close

changeX Login

Bitte loggen Sie sich ein, wenn Sie Artikel lesen und changeX nutzen wollen.

Sie haben Ihr Passwort vergessen?
Jetzt neu registrieren.
Barrierefreier Login

Lassen lernen

Kulturtechniken für die Zeitenwende
Essay: Konrad Stadler

Der aktuelle Diskurs einer Zeitenwende richtet sich auf die Brüchigkeit einer fortwährenden Prosperität und das Ende einer Arglosigkeit der westlichen Welt gegenüber feindlichen Regimes. Der folgende Beitrag geht weiter: Wir haben es mit einem geistigen Epochenwandel zu tun. Danach schwindet der moderne Glaube an die Machbarkeit der Welt. Aus den Erfahrungen dicht aufeinanderfolgender Großkrisen stellen sich die Menschen darauf ein, mit Veränderungen zu leben und einen Umgang mit dem Unerwarteten zu finden. Man kann von einem Bewusstseinswandel sprechen, der nach neuen Kulturtechniken verlangt.

In diesen Tagen ist viel von einer Zeitenwende die Rede. Seit dem Ende des Kalten Krieges vor über 30 Jahren ist in der westlichen Welt der Eindruck entstanden, militärische Bedrohungen seien für alle Zeit zu Ende. Und nun der Krieg auf dem europäischen Kontinent. Die Zeitenwende sagt etwas über das Ende der Fantasie vom selbstverständlichen Frieden aus. Der dadurch ausgelöste Schock führt naturgemäß zum einen in eine Schockstarre, zu Unverständnis, Wut, Angst und Trauer. Zum anderen wird offenbar, dass die angesprochene Zeitenwende nicht nur geopolitisch zu verstehen ist und eine neue Wachsamkeit gegenüber feindlichen Gesinnungen erzeugt. 

Der Krieg in der Ukraine reiht sich ein in eine dichte Folge unvorhergesehener Ereignisse der letzten Jahrzehnte, die tief in das Leben der Menschen eingegriffen haben, scheinbar unverrückbare Wahrheiten umgeworfen und Vorzeichen grundlegend verändert haben. Niemand hat den Krieg in der Ukraine vorhergesehen, niemand die Coronapandemie, niemand die Flüchtlingskrise, und Heerscharen von Ökonomen, Bankern und Analysten haben 2008 nicht mit der Finanzkrise gerechnet. Natürlich gab es immer einzelne Stimmen, die davor gewarnt haben, dass dereinst das Finanzsystem zusammenbrechen könne, dass die Wahrscheinlichkeit von Epidemien und Pandemien gegeben sei oder dass Putin etwas im Schilde führe. Doch bewusst oder unbewusst sind die meisten davon ausgegangen, dass wir - ökologische Krise hin oder her - in einer weitestgehend planbaren und kontinuierlich sich fortentwickelnden Welt leben. 

Die Idee der Planbarkeit und der Kontrolle der Ereignisse ist ein Wesensmerkmal der Neuzeit. Der moderne Mensch sieht sich in der Lage, das Leben nach seinen Vorstellungen auszurichten. Dies ist in der Menschheitsgeschichte radikal neu. Im Mittelalter gab es das Lebensbild des Viator Mundi, des Reisenden durch die Welt. Der Mensch lässt sich demnach durch sein Leben treiben, er wandert mit so manchen Beschwerden, um schließlich die Welt wieder zu verlassen. Er ist ein Durchreisender, der nicht im Diesseits beheimatet ist, sondern im Jenseits. In der Renaissance entsteht der Faber Mundi, ein Schaffender und Beherrscher der Welt. Der Mensch behauptet nun einen Gestaltungsanspruch, er versteht sich als Künstler und Erbauer der Welt. In der Moderne wird daraus der Homo Faber, ein aktiver Veränderer, der seine Umwelt nach seinen Vorstellungen formt. Heute sprechen wir vom Macher. Das Glück ist machbar, so lautet der Wahlspruch. Das Leben wird gemacht. Es ist das Ergebnis eines bewussten und geplanten Herstellungsprozesses. Diese Überzeugung und dieser Geisteszustand bestimmen die Gegenwart.


Das Leben geschieht


Der Bewusstseinsforscher und Therapeut Wilfried Nelles zeigt anhand des Lebenslaufes eines Menschen, wie sich das Leben von selbst entfaltet und entwickelt. Schon die Befruchtung des Eies durch den Samen ist kein Zeugen im Sinne des Kindermachens, sondern ein eigenwilliger Vorgang, bei dem von Millionen von Samen ein einziger zum Zuge kommt. Auch die Geburt eines Menschen vollzieht sich mehr, als dass sie bewusst gesteuert würde. Lebensphasen wie die Kindheit, die Jugend, das Erwachsenenalter, das Alter erfolgen ebenso wie der Tod aufgrund einer inneren Entwicklung, die ganz unabhängig von gestaltenden Eingriffen von außen vonstattengeht. Auf diese Weise geschieht das Leben und wird nicht gemacht. 

Die Fortschritte in Wissenschaft, Medizin und Technik haben uns in dem Glauben bestärkt, die Welt sei machbar. Fortschrittsoptimisten wie der amerikanische Psychologe Steven Pinker weisen nach, wie durch rationales Denken das Wohlstandsniveau seit der Industrialisierung auf der ganzen Welt angehoben werden konnte. Nachkriegsdeutschland hat bis vor Kurzem einen mehr oder weniger kontinuierlichen Aufstieg erlebt. Da liegt es nahe, anzunehmen, dass Lebenspläne aufgehen und bei einer gewissen Anstrengung alles so laufen kann, wie man es sich vorstellt. 

Die unerwarteten Katastrophen sprechen eine andere Sprache. Sie zeigen: Der Mensch kann sein Leben nur bis zu einem bestimmten Grad eigenmächtig erzeugen. Ein beträchtlicher Teil des Lebens ist der Umgang mit dem, was unabhängig von den eigenen Vorstellungen entsteht und sich dem Einzelnen entgegenstellt. Man begegnet einem Menschen und weiß plötzlich, dass man mit diesem zusammenbleiben möchte. Begegnungen passieren ebenso wie ein einzelner Satz, den man hört oder liest, der einem nicht mehr aus dem Kopf geht und an Bedeutung gewinnt, obwohl man täglich unzählige Sätze hört. Oder es geschieht ein Unfall. Der ehemalige Spitzensportler Boris Grundl ist nach einem Klippensprung querschnittsgelähmt. Der heutige Managementtrainer kommt zu einem unglaublichen Schluss: Er würde wieder springen. Grundl begründet dies mit einer Persönlichkeitsentwicklung und einer Erkenntnistiefe, die ihm ohne diese Erfahrung verwehrt geblieben wäre. 

Derlei Schlüsselerlebnisse sind der Ausgangspunkt für ein neues Denken, ja eine neue Weltsicht. In einer tieferen Schicht entpuppt sich die Zeitenwende als ein geistiger Epochenwandel. Zu Ende geht das industrielle Zeitalter, das mechanistische Weltbild, in dem sich der Mensch als der Herr über alle Materie gesehen hat. Alles kann zerlegt, erkundet und neu zusammengebaut werden bis hin zur Spaltung des Atomkerns, so lautet das Credo der Neuzeit. Alle Grenzen sind überwindbar, der Urlaub im All ist nur eine Frage entsprechender Investitionen. Doch heute sind planetarische und psychische Grenzen deutlich ablesbar. Das rauschhafte Denken der unbegrenzten Möglichkeiten verliert an Glaubwürdigkeit und stellt sich als Selbstüberschätzung und Selbstüberhöhung heraus. 


Bewusstseinswandel


Erlebnisse von Großkatastrophen, die eine hochgradig geordnete Welt in kurzer Zeit in labile Zustände versetzen, stoßen einen Bewusstseinswandel an. Die Ideologie der Machbarkeit schwindet. Es entsteht zunächst das bange Gefühl, als ginge die Kontrolle verloren und man nähere sich dem Abgrund. Gleichzeitig zeigen die Krisenereignisse, dass neben Verwerfungen und Leid neue Lösungsansätze entstehen. Die Coronakrise hat den Wert von Familie und Freundeskreisen deutlich gemacht. Der Krieg in der Ukraine bindet die demokratischen Nationen wieder enger aneinander und macht allen klar, dass der Erhalt von Freiheit kein Selbstläufer ist, sondern einen aktiven Schulterschluss erfordert. Großen materiellen Verlusten werden ideelle Handlungen wie Hilfslieferungen und Kundgebungen zur moralischen Unterstützung entgegengehalten. Die Menschen besinnen sich auf den Wert von Frieden und die Stärke von Zusammenhalt. Die Abstinenz vom täuschend billigen Gas muss eine führende Industrienation wie Deutschland dazu bringen, längst überfällige Reformen nicht nur in Aussicht zu stellen, sondern schnellstens umzusetzen. Dazu zählt nicht nur die Energiewende. Es geht um ein neues Selbstbild hin zu einer größeren Wertschätzung und Unterstützung der Wissensökonomie rund um designende, beratende oder forschende Berufe. 

Der Soziologe Hartmut Rosa beschreibt den Bewusstseinswandel als ein neues Verhältnis von Mensch und Welt. Der moderne Mensch hat nach Rosa zwar seine Reichweite ständig erweitert, was sich allein in modernen Kommunikations- und Mobilitätssystemen zeigt. Doch nicht die Menge an Erlebnissen, nicht die Entfernung der Urlaubsreise, nicht die Quantität zählt, sondern die Qualität. Wie intensiv erlebe ich etwas, wie intensiv erlebe ich Mitmenschlichkeit oder Natureindrücke. Rosa spricht davon, in Resonanz zu kommen, in Übereinstimmung, in einen Gleichklang mit anderen Menschen, mit einem Musikstück, mit einer Landschaft. 

So sehr uns Katastrophen zu schaffen machen und einschränken, so sehr helfen diese, sich der Qualitäten des Lebens bewusst zu werden. Sie verhelfen zur Selbstbescheidung und öffnen die Tür für neue Orientierungen und Lebensüberzeugungen. Die Kurzformel dafür könnte lauten: Vom Machen zum Lassen.


Vom Machen zum Lassen


Ein souveräner Mensch, so glauben wir, weiß in jeder Lebenslage, was zu tun ist. Politiker und Manager warten mit Handlungsprogrammen auf, damit kein Zweifel aufkommt, die Situation im Griff zu haben. Selbstverständlich müssen nach einer Naturkatastrophe Maßnahmen eingeleitet werden. Logisch bedarf es in einem Unternehmen, das in die roten Zahlen geraten ist, einer Aktion. Diese Aktionen sind aber oft einfach Reaktionen, reflexhafte Handlungen, Gegenattacken. Derlei Reaktionsmechanismen kommen auch im Alltagsleben vor. Das Kind kommt mit schlechten Noten nach Hause, sofort wird eine Nachhilfe eingeleitet. Die Frau erzählt von hohen Belastungen in der Arbeit. Gleich drängt es den Ehemann nach Ratschlägen und möglichen Auswegen. Hier kommt der Modus des Machens zum Ausdruck. 

Im Modus des Lassens passiert etwas anderes. Die Eltern bleiben mit Blick auf die verkorkste Matheschulaufgabe gelassen. Anstatt das Kind zu drängen, setzen sie sich am Abend zusammen und denken über ihr eigenes Leben nach. Nehmen wir uns genügend Zeit für unsere Kinder? Wie wollen wir unser Familienleben gestalten? Sie lassen die Situation auf sich wirken und kommen auf ganz andere Ideen als auf Nachhilfe. Der Ehemann im Beispiel ist verwundert, als ihn seine Frau einbremst, sie brauche keine Ratschläge, sondern nur jemand, der zuhört. Der Machermann kann damit schwer umgehen, er fühlt sich hilflos. Nur zuhören. Für ihn wäre es einfacher, einen Schlachtplan zu entwerfen, Stellenausschreibungen zu durchforsten oder auf irgendeinen Tisch zu hauen. 

Auf ein ähnliches Phänomen trifft man in Führungsgremien und Projektteams. Es werden Programme verabschiedet und To-do-Listen vollgeschrieben, schließlich muss etwas passieren. Dabei spüren alle, dass man noch keine gemeinsame Basis hat. Man hat sich noch nicht einmal richtig kennengelernt, geschweige denn verstehen gelernt. Man hat sich nicht aufeinander eingelassen, jeder bleibt in seiner Vorstellungswelt. Entsprechend verpuffen Strategien, Restrukturierungen, Maßnahmenpakete. Wie hilfreich wäre es, sich wirklich miteinander zu beschäftigen, zuzuhören, auf den anderen einzugehen, anderen Standpunkten auf den Grund zu gehen, ein gemeinsames Bild zu formen. Aus dem Zulassen, aus der Entspannung erwachsen Einsichten. Man bekommt nach und nach ein Gefühl für die Gesamtsituation. In einer guten Gesprächsrunde schält sich etwas heraus. Von einem gemeinsam hergeleiteten Ergebnis aus zu handeln, hat Kraft. 

Die Kunst des Lassens zeigt sich auch bei der Mitarbeiterführung. Abteilungsleiter stürzen sich auf Tagesprobleme, eilen in die Fertigung, um bei der Lösung eines technischen Defekts mitzumischen. Der Vorarbeiter hat dann den Meister, den Gruppenleiter und den Abteilungsleiter um sich herum, die alle irgendetwas machen wollen. Vernünftiger wäre es, den Vorarbeiter mit seiner Mannschaft machen zu lassen. Das hieße nicht, nichts zu tun. Zum Beispiel könnte darauf geachtet werden, ob das Problem richtig angegangen wird, ob das Qualitätsmanagement ordentlich arbeitet und ob die Maßnahmen greifen - alles, bloß den Spezialisten vor Ort ihren Platz nicht nehmen. Der Führungsrolle wird das Lassen oftmals mehr gerecht als das Machen. Führungskräfte können nachgerade zu Verhinderern werden, wenn ihr Gesprächsanteil in Besprechungen 70 Prozent überschreitet, wenn sie andere Gedankengänge als die eigenen nicht zulassen können und Mitarbeiter nicht vorlassen können.


Programmatik für einen offenen Lebensentwurf


Etwas auf sich wirken zu lassen, sich auf etwas einzulassen, erst einmal nicht zu machen, sondern innezuhalten, zu warten, sich Zeit zu nehmen, aufmerksam zu sein. Eine neue Zeit, eine neue Weltsicht bedarf neuer Herangehensweisen. Der Managementforscher Claus Otto Scharmer beschreibt, wie wir im Zeitalter der Informationsüberflutung dazu neigen, immer wieder auf dieselben Lösungsmuster zuzugreifen. Obwohl viel von Innovation die Rede ist, wird in Organisationen viel reproduziert und wenig neu gedacht. Copy and paste ist zu einer Kulturtechnik geworden. Um Lösungen für die Zukunft zu finden und nicht nur Lösungen aus der Vergangenheit aufzuwärmen, heißt es deshalb als Erstes, aus dem Hamsterrad auszusteigen, von der hohen Drehzahl herunterzukommen und ruhig zu werden; am besten einfach mal anhalten und nichts tun. Scharmer beschreibt eine Sozialtechnik, für die er das Kunstwort "Presencing" entwickelt. Es setzt sich aus "Presence", die Gegenwart, und "Sensing", Spüren und Tasten, zusammen. Presencing bedeutet, ein Gespür dafür zu bekommen, was sich aus dem Künftigen bereits heute ankündigt. Es beginnt mit einer Unterbrechung des Herunterladens. Scharmer spricht davon, die Stimme des Urteils abklingen zu lassen und eben nicht sofort zu allem etwas parat zu haben. Teams durchlaufen einen Prozess der Öffnung. Der erste Schritt ist eine gedankliche Öffnung, die mit einem genauen Hinhören auf das zusammenhängt, was andere mitteilen. Im zweiten Schritt findet eine emotionale Öffnung statt, ein Hineinversetzen in die Gesprächspartner. Auf der so geschaffenen Vertrauensbasis ist der dritte Schritt möglich: ein schöpferisches Zuhören, ein gemeinsames Gestalten und ein gemeinsames Ausprobieren. 

Diese Findungsphase legt die Basis für eine Vorgehensweise, die der Philosoph Karl Raimund Popper als ein Handeln durch Versuch und Irrtum beschrieben hat. Der Mensch kann die Zukunft nicht vorhersehen. Ihm bleibt nichts anderes übrig, als sich vorzutasten und sich dabei seines möglichen Irrtums bewusst zu sein. Diese Methodik unterscheidet sich von einer Mentalität, die angibt, genau das Richtige zu machen. Sie baut auf einer reifen Fehlerkultur, die von sozialer Sensibilität getragen ist. Poppers Wahlspruch ist: Vielleicht irre ich und du hast recht. Das gemeinsame Ausprobieren und die Bereitschaft, einen Irrtum zu erkennen, ein kritisches Feedback anzunehmen und von seiner bisherigen Überzeugung abzulassen, ist nicht nur eine Arbeitsmethodik, sondern eine Lebensweise. 

Popper hat Kommunikationsregeln für eine Lernkultur aufgestellt. Er spricht von "Rechten und Pflichten derer, die von ihren Mitmenschen lernen wollen". Wichtig ist ihm dabei, auf Spitzfindigkeiten und rhetorische Kniffe zu verzichten. Menschen lernen dann voneinander, wenn sie dem anderen wohlwollend gegenüberstehen, und vor allem, wenn sich jeder klar und nachvollziehbar ausdrücken kann. Eine einfache Sprache und die Fähigkeit, Kritik anzunehmen, sind die Rezeptur für gewinnbringende Gespräche. Poppers Ziel ist eine offene Gesellschaft, die im Gegensatz zu einer Stammesgesellschaft lern- und veränderungsfähig ist. In der Stammesgesellschaft werden herrschende Verhältnisse zementiert und Probleme zugunsten einer privilegierten Gruppe tabuisiert. Die offene Gesellschaft - und in übertragener Form eine offene Unternehmenskultur - ist gekennzeichnet durch Transparenz und Kritikfähigkeit. 

Die sozialen Techniken von Scharmer und Popper geben eine Handreichung für Teams und Gruppen, mit einer schwer zu berechnenden Zukunft und einer Welt im Wandel klarzukommen. Sie bauen auf eine Offenheit des Denkens und des Fühlens, auf ein Gefasstsein darauf, dass das Kommende ganz anders sein kann als das Gewesene. Sie trauen den Menschen eine Lern- und eine Veränderungsfähigkeit zu, wenn diese sich nur einem gemeinsamen Erkenntnisprozess hingeben. Diese Programmatik ist nicht nur für Management und Politik relevant. Sie gilt bis hinein ins Private. Junge Paare entscheiden sich für einen Wohnort und eine Familiengründung. So weit der einigermaßen planbare Teil. Auf ihrem Lebensweg aber wird viel Unerwartetes geschehen, das ganze Leben kann sich ändern. Wenn sie entsprechend einem offenen Lebensentwurf eine Gesprächskultur entwickeln, werden sie nicht aus der Bahn geworfen, sondern sind in der Lage, aus allem etwas zu machen.


Eine Handlungsanleitung


Wie kann man sich für eine Welt wappnen, in der Lieferketten, politische Konstellationen und selbstredend alle Einflüsse auf die gemeinsame Umwelt so unmittelbar aufeinander bezogen sind, dass Einzelereignisse Auswirkungen auf alle haben? Welche Lebensstrategien werden der Einsicht gerecht, dass der Einzelne, aber auch ganze Staaten und Volkswirtschaften Realitäten gegenüberstehen, die sie sich selbst nicht ausgesucht haben. Eine Lösung kann darin bestehen, gegen das Unerwartete, das Neue, das andere nicht anzukämpfen. Wie bei der japanischen Kampfkunst Aikido kann die einwirkende Kraft umgelenkt und für die eigene Entwicklung genutzt werden. Als Handlungsanleitung kann ein Dreischritt dienen. Am Anfang steht das Sicheinlassen auf das Geschehen des Lebens, das immer auch einem Wandel unterliegt und Veränderung bedeutet. 

Das Geschehenlassen ist kein passiver und tauber Vorgang. Immer wieder ruft einem das Leben etwas zu. Veränderungen klopfen an die Tür und wecken einen auf. Man muss dann aufstehen, sich auf den Weg machen und Antworten finden. Der Arbeitgeber strukturiert um, und auch meine Stelle ändert sich. Was mache ich damit? Mein Geschäftspartner möchte sich verändern und sich mehr seiner Familie widmen. Wie richte ich mich aus? Ich kann das Leben nicht allein bestimmen, aber ich kann - und das ist der zweite Schritt - die entstehenden Fragen aufgreifen und nach Antworten suchen. Ein Leben ohne Herausforderungen wäre keines. Das Paradies ist statisch und deshalb nur ein Traumbild, aber kein echtes Leben. Das echte Leben zeigt sich in den Anforderungen, auch in den Lasten und in der Ungewissheit. Aus dieser Erfahrung leitet sich drittens eine Ausrichtung für das weitere Tun ab. 

Instrumentell kann ein passender Umgang mit Veränderungen mit zwei Sensoren veranschaulicht werden. Der eine Sensor richtet sich nach innen, der andere nach außen. Der innere Sensor ist wie eine Standortbestimmung: Wo hat mich das Leben hingeführt? Was heißt das für mich? Wie kann diese Reise weitergehen? Welcher Ahnung folge ich? Der äußere Sensor nimmt das auf, was von außen auf mich zukommt. Was tut sich in der Welt? Was kommt auf mich zu? Wie wirken Veränderungen und Wandel auf mich ein? Dieser Sensor gleicht dem wachen Blick auf das, was gerade abläuft und sich ergibt. Vieles im Leben ergibt sich. Begegnungen, Ereignisse, Gespräche sind Boten, die einem etwas entgegenbringen. Man erfährt von einem neuen Projekt und es ergeben sich berufliche und private Anknüpfungspunkte. Es wird einem ein Buch empfohlen, das einem ganz neue Aspekte und wichtige Hinweise für die aktuelle Lebenssituation vermittelt. Wer die Lebensbewegungen wahrnimmt, sieht offene Türen vor sich. Plötzlich ist man nicht mehr unglücklich über die Absage des einen Kunden, weil sich bei einem anderen eine vielversprechende Zusammenarbeit anbahnt. Der Sensor nimmt die Fragen auf, die in der Luft liegen. Welche Folgen hat die Coronapandemie, könnte heute gefragt werden. Welche Antworten finden wir auf den Krieg in der Ukraine? Welche neuen Denkansätze sind notwendig? 

Weder die Innenschau noch die Außenschau sind trivial. Es besteht sogar die Gefahr eines vermeintlichen Könnens. Ganz nach dem Motto: Ich weiß, was für mich richtig ist, und nehme doch wahr, was andere sagen und was in der Welt passiert. Scharmer würde vom fatalen Modus des Herunterladens sprechen, und Popper würde hinterfragen, was das Aufgenommene für einen selbst wirklich bedeutet und was nun richtig wäre zu tun. Was die Innenschau anbelangt, tun sich viele schon schwer, einmal ohne jegliche Ablenkung auszukommen. Selbst in der Freizeit wird Action gemacht. Führungskräfte hetzen von Besprechung zu Besprechung. Wie soll hierbei Empathie und ein schöpferischer Prozess in einem Team entstehen? Deshalb ist es essenziell, immer wieder Abstand zu gewinnen und sich mit ganz unterschiedlichen Menschen auseinanderzusetzen. Wer sich dafür Zeit nimmt - auch für sich selbst -, hat einen Anfang gemacht.


Antwortbereitschaft anstatt Anhaften


Angesichts großer unvorhergesehener Weltereignisse stellt sich die Frage, wie man sich auf den Wandel einstellen kann. Dies gilt für Institutionen und Individuen gleichermaßen. Ein Veränderungsbewusstsein zeichnet sich dadurch aus, dass es den Wandel als eine Konstante annimmt und nicht negativ interpretiert. Der Kern dieses Bewusstseins liegt in einer Antwortbereitschaft anstelle eines Anhaftens. Mit Anhaften ist das Sichklammern an Ansichten und eigene Überzeugungen gemeint. Dahinter liegt der Glaube an einen gelingenden Zivilisationsprozess. Bei allen Rückschlägen bis hin zur Barbarei werden die Errungenschaften und Potenziale des menschlichen Zusammenlebens in den Vordergrund gestellt. Der buddhistischen Lehre gilt das Anhaften als das größte Unglück, weil das Leben als etwas Dynamisches und sich Fortentwickelndes betrachtet wird. 

Die Antwortbereitschaft richtet sich auf die Zukunft. Es drückt sich darin eine Haltung des Erwartens aus, das Gegenteil von Zukunftsangst. Etwas kommt auf mich zu und fordert mich heraus. Die Antwortbereitschaft ist an die Tugend des Erduldens gekoppelt. Es gibt nicht immer gleich für alles eine Lösung. Unbefriedigende Zustände müssen ausgehalten werden, es muss abgewartet werden, weil Neuentwicklungen ihre Zeit brauchen, weil vieles komplexen Zusammenhängen unterliegt und nicht linear gemanagt werden kann. Hier drücken sich die passenden Kulturtechniken für den Ausgang aus dem neuzeitlichen Macherbewusstsein aus: sich einlassen können, sensibel sein für das Kommende, antwortbereit sein, nicht anhaften, Übergangszustände aushalten können, Rückschläge erdulden können, an die offene Gesellschaft glauben. 


Zitate


"Das Leben geschieht und wird nicht gemacht." Konrad Stadler: Lassen lernen

"In einer tieferen Schicht entpuppt sich die Zeitenwende als ein geistiger Epochenwandel." Konrad Stadler: Lassen lernen

"Die Ideologie der Machbarkeit schwindet." Konrad Stadler: Lassen lernen

"Der Führungsrolle wird das Lassen oftmals mehr gerecht als das Machen." Konrad Stadler: Lassen lernen

"Ein Leben ohne Herausforderungen wäre keines. Das Paradies ist statisch und deshalb nur ein Traumbild, aber kein echtes Leben. Das echte Leben zeigt sich in den Anforderungen, auch in den Lasten und in der Ungewissheit." Konrad Stadler: Lassen lernen

"Vieles im Leben ergibt sich." Konrad Stadler: Lassen lernen

 

changeX 14.04.2022. Alle Rechte vorbehalten, all rights reserved.

Artikeltools

PDF öffnen

Ausgewählte Beiträge zum Thema

Regeln gegenseitigen Verstehens

"Rechte und Pflichten derer, die von ihren Mitmenschen lernen wollen" - von Karl Raimund Popper zu Poppers Regeln

Handeln von der Zukunft her

Wie man von einer im Entstehen begriffenen Zukunft lernen kann - ein Essay von Claus Otto Scharmer und Katrin Käufer zum Essay

Unternehmen mit Sinn

Wie Veränderung zu einer Kultur wird und was das für Führungskräfte bedeutet – ein Essay von Konrad Stadler. zum Essay

Quellenangaben

Zum Buch

: Veränderungsbewusstsein. Eine Anleitung zum neuen Umgang mit dem Wandel. BusinessVillage, Göttingen 2021, 232 Seiten, 24.95 Euro (D), ISBN 978-3-86980-596-2

Veränderungsbewusstsein

Buch bestellen bei
Osiander
genialokal
Amazon

Autor

Konrad Stadler
Stadler

Der studierte Philosoph Konrad Stadler berät seit über 25 Jahren internationale Konzerne und mittelständische Unternehmen bei Veränderungs-prozessen. Er ist Vortragsredner und Trainer zu den Themen Führung und Kulturwandel. Von ihm sind erschienen Die Kultur des Veränderns (2009) sowie Veränderungsbewusstsein (2021). © Foto: https://www.stadler-schott.de/

nach oben