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Die lichte Seite der Wut

Wutkraft - ein Interview mit Friederike von Aderkas
Interview: Winfried Kretschmer

Wut ist verpönt, gilt als ungehörige Emotion. Erst in jüngster Zeit hat man erkannt, dass unterdrückte Wut krank machen kann. Eine Buchautorin geht nun einen Schritt weiter. Sie begreift Wut als eine Kraft, die sich nutzen lässt. Und sagt: "Wut ist Energie. In ihr steckt die Kraft zur Veränderung."

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Friederike von Aderkas ist Diplompädagogin und systemische Coachin. In ihren Wutseminaren unterstützt sie Menschen, ihre Wut besser kennenzulernen und positiv einzusetzen. Im Beltz Verlag ist ihr Buch Wutkraft erschienen.
 

Ein Zufallsfund in der Zeitung heute Morgen: Ein 19-jähriger Fahranfänger in Oberfranken hat vor Wut mit den Fäusten auf sein eigenes Auto eingeschlagen - kein Benzin mehr, kein Handy dabei. Jetzt hat er ein paar Dellen im Auto. Ein Fall von Wutkraft? Eher nicht, oder? 

Nein. Wenn ich von Wutkraft spreche, beziehe ich mich auf die lichte Seite der Wut, also die Aspekte, in denen sie mir dient. Die Szene mit dem Fahranfänger entspricht der Schattenseite der Wut. Also dem Ausdruck, der dem weitverbreiteten Image der Wut, dem zerstörerischen und gewalttätigen Anteil, gerecht wird. 

Dellen im Auto sind Ausdruck von Zerstörung von Materie im Außen. Doch nicht nur das, vermutlich hat sich der Mann auch selbst verletzt bei dieser Handlung. Das ist nicht die Form von Kraft, auf die ich mich mit Wutkraft beziehe.
 

Wut ist verpönt, gilt als ungehörige Emotion. Über alle Kulturen und Zeiten hinweg galt Wut als etwas Schädliches, unbedingt zu Vermeidendes. Erst in jüngster Zeit hat sich die Einschätzung von Wut gewandelt. Wie kam es dazu? 

Unsere Vorfahren haben die zerstörerische Kraft der Wut am eigenen Leib erfahren, durch Kriege, körperliche und seelische Gewalt und Zerstörung. Für viele war das Abschreckung genug und hat dazu geführt, diese Kraft nicht für sich zu beanspruchen. Erst nach und nach reift die Erkenntnis, dass Wut eine Kraft ist, die mich unterstützt, zu benennen, was für mich nicht stimmt, und die ich für Veränderung nutzen kann. Dabei spielt die Wahrnehmung der eigenen Bedürfnisse und Grenzen eine entscheidende Rolle. Nur wenn mir dieser Zugang zur Verfügung steht, kann ich mich positionieren und mitgestalten.
 

Man hat auch erkannt, dass unterdrückte Wut krank machen kann? 

Ja, Forscher, Ärzte und Psychoanalytiker haben weitreichende Erkenntnisse dazu gewonnen. Darunter zum Beispiel, dass unterdrückte Wut zu erhöhtem Herzinfarktrisiko, zu Bluthochdruck und Magengeschwüren führen kann. Gabor Maté, ein kanadischer Mediziner, spricht bei Unterdrückung der Wut von einer Schwächung des Immunsystems durch eine verminderte Aktivität der natürlichen Killerzellen, die für die Wahrung unserer persönlichen Grenzen verantwortlich sind. Folge davon können Krebserkrankungen oder auch schwerwiegende Infektionen sein. Depression und Bulimie werden ebenfalls in Verbindung damit gebracht. Unterdrückte Wut steht auch in Zusammenhang mit selbstverletzendem Verhalten, da die eigene Wut, statt ausgesprochen zu werden, gegen sich selbst gerichtet wird - sowohl körperlich wie auch mental.
 

Da ist es noch ein guter Schritt hin zur Einsicht, dass Wut auch etwas Positives sein kann. Es war Marshall B. Rosenberg, der Begründer der Gewaltfreien Kommunikation, der das als Erster erkannt hat? 

Ob Marshall B. Rosenberg der Erste war, der das erkannt hat, das wage ich nicht zu beurteilen. Er hat sich mit dem Thema Wut beschäftigt hat und steht dafür, dass ich wütend werde, wenn mein Gegenüber sich nicht so verhält, wie ich es von ihm erwarte. Innerhalb seiner sogenannten Wolfsshow (Ärgershow) gibt er Platz für den Ausdruck der Wut. Diese kann sowohl im Kopf oder auch einem dafür bewusst geschaffenen Setting zum Ausdruck kommen. Die Erlaubnis an mich selbst, meine Wut wahrzunehmen und mich in Kontakt mit ihr zu bringen, ist eine kraftvolle Ressource, um Selbstfürsorge zu betreiben - indem ich für meine (unerfüllten) Bedürfnisse einstehe.
 

Sie gehen damit einen Schritt weiter und begreifen Wut als eine Kraft, die sich nutzen lässt. Sie sprechen von der "Entdeckung der Wutkraft". Was genau verstehen Sie unter Wutkraft? 

Wutkraft ist für mich die Seite der Wut, die mir in meinen Beziehungen und Alltagskontakten dient, da sie mich darüber informiert, was für mich nicht stimmt. Sie unterstützt mich dabei, ins Handeln zu kommen und Klarheit zu gewinnen.
 

Ganz konkret: Wie nutzt man seine Wutkraft? Nehmen wir doch den Fall des 19-jährigen Fahranfängers. Was hätte er tun können, um seine Wut positiv zu wenden? 

Der Fahranfänger ist vermutlich wütend, weil es für ihn nicht stimmt, dass er mit leerem Tank und ohne sein Handy feststeckt. Seine Wutkraft genutzt, dient sie ihm, sich Klarheit zu verschaffen und zu handeln. Mögliche Handlungen könnten sein, den Daumen zum Trampen rauszustrecken, um Benzin zu holen. Die Fahrerin, die anhält, zu bitten, jemanden anzurufen, der Hilfe bringt. Oder auch loszugehen und in Aktion zu treten. Das körperliche Ausagieren der Wut verändert nichts zum Positiven in der aktuellen Situation - im Gegenteil: Dellen im Auto und vermutlich blaue Flecken sind Ausdruck von Zerstörung - im Außen am Auto und gegen sich selbst körperlich.
 

Ihr Buch versteht sich als eine Handlungsanleitung für einen besseren Umgang mit Wut. Es sind drei Schritte, die es dem Leser nahelegt: Wut auf eine neue Weise sehen, mit Wut experimentieren und Wut nutzen. Können Sie uns dieses Vorgehen kurz erläutern? 

Für einen neuen Umgang mit meiner und der Wut anderer ist es notwendig, dass ich einen neuen Blick auf die Wut bekomme und aufhöre, gegen sie zu arbeiten - sprich: sie nicht haben zu wollen, sie abzuwerten oder gar zu verteufeln. So ermöglicht das Buch im ersten Teil, eine neue Sichtweise zu finden und eine Idee davon zu bekommen, wo mich meine unterdrückte Wut bisher eingeschränkt oder wobei sie mir geholfen hat. Im zweiten Teil geht es vor allem darum, mit dieser neuen Erkenntnis Erfahrungen zu machen. Also zu experimentieren und herauszufinden, welche Möglichkeiten dieser Ansatz für mich beinhaltet und wie ich anders für mich sorgen kann, um meine Beziehungen aktiver und selbstverantwortlich zu gestalten. Der dritte Teil eröffnet die Möglichkeit, aktiv zu werden und meine Wut für mich zu nutzen. Indem ich lerne, bei mir zu bleiben, Verantwortung für meine Handlungen zu übernehmen, Position zu beziehen, aus der Opferrolle auszusteigen und für mehr Wahrhaftigkeit und Ehrlichkeit in meinen Freundschaften und Beziehungen zu sorgen.
 

Wut kann auch negative Folgen haben. Unser Fahranfänger hat sich blutige Hände geholt und muss, so die Polizei, unter Umständen noch mal in die Fahrschule. Wie vermeiden wir ungewollte Folgen von Wutausbrüchen? 

Indem wir uns erlauben, unsere Wut viel früher wahrzunehmen. Nicht selten sind heftige Wutausbrüche eine Folge von zu lang unterdrückter Wut. Wut, die wir uns über lange Zeit nicht eingestanden oder die wir heruntergeschluckt haben. Wut, die wir negierten und nicht haben wollten. Zum einen, weil sie vielleicht nicht in das Bild des lieben Mädchens oder des netten Jungen passt. Oder weil wir entschieden haben, dass wir nicht gewalttätig sein wollen. Dabei haben wir auch den unterschiedlichen Facetten von Wut ihre Kraft abgesprochen oder sie abgespalten.
 

Wie gehen wir besser mit Wut um? 

Es gilt, sie wieder zu spüren und sie unmittelbar als Informationsquelle für unser Handeln zu nutzen. Das kann auch ganz unspektakulär sein, indem ich einfach meine Meinung ausspreche und so sichtbar werde mit meiner Position. Das hat zur Folge, dass ich mich selbst ernst nehme und meiner Stimme Bedeutung gebe, was sich wiederum auf meinen Selbstwert auswirkt. 

Häufig ist es vor allem die alte angestaute Wut, die als Emotion in unserem System festsitzt und sich dann häufig in der aktuellen Situation nicht angemessen ausdrückt. Wenn ich lerne, sie als Verbündete zu sehen, die wichtige Informationen für mich zu meinen Grenzen und Bedürfnissen bereithält, kann ich ihre wahre Qualität mehr und mehr für gesunde Beziehungen nutzen.
 

Das Interview haben wir schriftlich geführt. 


Zitate


"Wut ist Energie. In ihr steckt die Kraft zur Veränderung." Friederike von Aderkas: Wutkraft

"Wutkraft ist die Seite der Wut, die mich darüber informiert, was für mich nicht stimmt. Sie unterstützt mich dabei, ins Handeln zu kommen und Klarheit zu gewinnen." Friederike von Aderkas: Die lichte Seite der Wut

"Die Erlaubnis an mich selbst, meine Wut wahrzunehmen und mich in Kontakt mit ihr zu bringen, ist eine kraftvolle Ressource, um Selbstfürsorge zu betreiben - indem ich für meine (unerfüllten) Bedürfnisse einstehe." Friederike von Aderkas: Die lichte Seite der Wut

 

changeX 29.04.2021. Alle Rechte vorbehalten, all rights reserved.

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Quellenangaben

Zum Buch

: Wutkraft. Energie gewinnen. Beziehungen beleben. Grenzen setzen. Beltz Verlag, Weinheim und Basel 2021, 256 Seiten, 17.95 Euro (D), ISBN 978-3-407-86644-8

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Autor

Winfried Kretschmer
Kretschmer

Winfried Kretschmer ist Chefredakteur und Geschäftsführer von changeX.

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