eine Tunesierin, die Lust auf Depression nach deutscher Art hat. Sie sind es, die in den nächsten eineinhalb Tagen die ernsten Kongressgespräche durch subversives Tun aufheitern werden, Trommler rekrutieren und einen Chor zusammenstellen, die Geld sammeln für das Equipment des Überfalls, die Busse der Berliner Verkehrsbetriebe mieten, um die Kongressteilnehmer zum Ort des Geschehens zu transportieren. Sie sind es, die proben und planen und dichten. Die entscheiden, dass, wo Großes attackiert werden soll, die Attacke an großer Stelle stattfindet: im Zentrum der Macht. Die erdenken, wie sie den Fragen der Staatsgewalt, wenn sie denn naht, eine glaubwürdige Geschichte auftischen, damit die Staatsgewalt sich zufrieden trollt. "Was machen Sie denn hier?" "... einen Pflanzüberfall auf die nationale Depression." Haha, wer so eine Antwort gibt, würde von der Polizei sofort misstrauisch beäugt. Schon gar nicht ließe sie sich davon abhalten, nach einer Genehmigung zu fragen. Der Ausweg: Sich geschickt der Zeichensprache des öffentlichen Raumes, der ungeschriebenen Kommunikationscodices der Gesellschaft bedienen.

Alles ist möglich.


Die Trauerweide im Kanzlerpark ist im Boden versenkt. Stramm an zwei stützende Pfähle rechts und links gebunden, ragt sie in den Berliner Morgenhimmel. Die als Stadtgärtner verkleideten Pflanzer sind zur Seite getreten. Die Plakette vor der Weide ist feierlich enthüllt: "Wünsche dir etwas und dein Wunsch wird wahr."
"Entschuldigung, was machen Sie denn hier?" Die beiden Polizisten schauen sich fragend um. Der Chef der Gang, im gestriegelten Zwirn, eilt herbei. Eine europäische Initiative ... ein völkerverbindendes Kulturprojekt ... ja, ja, gleichzeitig werden im Moment in London, Madrid und Wien Bäume an zentralen Orten gepflanzt ... Darf ich vorstellen, der offizielle Vertreter, EU-Kommissar Jonathan Richhowe ... guten Tag ... "Haben Sie denn eine Genehmigung, mitten im Regierungsviertel einen Baum zu pflanzen?" Oh, ja, eine mündliche Zusage von Herrn Blablabla vom Grünflächenamt, hier, bitteschön, ist unser Faxantrag, der ihm gestern zuging ... nein, die schriftliche Bestätigung war uns bis abends versprochen, sie hat uns leider noch nicht erreicht, Sie wissen ja, wie Verwaltungen sind ... Sie können gern am Montag nachfragen ... ganz bestimmt ... und Sie dürfen sich etwas wünschen, meine Herren, an unserem Zauberbaum. "Wie nett", sagt der Polizist. "Dann werde ich jeden Tag vor Dienstantritt schauen, ob es der Weide gut geht." "In Ordnung", sagt sein Kollege und nimmt noch schnell ein paar Weidensetzlinge für seine Kinder mit. Dann gehen Sie, den Faxantrag in den Händen, zurück zum Kanzleramt.
Erstaunlich, was alles möglich ist, einfach so und für jeden und mitten im Zentrum der Macht in Deutschland. Haben wir da noch Grund, depressiv zu sein?

www.depressionsbarometer.de
www.x-organisationen.de

Anja Dilk ist Redakteurin bei changeX.

© changeX Partnerforum [01.12.2005] Alle Rechte vorbehalten, all rights reserved.

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Anja Dilk ist Berliner Korrespondentin, Autorin und Redakteurin bei changeX.

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