Grundbedürfnis nach Einfachheit

Ein Interview mit Werner Tiki Küstenmacher, dem Autor von Simplify your life.

Von Nina Hesse

Mühselig, kompliziert, langweilig - viele Leute halten ihr eigenes Leben kaum aus, sehnen sich danach, Ballast abzuwerfen. Mit einer Fülle von Tipps leitet Küstenmachers vergnüglicher und nützlicher Ratgeber zum Entrümpeln an.

Werner Tiki Küstenmacher ist gelernter evangelischer Pfarrer und arbeitet als Journalist, Autor und Karikaturist. Der patente Ratgeber Simplify your life, den er zusammen mit Lothar Seiwert geschrieben hat, steht zur Zeit auf den Bestsellerlisten.

Glauben Sie, dass die Resonanz auf Ihr "simplify"-Konzept so groß ist, weil die Menschen in dieser immer komplexer werdenden Welt ein Grundbedürfnis nach Einfachheit haben?
Ich bin immer wieder verblüfft, wie positiv die Leute auf das Wort "simplify" reagieren. Sie begreifen gleich, dass nicht gemeint ist, dass man ohne Strom in einer Holzhütte leben soll. Gerade Leute ab 35 Jahren verstehen das sofort: das Leben vereinfachen, auf das Wesentliche kommen. In diesem Alter hat man Lebensphasen hinter sich, in denen man viel angesammelt hat: Man steigt in den Beruf ein und lernt neue Dinge, begegnet vielen neuen Leuten, man kauft ein Haus oder mietet eine große Wohnung, man schafft Babysachen und tausend andere Gegenstände an. Doch irgendwann muss man den Bogen kriegen und sich wieder verkleinern, den Ballast loswerden.

In Ihrem Buch geben Sie eine Fülle von Tipps. Welcher ist Ihrer Ansicht nach der wichtigste?
Der wichtigste Tipp ist, keine Papierstapel aufzuhäufen, sondern die Unterlagen in verschiedene Fächer einer Hängeregistratur einzuordnen. Das sollte man zum zentralen Organisationsinstrument machen. Und wenn man erst mal seinen Schreibtisch im Griff hat, bekommt man erfahrungsgemäß sein ganzes Leben besser in den Griff.

Dieser Tipp betrifft nur die unterste Stufe Ihrer "simplify-Pyramide". Was ist auf den anderen Stufen besonders entscheidend?
Beim Zeitmanagement ist der wichtigste simplify-Tipp: Versuchen Sie nicht, zwei Dinge gleichzeitig zu machen, konzentrieren sie sich auf eine Sache. Denn sonst schaffen Sie letztlich nichts von dem, was Sie sich vorgenommen haben. Die Folge: Frust, Aufschieberitis. Alle erfolgreichen Menschen haben diese Gabe, hundert Unwichtigkeiten einfach zu lassen und sich auf eine Sache zu stürzen.

Klingt bekannt. Es ist zum Symptom geworden, dass viele Leute gleichzeitig telefonieren und E-Mails bearbeiten ...
Ja, das ist furchtbar. Das merkt man sowohl an den E-Mails als auch an den Telefongesprächen. Ich spüre es sofort, wenn ich mit jemandem telefoniere und derjenige macht noch irgendetwas anderes dabei. Inzwischen nehme ich auch keine Aufträge mehr entgegen, die man mir vom Auto aus telefonisch gibt - die Leute können sich nachher an nichts mehr erinnern.

Und wie ist es mit Tipps auf den weiter oben stehenden Stufen der Pyramide?
Im Bereich Gesundheit sollte man alle Dinge sein lassen, die einem weh tun oder die einen quälen. Gerade im Business-Bereich kenne ich Leute, die seit 20 Jahren keinen Sport mehr gemacht haben und plötzlich Marathon laufen wollten. Dass diese Kandidaten irgendwann crashen, ist vorgezeichnet. Viel besser ist, sich im Alltag mehr zu bewegen: die Treppe zu benutzen, statt den Aufzug zu nehmen, das Auto etwas weiter weg parken und ein paar Schritte mehr machen. Das bringt mehr, als solche Gewaltaktionen.

Was ist der wichtigste Tipp, wenn man sein Privatleben vereinfachen will?
Die meisten Dankschreiben bekomme ich zum Tipp mit der Partnerkommunikation. Er besagt, dass man sich regelmäßig Zeit nehmen sollte, mit seinem Lebensgefährten wirklich zu sprechen - und zwar nicht übers Wetter, die Kinder, die Arbeit und das Haus. Die beste Methode dafür ist, wie wir es im Buch beschreiben, das Zwiegespräch, bei dem man sich nach gewissen Regeln abwechselnd gegenseitig etwas über sich erzählt. Ich habe schon Briefe bekommen von Leute, die meinten, sie sind fast in Ohnmacht gefallen, als sie diese Methode ausprobiert haben - sie haben 20 Jahre lang nicht gewusst, was ihr Ehepartner eigentlich denkt.

Die Spitze Ihrer "simplify-Pyramide" ist, dass man grundlegend über sein Leben nachsinnt.
Dass man einmal formuliert, was man selbst eigentlich will. Die meisten unserer Lebensziele haben wir uns nämlich nicht selbst überlegt, sondern kommen von außen. Zum Beispiel: "Es ist besser, mehr Geld zu haben als weniger", "Es ist gut, im Beruf aufzusteigen" oder "Es ist gut, sehr dünn zu sein und viele Muskeln zu haben." Solche Leitsprüche akzeptieren wir ganz selbstverständlich, ohne uns jemals überlegt zu haben, was eigentlich für uns selbst das Beste ist.

Möglicherweise wirkt gerade die Fülle von Tipps etwas entmutigend, weil man sehr wahrscheinlich Jahre braucht, um den ganzen "Schmetterlingszyklus" zu durchlaufen. Welchen Zeithorizont sollte man sich für diese Veränderungen geben?
Sie haben Recht, die Fülle der Hinweise erschlägt viele Leute. Sie sagen dann: "Um Gottes willen, ich will mein Leben vereinfachen, und jetzt sehe ich so viele Vorschläge. Wenn ich die alle umsetzen muss, wird mein Leben ja noch komplizierter." Aber Simplify your Life ist kein Buch, das man von Anfang bis Ende durchliest und dessen Tipps man dann komplett verwirklichen sollte. Man blättert darin herum und sagt an einigen Stellen: "Aha, das könnte ich probieren." Es reicht eigentlich, wenn man auf jeder Stufe der Pyramide einen Tipp umsetzt - auch die Reihenfolge ist egal. Man kann anfangen, wo man will. Aber man sollte sofort anfangen.

In Ihrem Buch finden sich einige überraschende Fakten: Zum Beispiel, dass Gerümpel dick macht und dass Menschen, deren Wohnungsfußboden mit Gegenständen übersät und kaum noch begehbar ist, finanzielle Probleme haben. Konnten Sie das in der Praxis bestätigen?
Das mit dem Geld und dem Fußboden habe ich in einem anderen Buch entdeckt und seither in meinem Bekanntenkreis immer wieder bestätigt gefunden. Es ist wirklich verblüffend - vor allem, weil man ja denkt, dass das Leute sind, die sehr viel besitzen. Doch es ist wohl eher so, dass die Leute ihr Leben nicht im Griff haben und sich das in ihrer Wohnung abbildet. Es gibt da viele verborgene Zusammenhänge.

Zu Beginn Ihres Buches steht eine Anleitung zum Aufräumen. Ist es nicht auch ein Stück Schicksal, wenn man ein "Messie" ist? Oder kann man sich wirklich dauerhaft ändern?
Viele Leute sagen: "Ich bin eben chaotisch und werde bis zum Lebensende in einem Chaos hausen." Aber - und das sagen auch Spezialisten - das ist ein Zustand, den man beenden kann. Deshalb ist die Hauptbotschaft von Simplify: Es ist möglich! Fang einfach mal an! Es ist viel einfacher, das Chaos zu besiegen, als Alkohol und Kettenrauchen. Wenn man in eine Selbsthilfegruppe geht, dann hat man es schon fast geschafft. Ich kenne einige Leute, die heute aufgeräumt und ordentlich sind und früher in solchen Messie-Gruppen waren.

Als Letztes noch die Gretchenfrage: Sind Sie selbst ein ordentlicher Mensch? Welche Strategie hat Ihnen am meisten gebracht?
Die Tipps habe ich alle selbst ausprobiert. Ich würde sagen, im Bereich Büroorganisation bin ich auf einem guten Weg. Ein echtes Problem habe ich noch beim Thema Zeitmanagement. Ich kämpfe mit der Aufschieberitis und muss mir da auch selbst immer viel predigen.

Nina Hesse ist freie Mitarbeiterin bei changeX.

Lesen Sie dazu auch die Buchbesprechung: Kampf dem Ballast.

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